Männerfasten

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Isbahan

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Ich weiß nicht, ob Sie es wussten: Das Virus prügelt gerade bei manchen Mannsbildern den letzten Anstandsrest klein.
Morgens um zehn, beim Discounter meines Vertrauens: Baut sich ein Muckibuden-Hulk so vor mir auf, dass ich nicht mehr ans Regal komme. Vor meinen Augen zieht er eine Tube Tomatenmark nach der anderen aus der Verankerung und wirft sie anschließend einzeln in seinen Wagen, dabei grinst er mich unverhohlen frech an. Das hatte richtig was Obszönes, wie er sich eine Tube nach der anderen runter geholt hat und mich ohnmächtig dabei zusehen ließ.
Ich habe mich später dafür revanchiert, indem ich ihn vor der Kasse überholt und höflich angesprochen habe: „Die Notgemeinschaft älterer Immungeschwächter mit Vorerkrankung bittet um eine kleine Spende. Unser Warenkorb braucht dringend Lebensmittelspenden. Jede Spende hilft!“

Ich gebe es nur ungern zu: Selbst in Zeiten von COVID-19 wäre ich bereit, mit einem solchen Schmock Körpersäfte auszutauschen und hemmungslosen Sex zu haben. Falls er richtig gut schreiben könnte. In meinem Alter muss man bereit sein, einiges in Kauf zu nehmen. Für ein richtig gutes Buch.
Wenn Torsten Sträter jetzt vor meiner Türe stünde und sagte, er wolle mir was vorlesen – ich wüsste nicht, wozu ich im Stande wäre. Bestseller-Autoren wie Marc-Uwe Kling oder Simon Borowiak sind privat hoffentlich unerträglich. Weil es nicht auszuhalten wäre, dass ich mit denen noch nicht geschlafen habe. Nur mit anderen – obwohl die nicht schreiben konnten. Bei denen reichte ihr literarisches Talent gerade für Überweisungen und Behördenbriefe. Aber nicht, um sich nachhaltig in mein Herz zu schreiben.
Überhaupt: Mit real existierenden Mannsbildern sollte ich momentan nichts mehr anfangen. Ich versuche also, sie mir madig zu machen: Wer flirtet schon gerne mit einem Typen, der einen selbstgebastelten Schnutenpulli umgebunden hat, bestehend aus einem Kaffeefilter und Schlüpfergummi? Es entzieht sich doch jeder Vernunft, mit Mannsbildern, deren Brodem mich in Zeiten wie diesen ins Jenseits befördern kann, rumzumachen …

Statt dessen werde ich mich einem TV-Heißblut wie Rüdiger Hoffmann vor die Füße zu werfen. Oder Herbert Knebel. Die sind weit genug weg, die tun mir nix. Jeder dahergelaufene Berufspoet, Komiker, Poetry-Slamer oder Satiriker aus dem TV darf mich mühelos zum Höhepunkt bringen - seine Texte müssen nur ein Quentchen Melancholie, abgründigen Humor und humanistische Bildung beinhalten. Schon schmelze ich dahin, schreie mich weg und bin schockverliebt. Wie in Horst Evers.
Vernehme ich den Klang wohldurchdachter Texte, feinsinnigen Humors und lustiger Wortneuschöpfungen, liegt ihnen meine Libido zu Füßen und in meinem Brocca-Zentrum wird Hormon-Limbo getanzt: Mit Männern, die schreiben können. Schön dass es sie gibt.
Traurig ist nur: Die meisten sind nicht heiratbar. Für unsereins. Was für eine Vorstellung: Eine Corona-WG mit Jürgen von der Lippe, Alfons und Oliver Welke … uns gemeinsam hemmungslos hinzugeben: Der unsinnigen Völlerei, dem Trunke, schöngeistigen Büchern und zotigen Herrenwitzen …


Im Test der Zeitschrift IGITTE gilt mein Männerkonsum bereits als bedenklich:
1. Haben Sie in letzter Zeit öfter daran gedacht, weniger Männer zu konsumieren?
2. Hatten Sie nach dem Genuss von Männern am nächsten Tag Erinnerungslücken?
3. Hat jemand aus Ihrem sozialen Umfeld Sie in letzter Zeit kritisiert, weil sie zu viele Männer konsumieren?
Nachdem ich alle Fragen bejahen musste, habe ich mich so geschämt.

