Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl

Rezension zu:

David Servan-Schreiber, Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl, Kunstmann 2012, ISBN 978-3-88897-751-0

Mit 31 Jahren erkrankte der Neurowissenschaftler David Servan-Schreiber, der in Pittsburgh das Zentrum für integrative Medizin gegründet hatte, an einem Hirntumor. Nach einer erfolgreichen Operation und Therapie widmete sich Servan-Schreiber fortan mit all seiner Kraft der Antikrebsforschung. Seine Bücher „Das Antikrebs-Buch“ und „Die neue Medizin der Emotionen“ erlebten hohe Auflagen in vielen Ländern der Welt und ermutigten Millionen an Krebs erkrankte Menschen, mit einem anderen Ernährungs- und Lebensstil die Hoffnung nicht aufzugeben und den Zeitpunkt der Wiederkehr des Krebs möglichst lange aufzuschieben.

Im Juni 2010, nach 19 Jahren erfolgreichen persönlichen Kampfes gegen den Krebs, musste David Servan-Schreiber der Wahrheit ins Auge sehen. Nach einem MRT wurde ein neuer Hirntumor festgestellt, und die Aussichten auf eine neuerliche Rettung waren schlecht.
Er stellt sich diesem Schicksal und beginnt schreibend seine Situation zu reflektieren. Entgegen vieler Nachfragen von Freunden, ob nun durch sein eigenes Schicksal der Inhalt seiner beiden Bücher obsolet geworden sei, steht er weiter zu seinen Thesen, muss aber in einem schmerzhaften Reflexionsprozess sich selbst , seiner Familie ( er ist gerade Vater eines kleinen Kindes geworden) und auch seinen Lesern eingestehen, dass seine Lebenspraxis in den vergangenen Jahren nicht der entsprach, die er seinen Patienten empfohlen hatte. Zwar hat er die vielen Reisen und Vorträge in aller Welt genossen, das gibt er zu. Er sagt auch, er würde es wieder so machen, aber über diesen ganzen Stress und einer schlechten Ernährung ist der Tumor zurückgekehrt. Und er schreibt:
„Man darf sich nicht übernehmen und erschöpfen. Zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen vor Krebs gehört es, eine gewisse innere Ruhe zu finden.“ Und er gesteht sich ein: „ Ich habe es nicht geschafft, nahe bei der Natur und den natürlichen Rhythmen zu bleiben.“ An anderer Stelle ruft er sich und seinen Lesern in Erinnerung: „Man muss die eigene Gesundheit pflegen, sein seelisches Gleichgewicht pflegen, seine Beziehungen zu anderen Menschen pflegen, die Erde um uns herum pflegen. Die Gesamtheit dieser Bemühungen trägt dazu bei, uns vor Krebs zu schützen, individuell und kollektiv, auch wenn es nie eine hundertprozentige Garantie geben wird.“

Unlängst war in den Nachrichten die Meldung zu hören, dass aufgrund falscher Ernährung und mangelnder Bewegung der Krebs auf dem Vormarsch ist und schon für weit mehr als ein Viertel aller Todesfälle verantwortlich ist, mit steigender Tendenz.

David Servan-Schreiber reflektiert aber nicht nur die medizinischen Fragen, sondern er begibt sich in diesem lesenwerten und bewegenden persönlichen Dokument auch auf die Reise nach innen, zu seiner Spiritualität und zu den Fragen, was von ihm bleibt. Der bekannte Therapeut Wolfgang Bergmann hat im Herbst 2011 ein ähnliches Buch geschrieben wie Servan-Schreiber unter dem Titel „Sterben lernen: Notierungen zu Krebs und Not und Tod“, das ich an dieser Stelle empfehlen möchte. Auch er ist einer ihn transzendierenden Wahrheit auf der Spur:
"Was ist das für eine Wahrheit, die ich nur zaghaft am Zipfel zu fassen bekomme? Sie ist immer noch da, wie eine unerschütterliche Realität. Ich begreife sie nicht, So wenig wie das Sterben.
Aber sie trägt. Gott trägt sie? Aber wohin?"

Beide Bücher und ihre persönlichen Texte gehen tief. Ihr Versuch, das "Sterben lernen" in Worte zu fassen, konfrontiert den bewussten und sensiblen Leser mit der eigenen Endlichkeit. Mehr als einmal habe ich beim Lesen an mein gegenwärtiges Leben gedacht, und wie es wäre, mich nach einer ähnlichen Nachricht von ihm schnell verabschieden zu müssen.
 

 
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