Liebe bittersüß

Die Buchstaben fließen mir gerade wieder so aus den Fingern, wie das Blut aus einer frischen Wunde...
Nach 'Liebestaxi' und 'Liebesgöttin' kommt jetzt:


Liebe bittersüß


Früh am Morgen blinzelte die Sonne Helena ins Gesicht. Sie lag halb auf, halb neben Anton und schaute mit müden Augen auf die Uhr neben dem Bett. Halb sechs, noch viel zu früh zum Aufstehen, dachte sie. Aber nicht zu spät, um jemanden erneut zu beglücken, der allerdings noch schlief, wie sie feststellte.
Helena war überglücklich. Was war das für eine Nacht. Sie hatten sich völlig verausgabt, konnten gar kein Ende finden. Naja, dachte sie dann, wir haben ja auch schon um acht angefangen. Aber nun war sie wieder voller Tatendrang. Behutsam hob sie die Bettdecke an und schaute an Anton hinunter. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, doch da unten, friedlich zwischen seinen Beinen, da ruhte etwas, was ihr heute Nacht so viel Freude bereitet hatte.
Langsam schob sie ihre Hand von seiner Brust hinab zum Bauch, dann auf den Oberschenkel, ihr Kopf folgte der Hand, die dann einen Bogen machte und sein sanft schlummerndes Glied berührte, sodass es nach oben auf die Bauchdecke kippte und nun unmittelbar vor ihren weichen warmen Lippen lag. Mit der Zunge spitzelte sie gegen die Spitze. Komm zu mir, mein süßer Zauberstab, dachte sie erregt, als sie bemerkte, dass sich die Schwellkörper mit Blut zu füllen begannen. Und schon sehr bald konnte sie die Lippen ansetzen.
Oh, ist das ein himmlischer Traum, dachte Anton, als er erwachte, sich dies aber nicht anmerken ließ. Er genoss das sanfte Kribbeln, das Helenas Lippen und ihre Zungenspitze seinem besten Stück zuteil werden ließen. Sie zeigte keine Eile, sondern unglaubliche Hingabe und die Bereitschaft, es solange zu tun, wie es eben nötig sein würde.
Anton spürte bereits nach wenigen Minuten die Anspannung in seinen Lenden. Und dann geschah es, ganz unverhofft. Helena zuckte kurz, doch dann kicherte sie vergnügt.
„Danke, Süßer“, flüsterte sie, weil sie noch nicht bemerkt hatte, dass Anton erwacht war.
„Ich habe zu danken, mein Engel, meine Liebesgöttin“, schmachtete er ob der unverhofften Beglückung am frühen Morgen. „Komm her, mein Schatz“, bat er sie zu sich.
Sie leckte lasziv über ihre Lippen und küsste Anton dann auf den Mund.