Aber nun ist Schluss mit Lustig. Von Oktober bis Dezember mache ich Männerfasten: Real existierende Männer kommen mir nicht mehr ins Bett, für die gilt: Behrbergungsverbot! Seit zehn Tagen bin ich bereits trockene Maskulinistin.

Frauen wie ich, die zum Männer -Abusus neigen, sind in der heutigen Gesellschaft vielfach noch stigmatisiert. Obwohl es offiziell nicht als Krankheit anerkannt ist, halten viele Frauen ihren Hang zum Kerl für den Ausdruck einer Willens- oder Charakterschwäche. Frauen, die noch regelmäßig zum real existierenden Mann greifen, benötigen häufig mehrere Jahre, bis sie sich eingestehen können, dass ihr Männerkonsum langsam aus dem Ruder läuft und außer Kontrolle geraten ist: Der Griff zur Flasche gehört zu ihrem Alltag.

Ich bin der Meinung, frau muss nur genügend Selbstdisziplin aufbringen, um den schädigenden Männerkonsum an Schnutenpulli-Trägern schnell wieder in den Griff zu bekommen. Daher habe ich mich gegen eine professionelle Therapie und für einen Stuhlkreis in der Selbsthilfegruppe der Anonymen Maskulinistinnen entschieden. Weil ich der Meinung bin, aufhören zu können. Es muss nicht sein, dass mein Arbeitgeber, die Kollegen, die Freunde oder Familienangehörige mich als schwach und defizitär ansehen und ausgrenzen.

Es ist jetzt einfach mal Zeit für eine Entpaarung und Men-Detoxing.
Meine Entgiftung führe ich bei mir zuhause durch, den sogenannten kalten Entzug. Noch bin ich gemäßigt optimistisch, dass ich von jetzt auf gleich mit Männern aus der Nachbarschaft aufhören kann. Ich versuche durch reine Willensstärke enthaltsam zu sein. Falls das nicht klappt, kann ich mich immer noch für eine ambulante Detoxikation unter ärztlicher Aufsicht entscheiden.
Nachdem ich real existierenden Männern entsage,, setze ich mich bewusst der vollen Bandbreite an Entzugserscheinungen aus. Weil solche Typen als Suchtmittel nicht nur körperlich, sondern auch psychisch abhängig machen, manifestieren sich meine Symptome des sogenannten Entzugssyndroms sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene.

Ich muss das plötzlich auftretende Verlangen, den sogenannten Jipper nach real existierenden Mannsbildern endlich reduzieren bzw. kontrollieren, indem ich entsprechende Strategien und Verhaltensweisen erlerne, um trotz alltäglicher Belastungen und Probleme trocken zu bleiben.
In Zeiten von COVID-19 sage ich mir täglich, bevor ich auf die Straße gehe: NUR GUCKEN – NICHT ANFASSEN!
 
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Hagen

Mitglied
Hollo liebe Isbahan, oder sollte ich lieber 'Rose d'Ispahan' oder gar 'Pompon des Princes' sagen?
Egal, jedenfalls habe ich Deine Geschichte übers 'Männerfasten' mit Vergrügen gelesen.
Bevor ich die Wunderbare Ulrike kennenlernte, bin ich genauso vorgegangen; - allerdings nur während der Fastenszeit.
Was mir weiterhin gut gefiel ist Deine Wortwahl; - an vielen Stellen excelent und nicht von Markus Krebs beeinflusst!
Allerdings beginnt der Hamster bei dem Wort 'Schmok' zu humpeln!
Im deutschen Sprachraum taucht der Schmock laut dem Duden erstmals als Name einer Figur aus Gustav Freitags Lustspiel 'Die Journalisten' von 1852 auf und steht seither als eine mittlerweile veraltete Bezeichnung für einen opportunistischen Zeitungsschreiber, der jede Meinung vertritt, wenn man ihn dafür bezahlt. Er ist damit ein Gegenbild zum Ideal des nur der Wahrhaftigkeit verpflichteten Journalisten.
Der Schmok kann also schreiben, wie auch immer, aber er kann!
Damt passt er in Dein Beuteschema, zwar nur dezent, aber in Maßen schon ...
So, liebe Isbahan, jetzt habe ich Dich genug vollgeblubbert,
ich hoffe, wir lesen uns weiterhin.
Und denk' dran: Immer schön fröhlich und gesund bleiben!
Herzlichst
Yours Hagen

