Literarische Zeugnisse pädagogischen Handelns in der Zeit des deutschen Kaiserreichs

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Blumenberg

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Ich möchte versuchen in diesem kurzen Beitrag einen Bogen zu schlagen, der exemplarisch zwei literarische Werke in die gesellschaftlichen wie pädagogischen Umbrüche nach der Reichsgründung 1871 verortet. Das staatliche Bildungsmodell wird von vielen Schriftstellern als zeitgenössische Instrumentalisierung der Kultur einer autoritären Gesellschaft empfunden.(1) Heinrich Manns Der Untertan (1914/18) und Hermann Hesses Unterm Rad (1905) stehen dabei beispielhaft für eine ganze Reihe von literarischen Zeugnissen des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, in denen Bezug auf das Bildungssystem der deutschen Kaiserzeit genommen wird. Die Fokussierung auf zwei Werke, die beide im frühen 20. Jahrhundert erschienen sind, hat die Schwäche, dass grundlegende gesellschaftliche Transformationen bereits früher einsetzen und zumindest kurz geklärt werden müssen. Sie bietet aber den Vorteil, dass jeder Protagonist maßgeblich eines von zwei damals wirksamen gesellschaftlichen Prinzipien charakterisiert.

I.
Spätestens mit der Aufklärung setzt eine Verschiebung des gesellschaftlichen Modells - vom aristokratischen Prinzip der Geburt, hin zu einem Prinzip individueller Kompetenz und des Gebrauchs der Vernunft - als Voraussetzung ökonomischen, politischen und sozialen Handelns ein, ohne, dass dieser Prozess mit der Reichsgründung 1871 abgeschlossen wäre.(2) Innerhalb des deutschen Kaiserreichs überlagern beide Prinzipien einander, betreffen aber mit Politik und Wirtschaft unterschiedliche Sphären. Erstere ist charakterisiert durch das aristokratische Prinzip der Geburt, d.h. die Macht innerhalb des entstandenen Nationalstaats konzentriert sich immer noch stark auf eine adlige Elite. Die wirtschaftliche Sphäre mit dem Bürgertum als Elite ist Trägerschicht einer Leistungsideologie. Sie grenzt sich wiederum über Bildung von den unteren gesellschaftlichen Sichten ab. Hans-Ulrich Wehler betont beispielsweise, dass 1885 bei 47 Mio. Einwohnern auf 7,5 Mio. Volksschüler nur 238.000 Gymnasiasten kamen, überwiegend mit bildungsbürgerlichem Hintergrund bzw. aus dem Beamtentum stammend.(3)

II.
In der Sphäre des Politischen kommt nach der Reichsgründung der Pädagogik bei der Herausbildung eines einheitlichen Nationalstaats eine wesentliche Funktion zu. Das Schulsystem erhält, wie Katrin Marquard schreibt, „im Kaiserlichen Deutschland den weitreichenden Auftrag, nicht nur die alten Eliten zu bilden, sondern ab sofort auch die Untertanen als Teile der Nation gezielt mit nationalförderlicher Bildung zum Zweck ihrer Loyalisierung auszustatten.“(4) Man könnte hier von einer systemstabilisierenden Funktion sprechen, mit dem Ideal der Erziehung des Bürgers zum apolitischen Untertan, wie ihn Sabine Dengel konzeptionell in Anknüpfung an die Autoritarismus-Kategorien Horkheimers und Adornos entwickelt.(5) Diesem neuen bildungspolitischen Kurs wird durch eine Vereinheitlichung der Schultypen, die Säkularisierung des Feldes Bildung und der Einführung des preußisch-staatlichen Schulwesens Rechnung getragen. 1872 liefert das von Kulturminister Adalbert Falk formulierte Schulaufsichtsgesetz für Preußen eine erste verbindliche Richtlinie, in der besonders das staatliche Bildungsmonopol betont wird. In §1 heißt es: „Unter Aufhebung aller in einzelnen Landestheilen entgegenstehenden Bestimmungen steht die Aufsicht über alle öffentlichen und Privat-Unterrichts- und Erziehungs-anstalten dem Staate zu.“(6)