Nach dem gemeinsamen Duschen machten sie sich Frühstück.
„Liebst Du mich, Anton?“, kam ihre Frage völlig unerwartet.
„Was ist das für eine Frage? Und wie ich Dich liebe, mein Goldstück. Ich will Dich nie wieder hergeben, hörst Du? Nie wieder“, strahlte er sie an. „Wie sollte es auch gehen, Dich nicht zu lieben. Dich muss man einfach lieben, schöne Helena“, lachte er glückselig.
„Das ist ja mein Problem, Anton. Alle lieben mich“, klang Traurigkeit in ihrer Stimme.
Anton starrte sie an. Aber Du gehst doch wohl nicht mit allen auch ins Bett, dachte er voller Sorge. „Oh, Liebes, Du...“, hielt er inne. „Was ist mit Dir, Schatz?“
Helena hatte die unterdrückten Tränen nicht mehr aufhalten können. Zärtlich nahm er sie in die Arme.
Lange schwiegen beide. Doch dann sagte sie: „Ich bringe Dich gleich zur Arbeit.“
„Wie kannst Du das jetzt so belanglos daher sagen? Was ist das Problem? Ich möchte heute gar nicht zur Arbeit. Ich möchte den Tag mit Dir verbringen. Von mir aus auch den ganzen Tag im Bett“, schmunzelte er.
„Anton, das... Das war die schönste Nacht meines Lebens, ob Du es glaubst oder nicht.“
„Aber dann ist doch alles gut, mein Schatz.“
„Ja... Und nein. Das war das erste Mal seit drei Jahren, dass ich so etwas zugelassen habe, ja, sogar selbst gewollt habe“, sagte sie ernst. „Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet.“
„Dann erkläre es mir. Ich liebe Dich, Helena. Ich liebe Dich so sehr, dass es wehtut. Aber es ist wundervoll“, lachte er. „Es ist der schönste Schmerz, den es nur geben kann.“
„Ich habe Angst, Anton.“
„Wovor? Vor mir?“
„Vor mir selbst, Anton. Dieses neue...“, brach sie ab und biss sich auf die Lippen.
Etwas Neues, dachte Anton, sagte dann: „Die Sache mit der VR-Brille, ja? Seit wann machst Du das denn schon?“
Helena nickte unentschlossen, weil der Schlüssel für ihr Verhalten viel tiefer verborgen lag. „Ich habe eine furchtbare Vergangenheit“, versuchte sie ihn von weiteren Nachfragen abzuschrecken.
„Darüber muss man reden, Liebste. Dann findest Du auch Deine innere Ruhe wieder. Bitte, Helena, mir zuliebe, ja?“
„Dann hör jetzt ganz genau zu“, sagte sie übertrieben streng und rückte ein Stück von ihm weg.
„Ich bin ein sehr guter Zuhörer“, versicherte Anton.
„Mein Vater starb, als ich elf war. Fünf Jahre lang war ich mit meiner Mutter allein. Dann lernte sie einen Mann kennen. Er machte einen ganz netten Eindruck, also akzeptierte ich ihn als neuen Vater. Doch schon bald bemerkte ich seine eindeutigen Blicke. Ich habe Mutter darauf angesprochen. Auch sie hatte bald erkannt, dass er nicht ganz so nett war, wie er sich anfangs gegeben hatte. An meinem achtzehnten Geburtstag machten wir einen Ausflug in die Berge, gingen einen steinigen, mitunter recht steilen Weg hinauf, der nur zwei Meter neben dem Abgrund verlief. Der Weg war zwar mit einem Geländer gesichert, aber... Meine Mutter hatte ihn ausgerechnet auf dieser Wanderung auf die unliebsamen Beobachtungen der letzten Zeit angesprochen. Und plötzlich stolperte sie, rutsche vom Weg ab der Böschung entgegen. Ich habe es zu spät erkannt, denn ich hatte ein paar Meter vorausgehen sollen. Er stand nur da und hat zugesehen, wie sie den Halt verlor und in die Tiefe stürzte.“
„Das ist ja fürchterlich.“
„Aber vielleicht kannst Du Dir vorstellen, dass ich die Panik bekam. Wir waren beim Aufstieg, und ich war vorne. Eine Flucht nach unten war also nicht möglich. Er kam mir langsam nach, denn er wusste, dass ich ihm nicht entkommen konnte. Unverhohlen drohte er mir, wenn ich ihm nicht willig ergeben wäre. Schon an der nächsten Bank drängte er mich in die Enge. Er schob mich hinter die Bank, drückte meinen Oberkörper über die Lehne und nahm sich, was er wollte. Ich habe geschrien, wie eine Irre, aber es hat niemand mitbekommen.“
„Und als ihr wieder zuhause wart, ging es unvermindert weiter damit, ja?“
