Mahasas Torheit – Teil 3

Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 3 – Fortsetzung von „Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 2

Die junge Frau starrte fassungslos auf den verstümmelten Körper ihres Vaters. Sie hatte allerdings Probleme Einzelheiten zu erkennen, verstand aber nicht, wieso ihre Sicht so verschwommen war. Trotzdem war ihr nicht entgangen, dass seine Mörder unzählige Male auf ihn eingestochen hatten. Dabei hatten sie sorgsam darauf geachtet, sein Gesicht unversehrt zu lassen, wahrscheinlich in der Absicht, keinen Zweifel an der Identität des Toten aufkommen zu lassen. Die Angreifer wollten, dass jeder wusste, es war Wistitt, dem man hier die Kehle durchgeschnitten hatte. Es war ihre Absicht, dass jeder erfuhr, der Bruder des Soloti lebe nicht mehr. Niemandem sollte verborgen bleiben, dass der Mann ermordet worden war, der sich in den letzten Jahren immer wieder gegen all die, von ihrem Onkel in Gang gesetzten, Veränderungen im Bund ausgesprochen hatte. Danach hatten sie ihn einfach am Ort seines Todes liegengelassen. Und während sie immer noch auf den Leichnam starrte, wurde ihr auf einmal bewusst, dass es nun an ihr und ihrer Schwester war, den Kampf ihres Vaters fortzuführen.

Xaeva musste schlucken. Ihr Vater hatte oft über seine Angst gesprochen, von den Männern seines Bruders ermordet zu werden. Solange ihre Mutter noch lebte, hatte er sich daher dem Widerstand nicht angeschlossen, trotz der vielen Veränderungen in den letzten Jahren, für die der Soloti verantwortlich war. Achtzehn Jahre lang, war die Familie von Stadt zu Stadt gezogen. Achtzehn Jahre lang, hatten ihre Eltern zuerst gemeinsam und später zusammen mit ihren beiden Töchtern Informationen gesammelt und sich mit Freunden getroffen, die ihre Ansichten teilten, aber sie hatten sich nie offen eingemischt. Achtzehn Jahre lang, hatte Yriti seinen Bruder und dessen Familie in Ruhe gelassen. Xaeva und ihre Schwester Ymmuit hatten es sogar geschafft, ihre Ausbildung zu Millir abzuschließen, obwohl sich dies für Frauen heutzutage nicht mehr einfach gestaltete. Doch dann war ihre Mutter ums Leben gekommen. Ihr Vater hatte zwar nie Zweifel daran gehabt, dass sie tatsächlich bei einem Unfall gestorben war, aber trotzdem hatte er sich danach mit seinen Töchtern zusammengesetzt und sie hatten schließlich gemeinsam beschlossen, es wäre nun an der Zeit, sich zur Wehr zu setzen und für die Werte des Bundes zu kämpfen. Nicht mit Waffen – dies war nie die Art ihres Vaters gewesen – sondern mit Worten. Das war nun vier Jahre her.

Und nun lag er hier tot zu ihren Füßen. Er war nur siebenundfünfzig Jahre alt geworden und alle Menschen in seiner Umgebung – einschließlich seiner Töchter - waren davon ausgegangen, er habe noch viele Jahre vor sich. Jetzt mussten sie zu ihrem Leidwesen feststellen, dass sie sich geirrt hatten. Xaeva blieb nur noch der Trost, dass er seinen Frieden gefunden und in die Weite eingegangen war, in der seine geliebte Frau auf ihn wartete. Hier vor ihr lag nur noch eine Hülle und alles, was ihn im Leben ausgemacht hatte, fehlte bereits. Ymmuit und sie würden ihn in aller Stille beerdigen und dann tun, was sie tun mussten. Sie wusste, ihr Vater hätte sich anders entschieden, aber er wäre trotzdem nicht enttäuscht von ihnen, auch wenn ihr Entschluss durchaus dazu führen konnte, selbst bald in die Weite einzugehen. In anderer Hinsicht wäre ihr Vater allerdings überhaupt nicht mit ihrer Schwester und ihr zufrieden. Dies war ihnen allerdings bereits von Anfang an bewusst gewesen, deshalb hatten sie ihn nie über ihre Entscheidung, keine eigenen Familien zu gründen, informiert. Zumindest nicht, bevor diese ganze Angelegenheit zu ihrer Zufriedenheit gelöst worden war. Dies könnte allerdings auch bedeuten, niemals zu heiraten, aber das Wissen, dass ein Ehepartner und Kinder sie angreifbar machten, bestärkte die beiden Frauen nur in ihrem Entschluss.

„Bringt seinen Körper bitte von hier fort. Aber seid vorsichtig und bleibt unauffällig dabei!“, befahl sie den Männern, die sie hierher begleitet hatten. Männer, die ihrem Vater gefolgt waren und nun ihr folgten.

„Ich möchte, dass er neben Mutter beerdigt wird, allerdings dürfen wir dabei keine Aufmerksamkeit erregen.“ Diese Worte galten ihrer Schwester, die die ganze Zeit über stumm neben ihr stand. Ymmuit war zwar drei Jahre jünger als sie, dafür aber größer und kräftiger. Als sie noch jünger war, hatte sie das immens gestört, aber inzwischen war sie darüber hinweggekommen. Ymmuit ähnelte eben eher ihrer Mutter und sie selbst kam mehr auf ihren Vater. Darauf hatte niemand Einfluss und in einer Hinsicht waren sie sich dann doch sehr ähnlich. Beide hatten sich bereits früh dafür entschieden, Millir zu werden – wie ihre Mutter – während ihr Vater nie als Kämpfer galt. Nichtsdestotrotz hatte er sich als ein gefährlicher Mann herausgestellt. Oder vielleicht gerade deswegen.

Ymmuit nickte. Sie neigte dazu, mit ihren Worten zu geizen und diese Situation war nicht dazu geeignet, daran etwas zu ändern. Aber das war auch nicht notwendig.

Xaeva wandte sich ab und ließ die Männer ihre Arbeit tun. Es war nicht nötig, sie dabei zu beobachten oder vielleicht sogar zu beaufsichtigen, schließlich wussten sie, was zu tun war. Sie alle waren ihrem Vater freiwillig gefolgt, weil sie seine Ansichten teilten und nun trauerten sie um ihn. Aber sie hatten sich offensichtlich bereits dafür entschieden, nun ihr zu folgen, denn keiner von ihnen hatte sich darüber beschwert, dass sie jetzt die Anweisungen erteilte.

Ihre Schwester und sie – und die Männer und Frauen, die ihnen folgten - würden den Kampf ihres Vaters fortsetzen. Alle hofften sie darauf, erfolgreich zu sein. Wenn sie nicht dieser Ansicht wären, bräuchten sie nicht zu kämpfen. Aber ihnen war schon frühzeitig klar geworden, dass ihre Heimat sich in diesem Fall auf eine Art verändern würde, die sich keiner von ihnen wünschte. Daher mussten sie unbedingt erfolgreich sein. Anderenfalls wäre es nicht mehr ihre Heimat .

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Xaeva musterte die vielen Menschen, die sich, genau wie sie selbst, in diesem großen Raum eingefunden hatten. Der Geräuschpegel der zahlreichen Unterhaltungen war ziemlich hoch und sie war in diesem Moment sehr froh, dass dieses Treffen in einem Haus stattfand, das abseits von anderen und daher gut versteckt lag. Sie konnte die Aufregung der Anwesenden gut nachvollziehen, aber sie hätte es besser gefunden, wenn sich nicht so viele von ihnen, am selben Ort aufhalten würden. Sollte nur einer der Anhänger des Soloti mitbekommen haben, wer sich alles hier versammelt hatte, dann würden sie in große Schwierigkeiten geraten. Schon auf den ersten Blick, hatte sie eine große Anzahl Personen erkannt, die sich in den letzten beiden Jahren beim Herrscher unbeliebt gemacht hatten. Der war zwar vor einigen Wochen verstorben und von seinem Sohn Haxym beerbt worden, aber der hielt seine Gegner noch intensiver im Auge als sein Vorgänger. Niemanden hatte es überrascht, dass Yriti seinen ältesten Sohn zu seinem Nachfolger erklärt hatte, weder bei den Anhängern des Soloti, noch bei seinen Gegnern. Aber der Zeitpunkt des Machtüberganges war ziemlich überraschend gekommen, denn niemand hatte mit dem Tod des Soloti gerechnet.

Der neue Herrscher hatte sich Zeit gelassen, bevor er das erste Mal öffentlich zu seinen Untertanen sprach, aber er war in den vergangenen Wochen ganz offensichtlich nicht untätig geblieben. Vor zwei Tagen hatte er dann endlich seine Antrittsrede gehalten. Darin hatte er eine ganze Reihe neuer Gesetze angekündigt, die inzwischen bereits in Kraft getreten waren. Sie hatten sich alle als Gesetze herausgestellt, die den Bund der Oixya in eine Richtung drängten, die niemand der hier Anwesenden gutheißen konnte. Sie alle hatten bereits gegen die Gesetze des Soloti Yriti gekämpft, aber diese wirkten nun im Gegensatz zu dem, was sein Sohn vorhatte, harmlos. Wenn Haxym es tatsächlich schaffte, alles durchzusetzen, von dem er gesprochen hatte, dann würde sich die Gesellschaft der Oixya, die Gesellschaft ihrer Heimat, in eine Gesellschaft der Sar verwandeln. Eine Gesellschaft, in der Männer Krieger waren und alles bestimmten. Eine Gesellschaft, in der die Männer alles tun durften und die Frauen so gut wie nichts mehr. Ihnen bliebe dann nur noch zu heiraten, Kinder zu bekommen und ihren eigenen Haushalt zu versorgen. Ansonsten hatten sie auf das Wort ihres Ehemanns zu hören. Es würde keine weiblichen Millir mehr geben, keine Händlerinnen, keine Richterinnen, keine Heilerinnen oder was auch immer ein Mädchen werden wollte. Auf der anderen Seite würde aber auch jeder Junge dazu gezwungen werden, zu lernen, wie man kämpft. Ob er wollte oder nicht.

Ihr Vater war jetzt seit zwei Jahren tot. Zur gleichen Zeit wie er waren auch Haxyms damals einjährige Zwillinge gestorben, nachdem ihre Mutter bereits die Geburt nicht überlebt hatte. Xaeva hatte schon zuvor den Eindruck gehabt, der älteste Sohn ihres Onkels verhielte sich nicht normal, aber nach dem Tod seiner Frau und der Zwillinge war es noch schlimmer geworden. Alle die ihn kannten, waren der Meinung, nur sein Vater habe einen mäßigenden Einfluss auf ihn gehabt. Doch nachdem im letzten Jahr Yritis bester Freund Gasar, zusammen mit seiner Frau und Bologs Sohn Nyvediat, ermordet worden war, hatte sich der Soloti nicht mehr um die Ausfälle seines Sohnes gekümmert. Yriti hatte den Eindruck erweckt, nicht mehr am Leben teilnehmen zu wollen. Und dann war ihr ältester Onkel plötzlich gestorben. Er sollte einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht sein. Xaeva hatte keinen Anlass zu vermuten, es wäre nicht tatsächlich so geschehen. Sie hatte auch keinen Anlass zu vermuten, Haxym sei vielleicht ungeduldig geworden, denn einen Vatermord würde sie sogar ihm nicht zutrauen. Aber egal, wie Yriti gestorben war, es gab einen neuen Soloti und dieser schien sich aller geistigen Zwänge entledigt zu haben.

Ihre Seite der Familie, hatte dagegen seit dem Tod ihres Vaters, keine weiteren Verluste mehr hinnehmen müssen. Das war aber auch gut so, bestand diese doch nur aus ihr selbst und ihrer Schwester. Alle anderen Nachkommen Mahasas hatten sich für die Seite des Soloti entschieden. Und ganz wie es ihrer Einstellung entsprach, hatten sie sich kräftig vermehrt. Genauso wie dessen Anhänger. Sie heirateten früh und ihre Frauen bekamen bereits im jungen Alter Kinder, und in der Regel auch eine größere Anzahl. Viele Familien hatten vier oder fünf Sprösslinge. Diejenigen, die an den alten Werten der Oixya festhielten, gingen dagegen anders vor. Die meisten heirateten erst später und wenn eine Familie drei Kinder hatte, galt sie bereits als groß. Bereits nach einer Generation wirkte sich das auf die Anzahl der Anhänger des Soloti spürbar aus. Xaeva hatte es zuerst nicht glauben wollen, bis ein Freund es ihr auseinandersetzte.

„Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich sie alle auf der Stelle nach Hause schicken“, erklang Ymmuits Stimme hinter ihr. „Aber leider geht das nicht.“ Sie seufzte.

Xaeva konnte ihr nur zustimmen. Inzwischen ging sie zwar davon aus, dass niemand mitbekommen hatte, wie viele Personen im Schutz der Nacht hier eingetroffen waren, aber verließe jetzt jeder dieses Gebäude zur gleichen Zeit, würde das nicht unbemerkt bleiben. „Wir müssen sie unbedingt beruhigen. Irgendwie. Und wenn wir denn schon alle hier versammelt sind, sollten wir das Beste daraus machen. Wir brauchen einen Plan.“ Sie blickte sich nach ihrer Schwester um.

„Komm mit“, forderte sie Ymmuit auf, während sie selbst sich bereits vorwärtsbewegte. „Wir müssen mit allen reden, um für die Zukunft eine gemeinsame Marschrichtung zu vereinbaren. Wir müssen uns alle nach dem gleichen Plan richten oder unser Widerstand nutzt keinem von uns.“

„Glaubst du wirklich, du kannst hier, heute, etwas ausrichten?“, wollte die Jüngere von ihr wissen, während sie ihr folgte.