Der Protagonist in Heinrich Manns Der Untertan, Diederich Heßling, erscheint vor diesem Hintergrund geradezu als Prototyp des autoritären Charakters (Adorno), dessen Sozialisation vom „weichen Kind“(7) zum fanatischen Untertan literarisch nachvollzogen wird. Dabei spielt neben dem Elternhaus, die Schule eine zentrale Rolle: „Nach all diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den Menschen ganz verschlingende: die Schule.“(8) Hier lernt der Protagonist zu funktionieren und erarbeitet sich durch Ergebenheit, Opportunismus und Demut gegenüber den Lehrern Anerkennung. Heßling lernt Macht als naturgeben zu betrachten, zu lieben und nicht in Frage zu stellen. Dabei trifft er auf ein Umfeld, in dem es weniger um die Vermittlung von Bildung als vielmehr von Gehorsam zu gehen scheint. Alles hängt, wie Tuiskon Ziller es schon 1857 in Die Regierung der Kinder beschreibt, „davon ab, daß der Erzieher dem Zögling völlig unumschränkt erscheint und der Glaube des letzteren an die souveräne Macht der Regierung nicht geschwächt wird.“(9) Das von Mann geschilderte schulische Umfeld und das Verhalten der Lehrer entspricht dabei im Wesentlichen dem, was in der Enzyklopädie des gesamten Unterrichts- und Erziehungswesens von 1887 als Primat pädagogischen Handelns beschrieben wird. Dort heißt es „In der Schule speziell geht Zucht vor Unterricht. Fester steht kein Satz in der Pädagogik, als das Kinder zuerst erzogen sein müssen, ehe sie unterrichtet werden können.“(10)

III.
Die Sphäre bürgerlichen Leistungsdenkens lässt sich mit Blick auf Hesses Unterm Rad genauer nachzeichnen. Hesses Erzählung ist, wie Volker Michels anmerkt, biographisch eng wie kaum ein anderer Roman mit dem eigenen Erleben des Verfassers verbunden, letztlich beschreibt es aber einen Modellfall, eines jungen Menschen der an den Erziehungsstrukturen zugrunde geht.(11) Der Protagonist, ein begabter Schüler aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, erscheint geeignet im sonst weitgehend undurchlässigen gesellschaftlichen System der deutschen Kaiserzeit über den Erwerb von Bildung aufsteigen zu können. „Über Hans Giebenrath gab es keinen Zweifel. Die Lehrer, der Rektor, die Nachbarn, der Stadtpfarrer, die Mitschüler, jedermann gab zu, der Bub sei ein feiner Kopf und überhaupt etwas Besonderes.“(12) Die Lehrer, die sein Potenzial erkennen, fördern ihn, ohne dass nach dem Willen des sensiblen Kindes gefragt würde. „Damit war seine Zukunft bestimmt und festgelegt. Denn im schwäbischen Landen, gibt es für begabte Kinder, ihre Eltern müssten denn reich sein, nur einen einzigen schmalen Pfad: durchs Landesexamen ins Seminar, von da ins Tübinger Stift und von dort entweder auf die Kanzel oder aufs Katheder.“(13) Sie drängen ihn so unweigerlich dazu immer mehr zu leisten, bis er schließlich unter dem Druck zusammenbricht und Selbstmord begeht. Katrin Marquard spricht in diesem Zusammenhang von einer „erwachsenden Leistungsideologie“(14), d.h. das institutionalisiertes Kapital (Bourdieu) eine zunehmende Bedeutung erlangt. Gesellschaftlicher Status wird, abseits der durch Geburtstitel undurchlässigen Elite, wesentlich von erworbenen beruflichen Qualifikationen abhängig, wobei nur noch staatlich legitimierte Titel Anerkennung genießen. Erfolg als Form institutionalisierten Kapitals wird zu einem „wesentlichen Kriterium für den Gang des eigenen Schicksals, während umgekehrt mangelnder Schulerfolg als Unfähigkeit begriffen wird und soziale Diskriminierung zur Folge hat.“(15) Auch Thomas Nipperdey sieht die Schulpflicht, neben Wehr- und Steuerpflicht, als die wesentliche Bürgerpflicht des 19. Jahrhunderts. „Das beruflich-gesellschaftliche Schicksal des Einzelnen hängt von seinem Schulschicksal ab, […]; die Gesellschaft ist eine Examensgesellschaft, in Deutschland ist das mit dem System der „Berechtigungen“ […] besonders ausgeprägt.“(16)