„Es wurde noch viel schlimmer. Er schleppte mich in verschiedene Clubs, so ganz spezielle Clubs, wenn Du verstehst. Fast zwei Jahre lang, jeden Tag. Jeden Tag hat mich ein anderer Kerl gevögelt, manchmal auch mehrere. Ich war kurz davor, mir das Leben zu nehmen. Doch dann gab mir das Schicksal eine Wendung. Er wollte wieder auf diesen Berg. Ich hatte Angst, aber ich warf ihm mutig die Frage an den Kopf, ob er mich jetzt auch umbringen wolle, so, wie Mutter seinerzeit. Doch diesmal kam es anders. Er stolperte, es war beinahe die gleiche Stelle. Er rutschte in die Böschung und ich sah diesmal dabei zu, wie er vergeblich nach Halt suchte. 'Du hast meiner Mutter nicht geholfen, warum sollte ich Dir jetzt helfen?', rief ich wütend. Und dann stürzte er ab.“
„Du fühlst Dich schuldig?“
„Nein, kein bisschen. Ich fühlte mich befreit. Aber ich war fertig mit den Nerven.“
„Wie kam es dann, dass Du das hier mit Deinem Auto und dieser VR-Geschichte machst? Das widerspricht meiner Vorstellung von Vergangenheitsbewältigung. Das ist nicht logisch, Liebes.“
„Ich machte eine Therapie, eine Psychotherapie. Und ich fand, dass ich zeitgleich mein Informatikstudium machen sollte, um genügend Ablenkung zu haben. Das funktionierte sehr gut, denn mit Zahlen konnte ich schon immer sehr gut hantieren. Und dann kam mir halt die Idee mit der VR-Sache. Um mich aber gegen die nicht ganz so netten Fahrgäste wehren zu können, machte ich Judo. Bis zum schwarzen Gürtel, also leg Dich nicht mit mir an“, lächelte sie endlich wieder.
„Aber wovor hast Du dann Angst? Ich bin bei Dir, ich liebe Dich.“
„Ich möchte das nicht, Anton. Ich möchte Dir nicht wehtun, verstehst Du?“, antwortete sie nun wieder kühl.
„Tut mir leid, aber ich verstehe es nicht.“
„Du klammerst Dich an mich! Das kann ich nicht ertragen.“
Anton begann zu weinen, doch es regte bei Helena diesmal keine Gefühle an. Stattdessen sagte sie: „Komm, Zieh Dich an. Ich bringe Dich zur Arbeit. Los.“
„Nein, Helena.“
„Du bist unvernünftig, Anton. Und Du verstehst mich nicht. Du verstehst gar nichts.“
„Ich liebe Dich, Helena.“
„Das kann ich nicht. Ich werde es wieder tun. Mit irgendeinem anderen Mann. Das würde Dir das Herz brechen. Das will ich nicht. Das darf ich nicht zulassen. Darum wird es mit uns nichts werden.“
„Du sagtest vorhin, es sei die schönste Nacht Deines Lebens gewesen. Für mich war es das auch.“
„Dann behalte es lieber so in Erinnerung. Alles andere wäre fatal.“
„Aber ich liebe Dich, Helena.“
„Gibt es nicht noch eine andere tolle Frau in Deinem Leben, eine Kollegin vielleicht?“, wollte sie seine Sinne schärfen und von sich ablenken.
„Oh, es ist nicht so, dass ich bei den Damen nicht beliebt wäre“, versuchte er sich mit Sarkasmus aus seiner Trauer zu kämpfen. „Aber ich will Dich.“
„Gehe mit offenen Augen durch die Welt. Ich bringe Dich jetzt zur Arbeit.“
„Wir haben noch fast eine Stunde Zeit.“
„Okay...“, sagte sie sehr gedehnt. „Was willst Du mir damit sagen? Dass Du mich nochmal ficken willst?“
Anton erschrak ob der harten Formulierung und nickte dann.
„Dann komm her“, forderte sie und drehte ihm ihr Hinterteil zu. „Nimm mich von hinten, aber richtig hart, klar? Tob Dich richtig aus“, rief sie in grobem Tonfall.
„Du bist mir ein Rätsel, Helena. Eben noch die sanfte Schönheit, jetzt die knallharte Domina. Man könnte meinen, Du bist eine gespaltene Persönlichkeit. Vielleicht haben Deine traumatischen Erlebnisse Dich dazu gemacht. Das wird die Erklärung für Dein irrationales Verhalten sein.“
„Und genau das will ich Dir nicht antun, denn ich will Dir nicht wehtun, Anton“, schnurrte sie nun wieder ganz sanft. „Nun fick mich schon!“, kam sogleich der Gegenpart zurück.
Anton zögerte, doch dann stieß er zu, wie sie es gefordert hatte. Er musste allerdings auch schnell sein, um nicht vorzeitig die Härte in seinen Lenden zu verlieren.
„Ich will, dass Du auch mal den Hintereingang nimmst, Süßer“, sagte sie mit rüder Stimme.
Als Anton vor Schreck kurz innehielt, schob sie das Becken nach hinten, um ihn hinaus zu schubsen. Sofort griff sie zu und positionierte sein noch immer hartes Glied zielsicher an ihrer Rosette. Und dann presste sie ihre Hände gegen seinen Hintern und schob ihn an. „Komm, jetzt stoß ihn mir in den Arsch!“
„Nein! Helena, nein!“, schrie er entsetzt. „Nein, das kann ich nicht. Lass es, bitte. Bring mich zur Arbeit. Du hast gewonnen“, gab er enttäuscht auf und zog sich zurück.
Die Glückseligkeit war aus seinem Gesicht verschwunden, Anton schaute Helena finster an. Du hast alles kaputt gemacht, dachte er wütend, aber auch enttäuscht.