„Wir haben nur den heutigen Tag. Wir werden nie wieder die Möglichkeit bekommen, uns in dieser Stärke zu versammeln. Glaub mir, Haxym wird alles daransetzen, uns so schnell wie möglich zu beseitigen. Ein solches Risiko wie heute können wir nie mehr eingehen. Aber da wir nun einmal alle hier versammelt sind, müssen wir die Gelegenheit auch nutzen und den anderen begreiflich machen, was jetzt auf uns zukommt. Bisher haben wir mit Worten gekämpft, weil unser Vater uns das so vorgemacht hat. Wir haben die Morde verurteilt, weil keiner von uns Gasar und die anderen töten wollte. Aber ab jetzt sieht das anders aus. Jetzt müssen wir zu den Waffen greifen oder wir werden untergehen. Dies ist die verdammte Wahrheit und die müssen wir allen begreiflich machen. Sie können jetzt nicht mehr darüber hinwegsehen, dass es blutig werden wird.“

Ihre Schwester sah sie aus großen Augen an. Hatte sie denn wirklich geglaubt, sie könnten weitermachen, wie zuvor? „Haxym scheint den Verstand verloren zu haben. Obwohl ich der Meinung bin, er war immer schon gefährdet. Aber nun ist sein Vater nicht mehr da, um ihn zurückzuhalten. Wenn er die Möglichkeit bekommt, wird er uns abschlachten und es interessiert ihn absolut nicht, wer alles noch dabei zu Schaden kommt. Wenn wir uns nicht wehren, wenn wir nicht bereit sind, alles zu geben, dann können wir auch gleich aufgeben. Und was das für uns beide persönlich bedeuten würde, Ymmuit, ist dir doch klar. Haxym würde uns niemals am Leben lassen.“

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Xaeva hatte auf ihrem Weg zum ausgemachten Treffpunkt, mehrere Städte passiert, die ihrer Ansicht nach nicht mehr den Eindruck erweckten, als ob sie noch bewohnt wären. Vier Jahre Bürgerkrieg waren nicht spurlos am Oixyyaa vorübergegangen und an vielen Orten standen heute nur noch Ruinen. Den meisten Städten des Bundes war es ähnlich ergangen, wie denen, die sie zu Gesicht bekommen hatte, aber die in der Nähe der, zwischen den beiden Kriegsparteien entstandenen, inoffiziellen Grenze hatten naturgemäß am meisten gelitten. Niemals zuvor waren die Siedlungen der Oixya in einem derartigen Ausmaß zerstört worden. Die Kinder des Velt hatten es immer geschafft, die Kämpfe in die Städte und Dörfer gegnerischer Stämme zu tragen, wenn sie gegen diese vorgingen und ihre Gegner hatten immer die größeren Verluste hinnehmen müssen.

Dieses Mal aber, hatte dies anders ausgesehen und das nicht ohne Grund. Dieses Mal, hatten Oixya gegen Oixya gekämpft und das ohne jegliche Zurückhaltung oder Gnade. Vier Jahre lang und ohne, dass eine der beiden Parteien die Oberhand gewinnen konnte. Xaeva hatte die Hoffnung, dass dieses Treffen den Gräueln ein Ende machen würde. Sie hoffte es von ganzem Herzen, aber sie glaubte noch nicht daran. Allerdings war sie bereits von Haxyms Zustimmung zu dieser Zusammenkunft überrascht worden. Und auch davon, dass er ihrer Forderung, hierher ins Niemandsland zwischen den Fronten zu kommen, nicht widersprochen hatte. Ihrer Meinung nach, konnte das nur bedeuten, dass er höhere Verluste hatte hinnehmen müssen, als selbst er es sich erlauben konnte. Auch wenn seine Anhänger alle ziemlich fanatisch waren und damit oftmals ihre geringere Anzahl hatten ausgleichen können.

Xaeva blickte dennoch misstrauisch zu der Gruppe Männer hinüber, die ungefähr fünfzig Meter von ihr entfernt wartete. Haxym hatte sie sofort erkannt, der wohl nicht anders konnte, als seine Seite persönlich zu vertreten. Neben ihm waren auch seine beiden Brüder Djepyo und Nevjemar anwesend, aber sie sah auch seinen Onkel Fanadja. Selbst Bolog begleitete ihn, einer der Krieger der ersten Stunde. Er war einer derjenigen, die mit ihrem Onkel Yriti die Sar in die Verbannung geführt hatte und der auch danach zu dessen engsten Vertrauten gehört hatte. Und in einer Gruppe mit Kriegern, die sich etliche Meter weiter hinten aufhielt, konnte sie auch noch Fanadjas überlebenden Sohn Cahec erkennen, sowie Ypheg, der nach dem Tod seines Bruders nun Haxyms Erbe war. Damit hatte der Soloti alle Männer über vierzehn Jahre aus seiner Familie mitgebracht. Alle männlichen Erwachsenen, die mit ihm verwandt waren. Die Tatsache, dass diese auch alle männlichen Erwachsenen ihrer eigenen Familie waren, entlockte ihr ein humorloses Schnauben. Für sie persönlich – und selbstverständlich auch für ihre Schwester - hatten die letzten vier Jahre mehr als nur ein Bürgerkrieg dargestellt, denn sie hatte gegen ihre eigene Familie kämpfen müssen.

Sie selbst hatte darauf verzichtet, Ymmuit zu diesem Treffen mitzubringen. Sollte Haxym tatsächlich einen Hinterhalt geplant haben, würde ihre Schwester den Kampf an ihrer Stelle fortsetzen. Wenn sie auf der anderen Seite vorgehabt hätte, dem Gegner eine Falle zu stellen, dann wäre sie problemlos in der Lage gewesen, einen großen Teil von Haxyms Führungsriege auszuschalten. Einzig Maysap und seine Brüder waren offensichtlich in Ssuyial geblieben. Aber alles, was sie bei diesem Treffen erreichen wollte, war, dieses Blutvergießen zu stoppen. Allerdings nicht um jeden Preis. Aus diesem Grund, hoffte sie, ihr Verwandter werde ihrem Vorschlag zustimmen.

Sie ließ ihr Pferd die restliche Distanz zu der Gruppe des Soloti zurücklegen, ihre eigenen Begleiter zurücklassend. Alle ihre Freunde und Verbündeten, hatten ihr von diesem Risiko abgeraten. Jeder hatte ihr in aller Deutlichkeit klargemacht, dass man Haxym nicht trauen konnte. Sie war der gleichen Meinung, denn er hatte öfter bewiesen, dass er sich nicht wie andere Menschen verhielt. Aber sie war auch der Meinung, selbst er habe feststellen müssen, dass dieser Krieg ihm schadete. Er verlor immer noch massenweise Anhänger, nicht nur diejenigen, die bei den Kämpfen ums Leben gekommen waren. Und er hatte wohl auch bemerkt, dass er seinen Untertanen seine Regeln nicht auferlegen konnte, solange er weiterkämpfen musste. Inzwischen hatte sie sogar den Eindruck gewonnen, dies wäre ihm wichtiger, als sie und ihre Leute zu vernichten. Sollte sie damit recht behalten, dann würde er auf ihren Vorschlag eingehen, um in Zukunft von ihr in Ruhe gelassen zu werden.

„Verwandter“, begrüßte sie den kräftig gebauten Krieger. Haxym trug sein dunkelbraunes Haar genauso kurz geschoren, wie seine Männer ihres und genau, wie seine Anhänger, hatte er auch einen Vollbart. Xaeva musste aber mit Erstaunen feststellen, dass dieser zwar größtenteils immer noch das ihr bekannte dunkle Rot zeigte, aber an einigen Stellen schon von Grau durchzogen war, obwohl er nur zwei Jahre älter war, als sie selbst.

Er verzog das Gesicht, als er ihre Begrüßung hörte. „Wenn ich dich tatsächlich als Verwandte von mir anerkennen würde, wäre ich gezwungen, dich zu maßregeln.“ Offenbar gefiel ihm der Gedanke überhaupt nicht, dass sie derselben Familie angehörten. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Um mit dir verhandeln zu können, werde ich dich als Fremde ansehen. Schlimm genug, dass eure Seite keinen Mann entsenden konnte, um mit mir zu sprechen. Aber da ich die Verantwortung für mein Volk trage, nehme ich dieses Opfer notgedrungen auf mich. Für mein Volk werde ich mich mit dir abgeben. Aber versteh mich richtig! Mein Volk sind diejenigen, die an mich glauben.“

Xaeva seufzte, aber nur innerlich, denn sie wollte an ihn appellieren. „Dann lass diejenigen gehen, die nicht an dich glauben. Lass die Menschen zu uns kommen, die nicht zu deinem Volk gehören wollen. Dann werden wir euch zukünftig in Ruhe lassen.“

„Gehen lassen?“ Er runzelte die Stirn. „Wohin sollen sie denn gehen?“ Er sah sie an, aber nur kurz. Sein Blick irrte unstet herum und dadurch erweckte er den Eindruck, nicht nüchtern zu sein. Gerüchte über seinen ausufernden Alkoholkonsum hatten sie bereits vor einiger Zeit erreicht, daher würde es sie nicht wundern, sollte er tatsächlich betrunken sein. Darüber hinaus war es durchaus möglich, dass dies seine anderen Probleme noch verstärkte. „Wie hast du dir das gedacht?“

Seine Worte regten sie auf und sie schaffte es nur mit Mühe, einigermaßen ruhig zu bleiben. Sie drehte sich halb um und wies auf das nächstgelegene Ruinenfeld. „Sieh dir an, was von der Stadt dort hinten übriggeblieben ist! Meinst du, dort kann noch jemand leben! Und wenn du dich im umliegenden Land umsehen würdest, könntest du feststellen, dass dies nicht die einzige Stadt in der Nähe ist, die fast vollständig zerstört wurde. Zwischen der Hauptstadt und den Orten, die sich in der Nähe von Ssuyial befinden, und den Städten im Süden ist ein breiter Streifen Land entstanden, in dem auf absehbare Zeit keiner mehr leben kann. Die Erde wurde verbrannt und kann nicht mehr bestellt werden. Dies ist nun alles Niemandsland. Lass das unsere Grenze sein! Alle, die nicht Teil deines Volkes sein wollen, können in die Städte im Süden kommen. Die anderen hingegen, die Menschen, die von dir regiert werden wollen, sollen in die Hauptstadt oder die anderen Orte im Norden gehen. Dies ist mein Vorschlag.“ Erst als sie mit Sprechen aufhörte, fiel ihr auf, dass er sie kein einziges Mal unterbrochen hatte. Sie war mehr als erstaunt, dass sie ihren Vorschlag wie geplant hatte vorbringen können, weil sie damit nicht gerechnet hatte. Sie war sich sicher gewesen, alleine schon der Anblick ihres Verwandten würde dafür sorgen, dass sie kein Wort herausbringen könnte. Aber dann hatte sie sich doch nicht stoppen lassen, obwohl sich in dem Blick, mit dem er sie immer wieder streifte, schon der Wahnsinn zeigte, der ihm nachgesagt wurde.

Allerdings konnte ihr nicht entgehen, dass ihr Vorschlag nicht seine Zustimmung fand. Seine Augen verdunkelten sich und er presste seine Lippen zusammen. Dann zog er erneut eine Grimasse. „Ich soll dir also meine Städte im Süden überlassen?“, brachte er schließlich wütend hervor.

‚Deine Städte‘, dachte sie. ‚Das sind schon lange nicht mehr deine Städte. Die meisten deiner Anhänger haben sie bereits vor mehr als zwei Jahren verlassen.‘ Aber sie blieb still. Dies war eine Wahrheit, die er nicht hören wollte. Und die er auch nicht verstehen könnte.

Bevor Haxym Gelegenheit hatte, noch etwas zu äußern, drängten auf einmal der ältere seiner Brüder und sein Onkel nach vorne. Sie begannen sofort auf ihn einzureden, allerdings so leise, dass Xaeva davon nichts mitbekommen konnte. Zusätzlich hatten sie ihr auch noch den Rücken zugedreht und verhinderten damit, dass sie von ihren Lippen ablesen konnte. Allerdings konnte sie problemlos erkennen, wie sich das Gesicht des Soloti umgehend verfinsterte. Trotzdem ließen die anderen beiden sich dadurch nicht beirren.

Schließlich hörten Djepyo und Fanadja auf zu reden. Offenbar hatten sie alles vorgebracht, was sie zu sagen hatten. Sie zogen sich wieder einige Meter zurück. Haxym blickte ihnen noch einen Moment nach und konzentrierte sich dann erneut auf Xaeva. „Sei es so“, deklarierte er übergangslos und mit monotoner Stimme. „Die Städte im Süden werden im Imperium nicht benötigt. Ich überlasse sie euch und werde euch nicht behelligen, solange ihr die Grenze nicht überschreitet. Aber du bist mir dafür verantwortlich, dass meine Leute zu mir kommen können. Alles Weitere kannst du mit meinem Onkel besprechen.“ Ohne darauf zu warten, ob sie darauf antworten wollte und ohne irgendeine Form des Abschieds, ließ er sein Pferd umdrehen und entfernte sich von ihr. Er ritt an seinen Männern vorbei, die ihm überrascht hinterher starrten und ihm dann in einiger Entfernung folgten. Alle bis auf Fanadja, der sich ihr stattdessen näherte.

„Sei gegrüßt, Verwandte“, sprach er sie schließlich an, sobald er nahe genug herangekommen war. Der ältere Krieger war in der Zeit, in der sie ihn nicht mehr gesehen hatte, fast völlig ergraut, aber er hielt sich immer noch gerade und aufrecht auf seinem Pferd und sie ging davon aus, dass er immer noch in der Lage war, sich mit seinem Schwert erfolgreich zu verteidigen. Er war schließlich – genau wie sie selbst – ein Milli. Wahrscheinlich hoffte er darauf, eines Tages mit dem Schwert in der Hand zu sterben. Aber nicht heute. An diesem Tag würde er nicht in die Weite gehen. Er lächelte sie an und sein Lächeln wirkte – für sie völlig überraschend - warm und ehrlich. Ohne dass sie bewusst darüber nachdachte, lächelte sie zurück.