IV.
Auch wenn literarische Zeugnisse durch ihren fiktionalen Inhalt als Quellen einer historischen Entwicklung mit Vorsicht zu genießen sind, bieten die beiden Texte anschauliche Zeugnisse des autoritären Schulsystems in der wilhelminischen Zeit und eignen sich m. E. dazu zwei wesentliche gesellschaftliche Entwicklungen der damaligen Zeit - die staatlich verfolgte Herausbildung einer Untertanenmentalität und die Entstehung einer bürgerlichen Leistungsideologie - beispielhaft zu veranschaulichen. Besonders Hesses Unterm Rad schlug nach der Veröffentlichung hohe Wellen und wurde in der Öffentlichkeit erbittert diskutiert. Noch 1947, ein Jahr nach dem Erhalt des Literaturnobelpreises, galt Hesse als bildungspolitischer Nestbeschmutzer, weshalb ihm die Universität Tübingen die Verleihung einer Ehrendoktorwürde mit der Begründung angeblicher Verunglimpfung der württembergischen Seminare versagte.(17)

(1)Vgl. Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S. 51.
(2)Vgl. ebd. S. 54.
(3)Vgl. Hans-Ulrich Wehler. Das deutsche Kaiserreich 1871-1918. Göttingen 1988. S. 126.
(4)Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S. 59.
(5)Vgl. Sabine Dengel. Untertan, Volksgenosse, Sozialistische Persönlichkeit. Politische Erziehung im Deutschen Kaiserreich, dem NS-Staat und der DDR. Frankfurt a. M. 2005. S. 51ff.
(6)Schulaufsichtsgesetz für Preußen (1872). Zitiert nach Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S. 45.
(7)Heinrich Mann. Der Untertan. Frankfurt am Main 2000. S. 5.
(8)Ebd. S. 7.
(9)Ziller. Die Regierung der Kinder. Für gebildete Eltern, Lehrer und Studierende. Zitiert nach Karina Rutschky. Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Berlin 1997. S. 231.
(10)Zitiert nach Karina Rutschky. Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Berlin 1997. S. 381.
(11)Vgl. Volker Michels Unterm Rad der Fremdbestimmung, in: Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse >Unterm Rad>. Entstehungsgeschichte in Selbstzeugnissen des Autors. Frankfurt am Main 2008. S. 7f.
(12)Hermann Hesse. Unterm Rad. Roman in der Urfassung. Frankfurt am Main 1977. S. 9.
(13)Ebd.
(14)Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S.59.
(15)Ebd.
(16)Thomas Nipperdey. Wie modern war das Kaiserreich? Das Beispiel Schule. Vortrag im Rahmen der Gerda Henkel Vorlesung. Opladen 1986. S. 6.
(17)Vgl. Volker Michels Unterm Rad der Fremdbestimmung, in: Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse >Unterm Rad>. Entstehungsgeschichte in Selbstzeugnissen des Autors. Frankfurt am Main 2008. S. 30f.
 