Die erwähnte Therapie hatte wohl einen anderen Menschen aus Helena gemacht. Ihr wurde eingeimpft, dass sie mehr Härte gegen sich und andere an den Tag legen sollte. Auf der anderen Seite wurde ihr die irrige Annahme vermittelt, dass ein Problem nur damit zu bekämpfen sei, indem man sich damit vorsätzlich konfrontierte. Und so war sie am Ende erst auf die Programmierung der VR-Brille gekommen, weil sie glaubte, damit die Kontrolle über sich und ihre Gefühle behalten zu können. Seither kämpfte die geschundene Seele mit der sehr emotionalen Helena einen erbitterten Kampf, der mal ins eine Extrem und mal ins andere ausging.

Wortlos verlief die Fahrt, Anton hatte auch nicht zur VR-Brille gegriffen. Er stieg aus und ging auf der Fahrerseite noch einmal ans Fenster. Mit traurigen Augen schaute er Helena an, doch zu sprechen war er nicht imstande. Ein letzter Blick in diese strahlend grünen Augen, dann drehte sich Anton abrupt um und ging.
Als er in seinem Büro im ersten Stock am Fenster saß, sah er zwei Herren, die gerade aus dem Rathaus kamen. Sie kamen nicht gemeinsam, wie es schien, doch sie steuerten beide die purpurfarbene DS an.
„Ach, Sie sind doch der freundliche Herr, der mir gestern dieses Taxi empfohlen hatte, nicht wahr?“, sagte der eine.
„Oh, ja. Richtig“, erkannte ihn der Mittdreißiger wieder. „Sie wollen auch ins Kongresshotel?“
Der andere nickte. „Dann können wir doch gemeinsam fahren“, schlug er vor, während sie den Wagen erreichten. „Junge Frau, haben Sie wohl zwei von diesen Brillen?“
„Aber sicher. Steigen Sie ein. Kongresshotel, richtig?“, antwortete Helena freundlich, denn sie hatte die beiden ebenfalls erkannt. „Ach, übrigens entschuldigen Sie, dass ich Sie gestern versetzt hatte. Ich hatte einen anderen Gast.“
„Das macht doch nichts“, erwiderte der Ältere und setzte die VR-Brille auf, was auch sein Mitfahrer tat.
Helena legte wieder das neue Halsband an, schaltete die Anlage ein und fuhr los.


Fortsetzung folgt...
 

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