„Sei gegrüßt, Onkel.“ Wenn er höflich sein konnte, dann würde sie das auch sein.

„Der Imperator hat sich dafür entschieden, euch die Städte im Süden zu überlassen. Ich sehe es als meine persönliche Verantwortung an, dafür zu sorgen, dass die Menschen, die sich dir anschließen wollen, auch tatsächlich die Gelegenheit bekommen, zu euch zu gelangen. Auf der anderen Seite erwarte ich aber, dass du im Gegenzug alle gehen lassen wirst, die in den Norden kommen wollen.“ Er sah sie an und wollte offensichtlich wissen, was sie von dieser Erklärung hielt.

Sie nickte. Seinen Ausführungen konnte sie ohne Probleme zustimmen. „Durch die Trennung der beiden Parteien werden wir weiteres Blutvergießen vermeiden, auch wenn ich davon ausgehe, dass viele Familien auseinandergerissen werden. Nicht nur unsere eigene.“ Den letzten Satz hatte sie sich nicht verkneifen können.

„Damit hast du leider völlig recht.“ Auf einmal machte er einen ziemlich traurigen Eindruck. „Ich bin froh, wenn dieser Krieg ein Ende nimmt. Er hat mir meine beiden Brüder genommen.“

Sie war erstaunt, als sie verstand, dass er auch ihren Vater in seine Trauer mit einbezog. Sie war auch erstaunt darüber, dass er seine Verluste auf den Krieg schob, obwohl beide Männer gestorben waren, bevor dieser ausbrach. Das machte seine Worte aber nicht weniger wahr.

„Es wäre schön gewesen, wenn mein Vater diesen Moment noch hätte miterleben können.“ Noch schöner wäre es gewesen, wenn es erst gar nicht nötig gewesen wäre, für Frieden zu sorgen. Aber das konnte sie noch nicht einmal zu Fanadja sagen. Trotzdem wollte sie noch etwas wissen. „Darf ich dir noch eine Frage stellen?“

Er hatte sich zwar bereits halb umgewandt, aber nun sah er sie noch einmal an und nickte ihr zu.

„Wieso nennt er sich jetzt auf einmal Imperator? In welchem Imperium herrscht er?“

„Der Imperator ist der Meinung, er wäre über den Bund hinausgewachsen. Wir leben im Imperium der Virei.“

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Es war nun etwas mehr als zwei Jahre her, dass die beiden Bürgerkriegsparteien sich auf einen Waffenstillstand geeinigt hatten. Nach dem Treffen zwischen Xaeva und dem selbsternannten Imperator dauerte es aber dann doch noch ein ganzes Jahr, bis alle Menschen, die in den Süden kommen wollten, auch in den Städten dort angekommen waren. Ein Jahr, in dem Xaeva und Ymmuit, trotz der Absprache, immer wieder befürchteten, Haxym werde sie erneut angreifen. Aber zu ihrer großen Erleichterung geschah nichts dergleichen und schließlich gingen die Schwestern davon aus, dass der Herrscher über die Virei Besseres zu tun hatte, als sich mit den Menschen abzugeben, die nicht von ihm regiert werden wollten. Vielleicht war er ja der Meinung, sie wären seiner Aufmerksamkeit nicht wert, aber das sollte Xaeva nur recht sein. Dies verschaffte ihr die Zeit, den Bund der Oixya wieder aufleben zu lassen.

Fanadja hatte sein Wort gehalten und dafür gesorgt, dass ihre Anhänger gehen konnten. Aber trotzdem war es immer wieder zu Zwischenfällen gekommen. Die in den Städten des Nordens – die jetzt zum Imperium gehörten – lebenden fanatischen Anhänger Haxyms waren nicht der Meinung, sich an Fanadjas Anweisungen halten zu müssen. Sie wollten ganz offensichtlich niemandem die Möglichkeit einräumen, in den Süden zu gehen und versuchten deshalb immer wieder, ihre Ansichten mit Gewalt durchzusetzen. Glücklicherweise scheiterten sie in den meisten Fällen. Xaeva hatte ihrerseits dafür gesorgt, dass Personen, die lieber im Imperium leben wollten, sich auch so schnell wie möglich auf die Reise machten. Auf solche Menschen konnte der Oixyyaa ohne Probleme verzichten.

Für sie war es eine Selbstverständlichkeit, den Bund im Süden wieder aufleben zu lassen, zumal sich der Norden nicht mehr als ein Teil des Oixyyaa ansah. Sie selbst hatte sich immer als eine Oixya gesehen und aus diesem Grund fiel es ihr nicht schwer, sich auch jetzt für die Werte des Bundes einzusetzen. Trotzdem war die Neugründung keine einfach zu bewältigende Aufgabe und aus diesem Grund war sie froh, als dann erstmal eine provisorische Regierung die Führung übernahm. Dadurch erhielt sie endlich die Gelegenheit, sich an einem abgeschiedenen Ort niederzulassen, um dort endlich ihr Leben so zu führen, wie es ihr gefiel. Sie hatte sich die ganzen Jahre über gewünscht, nicht mehr kämpfen zu müssen. Und sie genoss es, keine Menschen mehr führen zu müssen und nur noch für sich selbst verantwortlich zu sein. Sie wusste auch, dass ihre Schwester genauso dachte. Genau wie alle anderen Oixya wartete sie auf die Gelegenheit, sich für einen neuen Herrscher zu entscheiden. Aber die Wahl ihrer Mitbürger überraschte Xaeva dann völlig. Deren Entscheidung hatte sie nicht vorausgesehen. Oder nicht voraussehen wollen.

Ungefähr ein Jahr nach dem Beginn des Waffenstillstands, suchte eine Abordnung der Städte sie in ihrem neuen Domizil auf und überraschte sie mit der eindringlichen Bitte, die neue Soloti zu werden. Im Nachhinein musste sie zwar – auch sich selbst gegenüber - zugeben, dass sie dies hätte erwarten müssen, obwohl sie auf diese Position nicht hingearbeitet hatte. Doch selbst ihre Schwester schien ihr das nicht abzunehmen. Tatsächlich hatte Xaeva sich bereits frühzeitig dafür entschieden, die Bitte abzulehnen, aber die Abordnung ließ nicht locker und am Ende ließ sie sich umstimmen. Aber erst, nachdem sie einige Bedingungen gestellt hatte, denen schnell zugestimmt wurde. Vor allem hatte sie darauf bestanden, die Nachfolge neu zu regeln. In diesem Punkt gaben ihr die anderen sofort recht, denn genau wie sie selbst, hofften sie, ihr Vorschlag würde dafür sorgen, einen weiteren Soloti wie Haxym zu vermeiden. Mit ihr beginnend würden zukünftige Herrscher ihren Nachfolger nicht mehr selbst bestimmen. Stattdessen wurde die Entscheidung den möglichen Erben überlassen, die sich nach dem Tod ihrer Mutter oder ihres Vaters auf einen der ihren einigen müssten. Xaeva setzte aber auch durch, dass auf einen Mann jetzt immer eine Frau folgen musste und auf eine Frau ein Mann. Nachdem sie der Abordnung verständlich gemacht hatte, dass sie der Meinung war, die unterschiedlichen Regierungsstile von Frauen und Männern dadurch ausgleichen zu können, wurde auch dieser Forderung zugestimmt. Und schließlich führte sie noch die Regelung ein, dass eine Soloti auch einen Jungen oder einen Mann adoptieren durfte, während männliche Herrscher nur von einer leiblichen Tochter beerbt werden konnten. Damit sollte der biologische Vorteil der Männer ausgeglichen werden, die viel mehr Kinder zeugen konnten, als eine Frau in ihrem Leben gebären. Dieser Teil der neuen Nachfolgebestimmungen war für Xaeva persönlich von großer Bedeutung. Zwar war sie noch nicht zu alt, um selbst noch Kinder zu bekommen, aber sie hatte wegen des Krieges darauf verzichtet, eine eigene Familie zu gründen und nun gab es noch nicht einmal einen Mann in ihrem Leben. Sie musste für den Fall vorsorgen, dass ihr keine Zeit mehr für einen eigenen Sohn blieb.

Seitdem sie die Herrschaft im Bund angetreten hatte, war ein weiteres Jahr vergangen und in dieser Zeit war nun fast so etwas wie Normalität in das Leben der Oixya zurückgekehrt. Wenn sie allerdings den spärlichen Berichten aus dem Norden Glauben schenken konnte, schien das im Imperium nicht der Fall zu sein. Den Informationen zufolge schien es so, als ob die Gesetze, die der Imperator erließ, immer seltsamer wurden. Und die Oixya beobachteten, wie seine Krieger damit begannen, die Grenze abzuschotten. Schon seit mehreren Monaten hatten es keine Flüchtlinge mehr über den Streifen Niemandsland geschafft. Die wenigen, die dennoch einen Weg aus dem Imperium fanden, mussten jetzt eine sehr viel längere Strecke zurücklegen. Und dies schafften nicht mehr sehr viele. Xaeva war nichts anderes übriggeblieben, als selbst verstärkt Millir an der Grenze zu stationieren, denn sie traute der Waffenstillstandsvereinbarung mit dem Imperium nicht mehr.

Die Situation mit ihrem nördlichen Nachbarn war deshalb in letzter Zeit immer öfter der Grund für ein Treffen mit ihren Beratern. Auch heute hatte sie diese wieder zusammengerufen, denn ihre Schwester, die den Oberbefehl über die Millir übernommen hatte, war von einer Erkundung der Grenze zurückgekehrt und sollte nun Bericht erstatten. Aber natürlich gehörte ihre Schwester auch sonst zu ihren Ratgebern, denn Xaeva verließ sich schon seit Jahren auf sie. Auch in dieser Situation hatte Ymmuit Vorschläge zur Hand, wie ihre Soloti vermeiden könnte, die Situation weiter eskalieren zu lassen. Das heutige Treffen, das im großen Saal eines Gebäudes stattfand, welches die Bürger von Doimaatu ihrer Herrscherin für die Regierungsarbeit zur Verfügung gestellt hatten, hatte einige erfolgversprechende Lösungen hervorgebracht, die nun schnellstens umgesetzt werden sollten. Sie hatten auch noch Zeit gehabt, darüber zu sprechen, wie lange sie noch in diesem imposanten Domizil verbleiben würden. Eigentlich sollte dies nur eine Übergangslösung sein, bis der Palast in der neuen Hauptstadt der Oixya fertiggestellt wäre. Aber das würde sich noch um einige Zeit verzögern, denn gerade jetzt hatten sie sich um Wichtigeres zu kümmern.

Xaeva unterdrückte ein Gähnen, während sie die Sitzung schloss. „Wenn sonst nichts weiter vorliegt, dann können wir für heute …“, weiter kam die Soloti allerdings nicht, denn völlig unerwartet öffnete sich die Tür und ein junger Milli trat ein, der sich sofort tief verbeugte. Sie konnte ohne Probleme an seinem Gesicht ablesen, wie unangenehm es ihm war, seine Herrscherin zu stören. Unverkennbar war er noch nicht sehr lange im Palast stationiert.

Xaeva lächelte ihn an, um ihm etwas von seiner Unsicherheit zu nehmen. Sie empfand es nicht als angenehm, von ihren Kriegern gefürchtet zu werden, aber ihrer Meinung nach war es auch nicht besser, wenn diese sie – wie der junge Mann– derart verehrten, dass sie sich nicht trauten, sie anzusprechen. „Was gibt es?“, forderte sie ihn zum Sprechen auf.

Sie musste ihm zugutehalten, dass er mit seiner Antwort keinen Moment zögerte. „Eine der Grenzpatrouillen hat ein Paar aufgegriffen, das ganz offensichtlich aus dem Imperium stammt.“ Er stockte kurz. „Ich meine damit, dass die beiden Bürger des Imperiums sind.“

Die Soloti runzelte die Stirn. Es war noch nicht so außergewöhnlich, dass Menschen aus dem Norden den Bund erreichten. Und selbst in diesen schwierigen Zeiten, wurde die Soloti normalerweise nicht mit solchen Vorkommnissen behelligt. Ihre Millir waren kompetent genug, um zwischen den Personen zu unterscheiden, die tatsächlich die Werte des Bundes teilten und Bürgern des Imperiums. Immer wieder wurden letztere aufgegriffen, wenn sie versuchten, sich in die Städte des Bundes zu schleichen. Meistens handelte es sich nicht tatsächlich um Spione des Imperators, sondern um fanatische Anhänger Haxyms, die sich berufen fühlten, ihre südlichen Nachbarn von ihrem Glück zu überzeugen. In diesen Fällen sorgten die Patrouillen dafür, dass diese Männer wieder über die Grenze zurückgeschickt wurden. Warum waren sie diesmal von dieser Vorgehensweise abgewichen?

„Und?“ Ihr Tonfall war vielleicht etwas scharf gewesen, denn der junge Krieger zog sofort seinen Kopf ein und versuchte sich kleiner zu machen.

Xaeva holte tief Luft und versuchte wieder ruhiger zu werden. Es war nicht seine Schuld. „Warum wurden sie nicht an der Grenze zurückgewiesen?“

„Der Mann hat ausdrücklich darum gebeten, mit dir sprechen zu können, Soloti. Er war sogar bereit, von den Millir als Gefangener hierhergebracht zu werden.“ Erneut senkte er den Blick, als fürchtete er ihren Zorn.