Willibald

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Eine fundierte, analytische Beschreibung der Bildungsvorstellungen in der Wilhelminischen Zeit. Präzises Erfassen der beiden literarischen Zeugnisse unter dem Aspekt soziokulturelle funktionen und Wirkungen des entsprechenden Bildungskonzepts.

ww
 

James Blond

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Auch wenn literarische Zeugnisse durch ihren fiktionalen Inhalt als Quellen einer historischen Entwicklung mit Vorsicht zu genießen sind, bieten die beiden Texte anschauliche Zeugnisse des autoritären Schulsystems in der wilhelminischen Zeit und eignen sich m. E. dazu zwei wesentliche gesellschaftliche Entwicklungen der damaligen Zeit - die staatlich verfolgte Herausbildung einer Untertanenmentalität und die Entstehung einer bürgerlichen Leistungsideologie - beispielhaft zu veranschaulichen.
Literarische Werke lassen sich kaum als historische Quellen lesen, denn in ihnen versucht der Autor seine Sichtweise zu belegen; er wählt schließlich das Material aus, das seiner Interpretation standhält. Seinen Fiktionen lediglich zu folgen, wäre demnach ein Zirkelschluss. Zu einer literaturwissenschaftlichen Herangehensweise wird man nicht umhin kommen, weitere Quellen hinzuzuziehen.

Grüße
JB
 

Penelopeia

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Hallo Blumenberg,

Du hast ein interessantes Thema aufgegriffen.

Zunächst aber zu Formalien: Du solltest die Interpunktion überarbeiten; der Lesefluss und die Verständlichkeit des Textes leiden, wenn Kommas fehlen oder an falschen Stellen gesetzt werden. Das beginnt bereits im ersten Satz: "Ich möchte versuchen[red], [/red]in diesem..." Da fehlt ein Komma. In folg. Satz ist leider eines über: "...Handelns, ohne[red],[/red] dass..."

Wesentlich sind diese Formalien allerdings für mich nicht. Etwas anderes scheint mir von Bedeutung: Dein Essay erweckt wieder den Eindruck, als sei die damalige Zeit ein völlig andere, voll der Autoritarismen, Untertanentreue, verlogener Scheinreligiosität, bildungsbürgerlichen Hochmuts, unüberbrückbarer Differenzen zwischen gesellschaftlichen Schichten usw., und als wäre diese Zeit mit den gen. Umständen völlig überwunden. Ich glaube, es wäre interessanter, einmal die Bedingtheit der damaligen Zustände zu untersuchen und sie, in einem zweiten Schritt, mit den heutigen Verhältnissen zu vergleichen. Vielleicht kann man sich bei solcherlei Methode am alten Freud orientieren: Er hat z.B. jeglichen Gottesglauben recht kühl als gesellschaftliche Neurose analysiert, er hat aber auch Notwendigkeit und gesellschaftlichen Mehrwert solch fragwürdiger Annnahmen für die menschliche Gemeinschaft nicht außer Acht gelassen.

P.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Willibald,

besten Dank für das kurze Feedback und die wohlwollende Bewertung. Ich freue mich, dass der Text überzeugen konnte. Ich bin erstaunt, der Essay hat schon jetzt mehr Kommentare, als ich mir angesichts des Themas und der Form und des - Schande auf mein Haupt - furchtbar sperrigen Titels vorstellen konnte.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo ihr Beiden,

ich gestatte mir meine Antworten in einen Kommentar zu packen.

Hallo James Blond,

vielen Dank für die Anmerkung. Du hast sicherlich Recht damit, dass literarische Werke als Quellen problematisch sind und man schlecht beraten wäre, nur aus ihnen eine vergangene Wirklichkeit herauslesen zu wollen. Ich glaube aber nicht so sehr, weil ein Autor eine bestimmte These bzw. Interpretation vertritt und Material dazu wählt. Das tut ein Historiker auch, der Anspruch ist aber ein anderer. Letzterer belegt seine Vorgehensweise durch Nachweise und macht sie für den Leser nachvollziehbar, denn sein Ziel ist das Abbilden vergangener Wirklichkeit (Die aber trotzdem eine Interpretation bzw. Konstruktion bleibt). Ich sehe die Schwierigkeit vielmehr darin, dass es sich um fiktionale Texte handelt, ein literarischer Autor will nichts beweisen, er will eine Geschichte erzählen. Interessanter Weise decken sich im Fall Hesses und Manns die Schilderungen in ihren Grundaussagen mit dem, was wissenschaftliche Befunde für die damalige Zeit ermittelt haben. Das könnte man auch als Kompliment an die Autoren verstehen, denen es gelungen ist das in ihren Romanen einzufangen.

