Lauter Patriarchen?

Manuel Puigs Roman „Der Kuss der Spinnenfrau“ von 1976 weist einige strukturelle Besonderheiten auf. Der Text, der die Geschichte zweier Sträflinge in einem argentinischen Gefängnis wiedergibt, besteht fast ausschließlich aus Dialogen. In ihnen nimmt die Nacherzählung von älteren Filmen den größten Raum ein. Darüber hinaus weist der Text zahlreiche Fußnoten auf. Hier referiert Puig die zeitgenössische Diskussion von Thesen Sigmund Freuds zum Komplex Bisexualität, polymorph-perverse Grundstruktur usw. Es wird deutlich, wie im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts Neo-Marxismus und Psychoanalyse sich in einem zentralen Begriff trafen – dem des Patriarchats. Stellvertretend sei hier nur der Name Herbert Marcuse genannt.

Als Leser von heute, der zur Entstehungszeit des Romans selbst jung war, frage ich mich, ob das von den damaligen Theoretikern beschriebene gesellschaftliche Modell die realen Verhältnisse tatsächlich abgebildet hat – oder ob sie sich aus einer Teilrealität einen Kampfbegriff mit Anspruch auf Totalität erst konstruiert haben. Wie war das seinerzeit in unserer weit verzweigten Verwandtschaft, die sowohl städtisch als auch bäuerlich, sowohl proletarisch als auch bürgerlich-vermögend war? Gab es bei uns den klassischen Fall der patriarchalisch strukturierten Familie mit dem Mann als alleinigem Ernährer, der über seine Familie, bestehend aus Nur-Hausfrau und Kindern, mehr oder weniger unumschränkt herrschte? Und wenn es ihn gab: Wie häufig war er anzutreffen?

Ich nehme mir zunächst die Familie meiner Großmutter mütterlicherseits vor, sie bietet das reichste Anschauungsmaterial. Die Großmutter war eines von zehn Kindern eines Hüttenarbeiters, der eine Bauerntochter geheiratet hatte. War der Urgroßvater ein Patriarch? Ich habe ihn nicht mehr kennengelernt, doch nach den Erzählungen seiner Kinder dürfte er zu Hause vor allem eins gewesen sein: erschöpft von der Arbeit am Hochofen. Mir scheint, er und die Urgroßmutter waren beide darauf bedacht, die Familie gemeinsam materiell durchzubringen und sie zum Gehorsam gegenüber Kirche und Staat zu erziehen. Zwar versuchte er, die Autorität des Familienvaters zur Geltung zu bringen – er kontrollierte regelmäßig das von seiner Hausfrau zu führende Haushaltsbuch, doch wenn er dann seufzte: Maria, ich meine, du hast diesen Monat wieder viel Geld für Seife ausgegeben … - dann war das für die zuhörenden Kinder wie eine Offenbarung: Der Patriarch konnte ausgetrickst werden.

Meine Großmutter war eine von sieben Schwestern. An sechs von ihnen habe ich deutliche Erinnerungen. Alle waren verheiratet, nur eine blieb kinderlos. Zwei waren während ihrer Ehe ausschließlich Hausfrauen, eine war Büroangestellte, drei machten sich als Kauffrauen selbständig (zwei Marktfrauen, eine Kneipenwirtin). Allen sechs Frauen, geboren zwischen 1895 und 1914, war eines gemeinsam: Sie dominierten ihre Männer. So verschieden diese auch sonst waren, ihre Frauen waren aktiver und hatten bei Auseinandersetzungen das entscheidende Wort, gerade in ökonomischen Fragen. Besonders deutlich war das bei meiner Großmutter, einer der beiden Nur-Hausfrauen. Sie verwaltete alle Geldeinkünfte und legte die Ersparnisse nach ihren Vorstellungen an. Dabei war mein Großvater sonst geistig rege, ein gebildeter Autodidakt, der viel las und stark an Politik interessiert war. Auch meine Großmutter führte penibel ein Haushaltsbuch, doch nur für sich, zur Selbstkontrolle.

Über die drei Brüder meiner Großmutter weiß ich wenig - einer war Gewerkschaftsfunktionär, ein anderer Frühinvalide und Psychopath -, dafür mehr über die beiden des Großvaters. Sein jüngerer Bruder, ein Bergmann, erschien mir ruhig, in sich gekehrt und insgesamt eher passiv zu sein, wohingegen seine Frau von aufbrausendem Temperament war. Sollte einer von beiden in der Ehe die Hosen angehabt haben, kann nur sie es gewesen sein. Anders sah es beim ältesten der drei Brüder aus, einem Kaufmann, der es bis zum Direktor einer Konsumgenossenschaft brachte. Hier ging es en famille tatsächlich wie im Lehrbuch zu, alles gediegen bürgerlich und gesittet. Er verdiente gut, und sie, die züchtige Hausfrau, erzog ihm daheim zwei höhere Töchter.