Sie sollte den jungen Krieger entlassen, bevor sie vielleicht wirklich noch wütend wurde. Normalerweise hatte sie sich besser im Griff, aber in der letzten Nacht hatte sie keine Gelegenheit zum Schlafen bekommen und hatte sich bis gerade eben darauf gefreut, sich endlich in ihre privaten Räume zurückziehen zu können. Aber das durfte sie nicht an einem ihrer Männer auslassen. Sie atmete einmal tief ein und aus, bevor sie ihm seine Befehle erteilte. „Lass ihn hereinbringen, damit ich mit ihm reden kann. Und die Frau auch, von der du gesprochen hast.“ Wenn sie Glück hatte, würde das nicht zu lange dauern.

Der junge Krieger eilte direkt wieder nach draußen und kurze Zeit darauf wurde die Tür erneut geöffnet. Fünf Millir brachten die beiden Gefangenen herein. Eine von ihnen hielt eine junge Frau am Arm, deren schmutzige und zerrissene Kleidung von einer anstrengenden und offenbar auch langen Reise zeugte. Der Gefangenen war ihr Aussehen offensichtlich selbst unangenehm, denn sie versuchte, wenn auch vergeblich, ihr langes verfilztes Haar und ihr verschmutztes Gesicht mit den Resten eines Schals zu bedecken. Und sie machte auf die Soloti, und die restlichen Anwesenden, einen völlig erschöpften Eindruck.

Xaevas Blick wurde allerdings sofort zu dem gefesselten Mann hingezogen, der von den restlichen vier Millir hereingeführt worden war. Seine Kleidung sah genauso schmutzig und zerrissen aus, wie die der Frau und er wirkte auch genauso erschöpft. Aber der Soloti entging nicht, dass die Wachen trotzdem sehr aufmerksam waren und ihn nicht aus den Augen ließen. Sie trauten ihm offenbar durchaus zu, auch in seinem derzeitigen Zustand eine Gefahr für die Soloti darzustellen. Zu ihrer Sicherheit hatten sie ihn in Ketten gelegt. Er war auch sofort als Bürger des Imperiums erkennbar, denn er sah wie ein Viri aus, wie sich diese Personen selbst nannten. Sein Haar war zwar länger, als sie es von ihnen gewöhnt war, aber das war wohl der langen Reise geschuldet. Ihn verriet allerdings sein Vollbart. Und die Frau verriet ihr Verhalten.

Und doch lag es nicht an diesen Dingen, dass ihr Blick zu ihm hingezogen wurde. Er hatte irgendetwas an sich, das an ihren Erinnerungen rührte, aber sie kam nicht darauf, was es sein könnte.

Als die Wachen ihn doch losließen, sank er sofort vor ihr auf die Knie und senkte seinen Blick. Xaeva konnte nicht sagen, ob das eine Folge seiner Erschöpfung war oder eine Reaktion auf die Situation. Aber ihr entging nicht, dass von einem auf den anderen Moment der gefährliche Eindruck, den er eben noch gemacht hatte, völlig verschwunden war. Seine Begleiterin versuchte sofort, an seine Seite zu gelangen, aber die Wachen hinderten sie daran. Erst als Xaeva ihnen einen wortlosen Befehl erteilte, gaben sie den Weg frei. Sofort stürzte die junge Frau zu dem Knienden und warf sich ebenfalls auf den Boden. Sie kauerte neben dem Mann und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Und dann beugte sie sich so weit vor, dass ihre Stirn beinahe den Boden berührte.

„Gnade, Herrin.“ Mehr brachte sie, unter Tränen, nicht hervor. Aber ihr Verhalten machte allen Anwesenden unmissverständlich klar, dass sie keine Oixya war. Keine der Untertanen der Soloti hätte sich derart vor ihrer Herrscherin verhalten.

„Gnade für wen, Frau?“ Xaeva gab sich keine Mühe, ihre Verärgerung aus der Stimme herauszuhalten.

Der Mann hob wieder den Kopf und sah sie ganz kurz aus dunkelbraunen Augen an, bevor er den Blick erneut zu Boden richtete. „Gnade für meine Frau, Herrin“, beantwortete er ihre Frage mit leiser Stimme.

Auch wenn der Blickkontakt nur sehr kurz angehalten hatte, reichte er dennoch aus, um sie endlich erkennen zu lassen, mit wem sie es zu tun hatte. Sie erinnerte sich daran, ihn das letzte Mal vor zwei Jahren gesehen zu haben, als er zu Haxyms Begleitern gehört hatte. Sofort brodelte neuer Ärger in ihr hoch.

„Gnade, Verwandter?“, schleuderte sie Haxyms jüngstem Bruder Nevjemar entgegen. „Warum sollte ich dir Gnade gewähren. Ich sollte euch sofort zurückschicken. Oder besser noch, ich sollte euch als Feinde des Bundes hinrichten lassen.“

Die junge Frau zuckte bei diesen Worten zusammen und richtete sich wieder etwas auf, um sich gleich darauf noch fester an ihren Mann zu klammern. Ihre Tränen hatten deutliche Spuren auf ihrem schmutzigen Gesicht hinterlassen.

Nevjemar hob erneut seinen Blick und diesmal senkte er ihn nicht direkt wieder. „Ich bitte nicht um Gnade für mich, Herrin, nur für Remya. Ich flehe dich an, sie nicht ins Imperium zurückzuschicken. Du weißt nicht, was Haxym sich ausgedacht hat. Ich bin davon überzeugt, dass mein Bruder nun endgültig den Verstand verloren hat. Er hat den Frauen alle Rechte genommen und sie zu Sklavinnen erklärt. Darüber hinaus hat er verkündet, dass die Frauen allen Männern zur Verfügung stehen müssen. Als ich davon erfahren habe, musste ich Remya in Sicherheit bringen. Es ist mir egal, was du mit mir machst, aber ich flehe dich an, sie zu schützen.“ Er ließ seinen Kopf wieder sinken, aber sie hatte Angst in seinen Augen erkennen können. Angst, die offensichtlich seiner Frau galt, die sich immer noch an seinen Arm klammerte.

„Nein“, rief diese ihm entsetzt zu, „du hast versprochen, bei mir zu bleiben.“

Nevjemar blickte seine Frau zärtlich an. „Es tut mir leid, mein Schatz, aber für mich ist deine Sicherheit viel wichtiger, als mein eigenes Leben.“

Xaeva hatte den beiden allerdings nur mit einem halben Ohr zugehört. Sie war immer noch damit beschäftigt, die vorherigen Worte ihres Verwandten zu verstehen.

„Was meinst du damit, er hat alle Frauen zu Sklavinnen gemacht, Nevjemar?“ Sie hoffte, sie habe sich verhört.

Der Sohn ihres Onkels blickte sie erneut an. „Vor einigen Monaten hat mein Bruder eine ganze Reihe neuer Gesetze verkündet und seine treuen Anhänger haben direkt damit begonnen, diese umzusetzen. Er hat den Frauen die wenigen Rechte, die sie noch besaßen, auch noch aberkannt. Er hat allen mitgeteilt, dass nur noch die Männer Bürger des Imperiums seien, die Frauen aber nicht mehr. Ganz offiziell sind aus ihnen, durch seine Gesetze, Sklavinnen geworden. Und diese Sklavinnen müssen allen Männern zur Verfügung stehen. Egal, was die Männer von ihnen verlangen.“

Die Frau an seiner Seite fing plötzlich an zu zittern. Für Xaeva sah es so aus, als ob Nevjemar sie gerne in den Arm genommen hätte, aber seine Ketten hinderten ihn daran.

Stattdessen fuhr er mit seiner Geschichte fort. „Ich habe es gerade noch geschafft, Remya aus der Stadt zu schaffen, bevor sie sie holen konnten, aber wir hatten keine Zeit, unsere Flucht zu planen oder irgendetwas mitzunehmen. Und dann mussten wir auch noch feststellen, dass wir nicht direkt in den Süden flüchten konnten. Die Grenze war in der Zwischenzeit völlig abgeriegelt worden. Frauen, die bei dem Versuch erwischt werden, sie zu überqueren, werden den Kriegern zur Verfügung gestellt. Männer, die ihnen helfen, werden gefoltert und getötet.“ Er verstummte und sackte in sich zusammen, aber nach einer kurzen Pause sprach er doch weiter. „Wir hatten uns mit noch zwei weiteren Paaren zusammengetan, aber diese glaubten, sie könnten trotzdem an der Grenze durchschlüpfen. Sie wurden allerdings sofort erwischt. Wir beide hatten uns zu diesem Zeitpunkt bereits von ihnen getrennt und uns erstmal versteckt, weil wir nicht wussten, was wir machen sollten. Allerdings mussten wir dann feststellen, uns nicht weit genug entfernt zu haben und dann bewegten sich die Grenzwachen auch noch in unsere Richtung. Aus diesem Grund befanden wir uns nahe genug am Geschehen und uns konnte nicht entgehen, was sie mit ihren Gefangenen anstellten. Wie wir es dennoch geschafft haben, den Kriegern zu entkommen, ist mir ein Rätsel. Direkt nachdem sie den Männern, vor deren Tod, abgepresst hatten, dass es noch ein flüchtiges Paar gab, machten sie sich auf die Suche nach uns.“

Xaeva war wie vor den Kopf geschlagen. Sie wollte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Hatten die beiden vor ihr tatsächlich in so großer Gefahr geschwebt? Das musste sie unbedingt in Erfahrung bringen. „Aber als Bruder des Imperators hättest du deine Frau doch bestimmt schützen können?“

Nevjemar schüttelte den Kopf. „Haxym hat sogar Djepyos Frau und seine Töchter persönlich zu den anderen Sklavinnen gebracht. Ich habe auch noch mitbekommen, wie er den Tod von Männern anordnete, die nur ihre Frauen und Töchter schützen wollten. Es war schrecklich. In diesem Moment ist mir klar geworden, dass ich meine Frau sofort in Sicherheit bringen muss.“

Die Soloti schloss ihre Augen. Hätte sie vor zwei Jahren auch nur im Geringsten geahnt, wohin Haxym sein Volk führen wollte, sie hätte weitergekämpft. Aber sie wäre niemals darauf gekommen, was er aus seinem Imperium machen wollte. Und sie wäre auch niemals auf die Idee gekommen, dass es tatsächlich Männer geben würde, die ihn in seinem Wahnsinn unterstützten. Männer, die ihn in diesen Abgrund folgen wollten. Aber offensichtlich hatte er viele seiner Untertanen von seiner Vision überzeugen können und sie gehorchten ihm nun, ohne Fragen zu stellen. Nun blieb ihr nichts mehr anderes übrig, als dafür zu sorgen, dass dieser Wahnsinn nicht auch die Oixya ergriff.

Und ihr wurde auch sofort klar, dass sie es sich nicht mehr erlauben konnte, ihren Verwandten wieder ins Imperium zurückzuschicken. Ebenso wenig konnte sie ihn hinrichten oder einsperren. Ihr blieb nur noch, ihre persönliche Abneigung zu vergessen, weil sie genau wusste, dass sie ihren Untertanen nun eine völlig andere Botschaft übermitteln musste.

Sofort machte sie sich daran, ihre Absichten umzusetzen und erteilte den Millir einen Befehl. „Lasst ihn und seine Frau frei.“ Und dann verkündete sie ganz offiziell: „Ich gewähre meinen Verwandten Asyl im Oixyyaa.“

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Selbstverständlich richtete der Soloti die Hochzeit seines ältesten Sohnes mit der Tochter seines besten Freundes aus. Aber wo seine Vorgänger aus diesem Anlass ein rauschendes Fest mit ihren Untertanen gefeiert hätten, hielt Soloti Yriti seine Familie so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit heraus und seine engsten Freunde taten es ihm gleich. Aus diesem Grund war auch kein Außenstehender zu dieser Feier eingeladen worden. Nur die Familie, zu der Yriti allerdings auch seine Freunde Gasar – den Brautvater - und Bolog zählte, waren anwesend, allerdings nicht jeder. Von seinen zwei Brüdern war nur Fanadja mit seiner Frau und seinen Kindern anwesend. Wistitt hatte sich bereits seit zehn Jahren nicht mehr bei seinem Bruder und Herrscher sehen lassen. Er zog mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern durch den Bund und verweilte nie sehr lange in ein und derselben Stadt.

Dies alles interessierte Haxym allerdings nicht im Geringsten. Für den Sechzehnjährigen war an der heutigen Feier eigentlich nur wichtig, dass sich alles um ihn drehte. Er war die Hauptperson, denn es war seine Hochzeit, die hier gefeiert wurde und als verheirateter Mann würde er ab heute nicht nur innerhalb der Familie als Erwachsener gelten, sondern auch bei den Anhängern des Soloti. Das ganze Drumherum war für ihn hingegen nur zweitrangig und dazu zählte auch, dass Cayhma an diesem Tag seine Frau wurde. Er hatte bereits als kleiner Junge gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber erst als er älter war, wurde ihm klar, dass sich an seinem Verhältnis zu ihr durch die Heirat nichts ändern würde. Solange er sich zurückerinnern konnte, hatte Cayhma immer getan, was er von ihr verlangte und eine Zeremonie würde in dieser Hinsicht keinen Unterschied machen. Selbst die Tatsache, dass er mit der Heirat nun die Erlaubnis erhielt, seine Ehefrau in sein Bett zu holen, war für ihn nur nebensächlich, denn dies hatte er bereits vor drei Jahren getan. Gleichzeitig hatte er aber auch seine Macht über sie genutzt und ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, was sie erwartete, sollte sie irgendjemandem etwas darüber erzählen. Immer schon war er in der Lage gewesen, ihr Angst einzujagen und sie hatte bereits früh gelernt, ihm zu gehorchen, um Bestrafungen zu vermeiden. Aber sie hatte ebenfalls schon früh lernen müssen, ihn zu fürchten.