Zu einer literaturwissenschaftlichen Herangehensweise wird man nicht umhin kommen, weitere Quellen hinzuzuziehen.
Auch hier hast du Recht und genau das habe ich ja auch getan. Allerdings nicht aus einer literaturwissenschaftlichen, sondern aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive. Neben zeitgenössische Primärquellen wie das Schulaufsichtsgesetz für Preußen (1872) oder einem Leitfaden für den Lehrer, finden sich empirischen Untersuchungen (Wehler), sowie historische und soziologische Sekundärliteratur.


Hallo Penelopeia,

Vielen Dank für die formalen Hinweise!

Dein Essay erweckt wieder den Eindruck, als sei die damalige Zeit ein völlig andere, voll der Autoritarismen, Untertanentreue, verlogener Scheinreligiosität, bildungsbürgerlichen Hochmuts, unüberbrückbarer Differenzen zwischen gesellschaftlichen Schichten usw., und als wäre diese Zeit mit den gen. Umständen völlig überwunden.
Wie dieser Eindruck zustande kommt, ist mir um ehrlich zu sein nicht recht klar.

Zum einen ist die von mir beschriebene Zeit in der Tat eine völlig anderer. Der Untersuchungszeitraum ist das Deutsche Kaiserreich und nicht die Weimarer Republik. Deshalb greife ich auch mit Mann und Hesse auf zwei Autoren zurück, deren Aufwachsen in diese Epoche fällt, die also Zeitzeugen des Ganzen sind. Auch die beiden Werke – Manns zumindest teilweise - sind vor der Gründung der Weimarer Republik erschienen. Zum anderen zeige ich durchaus Kontinuitäten, wie die entstehende Leistungsgesellschaft oder die Nachwirkungen von Hesses Roman in den 50er Jahren.

Ich glaube, es wäre interessanter, einmal die Bedingtheit der damaligen Zustände zu untersuchen und sie, in einem zweiten Schritt, mit den heutigen Verhältnissen zu vergleichen.
Ich bin skeptisch, ob der ständige Rekurs auf diese Zeit bei der Debatte um die neue Rechte tatsächlich zielführend ist. Die Verhältnisse sind mit den heutigen einfach nicht vergleichbar, das gilt auch für die Weimarer Republik. Es ist die Zeit nach einem Krieg, Hungerwintern, es gibt Massen an Verkrüppelten, Traumatisierten und Verrohten, etc. Bis gestern war man noch der Untertan eines Kaisers und jetzt soll man plötzlich Bürger einer Demokratie sein. Dazu kommt spätestens ab der Wirtschaftskrise eine unvorstellbare Massenarbeitslosigkeit. All diese prägenden Faktoren gibt es heute nicht.
Die Rhetorik der Rechten ist zwar darauf anspielend, das in meinen Augen aber eher weil ein solches Sprechen provokativ ist, Aufmerksamkeit generiert und heftige Reaktionen provoziert, die sich als empfundene Einschränkung der eigenen Meinungsfreiheit wieder aufnehmen lassen.

Du schreibst „Autoritarismen, Untertanentreue, verlogener Scheinreligiosität, bildungsbürgerlichen Hochmuts, unüberbrückbarer Differenzen zwischen gesellschaftlichen Schichten usw.“ gäbe es immer noch. Da gebe ich dir in Teilen Recht, aber man muss in meinen Augen klar sehen, dass diese, wie beispielsweise Autoritarismen heutzutage einfach vollkommen anders funktionieren.

