(Lese-)Tagebuch

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zeitistsein

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Habe nach langer Zeit Mörikes Peregrina-Zyklus wieder gelesen.
Die Strophe, in der der Geliebte Peregrina verstösst, erschien mir in neuem Licht.
Er wird, so heisst es, von einem "sel'gem Wahnsinn" heimgesucht, der ihn völlig ausser Gefecht setzt.
Traumgestalten peinigen ihn Tag und Nacht.
Durch den Verstoss wird der Geliebte nicht frei von Peregrina, sondern erst recht von ihr besessen.
Ich fühlte mich zunächst an Goyas Spruch "Der Traum / Der Schlaf der Vernunft erzeugt Monster" erinnert.
Das spanische Substantiv "sueño" kann beides heissen: dass die Monster aus Vernunft oder deren Mangel heraus entstehen.
Der wahnsinnig gewordene Geliebte ist zu einem Träumenden geworden.
Der Traum überlagert die Lebenswirklichkeit, sodass die Strophe letztlich den Gegensatz "Wahnsinn" (Monster) und Vernunft aufhebt.
Der Geliebte ist von der Liebe, die er doch nicht haben wollte, besessen, praktisch von ihr überwältigt.
Die Traumgestalten sind letztlich Liebesgestalten - der Albtraum, ein Liebestraum.
Die zweite Assoziation, die mir beim Lesen kam, war "Hekabe", die trojanische Königin, deren einziges Kind von ihrem besten Freund aus Habgier ermordet worden war.
Vor Schmerz über den Verlust, aber auch über den Vertrauensbruch des Freundes wird Hekabe zu einem wilden Tier, heisst es.
Auch hier erscheint der Wahnsinn als eine das Individuum überwältigende Wirklichkeit, allerdings in klarem Gegensatz zur Ordnung der Vernunft.
Bei Mörike ist der Wahnsinn eine Wahrheit, die sich in der Welt der bürgerlichen Ratio Bahn bricht, ein weiteres, irgendwie authentischeres Wissen als das unseres kleinen Alltagslebens.
 
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zeitistsein

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Noch ist das neue Jahr nicht da. Trotzdem schien es mir heute angebracht, mich der Neujahrsvorsätze des Friedrich Nietzsche zu entsinnen. Im Vierten Buch der "Fröhlichen Wissenschaft" (1882) lauten sie wie folgt:

276.
Zum neuen Jahr
. — Noch lebe ich, noch denke ich: ich muss noch leben, denn ich muss noch denken. Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum. Heute erlaubt sich Jedermann seinen Wunsch und liebsten Gedanken auszusprechen: nun, so will auch ich sagen, was ich mir heute von mir selber wünschte und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief, — welcher Gedanke mir Grund, Bürgschaft und Süßigkeit alles weiteren Lebens sein soll! Ich will immer mehr lernen, das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen: — so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Großen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!

Amor fati - das nehme ich mir gern zu Herzen.
 

Patrick Schuler

Foren-Redakteur
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Ja sagen zum Leben, selbst in seinen härtesten und fremdesten Ausprägungen ist nur möglich mit einem ungesundem Maß an Selbstverleugnung - man muss schon vor seinem Herzen davonlaufen wollen, um alles zu bejahen.
 

zeitistsein

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Ja sagen zum Leben, selbst in seinen härtesten und fremdesten Ausprägungen ist nur möglich mit einem ungesundem Maß an Selbstverleugnung - man muss schon vor seinem Herzen davonlaufen wollen, um alles zu bejahen.
Hallo Patrick
Ich bin nicht ganz sicher, wie Nietzsche das Ja-Sagen gemeint hat. Ich vermute aber, dass er damit nicht auf das Ja-und-Amen-Sagen hinauswollte, da er dieses im Eselslied des "Zarathustra" aufs Korn nimmt. "Ja und Amen" war für ihn eher ein Phänomen der Masse und die hat er ja verabscheut. Er hat der geografischen Gipfelhöhe und der damit einhergehenden Einsamkeit des Geistes das Wort geredet.
Von daher vermute ich, dass "Amor fati" ein Aufruf zur Einkehr sein möchte und gerade nicht als blinde Bejahung alles Seienden im Sinne eines Davonlaufens vor sich selbst verstanden werden will.
Aber das ist nur eine vage Vermutung.
Viele Grüsse und einen guten Rutsch
z
 

zeitistsein

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Weimar.
Ein Visum nach drüben,
60 Mark.
Lange Schlangen
vor dem Rationierungsbüro.

Jahre später.
Endlich drüben.

Es krümmt sich
die Mutter,
im Wartesaal,
dürstend,
hungernd,
nüchtern angetreten,
wie verlangt.
Schmerzgepeinigt.
Eine Stunde,
zwei,
...
acht -
schwarze Abfärbspuren
auf blauer
Sitzfläche
vor Reibung.

Doktor Sowieso
derweil:
Gewichtsverlagerung aufs linke Bein,
die linke Hand,
die
mit der Rolex,
in der Hosentasche
das Feuerzeug ergriffen,
am Salatbuffet.

Das Saxophon diskret,
im Hintergrund.

"Hilfe", ächzt sie.
Vergeblich.
 
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zeitistsein

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Present
heisst
Geschenk.

Sei anwesend!
Heisst:
Sei ein Geschenk.

Sagten sie.
Ich folgte.
War da.

