Lyrische Notdurft (Rubai)

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blackout

Mitglied
Der große Dichter namens Müller-Krause,
die fiesen Neider nennen ihn Banause,
bestaunt nur seine eignen Dichterworte,
in ihnen erst ist er so recht zu Hause.

Der schwatzt so metaphysisch ausgewogen,
schreibt nur für Auserwählte – ungelogen!
Das niedre Volk muss ihn ja nicht verstehen!
Drum spricht er oft mit sich in Dialogen.

Viel heiße Tränen hat er schon vergossen,
wenn irgendwer auf ihn sich eingeschossen.
Bei Gott, das kann er nun mal nicht vertragen!
Kritik rügt gallebitter er verdrossen.

Wenn Dichter Müller-Krause nicht gestorben,
(es heißt, er hab sich im Olymp beworben,
seit langem hört man nichts mehr von dem Manne)
mag sein, er ist im Orkus schon verdorben.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo blackout,

die Eitelkeit des Dichters und der tägliche Kritikerwahnsinn - gefällt mir gut.
Bei einigen Zeilen hätte ich anders formuliert, weil sie für mich geschmeidiger klänge (Deine sind selbstverständlich nicht falsch):

wenn irgendwer auf ihn sich eingeschossen.
wenn irgendwer sich auf ihn eingeschossen

Kritik rügt gallebitter er verdrossen.
Kritik beklagt er bitter und verdrossen

Du weißt, ich hab's nicht so mit den Inversionen.

Gruß, Ciconia
 

blackout

Mitglied
Schön, dass du da mal reingesehen hast, Ciconia. Ja, die psychologischen Aspekte der Beziehungen von Literaten und Kritikern. Eine neue Userin stellt fest, dass hier noch die bescheidensten Gedichte gelobt werden. Ich weiß gar nicht, ob sie jetzt immer noch in der LL ist, nachdem sie das (nicht nur hier) gewohnte Kommentieren kritisiert hat.

Ein Wort zur Inversion:
Sie gehört in die Gruppe der Satzfiguren und ist keinesfalls in jedem Fall unschön oder ein Fehler und unbedingt vermeidensbedürftig. Ich habe dazu das folgende gelernt:

"Inversion - Umstellung der üblichen, regelmäßigen Wortfolge, im engeren Sinn nur von Subjekt und Prädikat, um im Satz ein Wort an ungewöhnlicher Stelle hervorzuheben. Sie kann auch aus metrischen Gründen erfolgen. Bei den Dichtern der Aufklärung und bei Kloopstock wichtig für den "Durchbruch des Emotionellen". "

Ein moderneres Beispiel: "Einsamer nie als im August"... (Gottfried Benn) Benn hat hier sein wichtigstes Wort an den Anfang des Satzes gestellt, wobei die wichtigen Wörter im Vers immer entweder am Anfang oder am Ende sich befinden.

Ich vermeide die Inversion, wo es geht, setze sie aber bewusst ein, um wie bei deinem zweiten Beispiel einen stärkeren Ausdruck zu erzielen: rügen, gallebitter, ganz selten aus metrischen Gründen, dann formuliere ich lieber um. Dein Vorschlag ist natürlich völlig richtig, mir aber zu harmlos in diesem Zusammenhang. In deinem ersten Beispiel wollte ich unbedingt das "ihn" betonen, damit ausdrückend: Wie kann sich "so einer" unterstellen, ihn, den Großdichter, überhaupt zu kritisieren. Bei deiner Formulierung, die nicht falsch ist, fällt das "ihn" auf eine unbetonte Silbe, so dass also
der "Text zwischen den Zeilen" verlorengeht.

Habe ich dich überzeugt?

Vielen Dank nochmal, blackout
 

Ciconia

Mitglied
Na ja, blackout, mit dem Überzeugen ist das so eine Sache. Ich verstehe durchaus Deine Intention, mir war klar, dass Du eine Absicht damit verfolgt hast – aber mein Geschmack ist es eben nicht. Ich hab’s eben lieber glatter, „harmloser“ wie Du schreibst.