Beste Grüße und noch einmal vielen Dank für eure Anmerkungen!

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Ich möchte versuchen, in diesem kurzen Beitrag einen Bogen zu schlagen, der exemplarisch zwei literarische Werke in die gesellschaftlichen wie pädagogischen Umbrüche nach der Reichsgründung 1871 verortet. Das staatliche Bildungsmodell wird von vielen Schriftstellern als zeitgenössische Instrumentalisierung der Kultur einer autoritären Gesellschaft empfunden.(1) Heinrich Manns Der Untertan (1914/18) und Hermann Hesses Unterm Rad (1905) stehen dabei beispielhaft für eine ganze Reihe von literarischen Zeugnissen des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, in denen Bezug auf das Bildungssystem der deutschen Kaiserzeit genommen wird. Die Fokussierung auf zwei Werke, die beide im frühen 20. Jahrhundert erschienen sind, hat die Schwäche, dass grundlegende gesellschaftliche Transformationen bereits früher einsetzen und zumindest kurz geklärt werden müssen. Sie bietet aber den Vorteil, dass jeder Protagonist maßgeblich eines von zwei damals wirksamen gesellschaftlichen Prinzipien charakterisiert.

I.
Spätestens mit der Aufklärung setzt eine Verschiebung des gesellschaftlichen Modells - vom aristokratischen Prinzip der Geburt, hin zu einem Prinzip individueller Kompetenz und des Gebrauchs der Vernunft - als Voraussetzung ökonomischen, politischen und sozialen Handelns ein, ohne dass dieser Prozess mit der Reichsgründung 1871 abgeschlossen wäre.(2) Innerhalb des deutschen Kaiserreichs überlagern beide Prinzipien einander, betreffen aber mit Politik und Wirtschaft unterschiedliche Sphären. Erstere ist charakterisiert durch das aristokratische Prinzip der Geburt, d.h. die Macht innerhalb des entstandenen Nationalstaats konzentriert sich immer noch stark auf eine adlige Elite. Die wirtschaftliche Sphäre mit dem Bürgertum als Elite ist Trägerschicht einer Leistungsideologie. Sie grenzt sich wiederum über Bildung von den unteren gesellschaftlichen Sichten ab. Hans-Ulrich Wehler betont beispielsweise, dass 1885 bei 47 Mio. Einwohnern auf 7,5 Mio. Volksschüler nur 238.000 Gymnasiasten kamen, überwiegend mit bildungsbürgerlichem Hintergrund bzw. aus dem Beamtentum stammend.(3)

II.
In der Sphäre des Politischen kommt nach der Reichsgründung der Pädagogik bei der Herausbildung eines einheitlichen Nationalstaats eine wesentliche Funktion zu. Das Schulsystem erhält, wie Katrin Marquard schreibt, „im Kaiserlichen Deutschland den weitreichenden Auftrag, nicht nur die alten Eliten zu bilden, sondern ab sofort auch die Untertanen als Teile der Nation gezielt mit nationalförderlicher Bildung zum Zweck ihrer Loyalisierung auszustatten.“(4) Man könnte hier von einer systemstabilisierenden Funktion sprechen, mit dem Ideal der Erziehung des Bürgers zum apolitischen Untertan, wie ihn Sabine Dengel konzeptionell in Anknüpfung an die Autoritarismus-Kategorien Horkheimers und Adornos entwickelt.(5) Diesem neuen bildungspolitischen Kurs wird durch eine Vereinheitlichung der Schultypen, die Säkularisierung des Feldes Bildung und der Einführung des preußisch-staatlichen Schulwesens Rechnung getragen. 1872 liefert das von Kulturminister Adalbert Falk formulierte Schulaufsichtsgesetz für Preußen eine erste verbindliche Richtlinie, in der besonders das staatliche Bildungsmonopol betont wird. In §1 heißt es: „Unter Aufhebung aller in einzelnen Landestheilen entgegenstehenden Bestimmungen steht die Aufsicht über alle öffentlichen und Privat-Unterrichts- und Erziehungs-anstalten dem Staate zu.“(6)

