Leben spüren

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blackout

Mitglied
Leben immer nur Traum,
hin zu den Meeren, den Bergen
im Schnee, zum stillen See
in verschwiegener Landschaft,
in die Ebenen weit.

Hier das Häusergrau,
die Hektik des Straßenverkehrs,
das Pseudodasein im Großraumbüro,
die ehernen Marktgesetze,
seltsam fremd fühlst du dich.

Du trittst neben dich,
begreifst das Irrationale des Heute,
dein ungelebtes Leben, bohrend
der Verdacht, dass die Welt
dir etwas vorenthält.

Du vergräbst dich in die Suche,
ahnst etwas von der Größe und der
Kleinheit des Lebens, grübelst
und kommst zu keinem
Ergebnis.

Erst der Schatten
eines herbstlichen Ahornwalds
belehrt dich, und schmerzhaft
erinnerst du dich der Abendsonne, rot
wie deine Sehnsucht ins Freie.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
das Pseudodasein im Großraumbüro ... stattdessen wieder die alte Monsteridylle im Zuckerbäckerstil?

rot / wie deine Sehnsucht ins Freie ... wieder mit Stacheldraht und Mauer?

Mich schaudert's ...
 

Tula

Mitglied
Hallo

Das mit dem Pseudodasein stimmt schon. Komisch im Vergleich der Begriff "second life", d.h. nicht in seiner Seitensprung-Bedeutung, sondern als Umkehrung überhaupt, wenn das 'first' entweder die Leere anderswo verdrängt oder eine neue erzeugt.

Die vorletzte Strophe ist mir irgendwie zu direkt, die letzte Zeile ebenso (wobei die letzte Strophe bildlich recht schön ist). Meine übliche Bitte nach etwas mehr Freiraum :)

LG
Tula
 

blackout

Mitglied
Danke, Tula, fürs Reinsehen. Über "second life" habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, kann mich gern haben. Was verstehst du denn unter Freiraum, dass es deine übliche Bitte ist? Ich würde dir ja gern antworten, aber mir liegt nun mal das Wischiwaschi nicht so sehr. Falls es noch nicht bemerkt wurde: Es geht um die Entfremdung des Menschen von sich selbst in der kapitalistischen Gesellschaft.

Gruß, blackout
 

Tula

Mitglied
Hallo blackout

Nein, kein Wischiwaschi oder Anspruch auf irgendeine „höhere Form“ der Lyrik. Rein inhaltlich meine ich den Unterschied zwischen„das ist die Meinung des Autors“ oder „bilde dir deine Meinung selbst“ des Lesers. Anregen statt vorgeben; Widersprüche aufdecken statt zu erklären, den Leser schlussfolgern lassen und nicht als Autor selbst mittels Gedicht.

Das hängt natürlich vom Thema ab, bei einem Gedicht über die Liebe oder Schönheit der Natur erwarte ich das weniger. Aber gerade hier geht es um ein wirklich interessantes Thema; ein beachtenswerter Widerspruch ergibt sich zum Beispiel aus dem Vergleich zwischen dem Titel „Leben spüren“ und der letzten Zeile, dem Wunsch nach „wirklicher Freiheit“.

So habe ich es verstanden, weniger ideologisch als vielmehr lebensphilosophisch schlechthin. Die Anspielung auf die reale oder Scheinwelt im Großraumbüro bringt mich da auf einen weiteren Aspekt, der mit dem Thema zu tun hat: die Selbst-Verwirklichung, das Recht (oder eben die Freiheit) darauf, DER (im beruflichen Sinne) sein zu können, der man im Leben sein will. Da schränkt mich das politische System (der Kapitalismus halt) heutzutage in keiner Weise ein (ihm ist es scheiß-egal was der Einzelne mit seiner persönlichen Freiheit anstellt), ganz im Gegensatz zu anderen Systemen davor.

Von der Sache mit der echten Gleichheit der Chancen mal abgesehen, begibt sich jeder auf diesem Weg, mit mehr oder weniger Ambition, wieder in ein System der Abhängigkeiten und Unfreiheiten. Meine Anspielung auf „second life“ bezog sich hier auf die Tatsache, dass nicht wenige beruflich ehrgeizige Menschen irgendwann die Prioritäten zwischen privatem und beruflichem Leben nicht mehr ausbalancieren können. Die Familie selbst wird zum „second“. Dann wieder ist gerade das Großraumbüro (hat übrigens aus meiner Erfahrung auch sehr sehr viele Vorteile was das Zusammenleben auf Arbeit anbelangt) ein gesellschaftlicher Mikrokosmos für sich. Je nach Arbeitsklima findest du dort viele wenn nicht sogar alle sozialen Grundstrukturen in irgendeiner Form wieder. Da werden strategische Bündnisse geschlossen (in der Kantine) und „verheerende Schlachten“ (Attacken aus dem Hinterhalt, in der Versammlung) ausgetragen. Gerade der Geltungsdrang kann unter Umständen zum oben genannten Realitätsverlust führen: ein glückliches Pseudodasein kann nämlich schnell zu Ende gehen. Sturz aus den Wolken ohne Fallschirm. Sicherlich werden auch Freunde fürs Leben gewonnen, nicht zu vergessen.