Alle
gaben
mich
bisher
zurück.
 

zeitistsein

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Verheutigung. Habe ich in einem Buch von Joseph Ratzinger gelesen.
Klingt wie "Verhäutigung". Sich häuten. Wie die Schlangen, etwa die Schlange im Paradies.
Es muss den damaligen Erdbewohnern unheimlich angemutet haben, so eine Schlangenhaut auf den Pfaden und an Flussufern vorzufinden. Was ist das für ein Tier, das in der Lage ist, sich selbst zu verjüngen und so den eigenen Tod hinauszuschieben, ihn vielleicht gar zu überlisten?
Hm.
Bin heute nicht inspiriert.
 

zeitistsein

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Wo geschieht es, dass man ohne Ehering zur eigenen Hochzeit kommt?
In deinem Kopf wohl,
Vater.

Liebtest du Mutter nicht?
Wohl nur geheiratet aus Brauchtum
und Langeweile.
Und den lästigen Tag
lebensüberdrüssig
hinter dich gebracht.
Froh,
in der Hochzeitsnacht,
Radio zu hören,
ganz für dich zu sein.
Was kümmerten dich die anderen?

Vergeben soll ich.
Wie das? Und warum?
Die Sinnlosigkeit hast du mich gelehrt.
Wie soll ich dir das verzeihen,
das Gefühl,
nichtig zu sein
und lächerlich,
wenn ich mich freute
zu leben.

Du hast es schwer gehabt, ich weiss.
Warst das schwarze Schaf unter deinen Brüdern.
Bis zuletzt musstest du
dafür büssen,
dass du anders warst.
Darf ich
jetzt auch noch
draufhauen,
anstatt dir zu vergeben?

Deine Gleichgültigkeit: das Schlimmste an dir.

Nicht zu verzeihen.
Nicht von mir.

Schämtest du dich für dein Verhalten?

Was passierte genau, dort, im Park?

Onaniertest du wirklich vor Kindern?

Du Fremder.

Warum sollte ich dir verzeihen?

Du starbst - was, eine Erleichterung.
Die Erlösung von deinem Leiden, das du wohl in dir trugst.
Und auf uns abludst,
ein Leben lang.

Hättest du MICH um Verzeihung gebeten, für deinen Missbrauch.
Der nicht bewiesen ist,
natürlich.

Warum sollte ICH DIR verzeihen?
Was ist das satte Erbe,
das du mir hinterliessest,
als Wiedergutmachung,
sagtest du,
für meine kaputte Seele?

Ich will
weder dir vergeben
noch dich hassen
noch dich lieben.

Keine Nacht mehr
sollen deine
Lippen meine Stirn berühren
noch deine Hand
sich auf meinen Rücken legen.
Kein Gespenst mehr
sollst du sein,
das
geräuschlos in mein Zimmer schwebt.

Da draussen bist du am Platz.
Weit weg von meinem Leben.
 

zeitistsein

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Dem Kind sagen, dass man es liebt.
Schon gut.

Wie geht das, Mama?
Nichts für Ungut,
mein Schatz.
Schlaf weiter.
Sieh fern.
Lass mich das machen.
Zu deinem Besten
ist das -
keine Sorge.
Der liebe Gott trägt dich
eines Tages
auf Händen
über eine bunte Wiese
durchs schwarze Tor
in ein helles Licht.
Watteweich
wird sich der Boden
unter deinen Füssen
anfühlen.
Und ich schliess' dich dann in meine Arme.

Ich möchte was tun, Mama,
was werden,
was erreichen,
was bewirken.
Morgen, mein Schatz.
oder nächstes Jahr.
Ruh dich heut' aus.
Der Tag ist kalt,
die Welt rau
und des Spinnrads
wurden wir beraubt -
ausgeplündert sind wir,
wie die Nachbarn.
Ohne Wolle für frische Decken
stehen wir da.
Hoffen wir
auf ein besseres Morgen.
Sorge dich nicht,
mein Schatz.
Ich beschütze dich.
Du darfst nichts bewirken.
Da draussen sind Männer
mit scharfen
Gewehren.

Lass mich leben, Mutter,
meine eigenen Gefechte austragen!
Ich sterbe, Kind,
wenn du mich verlässt,
wenn ich auf dem Weg
deinen löchrigen Leib
vorfinde.

Ich sterbe nicht, Mutter,
nur leben, will ich.
Sonst nichts.
Wie die Männer,
da draussen.
Keine Gewehre sind das,
sondern Pflüge,
die den Samen, wie du mir,
ein warmes Bett
bereiten.
Sanft will ich die Erde
um die Knollen
tätscheln,
jeden Morgen
nach den Früchten sehen
und sie erntereif
in meine Scheune tragen.
Was ist mir
das Gehen auf Watte
gegen das Knien
auf dem Staub,
der mich dir gab?
Was, deine Umarmung
gegen die Gewissheit meiner Ernte,
die mir zeigt,
wer ich mal war?

Kein Staub ist das, Kind.
Das sind Leichen.
Geschossen von Männern
mit scharfem Gewehr,
die dich
in die Knie zwingen wollen.

Der Psychiater schreibt etwas im Hintergrund. Mutter und Sohn reden noch eine Weile. Bis der Sohn sich verabschiedet. Wie jeden Tag. Die Mutter starrt auf ein Stillleben mit einem Spinnrad.
 
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zeitistsein

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Nein sagen - "da mach' ich nicht mit" -
fühlt sich immer noch schlecht an.
Wieso eigentlich?

"Du Schlappschwanz", heisst es von irgendwoher
in mir drin.
"Sensibelchen!"
"Taugenichts!"
Gibst gleich auf.
"Anstrengungsverweigerung,
verwöhnt -
du wirst noch dein blaues Wunder erleben,
verhungern,
aus lauter Faulheit.
Das Leben ist kein Zuckerschlecken."

Ich mache nicht mit.
Kläfft weiter,
ihr lautlosen Stimmen.
 



 
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