Der Protagonist in Heinrich Manns Der Untertan, Diederich Heßling, erscheint vor diesem Hintergrund geradezu als Prototyp des autoritären Charakters (Adorno), dessen Sozialisation vom „weichen Kind“(7) zum fanatischen Untertan literarisch nachvollzogen wird. Dabei spielt neben dem Elternhaus, die Schule eine zentrale Rolle: „Nach all diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den Menschen ganz verschlingende: die Schule.“(8) Hier lernt der Protagonist zu funktionieren und erarbeitet sich durch Ergebenheit, Opportunismus und Demut gegenüber den Lehrern Anerkennung. Heßling lernt Macht als naturgeben zu betrachten, zu lieben und nicht in Frage zu stellen. Dabei trifft er auf ein Umfeld, in dem es weniger um die Vermittlung von Bildung als vielmehr von Gehorsam zu gehen scheint. Alles hängt, wie Tuiskon Ziller es schon 1857 in Die Regierung der Kinder beschreibt, „davon ab, daß der Erzieher dem Zögling völlig unumschränkt erscheint und der Glaube des letzteren an die souveräne Macht der Regierung nicht geschwächt wird.“(9) Das von Mann geschilderte schulische Umfeld und das Verhalten der Lehrer entspricht dabei im Wesentlichen dem, was in der Enzyklopädie des gesamten Unterrichts- und Erziehungswesens von 1887 als Primat pädagogischen Handelns beschrieben wird. Dort heißt es „In der Schule speziell geht Zucht vor Unterricht. Fester steht kein Satz in der Pädagogik, als das Kinder zuerst erzogen sein müssen, ehe sie unterrichtet werden können.“(10)

III.
Die Sphäre bürgerlichen Leistungsdenkens lässt sich mit Blick auf Hesses Unterm Rad genauer nachzeichnen. Hesses Erzählung ist, wie Volker Michels anmerkt, biographisch eng wie kaum ein anderer Roman mit dem eigenen Erleben des Verfassers verbunden, letztlich beschreibt es aber einen Modellfall, eines jungen Menschen der an den Erziehungsstrukturen zugrunde geht.(11) Der Protagonist, ein begabter Schüler aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, erscheint geeignet im sonst weitgehend undurchlässigen gesellschaftlichen System der deutschen Kaiserzeit über den Erwerb von Bildung aufsteigen zu können. „Über Hans Giebenrath gab es keinen Zweifel. Die Lehrer, der Rektor, die Nachbarn, der Stadtpfarrer, die Mitschüler, jedermann gab zu, der Bub sei ein feiner Kopf und überhaupt etwas Besonderes.“(12) Die Lehrer, die sein Potenzial erkennen, fördern ihn, ohne dass nach dem Willen des sensiblen Kindes gefragt würde. „Damit war seine Zukunft bestimmt und festgelegt. Denn im schwäbischen Landen, gibt es für begabte Kinder, ihre Eltern müssten denn reich sein, nur einen einzigen schmalen Pfad: durchs Landesexamen ins Seminar, von da ins Tübinger Stift und von dort entweder auf die Kanzel oder aufs Katheder.“(13) Sie drängen ihn so unweigerlich dazu immer mehr zu leisten, bis er schließlich unter dem Druck zusammenbricht und Selbstmord begeht. Katrin Marquard spricht in diesem Zusammenhang von einer „erwachsenden Leistungsideologie“(14), d.h. das institutionalisiertes Kapital (Bourdieu) eine zunehmende Bedeutung erlangt. Gesellschaftlicher Status wird, abseits der durch Geburtstitel undurchlässigen Elite, wesentlich von erworbenen beruflichen Qualifikationen abhängig, wobei nur noch staatlich legitimierte Titel Anerkennung genießen. Erfolg als Form institutionalisierten Kapitals wird zu einem „wesentlichen Kriterium für den Gang des eigenen Schicksals, während umgekehrt mangelnder Schulerfolg als Unfähigkeit begriffen wird und soziale Diskriminierung zur Folge hat.“(15) Auch Thomas Nipperdey sieht die Schulpflicht, neben Wehr- und Steuerpflicht, als die wesentliche Bürgerpflicht des 19. Jahrhunderts. „Das beruflich-gesellschaftliche Schicksal des Einzelnen hängt von seinem Schulschicksal ab, […]; die Gesellschaft ist eine Examensgesellschaft, in Deutschland ist das mit dem System der „Berechtigungen“ […] besonders ausgeprägt.“(16)