Aber es soll doch jeder machen, wie er es für richtig hält, da gibt es auch nichts zu diskutieren, wenn der Inhalt überzeugt. Und das hat er in diesem Fall.

Gruß, Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
"Eine neue Userin stellt fest, dass hier noch die bescheidensten Gedichte gelobt werden."

Ja, das kann ich bestätigen. Ich pflege auch bescheidene Gedichte zu loben, wenn ich was Gutes in ihnen finde.

Ich finde den ironischen Selbstbezug in Deinem Gedicht, bläckaut, witzig. Das ist doch lobenswert, oder nicht?

grusz, hansz
 

Mondnein

Mitglied
Tschuldigung, hätte ich beinahe vergessen: der mutige Titel! Daß das Gedicht sich selbst eine Notdurft nennt, eine lyrische halt, hat Rolling Stone Qualität.
 

blackout

Mitglied
Ja, manchmal geraten meine Gedichte zum Porträt so manchen Schreiberlings, der mir nicht ganz unbekannt.
 
Zuletzt bearbeitet:

Mondnein

Mitglied
Da bin ich aber froh, daß Du Dir nicht ganz unbekannt bist. Wie hättest Du Dich auch sonst so trefflich beschreiberlingen können.
 
Hallo Blackout,

hätte folgenden

Verbesserungsvorschlag: Dann können sich auch wirklich alle damit identifizieren:

Der/Die große Dichter/in namens Müller-Krause,
die fiesen Neider nennen ihn/sie Banause,
bestaunt nur seine/ihre eignen Dichterworte,
in ihnen erst ist er/sie so recht zu Hause.

Der/Die schwatzt so metaphysisch ausgewogen,
schreibt nur für Auserwählte – ungelogen!
Das niedre Volk muss ihn/sie ja nicht verstehen!
Drum spricht er/sie oft mit sich in Dialogen.

Viel heiße Tränen hat er/sie schon vergossen,
wenn irgendwer auf ihn/sie sich eingeschossen.
Bei Gott, das kann er/sie nun mal nicht vertragen!
Kritik rügt gallebitter er/sie verdrossen.

Wenn Dichter/in Müller-Krause nicht gestorben,
(es heißt, er/sie habe sich im Olymp beworben,
seit langem hört man nichts mehr von dem Manne/dem Weibe)
mag sein, er/sie ist im Orkus schon verdorben.

Viele Grüße,
Artbeck
 

blackout

Mitglied
Da habe ich mit diesem Text doch wieder mal voll in die Herzen meiner Mit-User getroffen. Warum fühlen sie sich eigentlich gemeint? Das lässt tief blicken. Macht Spaß. Ich habe noch mehr davon - aus dem Leben. Demnächst in diesem Theater.

Gruß, blackout
 

Oscarchen

Mitglied
Na, meine Liebe, da haste aber lange für die Anwort gebraucht.
Die Bibliothek deutschsprachiger Gedichte bietet übrigens auch an : "Schlagfertigkeit im Alltag".
Wäre das nichts für dich?

Liebste Grüße

Nickerchen
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Na, meine Liebe, da haste aber lange für die Anwort gebraucht.

Oscarchen, du musst vor dieser Wiedergängerin Margot Honeckers nicht buckeln und schleimen! Sie ist eine entschiedene Anhängerin der alten Ostzone, an deren Grenzen Menschen ermordet wurden. Das wollen wir doch bitte nicht vergessen!
 

Oscarchen

Mitglied
Na Dyrk, unsere Freundin versteht schon gut, wie ich es meine. Mit Buckeln und Schleimen hat das wenig zu tun.
Mit deinem Vergleich ist das schon treffend beschrieben. Ich glaube, sie denkt mehr über beiläufige Erwähnungen nach als
ihr lieb ist. Sie wäre wohl wohl gerne wie Margot, und hat vermutlich diesem System gute Dienste geleistet.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Sag' nicht unsere Freundin ...

Sie spricht von Notdurft, das ist doch genauso widerlich!
 

Oscarchen

Mitglied
Ach Dyrk, das ist doch ein armes Licht. Schau dir doch den Austausch zwischen uns an. Die kannste doch nur Umarmen, bis sie keine Luft mehr bekommt!
 

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