Nach und nach kehrte Ruhe in dem großen Raum ein. Die Gäste hatten es endlich geschafft, sich in einem Halbkreis aufzustellen, wobei die Erwachsenen und Jugendlichen hinter den Kindern standen, die immer noch aufgeregt umher zappelten. Bis auf Remya und Gosjvar natürlich, die noch so klein waren, dass sie von ihren Müttern auf dem Arm gehalten wurden.

Haxym hatte sich bereits an seinen Platz begeben und wartete dort auf den Beginn der Zeremonie. Er hatte sich auch schon vergewissert, dass die Culae und der Cultro auf einem kleinen Tisch bereitlagen. In diesem Moment dachte er gerade darüber nach, wieso die anderen derart aufgeregt waren. Er konnte es aber trotzdem nicht verstehen, denn er war die Ruhe selbst.

Endlich näherte sich Gasar mit seiner Tochter am Arm. Die Frauen hatten die blonde Fünfzehnjährige für diesen speziellen Anlass in ein reichverziertes Kleid gesteckt und ihr langes Haar kunstvoll aufgetürmt. Der kostbare Schmuck, den sie trug und der ein Geschenk ihres Vaters zur Hochzeit war, stand ihr ebenfalls vorzüglich. Sie war eine wunderschöne Braut und er war sich sicher, dass jeder Mann ihn um sie beneiden würde.

Selbstverständlich hatte Haxym sich an diesem Tag ebenfalls dem Anlass entsprechend gekleidet. Er wusste, dass er einen imposanten Eindruck machte, denn er hatte bereits die Größe seines Vaters erreicht, mit den gleichen breiten Schultern wie dieser. Er hatte auch den dunkelroten Bart seines Vaters geerbt. Bereits vor drei Jahren hatte dieser begonnen, zu sprießen und daher besaß er für einen jungen Mann seines Alters bereits einen eindrucksvollen Vollbart. Dunkelbraunes Haar, ein Erbe seiner Mutter, vervollständigte sein gutes Aussehen und die Mädchen umschwärmten ihn schon seit Jahren. Cayhma würde ebenfalls um ihren Bräutigam beneidet werden, zumindest solange die Menschen ihn nicht näher kennenlernten. Aber auch wenn er darauf achtete, seinen Mitmenschen – mit wenigen Ausnahmen – sein wahres Ich nicht zu zeigen, war es trotzdem nie ein Problem für ihn gewesen, wenn es doch mal dazu gekommen war. Für die Bedauernswerten, die ihm zu nahekamen, war es danach zu spät. Haxym achtete immer darauf, dass die anderen zu viel Angst vor ihm hatten, um ihn zu verraten. Das hatte immer ausgereicht.

Er zeigte seiner Braut ein Lächeln. Immer wieder bekam er von anderen zu hören, er habe ein so einnehmendes Lächeln. Natürlich war ihm das selbst auch bewusst und er setzte es immer dann gezielt ein, wenn er es für nötig hielt. So wie heute, damit seine Familie keinen Verdacht schöpfte. Zu seinem großen Verdruss verfügte er nämlich noch nicht über so viel Macht, um nicht mehr aufpassen zu müssen. Aber auch wenn es ihn ärgerte, er hatte gelernt, sich nicht daran zu stören. Schließlich wusste er, die Situation würde sich irgendwann einmal ändern. Und ihm war es auch noch nie schwergefallen, dieses Lächeln hervorzubringen. Im Stillen amüsierte er sich über die Reaktionen der Gäste, die wohl glaubten, er drücke damit seine Freude aus, Cayhma nun endlich seine Ehefrau nennen zu dürfen.

Aber nun wurde es endgültig Zeit für die Zeremonie: „Dies wird dich an mich binden“, sprach er die Worte aus, die seine Mutter ihm beigebracht hatte und legte dem Mädchen, das vor ihm stand, die Armbänder an, die sie als verheiratete Frau kennzeichneten. Ihm gefiel an den Culae besonders, dass sie Cayhma als sein Eigentum kennzeichneten und gleichzeitig dafür sorgten, dass sie sein Haus nicht mehr unbegleitet verlassen konnte. Schließlich wollte auch sie nicht, dass irgendjemand mitbekam, sie trüge zwei davon. Es wäre nicht gut für ihre Familie, wenn bekannt wurde, dass sie nicht nach oixya Bräuchen verheiratet worden war. Sie fürchtete ihn auch genug, um niemals auf die Idee zu kommen, einen der Armreifen abzulegen und sei es nur für ein paar Stunden.

„Hiermit heirate ich dich und gelobe, dich vor Schaden zu schützen.“ ‚Es sei denn, ich bin derjenige, der dir schadet‘, dachte er bei sich und befestigte den Cultro an seinem Gürtel. Auch diesen zeremoniellen Dolch durfte er noch nicht offen tragen, aber niemand würde ihm Vorhaltungen machen, wenn er ihn in der Öffentlichkeit nicht zeigte. Und genau wie das Problem mit den Culae würde sich das irgendwann ändern. Davon war er fest überzeugt.

Cayhma hatte während der ganzen Zeremonie kein Wort gesagt, aber das wurde von ihr auch nicht erwartet. An ihrer Stelle hatte ihr Vater schon vor vielen Jahren alles Wichtige mit seinem Vater besprochen. Haxym musste ein Grinsen unterdrücken, als ihm dabei einfiel, dass seine Braut auch damals nichts dazu hatte sagen können, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch nicht sprechen gelernt. Und ab heute würde er nun für sie sprechen, denn so war es in seiner Familie üblich. Sah man einmal von seinem Onkel Wistitt und dessen beiden unnatürlichen Töchtern ab. Glücklicherweise waren sie nicht zu seiner Hochzeit erschienen. Wahrscheinlich übten sie gerade in irgendeiner Stadt, wie man sich als Krieger ausgab. Als wenn Frauen etwas vom Kämpfen verstehen würden.

An jedem anderen Tag wäre er bei dem Gedanken an die beiden ziemlich wütend geworden. Aber heute würde er sich seine gute Stimmung nicht verderben lassen.

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Haxym hatte Cayhma befohlen, sich zu den anderen Frauen zu begeben, hatte aber selbstverständlich seinen Sohn Wasajas mit zur Gruppe der Männer genommen. Seiner Meinung nach, konnte man nie früh genug mit der richtigen Erziehung der Jungen anfangen und sein Sohn war mit drei Jahren auf jeden Fall alt genug, um von seinem Vater gezeigt zu bekommen, dass man die Frauen unter Kontrolle halten musste. Leider musste er damit rechnen, dass die anderen Männer ihm in die Quere kamen. Er hatte festgestellt, dass niemand sich so konsequent verhielt, wie er selbst. Aber auch das würde sich noch ändern.

Heute hatte sein Vater seine Schwester an ihren Ehemann übergeben. Ab jetzt war sein Freund, Bologs ältester Sohn Maysap, für seine sechs Jahre jüngere Braut verantwortlich. Genau wie die anderen Ehen der Familie war auch diese bereits arrangiert worden, als die Kinder noch klein waren. Trotzdem waren die Anwesenden – abgesehen von seinem Freund und ihm selbst – davon überzeugt, dass der Bräutigam Tiripa von ganzem Herzen liebte, hatte er doch bereits Jahre dafür gehabt, sie richtig kennenzulernen. Haxym wusste es aber besser. Er hatte bereits gelernt, dass Liebe im Leben nicht wichtig war. Die anderen waren noch nicht zu der gleichen Erkenntnis gekommen, allerdings würde es auch keinen Unterschied machen, wenn Maysap seine Ehefrau tatsächlich liebte. Er würde sie trotzdem unter Kontrolle halten.

Plötzlich erklang hinter seinem Rücken die Stimme seines Vaters. „In ein paar Jahren wirst du die Hochzeit deiner Söhne ausrichten dürfen, Haxym.“ Langsam drehte er sich zu dem Soloti um, aber bevor er etwas dazu sagen konnte, hatte sein kleiner Sohn sich ebenfalls umgewandt.

„Großvater“, rief der Junge aus und legte seine Arme um Yritis Bein. Der Soloti freute sich über das glückliche Gesicht seines Enkels und ließ sich auf ein Knie nieder, um ihn in die Arme zu schließen. Haxym beobachtete die beiden mit einem Lächeln, das er extra für solche Gelegenheiten eingeübt hatte, obwohl er immer darauf achtete, dass Yriti nicht zu viel Einfluss auf seinen Enkel nahm. Dies würde seiner eigenen Erziehung zuwiderlaufen.

„Ich kann damit durchaus noch einige Jahre warten, Vater“, versicherte er dem Soloti und dies entsprach sogar der Wahrheit. Ehefrauen waren längst nicht so wichtig, wie der Ältere glaubte. Mal abgesehen davon, dass es zurzeit auch keine passenden Kandidatinnen in der Familie gab. Bei seiner Hochzeit war zwar noch die Verlobung zwischen seinem jüngsten Bruder und der jüngsten Tochter seines Onkels Fanadja vereinbart worden, aber mit der Geburt seines Sohnes Ypheg vor einigen Monaten gab es inzwischen bereits vier Jungen, für die noch keine passende Verbindung gefunden worden war. Dieses Thema beschäftigte den Soloti aber augenscheinlich und wenn das für seinen Vater wichtig war, dann musste er es zumindest im Auge behalten. Alles, worüber der Herrscher der Oixya nachdachte, durfte er selbst nicht vernachlässigen oder er könnte Gefahr laufen, etwas zu übersehen.

Maysap hatte den Soloti und ihn ganz offensichtlich beobachtet, denn er löste sich ebenfalls von seiner Frau und trat zu den Männern, nachdem er die Vierzehnjährige zu den anderen Ehefrauen und Mädchen geschickt hatte.

„Bist du deiner Frau etwa schon überdrüssig, mein Sohn“, zog Bolog seinen Ältesten auf. Maysap lief rot an – und konnte seinen Ärger darüber nicht verbergen - aber er hielt dem Blick seines Vaters trotzdem stand. Und er schaffte es sogar, ein Grinsen auf sein Gesicht zu bringen. „Heute Nacht werde ich genügend Zeit mit meiner Frau verbringen, Vater. Warum sollte ich es ihr also verdenken, wenn sie sich jetzt mit den anderen Frauen unterhalten möchte. Sobald ich sie rufe, wird sie es nicht wagen, sich mir zu verweigern.“

Bolog lachte über die Worte seines Sohnes. Er glaubte ganz offensichtlich nicht, dass Maysap seine Frau derart unter Kontrolle halten konnte und fasste seine Aussage deshalb als Scherz auf. Die anderen älteren Männer lachten ebenfalls und aus genau dem gleichen Grund. Haxym erlaubte sich auch ein Lächeln, allerdings nicht, weil er die Worte ebenfalls witzig fand. Schließlich kannte er seinen Freund sehr gut und wusste, dass dieser alles ernst gemeint hatte.

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Xasfas Hochzeit hätte ein genauso freudiges Ereignis werden sollen, wie die seines älteren Bruders im Jahr zuvor, aber der Tod ihrer Mutter Tryda verhinderte das. Zwar hatte niemand den Vorschlag gemacht, die Zeremonie zu verschieben, aber die Stimmung unter den Anwesenden war natürlich ziemlich bedrückt. Da der Termin allerdings schon vor langer Zeit festgelegt worden war, sahen alle mit trauriger Miene zu, wie sein Onkel Fanadja seine älteste Tochter Todja ihrem zukünftigen Ehemann zuführte.

Haxym hatte wieder einmal Probleme damit, zu verstehen, wieso die anderen wegen Trydas Tod derart betrübt und niedergeschlagen waren. Ihm war aber natürlich nicht entgangen, dass er mit seiner Meinung alleine stand und so gab er sich große Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie er tatsächlich darüber dachte. Er hatte sich alles wiederholt durch den Kopf gehen lassen, vor allem aber, weil er daraus etwas über seine Mitmenschen lernen wollte, aber für ihn selbst änderte sich nichts. Schließlich ging es hier nur um eine Frau und dazu noch um eine sehr neugierige, was ihr letztendlich zum Verhängnis geworden war. Er hatte aber verstanden, dass es gut war, wenn das niemandem außer ihm selbst bekannt wurde und dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern sollte. Und auch wenn er selten etwas vor seinem Freund Maysap verheimlichte, war ihm schnell klargeworden, dass er ihm besser nichts davon erzählte, was seiner Mutter tatsächlich zugestoßen war.

Aber auch den anderen war bewusst, dass das Leben weitergehen musste und mit dieser Heirat waren die verschiedenen Zweige der Familie einmal mehr miteinander verbunden worden. Seiner Meinung nach, wurde es jetzt allerdings mal wieder Zeit, dass ihnen weitere Söhne geboren würden, denn zurzeit war sein eigener, zweijähriger, Sohn Ypheg der Jüngste und er lief inzwischen bereits zwischen den Männern herum. Sehr zur Freude des Soloti, der sich gerne mit seinen beiden Enkeln beschäftigte. Haxym war nicht sonderlich begeistert darüber, denn er war sich sicher, dass sein Vater nicht verstand, was es in einigen Jahren bedeuten würde, ein Mann zu sein. Der Soloti hatte altmodische Ansichten, die sich auch in seinen Gesetzesvorschlägen widerspiegelten. Haxym konnte nur von Glück sagen, dass sich bisher nie etwas darunter befunden hatte, das er später nicht würde korrigieren können.