Mein Großvater väterlicherseits starb lange vor meiner Geburt. Er war erst Berufssoldat, (Feldwebel, glaube ich), später Landwirt. Er dürfte schon von Berufs wegen nicht gerade zur Unterordnung geneigt haben. Allerdings war seine Gattin, für mich eine Oma zweiter Klasse, durchaus nicht die Person, die sich gern anlehnte oder zurücknahm. Ich denke, sie wird ihre Interessen gewahrt haben, innerhalb eines vorgegeben Rahmens. Man darf nie vergessen: Frauen wie sie arbeiteten im Betrieb mit, trugen unmittelbar zum Auskommen bei, und schon deshalb hatten sie mehr Einfluss als eine nur auf Küche und Kinder beschränkte Hausfrau.

Auch meine Mutter leistete später auf dem Hof körperlich anstrengende Arbeit, die sie weitgehend ausfüllte. Mein Vater organisierte die gemeinsame Arbeit, bestimmte die Zeiteinteilung. Er allein verwaltete Eingang und Ausgang der Gelder. Meine Mutter scheint nur in häuslichen, familiären Angelegenheiten ein Vetorecht gehabt zu haben. Insgesamt war die Dominanz des Mannes unübersehbar. War mein Vater also ein Patriarch? Ja, aber zugleich ein von Natur sanfter und nachgiebiger, ein sensibler, eher schüchterner Mann.

Welches Gesamtbild ergibt sich? Dieses: Der autoritäre Musterpatriarch war unter meinen Vorfahren die absolute Ausnahme. Und: Je weniger bürgerlich die Verhältnisse waren und je ärmlicher, desto weniger patriarchalisch. Schließlich noch zwei Tendenzen: Im städtisch-industrialisierten Milieu stoße ich kaum auf den Patriarchen, häufiger im agrarischen oder kaufmännischen Sektor. Und die letzte große Blütezeit des Patriarchats scheint eher die Zeit unmittelbar nach der Mitte des 20. Jahrhunderts als dessen erste Hälfte gewesen zu sein.

So differenziert war die Debatte damals um 1970 nicht. Man benötigte seinerzeit ein starkes, einfaches Bild, um sich daran abzuarbeiten und um zu erreichen, was man zu Recht für fortschrittlich hielt. Auf diese Weise ist viel gewonnen worden – rechtliche Gleichstellung und mehr Autonomie, nicht nur für Frauen. Drohen Rückschritte? Ich weiß es nicht. Kein Zustand ist von Dauer. Ob aber das Festhalten an einem alten einseitigen Erklärungsmuster zur Verteidigung erreichter Fortschritte ausreicht – ich bezweifle es.
 

Penelopeia

Mitglied
Dieser Satz gefällt mir sehr gut:

Als Leser von heute, der zur Entstehungszeit des Romans selbst jung war, frage ich mich, ob das von den damaligen Theoretikern beschriebene gesellschaftliche Modell die realen Verhältnisse tatsächlich abgebildet hat – oder ob sie sich aus einer Teilrealität einen Kampfbegriff mit Anspruch auf Totalität erst konstruiert haben.

Ich neige seit Jahren dazu, in allen gesellschaftlichen Theorien bechränkte Hilfskonstrukte zu sehen - wenn es um die Frage der objektiven, unparteiischen Beschreibung realer Strukturen geht.

Denn, erstens: es gibt keine "an sich objektive", umparteiische gesellschaftliche Theorie. Jeder, der eine solche verfasst, konnte nur aus seinem Blickwinkel - schielen. Zweitens dürfte jede Theorie lückenhaft sein, nicht nur auf Grund fehlender Kenntnisse, sondern einfach, weil eine "vollständige" Theorie nur zu erreichen wäre, wenn sie deckungsgleich (isomorph) mit der gesellschaftliche Realität ist. Ein utopisches Unterfangen...

Insofern ist jede Gesellschaftstheorie eine Krücke, eine Gehhilfe. Wer sich zu sehr darauf stützt, muss in Kauf nehmen, für behindert gehalten zu werden...

Das Schlagwort vom "Patriarchat" wird auch heute noch verwendet, so wie andere Schlagworte auch, z.B. jenes von der "Befreiung" der Frau - wobei man vornehmlich Frauen in muslimischen Ländern im Blick hat...
 
Penelopeia, danke für deine Stellungnahme. Ich teile deine generelle Theorie-Skepsis. Andererseits dürfte es schwierig sein, sich ganz ohne solche Hilfsmittel fortzubewegen. Daher plädiere ich nur für das Bewusstsein ihrer Relativität.

Arno Abendschön
 

 
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