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Stimme niemals ein Klavier in nassem Zustand!
 

Isbahan

Mitglied
Hallöle lieber @Hagen - freut mich außerordentlich, dass Du diesen Text genossen hast!
Was den "Schmock" betrifft, halte ich mich an die Jiddische Bedeutung: Ein eitler und oft arroganter Mensch, gleichzeitig aber weder besonders intelligent noch gutaussehend. Sein Äußeres modisch, aber unpassend. Fällt oft durch ein rechthaberisches oder opportunistisches Verhalten negativ auf.
Jedenfalls: Du hast Humor. Bis jetzt hat sich noch kein Mann getraut, zu kommentieren. Dabei hab` ich Euch alle so lieb. Ährlich :)
Vielen lieben Dank für den Sternenregen!
 

rainer Genuss

Mitglied
Hallo Isbahan
das ändert sich jetzt, ein Mann kommentiert:
ich las ein gehöriges Gedankengewusel mit einer wilden Themenmischung, was nicht weiter schlimm ist, da es sich ja um eine satirisch, ironische Kurzgeschichte handelt.
Allein, mir fehlt der Fusel oder eine Bewußtseinsstromschnelle um
Coronavirusdesaster- Geilheit auf Schriftsteller- dann Männerabstinenz in meinem Gehirnskasten zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügenzukönnen.

Ferner haben jetzt bereits 2 Männer kommentiert. Hagen trägt zwar einen Pepita-Trenchcord, ist aber dennoch deutlich als Mann zu erkennen.
Wurres grüßt genüsslich
Rainer.
 

Isbahan

Mitglied
Hallo @rainer Genuss: Das Teil ist nicht stringent. Und köchelt als ein Kessel Buntes mit grotesker "Corona-Unterhaltung" so vor sich hin.
Hmpf.
Eigentlich sollte es eine Ode an den schreibenden Mann werden.
Konnte aber de facto nur zwei Herren der schreibenden Zunft, mit und ohne Hut, anlocken. Und ich habe Angst. Was passieren könnte, wenn der Pepita-Trenchcoat aufgeknöpft wird …


Für die Aufmunterungs-Schulterklopf-Kommentare samt generösem Sternchenregen: Danke *tapferlächelundweiterschreib*
 
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rainer Genuss

Mitglied
mach das
Du hast hier einen männlichen, Dir wohl gesonnenen Geheimbund hinter Dir herwatscheln, der gerne bei der Sissyphusarbeit unterstützt. ( große praktische Erfahrung, trotz Arthrose und niedrigem Testosteronspiegel)
schön von dir zu lesen
Ra
 

Isbahan

Mitglied
Moah, nicht noch eine Geheimbund-Theorie, das macht mir Kopfkino: Arthrose- und gichtkranke Gestalten in Trenchcoats und niedrigem Testosteronspiegel, die hinter mir her watscheln sind genau das, was eine Frau mit anstrengendem Job (Felsbrocken den Berg hinaufwuchten) braucht ...



Nachtrag: Ich hab`s mir überlegt. Wenn jeder eine Rolle Klopapier zum geheimen Ort mitbringt, geht das klar mit dem Geheimbund.
 

rainer Genuss

Mitglied
Bohei
der watschende Geheimbund existiert natürlich nicht, nein,nein!

Deine Gier nach Klopapier
vergeblich

eigentlich wollte ich zu deiner Kurzgeschichte sagen:

Bohei
Konfus aber gut
 

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