Er hatte allerdings erst vor ein paar Tagen erfahren, dass nicht alles, woran sein Vater arbeitete, unzulänglich war. Zurzeit beschäftigte der Soloti sich nämlich damit, die sarische Form der Heirat – also diejenige, die seine Familie und deren Anhänger praktizierten - auch im Bund anerkennen zu lassen. Sollte er es schaffen, dieses Gesetz durchzubringen, müssten sie ihre Frauen nicht mehr vor der Öffentlichkeit verbergen. Diese könnten dann ihre Culae mit Stolz tragen und das war nicht nur ihren Ehemännern wichtig.

Haxym wandte sich seinem Freund zu, der direkt neben ihm stand. „Bist du dir sicher, dass du genug Zeit mit deiner Frau verbringst, Maysap?“ Er konnte es sich nicht verkneifen, den anderen damit aufzuziehen, dass er seine Frau, Haxyms kleine Schwester, nach einem Jahr Ehe immer noch nicht geschwängert hatte. Besonders, da er wusste, dies war ein Thema, auf das Maysap empfindlich reagierte. So einer Gelegenheit konnte er nicht widerstehen. Sein Freund würde ihm das auch nicht übelnehmen. Niemand, der ihn wirklich kannte, nahm ihm je etwas übel, weil keiner von ihnen seinen Zorn zu spüren bekommen wollte.

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Haxym blickte voller Stolz auf seine hochschwangere Ehefrau, die allen Anwesenden seine Männlichkeit kundtat. Ihm war aber auch nicht entgangen, dass sein Freund Maysap nicht minder stolz auf seine ebenfalls schwangere Frau war. Und sie beide hofften natürlich darauf, dass ihnen ein Sohn geboren würde. Aber niemand wusste im Voraus, ob ihn das Leben in dieser Hinsicht segnen würde und Haxym war sowieso der Meinung, es wäre besser, sein Freund würde eine Tochter erhalten. Diese könnte dann mit einem seiner Söhne verlobt werden.

Er löste seinen Blick von Cayhma und beobachtete stattdessen seinem jüngeren Bruder Djepyo, der in der Mitte des Raumes stand und auf seine Braut wartete. Noch hatte Bolog seine Tochter Gajef allerdings nicht in den Raum geführt, obwohl sie eigentlich bereits hier sein müssten. Nach Haxyms Meinung hätte es überhaupt nicht zu einer Verzögerung kommen dürfen, aber das Mädchen schien immer noch um seine Mutter zu trauern. Wäre sie seine Tochter, hätte er ihr das nicht durchgehen lassen.

„Ich hoffe, dies wird das letzte Mal sein, dass deine Schwester meinen Bruder warten lässt“, raunte er seinem Freund zu. Wer ihn nicht kannte, würde seine Worte sicherlich als Scherz auffassen oder vielleicht auch als Stichelei, aber Maysap wusste genau, wie ernst sie gemeint waren. Deshalb würde er später einige Worte mit Gajef wechseln und ihr klarmachen, wer in ihrer Ehe das Sagen hatte. Es war für sie auf jeden Fall besser, wenn sie verstand, dass sie immer, wenn sie ihrem Ehemann nicht gehorchte, damit auch Djepyos älteren Bruder verärgerte. Und sie musste auch verstehen, dass es ihr in einem solchem Fall nichts nutzen würde, Schutz bei ihrem Vater zu suchen. Vor Haxyms Zorn gab es keinen Schutz. Für niemanden. Nirgendwo.

Der älteste Sohn des Soloti erlaubte sich ein Lächeln, nachdem er sicher war, dass seine Warnung angekommen war und dass weder sein eigener Vater, noch Gasar etwas davon mitbekommen hatten. Die Älteren waren leider immer noch in der Lage, Haxym Probleme zu bereiten, sollten sie zu früh auf ihn, seinen Bruder und seinen Freund aufmerksam werden. Noch war er nicht so weit, dass er es sich erlauben konnte, den Soloti zu beseitigen. Dabei war ihm kaum etwas so verhasst, wie seine Aktionen hinausschieben zu müssen.

Endlich öffnete sich die Tür des Nebenraums und Bolog trat herein, gefolgt von seiner fünfzehnjährigen Tochter. Gajef war immer schon schüchtern und vielleicht wäre sie heute am liebsten zu Hause geblieben, obwohl sie bereits seit langer Zeit gewusst hatte, dass sie an diesem Tag heiraten würde. Aber auch wenn ihr Vater ihr manches hatte durchgehen lassen, in diesem Punkt hätte er ihr niemals nachgegeben. Und wenn Maysap erst mit ihr gesprochen hatte, würde sie auch niemals ein Problem für seinen Bruder darstellen. Haxym fieberte einer Zukunft entgegen, in der jede Frau von vornherein wusste, wo ihr Platz war. Leider würde das noch ein paar Jahre auf sich warten lassen, denn sein Vater würde niemals die entsprechenden Gesetze erlassen. Aber er hatte es wenigstens geschafft, dass die sarischen Heiratsbräuche, die die Familie des Soloti bereits seit Jahren praktizierte, im Bund jetzt ganz offiziell erlaubt waren. Die Frauen durften nun ihre Culae zeigen und die Männer den Cultro offen am Gürtel tragen. Für Haxym war das allerdings nur ein kleiner Schritt in die von ihm gewünschte Richtung.

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Haxyms gesamte Familie hatte sich in seinem Haus versammelt und sie waren alle sehr bedrückt, weil sie um das Leben seiner Frau Cayhma bangten, die am vorhergehenden Tag Zwillinge zur Welt gebracht hatte. Die Schwangerschaft war sehr anstrengend für sie gewesen – und ihr Ehemann war niemand, der auf so etwas Rücksicht nahm – und die langwierige Geburt hatte sie all ihrer Kräfte beraubt. Haxym selbst glaubte nicht mehr daran, dass sie sich noch einmal erholen konnte. Aber er sah keinen Sinn darin, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn das Leben gab und das Leben nahm. Statt seiner Frau in dieser schweren Stunde Beistand zu leisten – was er für sinnlos hielt - freute er sich darüber, zwei weitere Söhne bekommen zu haben. Seine Söhne waren ihm viel wichtiger als seine Ehefrau und so hatte er, sobald sich während der Geburt abzeichnete, dass es Probleme geben würde, allen Beteiligten klargemacht, es wäre Cayhmas Wunsch, ihre Söhne mit allen Mitteln zu retten. Welche Mutter würde nicht das Leben ihrer Kinder über ihr eigenes stellen? Und selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, sie hätte es niemals gewagt, eine Meinung zu äußern, die nicht seiner eigenen entsprach. Er hatte daher nicht befürchten müssen, sie werde ihm widersprechen. Sie war aber in dieser Situation auch nicht in der Lage gewesen, sich dazu zu äußern.

In diesem Moment saßen Gasar und seine Frau Taepa am Bett ihrer Tochter und hatten Haxym damit einen guten Grund geliefert, sich aus dem Raum zu entfernen. Er war zwar selbst nicht der Meinung, einen Grund zu benötigen, aber der Großteil der Familie, vor allem die Älteren, wie sein Vater, sahen das völlig anders. Und er war leider immer noch auf das Wohlwollen des Soloti angewiesen. Sein Vater war zwar bereits sechzig Jahre alt, aber er erfreute sich bester Gesundheit. Und obwohl nicht alle seine Untertanen mit den von ihm geschriebenen Gesetzen zufrieden waren, weil sie das Leben im Bund stark verändert hatten, erfreute er sich trotzdem noch ausreichender Beliebtheit bei den Oixya. Genau wie seine Frau. Seine Eltern hatten noch einen starken Rückhalt bei den Untertanen des Soloti. Aus diesem Grund konnte er die Nachfolge seines Vaters noch nicht antreten. Erst musste er noch dafür sorgen, dass weitere seiner eigenen Anhänger wichtige Positionen im Bund besetzten. Mit dieser Aufgabe war er sicherlich noch einige Jahre beschäftigt.

Er sah zur anderen Seite des Wohnraums hinüber, wo seine Eltern saßen und den fünfjährigen Lipava sowie den zweijährigen Ychajvaj beschäftigten. Sie hatten auch deren zwei ältere Brüder vom bevorstehenden Tod ihrer Mutter ablenken wollen, aber Ypheg und Wasajas hatten dies abgelehnt. Mit acht, respektive mit zehn Jahren fühlten sie sich bereits zu alt, um noch in den Arm genommen zu werden. Und dass nur wegen einer Frau. Er hatte sie gut erzogen.

Cayhma war keine schlechte Ehefrau gewesen. Sie hatte ihm sechs Söhne gegeben und sie hatte ihm immer gehorcht, egal was er von ihr verlangte. Aber er war nicht auf sie angewiesen. Sie war nie wirklich wichtig für ihn gewesen. Genau genommen, gab es nur eine Person, die für ihn wichtig war und das war Haxym, Sohn des Yriti. Sonst niemand. Alle anderen waren nur Werkzeuge oder Hindernisse für ihn. Werkzeuge, die es ihm ermöglichen würden, die Herrschaft zu ergreifen. Oder Hindernisse, die er aus dem Weg räumen musste.

Er hörte, wie sich eine Tür öffnete, aber in dem dahinterliegenden Raum herrschte Stille. Dann erschien Gasar im Türrahmen. Der alte Freund seines Vaters war zwar zwei Jahre jünger als Yriti, aber jetzt gerade wirkte er eher so, als wäre er mindestens zehn Jahre älter. Neben ihm – und von ihm gestützt – stand seine Frau. Sie hatte er in den letzten Stunden weinen gehört und das sah man ihr auch an. Jetzt aber schien sie endlich alle Tränen vergossen zu haben.

„Du solltest jetzt zu ihr gehen, Haxym. Ich glaube nicht, dass sie die Nacht überstehen wird. Sie braucht dich jetzt.“ Selbst Gasars Stimme klang alt und brüchig.

Haxym war es eigentlich ziemlich egal, was Cayhma jetzt brauchte, aber wieder einmal fand er sich in einer Situation wieder, in der er den anderen etwas glauben machen musste. Wie sehr er das leid war. Und wie sehr er sich darauf freute, wenn endlich der Zeitpunkt gekommen war, an dem dies nicht mehr nötig sein würde. Aber jetzt war er noch nicht so weit.

Er machte ein angemessen schmerzerfülltes Gesicht, als er seine Familie ansprach. „Lasst ihr uns bitte allein? Bitte seid so gut und nehmt die Kinder mit in den Palast. Ich möchte mit meiner Frau alleine sein. Bitte.“ Er war gut darin, andere Menschen genau das hören zu lassen, was sie hören wollten.

„Natürlich werden wir deinem Wunsch entsprechen, Haxym. Ich halte das auch für eine gute Idee. Aber bist du dir sicher, es alleine zu schaffen?“ Sein Vater klang besorgt.

Er nickte nur. Und wartete dann ungeduldig darauf, dass alle sein Haus verließen. Danach wartete er noch etwas länger, bis er sicher war, niemand von ihnen würde zurückkommen. Endlich war der Moment gekommen, an dem er unbesorgt den Raum betreten konnte, in dem seine Frau lag.

Er betrachtete die bleiche Gestalt auf dem Bett ohne jegliches Mitleid. „Du warst mir viele Jahre nützlich, Cayhma, aber damit ist es jetzt vorbei. Du bist nicht mehr in der Lage, mir noch weitere Söhne zu schenken. Für mich bist du nutzlos geworden.“

In ihren Augen erkannte er Angst. Als ihm dies bewusst wurde, runzelte er die Stirn. Vor ihr hatte er sich nie verstellen müssen und deshalb durfte sie auch jetzt sehen, dass er ihre Reaktion nicht verstand. Sie kannte ihn doch. Sie hatte doch nicht etwa gedacht, die Tatsache, dass sie im Sterben lag, würde etwas für ihn ändern? Ganz bestimmt konnte sie nicht auf diese Idee gekommen sein. Aber es wäre jetzt nur Zeitverschwendung, länger darüber nachzudenken. Er trat auf sie zu und legte seine riesige Hand auf ihr Gesicht. Auf diese Weise konnte er sie am Atmen hindern. Jetzt wo er alleine mit ihr war, musste er keine Rücksicht mehr nehmen.

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Haxym konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben so wütend gewesen zu sein, wie in dem Moment, als er feststellen musste, dass das Leben ihn betrogen hatte. Als im letzten Jahr seine Frau verstarb, hatte er das als unabänderlich hingenommen, vor allem, da es ihn auch nicht berührt hatte. Aber nun hatte das Leben ihn seiner beiden jüngsten Kinder beraubt. Er wollte nicht hinnehmen, dass sie innerhalb weniger Stunden in die Weite gegangen waren, aber er hatte es nicht verhindern können. Er war der Situation völlig hilflos ausgeliefert und das war kein Zustand, der ihm zusagte. Das Leben hatte es aber anscheinend nicht im Geringsten interessiert, was er wollte oder was ihm gefiel. Als dann auch noch seine Familie ihn ausgerechnet damit trösten wollte, ihm zu erzählen, er habe doch mit so etwas rechnen müssen, hatte dieses Gerede seine Wut ins Unermessliche gesteigert. Natürlich war ihm in den letzten Monaten aufgefallen, dass Siyum und Pyawu keine besonders kräftigen Kinder waren, aber es hatte sich bei ihnen um seine Söhne gehandelt. Sie waren nicht dazu bestimmt, zu sterben.