IV.
Auch wenn literarische Zeugnisse durch ihren fiktionalen Inhalt als Quellen einer historischen Entwicklung mit Vorsicht zu genießen sind, bieten die beiden Texte anschauliche Zeugnisse des autoritären Schulsystems in der wilhelminischen Zeit und eignen sich m. E. dazu zwei wesentliche gesellschaftliche Entwicklungen der damaligen Zeit - die staatlich verfolgte Herausbildung einer Untertanenmentalität und die Entstehung einer bürgerlichen Leistungsideologie - beispielhaft zu veranschaulichen. Besonders Hesses Unterm Rad schlug nach der Veröffentlichung hohe Wellen und wurde in der Öffentlichkeit erbittert diskutiert. Noch 1947, ein Jahr nach dem Erhalt des Literaturnobelpreises, galt Hesse als bildungspolitischer Nestbeschmutzer, weshalb ihm die Universität Tübingen die Verleihung einer Ehrendoktorwürde mit der Begründung angeblicher Verunglimpfung der württembergischen Seminare versagte.(17)

(1)Vgl. Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S. 51.
(2)Vgl. ebd. S. 54.
(3)Vgl. Hans-Ulrich Wehler. Das deutsche Kaiserreich 1871-1918. Göttingen 1988. S. 126.
(4)Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S. 59.
(5)Vgl. Sabine Dengel. Untertan, Volksgenosse, Sozialistische Persönlichkeit. Politische Erziehung im Deutschen Kaiserreich, dem NS-Staat und der DDR. Frankfurt a. M. 2005. S. 51ff.
(6)Schulaufsichtsgesetz für Preußen (1872). Zitiert nach Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S. 45.
(7)Heinrich Mann. Der Untertan. Frankfurt am Main 2000. S. 5.
(8)Ebd. S. 7.
(9)Ziller. Die Regierung der Kinder. Für gebildete Eltern, Lehrer und Studierende. Zitiert nach Karina Rutschky. Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Berlin 1997. S. 231.
(10)Zitiert nach Karina Rutschky. Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Berlin 1997. S. 381.
(11)Vgl. Volker Michels Unterm Rad der Fremdbestimmung, in: Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse >Unterm Rad>. Entstehungsgeschichte in Selbstzeugnissen des Autors. Frankfurt am Main 2008. S. 7f.
(12)Hermann Hesse. Unterm Rad. Roman in der Urfassung. Frankfurt am Main 1977. S. 9.
(13)Ebd.
(14)Katrin Marquardt Zur sozialen Logik literarischer Produktion. Würzburg 1997. S.59.
(15)Ebd.
(16)Thomas Nipperdey. Wie modern war das Kaiserreich? Das Beispiel Schule. Vortrag im Rahmen der Gerda Henkel Vorlesung. Opladen 1986. S. 6.
(17)Vgl. Volker Michels Unterm Rad der Fremdbestimmung, in: Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse >Unterm Rad>. Entstehungsgeschichte in Selbstzeugnissen des Autors. Frankfurt am Main 2008. S. 30f.
 

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