Im Kontext des Gedichtes ging es mir aber wie angedeutet um die Abhängigkeiten, welche sich nicht nur aus der Notwendigkeit, sich selbst oder eine Familie zu ernähren, ergeben. Und den möglichen Fragen irgendwann: Bin ich wirklich glücklich? Bin ich der, der ich mal sein wollte? Bin ich frei? Bin ich überhaupt noch am Leben?

Das Thema hat also noch viele Nuancen offen. Wie dem auch sei …

LG
Tula
 

blackout

Mitglied
Tula, erst mal recht vielen Dank für deinen Beitrag, Es ist also ein Thema, das tatsächlich aktuell ist, ohne dass es von vielen überhaupt noch bemerkt wird, was ja das Ziel der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus ist, der Mensch soll zum sprechenden Werkzeug gemacht werden, einfach nur funktionieren. Wie ich zu diesem Gedicht gekommen bin:

Ich habe mir vor einigen Jahren, als ich noch arbeitete, während der Mittagspause, als ich da auf der Parkbank saß, meine Flasche Milch neben mir, die Stulle in der Hand, plötzlich Gedanken darüber gemacht, was ich da eigentlich beim Arbeiten tue, wem sie letztlich zugute kommt und was für mich dabei herausspringt. Bis zu diesem Moment war ich froh, dass ich überhaupt eine Arbeit bekommen hatte. Und plötzlich wusste ich, dass sie mich im Grunde nicht interessierte, weil sie mit meiner Sicht auf die Welt nicht übereinstimmte, obwohl ich "funktionierte". In der DDR war ich es anders gewohnt, dort stand ich hinter dem, was ich tat, weil ich wusste, ich tue es für uns alle, meine Arbeit hatte einen Sinn. Welchen Sinn hatte meine jetzige Arbeit? Ich fand keinen, der mir wirklich zugute kam - außer mein Gehalt. Sicher, ich brauchte es. Und plötzlich wusste ich, dass nicht nur ich in dieser Zwangsmühle stecke, sondern eigentlich alle. Meine Kollegen machten keinen Hehl daraus, sie sagten, sie würden arbeiten, weil sie ihre Familie ernähren müssen. Auf meine Nachfrage meinten sie, dass sie auch jede andere Arbeit übernehmen würden, Hauptsache, sie würde gut bezahlt. Der Sinn ihrer Arbeit war ihnen völlig egal. Nicht, dass ich diese Haltung nicht begriffen hätte, das Dumme war nur, dass ich diese Haltung dort auf der Parkbank plötzlich an mir selbst bemerkte. Und ich begriff, dass ich dabei war, mein Ich zu verlieren, mich selbst. Marx nannte das die Entfremdung des Menschen von der Arbeit und damit von sich selbst. Und ich überlegte, welche Auswege es daraus gibt. Ich sah mich in einem undurchdringlichen Käfig, einen Ausweg gab es nicht, nicht unter herrschenden kapitalistischen Bedingungen: den Gitterstäben.

In dem Gedicht biete ich dem Leser als Ausweg die unschuldige Natur an. Es ist natürlich kein wirklicher Ausweg. Aber er verschafft Linderung, Betäubung.
Wobei der Park natürlich nicht "Natur" war, sondern hier war die Natur diszipliniert worden, sie stand soldatisch stramm. Die Blumen, die Büsche, die Bäume - alle hatte der Mensch verändert, diszipliniert in seinem Sinne. Es war ein sehr gepflegter Park, in dem auch die Pflanzen ihr wirkliches Ich verloren hatten. Sobald sie das Freie suchten, wurden sie zurechtgestutzt.

Habe ich dir, Tula, mit meiner Antwort auf deinen Kommentar genügend Freiraum gelassen?

Gruß, blackout
 
Zuletzt bearbeitet:

Tula

Mitglied
Hallo blackout

Danke für die ausführliche Antwort. Ideologische Aspekte mal beiseite gelegt, natürlich kann ich nachvollziehen was du da schreibst. Da hatten damals viele ähnliche Empfindungen und "Fluchtgedanken". Meine Mutter hatte damals das Glück, im Job zu bleiben. Mein Vater fand nach einigen Monaten zu Hause dann endlich eine "Maßnahme", aus einem Jahr wurden dann recht viele und glücklicherweise machte ihm die Sache auch einermaßen Spaß.

LG
Tula
 

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