Aber alle seine Wünsche hatten nichts daran geändert, dass sie nun tot waren. Die ganze Situation mit der Familie hatte schließlich seine Kraft überstiegen und bevor er völlig die Kontrolle über sich verlor, war er aus dem Haus gestürzt, ohne darauf zu achten, wohin ihn seine Füße trugen. Aber inzwischen hatte er sich wieder etwas beruhigt und fand endlich die Zeit, seine Umgebung zu mustern. Er war erstaunt, sich in einer schmutzigen Gasse wiederzufinden, aber wo genau er sich befand, wusste er in diesem Moment nicht. Und er konnte nur hoffen, er habe bei seiner kopflosen Flucht – anders konnte er sein Verhalten nicht nennen – nicht zu viel von dem verraten, was er immer so sorgfältig verborgen gehalten hatte. Dann blickte er sich nach Maysap und Djepyo um. Auch wenn er nach seiner Flucht aus dem Haus blindlings durch die Straßen der Hauptstadt gelaufen war, war ihm trotzdem nach einiger Zeit aufgefallen, dass er nicht alleine war. In einiger Entfernung waren ihm die beiden Männer gefolgt, die sich aber offensichtlich nicht sicher waren, ob sie ihm gefahrlos näherkommen konnten. Aus diesem Grund waren sie wohl ebenfalls stehengeblieben und beobachteten ihn sorgfältig.

Ihm wurde auf einmal bewusst, dass es sein Verhalten war, das die beiden auf Abstand hielt. Er hatte es immer als vorteilhaft angesehen, selbst seine nächste Umgebung in Angst und Schrecken zu versetzen, obwohl er schon vor einiger Zeit verstanden hatte, dass dies nicht immer die beste Taktik war. Er holte tief Luft, um den beiden etwas zuzurufen, denn er wusste, er würde die beiden noch brauchen. „Ich habe nicht vor, euch beiden die Schuld am Tod meiner Söhne zu geben.“ Sofort konnte er Erleichterung auf ihren Gesichtern erkennen, denn seine Freunde kannten ihn sehr gut und sie glaubten auch genau zu wissen, zu was er fähig war. Sie hatten eindeutig Angst davor gehabt, ihn zu enttäuschen. Wieder einmal musste er feststellen, dass er nicht immer in der Lage war, ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Er war überhaupt nicht auf die Idee gekommen, die beiden könnten davon ausgehen, er gäbe ihnen die Schuld. Schließlich hatte er ihnen nie etwas vorgemacht, ganz im Gegensatz zum Rest der Familie.

„Der Soloti hat sich Sorgen um dich gemacht und uns hinter dir hergeschickt. Aber wir wären dir auch von alleine gefolgt.“ Maysap war immer schon gut darin, seine Worte so zu wählen, dass kein Fremder verstehen würde, über was er tatsächlich sprach. Das war ihm derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass er es auch in einer Situation wie dieser anwandte, wenn sich niemand in der Nähe aufhielt. Er war in dieser Hinsicht lieber zu vorsichtig. Haxym hatte nicht vor, ihn deshalb zu rügen.

„Die ganze Familie macht sich Sorgen um dich, Bruder. Aber sie haben verstanden, dass du jetzt Zeit für dich brauchst.“ Djepyo hatte schon früh in seinem Leben erkannt, dass sein Bruder nicht derjenige war, für den ihn der Rest der Familie hielt. Er hatte eine gute Vorstellung davon, um was für eine Art Mensch es sich bei Haxym handelte. Aus diesem Grund hatte er sich ebenfalls bereits früh dafür entschieden, seinem älteren Bruder bedingungslos zu folgen. Haxym wusste, er konnte sich in jeglicher Hinsicht auf ihn verlassen. Der Jüngere wusste genau, was das Beste für ihn selbst war.

„Während wir dir gefolgt sind, ist uns etwas aufgefallen, von dem wir sicher sind, dass es dich ablenken wird, Haxym“, ließ sich sein Freund vernehmen. Haxym runzelte die Stirn. Der andere sollte doch eigentlich wissen, dass es in dieser Stadt wenig gab, was ihn in seiner derzeitigen Verfassung interessieren würde. Maysap hatte ihn, wie immer, genau im Auge behalten und sobald er den Zorn auf Haxyms Gesicht erkannte, redete er hastig weiter. „Ich habe einen Mann gesehen, von dem ich mir sicher bin, es handelt sich um Wistitt. Er ist mir deshalb aufgefallen, weil er sich so betont unauffällig verhielt. Obwohl es schon ein paar Jahre her ist, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe, bin ich mir aber sicher, dass es sich tatsächlich um ihn handelt.“

Wistitt! Er fühlte Neugier, aber vor allem Erregung in sich hochsteigen. Sein Onkel war auf jeden Fall eine Person, die ihn nicht nur heute interessierte, der er aber gerade an diesem Tag gerne begegnen wollte. Allerdings würde dies nicht die Art von Treffen werden, bei dem er Zeugen dabeihaben sollte. Aber gegen die Begleitung einiger Freunde hatte er nichts einzuwenden. Sie mussten sich nur an seine Spielregeln halten.

Er benötigte nur einen kurzen Moment, um eine Entscheidung zu treffen. „Zeig mir den Weg!“, wies er Maysap an und folgte ihm dann, als dieser den Weg zurückging. Sie mussten eine längere Strecke zurücklegen und durchquerten dabei einen großen Teil der Stadt. Offensichtlich war er sehr lange durch die Straßen gelaufen. Endlich erreichten sie ein weiteres ärmliches Viertel, mit engen und dunklen Gassen. Sein Freund bat ihn und seinen Bruder, kurz zu warten und verschwand um eine Ecke, aber er war bereits nach kurzer Zeit wieder zurück.

„Er ist noch hier. Aber er ist nicht alleine.“

Haxym musste nur kurz nachdenken. „Gibt es eine Möglichkeit für uns, ihn aus einem dieser Gebäude heraus zu beobachten?“, wollte er wissen.

Maysap nickte. „Ich habe bereits eins gefunden, das dafür bestens geeignet ist.“ Er wandte sich um und ging den Weg zurück, aber diesmal folgten ihm die beiden anderen. Schließlich verschwand er in einem der heruntergekommenen Häuser. Drinnen war es düster und gespenstisch still. Obwohl sich in den kleinen Räumen noch Möbel und Kleidungsstücke befanden, begegnete ihnen niemand, als sie sich vorsichtig und leise zur Rückseite des Gebäudes begaben. Dort wies Maysap auf eine Fensteröffnung.

Haxym schlich lautlos näher. Als er vorsichtig hindurch spähte, konnte er tatsächlich einige Personen auf einem dreckigen Innenhof sehen. Aber er konnte nicht erkennen, ob eine davon sein Onkel war, daher blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten.

Während er die Personen vor dem Fenster nicht aus den Augen ließ, begaben sich seine beiden Freunde wieder aus dem Haus heraus, um die andere Seite des Innenhofs zu erreichen. Sollte er heute tatsächlich die Gelegenheit erhalten, seinem Onkel gegenüberzutreten, dann würde er sich über ihre Rückendeckung freuen. Er war gerne gut vorbereitet und deshalb hatte er die beiden jetzt schon losgeschickt. Und selbst wenn sich am Ende herausstellte, dies dort draußen wäre nicht Wistitt, dann war das auch nicht weiter schlimm. Der Mann konnte trotzdem als Ablenkung für seine Wut dienen.

Endlich schien das Treffen im Innenhof zu einem Ende zu kommen und zwei der drei Personen verließen den Ort in aller Heimlichkeit. Aber obwohl sie ihre Umgebung sorgfältig musterten, blieben ihnen die drei Beobachter verborgen. Der dritte Mann blieb noch einige Minuten unbeweglich stehen, als wenn er über etwas nachdenken musste und dann drehte er sich plötzlich etwas zur Seite und Haxym gelang es endlich, einen kurzen Blick unter die Kapuze zu werfen. Auf einmal fühlte er sich außerordentlich gut. Dort draußen vor dem Fenster befand sich ohne jeden Zweifel sein Onkel Wistitt. Und er war alleine und in seiner Reichweite.

In der Regel bevorzugte es Haxym, wenn seine Opfer bereits im Voraus wussten, mit wem sie es zu tun hatten. In den meisten Fällen wirkte sich das vorteilhaft für ihn aus. Aber bei Bedarf konnte er sich auch völlig lautlos bewegen. So wie jetzt, als er vorsichtig durch die Fensteröffnung stieg, weil er sein Opfer nicht zu früh auf sich aufmerksam machen wollte.

„Sei gegrüßt, Onkel!“, sprach er Wistitt schließlich von hinten an und konnte zu seiner großen Befriedigung beobachten, wie der andere zusammenzuckte und sich hastig umdrehte. Offensichtlich hatte er sein Gegenüber sofort erkannt, denn er atmete scharf ein, während er gleichzeitig einen Schritt zurückwich, auch wenn ihm das wahrscheinlich noch nicht einmal bewusst geworden war, denn er ließ Haxym dabei keinen Moment aus den Augen.

Aber er fing sich sehr schnell wieder. „Sei gegrüßt, Verwandter!“, antwortete er ihm mit erstaunlich fester Stimme. „Ich bin erstaunt, dich hier anzutreffen.“ Dies entsprach mit großer Wahrscheinlichkeit sogar der Wahrheit. Wistitt war bekannt dafür, Lügen zu verabscheuen.

Haxym lachte. Und diesmal war das nicht das freundliche Lachen, das er eingeübt hatte, um andere in Sicherheit zu wiegen. Diesmal ließ er den anderen sein echtes Lachen sehen. Schon vor Jahren hatte er festgestellt, dass dies auf andere Menschen nicht beruhigend wirkte. Sein Onkel reagierte darauf damit, seine Hand auf das Heft des langen Dolches zu legen, den er in seinem Gürtel trug. Sein ganzes Leben lang war Wistitt nie als Kämpfer aufgetreten und er war nie schwer bewaffnet unterwegs. Auch heute war er von dieser Gewohnheit nicht abgewichen.

„Wir waren auch erstaunt, dich in dieser Gegend zu sehen.“ Genau in diesem Moment waren seine beiden Freunde im Dunkel hinter dem Opfer aufgetaucht.

„Wir?“ Wistitt warf einen raschen Blick über die Schulter. Und als er sich wieder zu Haxym zurückdrehte, konnte dieser erkennen, dass seinem Onkel gerade klargeworden war, was jetzt geschehen würde.

„Aber ich bin wirklich erfreut über unser Zusammentreffen, Onkel“, fuhr Haxym fort. Inzwischen hielt er in jeder Hand einen Dolch, denn der kurze Moment, als Wistitt weggeschaut hatte, war lang genug gewesen, sie aus dem Gürtel zu ziehen.

Auch Maysap und Djepyo hatten ihre Waffen bereits hervorgeholt. Wistitt warf noch einmal einen Blick zu den beiden hinüber und Haxym nutzte diese kurze Unaufmerksamkeit dazu, ihm die erste Wunde beizubringen. Er stach blitzschnell zu und traf den anderen an der linken Seite, knapp unterhalb der Rippen. Sein zweiter Dolch bohrte sich gleich danach tief in eine Schulter. Dann hatten auch seine Freunde das Opfer erreicht und beteiligten sich sofort an dem Angriff. Wieder und wieder trafen ihre Dolche den Älteren, aber dabei achteten sie darauf, ihm keine Wunden im Gesicht zuzufügen. Haxym wollte auf jeden Fall sicherstellen, dass später keine Zweifel aufkamen, um wen es sich bei dem Toten handelte. Und er hatte vor, ihn persönlich zu töten. Aus diesem Grund hatte er seinen beiden Helfern eingeschärft, sie dürften seinen Onkel auf keinen Fall lebensbedrohlich verletzen. Und seine Freunde wussten es besser, als ihm in die Quere zu kommen. Sie hatten verstanden, dass er seinen Onkel erst leiden lassen wollte.

Die drei hatten mit dieser Taktik auch schnell Erfolg. Ihr Opfer blutete inzwischen aus zahlreichen Wunden und war zu Boden gegangen. Er war auch nicht mehr in der Lage, seinen Dolch zu halten, obwohl er bisher nicht so schwer verletzt worden war, dass er nicht mehr gerettet werden könnte. Sollte er jetzt durch ein Wunder entkommen, könnte er den Angriff überleben. Haxym hatte allerdings nicht vor, ihn entkommen zu lassen. Es wurde Zeit für den letzten Akt.

„Ich habe mich tatsächlich sehr darüber gefreut, dich hier zu treffen.“ Erneut lachte er, als ihm aufging, dass er seinen Onkel im wahrsten Sinne des Wortes getroffen hatte und er hatte dabei auch sehr viel Spaß gehabt. „Es tut mir sehr leid, aber ich habe jetzt keine Zeit mehr, mich weiter mit dir zu beschäftigen.“

Der andere lag hilflos am Boden und sah ihn von unten her an. Haxym konnte an seinem Gesicht ablesen, dass ihm wohl von Anfang an bewusst gewesen war, er könne den dreien nicht entkommen. Aber zu Haxyms großen Verdruss zeigte er nicht die Angst, die er eigentlich hätte fühlen sollen. Jetzt hätte ihn Todesangst lähmen müssen, aber dem war nicht so. Allerdings war es jetzt zu spät, um daran noch etwas zu ändern. Er musste dem sofort ein Ende machen.

Mit einer Hand griff er in die Haare seines Onkels und zog dessen Kopf in aller Ruhe soweit wie möglich nach hinten. Und dann schnitt er ihm mit seinem Dolch langsam die Kehle durch. Dabei ließ er sich Zeit und konnte so in aller Ruhe und aus nächster Nähe beobachten, wie Wistitt starb. Der Tod seines Onkels war auf jeden Fall kein schöner Anblick und er war ganz sicher unangenehm und schmerzhaft. Aber Haxym empfand ihn als faszinierend und erregend, darüber hinaus jedoch berührte er ihn nicht im Geringsten.

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Im ganzen Palast herrschte eine unnatürliche und bedrückende Stille. Jeder, der eine Möglichkeit gefunden hatte, das Gebäude zu verlassen, hatte dies bereits vor Stunden getan. Wem nichts anderes übriggeblieben war, als hier zu verweilen – wie den Bediensteten und den Wachen – versuchte nicht aufzufallen. Normalerweise herrschte hier nicht eine derartige Stimmung und niemand war bemüht, dem Soloti aus dem Weg zu gehen. Aber inzwischen wussten alle, dass dies keine normalen Zeiten waren. Als der Herrscher und der Rest seiner Familie sich in seine privaten Räume zurückzogen, herrschte große Erleichterung. Und niemand würde sich dem Befehl widersetzen, ihn auf keinen Fall zu stören, wussten sie doch, dass dort die drei Toten aufgebahrt worden waren.

Die so fürchterlich verstümmelten Körper hatte man, so gut es ging, wiederhergerichtet. Allen drei waren unzählige Wunden zugefügt worden, nur ihre Gesichter hatten die Angreifer unversehrt gelassen. Daher hatte man die Ermordeten sofort identifizieren können.

Haxym hatte in den letzten Jahren sehr viel Übung darin bekommen, andere nicht erkennen zu lassen, was in seinem Kopf vorging. Deshalb fiel niemandem auf, dass er nicht wie der Großteil der Familie rätselte, wieso die Toten auf diese Art und Weise gekennzeichnet worden waren. Sein Bruder Djepyo dagegen musste sich im Hintergrund halten, damit niemand bemerkte, dass auch er Bescheid wusste. Maysap hatte allerdings seinem toten Bruder Nyvediat die letzte Ehre erweisen müssen, aber dann die erste Gelegenheit ergriffen, um sich zurückzuziehen. Die anderen gingen wahrscheinlich davon aus, dass er sich von seinen Freunden in seiner Trauer trösten ließ. Keiner wusste, dass er in Wirklichkeit seinem elf Jahre jüngerem Bruder nie so nahegestanden hatte, wie etwa Haxym und dessen Bruder. Sein Tod hatte ihn nicht berührt.

Aber bei dem Soloti und seinem Freund Bolog sah das völlig anders aus. Ihre Trauer und ihr Schmerz waren echt. Yriti beweinte den Tod seines besten und ältesten Freundes Gasar und dessen Frau Taepa, Bolog in erster Linie den seines Sohnes. Aber er hatte ebenfalls einen guten Freund und langjährigen Gefährten verloren. Nachdem sie von Wistitts gewaltsamen Tod erfahren hatten, war darüber gesprochen worden, dass seine Anhänger nicht stillhalten würden, aber keiner von ihnen hatte mit einer derart persönlichen Antwort gerechnet.

Haxym war nicht entgangen, dass sein Vater von der Ermordung seines Freundes sehr hart getroffen worden war. In der kurzen Zeit, seit er Gasars Leichnam zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatte, war der zweiundsechzigjährige Herrscher sichtlich gealtert. Bis dahin hatte er die Herrschaft über den Bund ohne Probleme ausgeübt und, trotz seines Alters, immer noch tatkräftig daran gearbeitet, dass dieser sich in die richtige Richtung bewegte. Aber nun wirkte er, als würde er ohne fremde Hilfe noch nicht einmal den Weg aus seinem Bett finden. Wenn er sich von diesem Schicksalsschlag nicht schnell erholen konnte, dann war er wertlos. Für den Bund, aber vor allem für Haxyms Pläne, die für ihn selbstverständlich sehr viel wichtiger waren.

In einer Ecke des Raumes standen die Frauen, als dichtgedrängte Gruppe, und weinten hemmungslos. Yritis grauhaarige Frau Eponai sah aus, als hätte sie bereits die ganze Nacht Tränen vergossen. Bologs Töchter wirkten ebenfalls nicht besser. Während sich die hochschwangere, zweiundzwanzigjährige Gajef von den anderen Frauen trösten lassen musste, hatte ihre acht Jahre jüngere Schwester Gosjvar erst einmal Beistand von ihrem Verlobten Cahec erhalten. Fanadjas Frau Pajosa hielt ihre Tochter Todja, Xasfas Frau, im Arm und Haxyms Schwester Tiripa, Maysaps ebenfalls hochschwangere Frau, wischte ihrer siebenjährigen Tochter Etogia die Tränen aus dem Gesicht und kümmerte sich auch noch um Gajefs vierjährige Tochter Asmes.

Einzig die dreizehnjährige Remya, Fanadjas Jüngste, stand etwas abseits von den anderen Frauen und klammerte sich an ihren Verlobten. Haxym musste einen Anfall von Abscheu unterdrücken, als er sah, wie sein jüngster Bruder Nevjemar zärtlich versuchte, seine Zukünftige zu beruhigen und sich dabei nicht weniger an ihr festhielt, als sie an ihm. Er hatte mit dem Jüngeren nie etwas anfangen können. Am Anfang hatte er es auf den Altersunterschied zwischen ihnen geschoben, aber inzwischen war er sich sicher, dass Nevjemar einfach viel zu ängstlich war. Und sonderlich schlau schien er auch nicht zu sein. Doch dann fiel Haxym auf einmal ein, dass sein Bruder ein enger Freund des gleichaltrigen Nyvediat war. Aber trotzdem gehörte es sich für ihn nicht, in aller Öffentlichkeit zu weinen.

Haxym hatte seine eigenen vier Söhne – den zwölf Jahre alten Wasajas, dessen zwei Jahre jüngeren Bruder Ypheg, ebenso wie den siebenjährigen Lipava und den erst vier Jahre alten Ychajvaj – in seiner Nähe behalten, damit niemand auf die Idee kam, sie müssten ebenfalls getröstet werden. Maysap hatte das gleiche mit seinem dreijährigen Sohn Vosyet getan. Fanadjas siebzehnjährige Zwillingssöhne Cahec – der seine Verlobte inzwischen alleine bei den Frauen gelassen hatte - und Optar, sowie Xasfa mit seinem beiden Söhnen, dem vierjährigen Hyawer und dem drei Jahre jüngerem Wamidi, standen auch in einer Ecke zusammen, obwohl jeder dem Kleinen ansah, dass er sich lieber auf dem Arm seiner Mutter befinden würde. Sein Bruder hatte seine Söhne offensichtlich nicht rigoros genug erzogen.

Jedes Mitglied der Familie, einschließlich Bolog, hatte sich hier versammelt. Einzig Nyvediats Verlobte Cesavlas fehlte, weil sie nach dem Tod ihres Bräutigams bereits zu ihrer Familie zurückgeschickt worden war. Ohne ihn hatte es für sie keinen Platz mehr im Palast gegeben. Haxym war erleichtert, dass sie nun doch kein Teil seiner Familie werden würde, er war von Anfang an dagegen gewesen, eine Fremde in ihren Kreis zu lassen, aber eigentlich hatte er sie schon vergessen. Für ihn war sie nicht mehr als eine fremde Frau.

Von sehr viel größerem Interesse war für ihn allerdings, wann sein Vater sich von diesem Schlag erholen würde. Konnte Yriti wieder zu dem entschlossenen und tatkräftigen Herrscher werden, der die Geschicke des Bundes so problemlos gesteuert hatte oder würde er dafür nicht mehr zu gebrauchen sein. Diese Frage beschäftigte Haxym, denn die Wiederherstellung der Autorität des Soloti hatte für ihn die höchste Priorität.

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„Du siehst gar nicht gut aus, Vater.“ Haxym hatte es unterlassen, in seiner Stimme die Art von Besorgnis anklingen zu lassen, die ein fürsorglicher Sohn eigentlich seinem Vater entgegenbringen sollte. Aber er war nicht hierhergekommen, um seinen Vater wiederaufzubauen. Er war auch nicht gekommen, um ihn zu bemitleiden. Und er war auch nicht mehr der Meinung, es würde ihm einen Vorteil bringen, dem Soloti noch etwas vorzuspielen. Sollte der Ältere davon überrascht werden, dann wäre das nur der Beweis dafür, wie gut Haxym bisher gearbeitet hatte.

Der Mangel an Besorgnis von Seiten seines Sohnes war Yriti nicht entgangen. Obwohl es ihm tatsächlich nicht gut ging, richtete er sich in seinem Stuhl auf und musterte seinen ältesten Sohn mit misstrauischem Blick. Ihm konnte auch schwerlich entgehen, dass Haxym auf ein freundliches Gesicht verzichtete. Stattdessen zeigte der Jüngere ihm einen Gesichtsausdruck, den er noch nie bei ihm gesehen hatte. Er hatte einen seltsam starren Blick und machte auf seinen Vater im ersten Moment einen desinteressierten Ausdruck. Yriti konnte nicht wissen, dass sein Bruder genau diesen Ausdruck vor seinem Tod zu sehen bekommen hatte. Er wusste auch nicht, dass dies Haxyms wahres Gesicht war, das er immer dann zeigte, wenn er sich nicht verstellen musste. Dies unterschied sich allerdings kaum von dem Gesichtsausdruck, den er zeigte, wenn er auf etwas blickte, das ihn erregte. Dies lag wahrscheinlich daran, dass er sich eigentlich immer erregt fühlte. Allein schon durch das Gefühl der Macht, das ihm die Manipulation all der Menschen um ihn herum bescherte. Selbstverständlich gab es auch Situationen, die ihn zum Lächeln brachten, aber dieses Gesicht war für andere noch erschreckender als dieses. Und er hatte keinen Grund, seinen Vater jetzt noch zu erschrecken.

In Yritis Blick zeigte sich nun Wachsamkeit, aber keine Angst. Schließlich handelte es sich bei seinem Besucher um seinen Sohn, auch wenn ihm nicht entgehen konnte, dass Haxym sich seltsam benahm.

„Dein Freund ist jetzt bereits seit mehr als einem halben Jahr tot. Du hättest längst wieder deinen Pflichten als Herrscher nachkommen müssen. Aber du lässt unser Volk im Stich.“ Haxyms Stimme ließ jegliches Mitgefühl vermissen.

Yriti verzog das Gesicht, weil ihn diese Worte ganz offensichtlich getroffen hatten. „Du verstehst das nicht. Ich war mit Gasar befreundet, seit wir kleine Jungen waren. Er hat immer zu mir gestanden und mir den Rücken gestärkt. Sehen zu müssen, wie man ihn heimtückisch hingerichtet hat, kann ich nicht einfach abschütteln. Aber du befindest dich im Irrtum. Die Menschen verstehen meinen Verlust und fühlen sich nicht von mir im Stich gelassen.“ Er hatte seine ganze Überzeugung in diese Erklärung gelegt, aber seine Stimme hatte viel von ihrer früheren Kraft verloren.

Haxym hatte diesen Besuch bei seinem Vater sorgfältig geplant. Er hatte den Palast durch einen wenig genutzten Eingang betreten und dabei darauf geachtet, dass ihn niemand zu Gesicht bekam. Außerdem hatte er sich mit Absicht so spät abends auf den Weg gemacht, weil ihm bekannt war, dass der Soloti sich um diese Zeit meistens alleine in seinen privaten Räumen aufhielt. Dies war auch an diesem Abend nicht anders. Aus diesem Grund wusste niemand, dass Haxym sich hier aufhielt. Weder die Wachen, noch die Bediensteten. Auch nicht der Rest der Familie und noch nicht einmal sein Freund oder sein Bruder. Keiner hatte mitbekommen, dass der Soloti noch einen Besucher empfangen hatte. Außerdem vermutete jeder seinen ältesten Sohn ganz woanders in der Stadt.

„Du hättest nach diesen feigen Morden viel härter zurückschlagen müssen, Vater. Stattdessen hast du dich zum Trauern zurückgezogen. Du irrst dich, wenn du glaubst, die Menschen hätten das nicht mitbekommen.“ Eigentlich hätte er sich diese Worte sparen können, denn er hatte seine Entscheidung ja bereits getroffen. Jetzt wollte er nicht noch mehr Zeit mit diesem Gerede vergeuden, sondern endlich seinen Plan in die Tat umsetzen. Und zwar so zügig, wie es seine Art war.

Yriti musterte seinen Sohn immer noch misstrauisch. Hatte er auf Haxyms Gesicht noch etwas gesehen, was ihm seltsam vorkam? Irgendetwas störte ihn auf jeden Fall. „Was willst du tatsächlich, Haxym?“ wollte er wissen. So schnell würde er sich nicht mit irgendwelchen fadenscheinigen Erklärungen zufriedengeben.

Blitzschnell entschied der Jüngere, dass doch noch Zeit für eine Antwort war. „Ich will dafür sorgen, dass der Bund sich weiterhin in die richtige Richtung entwickelt. Und dass wir dabei keine Zeit mehr verlieren. Ich will einen starken Herrscher an der Spitze des Oixyyaa haben.“

Dieses Mal hatte ihn sein Vater offensichtlich ganz genau verstanden, denn seine Hand ging sofort zu seinem Gürtel, wo er normalerweise sein Schwert trug. Aber er hatte wohl für einen Augenblick vergessen, dass er sich in seinen eigenen Räumen nicht bewaffnete. Haxym hatte diesen kurzen Moment der Verwirrung ohne Zögern ausgenutzt und sich seinem Vater soweit genähert, dass er nun direkt neben ihm stand.

Yriti blickte erstaunt zu seinem Sohn empor. „Warum bist du wirklich gekommen, Haxym? Du willst mich doch nicht etwa umbringen? Glaubst du tatsächlich, du könntest deinen Vater und Soloti töten?“

Diesmal verzichtete Haxym auf eine Antwort. Worte wären jetzt fehl am Platz, aber Yriti hatte seinem Gesicht wohl ansehen können, was er vorhatte, denn plötzlich weiteten sich seine Augen voller Angst. Aber bevor er noch etwas zu seinem Sohn sagen konnte, hatte Haxym ihm schon eine Hand über Nase und Mund gelegt und mit der anderen presste er den Älteren in seinen Stuhl, um ihn am Aufstehen zu hindern.


Wird fortgesetzt in „Mahasas Torheit (Kinder des Velt) – Teil 4
 
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