Mark Twain: Der geheimnisvolle Fremde

Das ist eine Erzählung aus Mark Twains letzten Lebensjahren. Er starb 1910 und hinterließ mehrere unveröffentlichte Fassungen des Stoffs. Sein Biograph Albert Bigelow Paine stellte daraus jene her, die 1916 erstmals in Buchform erschien. Auf diese, die übersetzt auch in Hansers Ausgabe der Gesammelten Werke von 1965 enthalten ist, bezieht sich das Folgende – nicht auf spätere Buchausgaben.
Der Stoff: Der Engel Satan, Neffe des gleichnamigen Höllenfürsten und dem Onkel durchaus geistesverwandt, erscheint 1590 drei Schuljungen in einem abgelegenen österreichischen Dorf. Er führt Zauberkunststücke in großem Stil vor und diskutiert mit ihnen die großen Fragen von Philosophie, Religion und Geschichte. Daneben greift er in die laufenden Ereignisse im Dorf ein, mit zum Teil tödlichen Folgen. Der Gehalt ist also zugleich philosophisch wie theologisch und auch historisch-politisch. Mark Twain hat daraus eine Geschichte in volkstümlichem Ton gemacht, die formal an seine früheren großen Romane anknüpft. Wie schafft er das bei derart schwergewichtiger Problematik? Er schildert den Ablauf aus spätkindlicher Perspektive – wie die Schuljungen alles erleben – und siedelt den Stoff in einem kleinen hinterwäldlerischen Dorf dreihundert Jahre vor seiner Zeit an. Damit schafft er zugleich Distanz wie Nähe. Der zeitliche Abstand lässt uns die großen Zusammenhänge besser erkennen, das Vertraute schafft dagegen erst die Möglichkeit der Identifikation. Wir dürfen annehmen, dass Kinder um 1600 nicht viel anders auf eine für sie neue Welt reagiert haben als die um 1900. Und das Dorf als kleinste geschlossene Siedlungseinheit ist ebenso in seinen Grundzügen über die Jahrhunderte unverändert geblieben, bis zu Mark Twain jedenfalls. Die dritte Eigenschaft, die den schwierigen Stoff dem Leser näherbringt, ist der gelegentlich humoristisch-sarkastische Ton.
Wie ist der Autor Mark Twain in der erzählten Geschichte selbst enthalten? Er ist es auf dreifache Weise. Einmal spiegelt sich in der Satan-Figur deutlich die Lebensauffassung des alten Mark Twain. Der Dorfjunge Theodor Fischer, also der Ich-Erzähler, vertritt dagegen den jungen, noch unreifen, doch schon kritischen Samuel Langhorne Clemens, wie Mark Twain bürgerlich hieß. Nun werden zwar die Geschehnisse aus der Perspektive des Knaben Theodor berichtet, niedergeschrieben sind sie allerdings von diesem „ein Menschenalter“ später. Der gereifte Ich-Erzähler bildet also die vermittelnde Instanz zwischen dem alterspessimistischen Mark Twain um 1910 und dem vitalen jungen Burschen, der er einst selbst war. Ob die gelegentlichen Anachronismen beabsichtigt oder Flüchtigkeitsfehler sind, bleibt offen.
Fazit: Mark Twains lange Erzählung kommt formal als Kindergeschichte mit Schauereffekten daher, stellt dahinter aber ein Selbstgespräch des Autors über „letzte Dinge“ dar, wie z.B. den freien Willen oder die Unterscheidung von Gut und Böse. Ob das Ergebnis als literarisch geglückt anzusehen ist, ist nicht leicht zu entscheiden. Auf jeden Fall ist es ein aufschlussreiches Zeugnis für das Denken des großen, sehr erfolgreichen Autors gegen sein Lebensende hin. Damals war er radikal pessimistisch und nihilistisch, so sehr, dass er den Großteil seiner späten Produktion für sich behielt. Diese Radikalität äußert sich sprachlich wie begrifflich formvollendet in Satans letzten Worten so:
„Es stimmt, was ich dir enthülle; es gibt keinen Gott, kein Weltall, kein Menschengeschlecht, kein irdisches Leben, keinen Himmel, keine Hölle. Es ist alles ein Traum – ein grotesker und törichter Traum. Nichts existiert, nur du. Und du bist bloß ein Gedanke – ein schweifender Gedanke, ein nutzloser Gedanke, ein heimatloser Gedanke, der inmitten leerer Ewigkeiten umherirrt.“ (Zitiert nach der Übersetzung von Otto Wilck.)
 
Witzig:
Grad hab ich mir etwas Mark Twain auf mein Ebook gefüllt (gibt jetzt viel gratis da urhebererchtsfrei, leider natürlich ohne jeden editorischen Hinweis, aber das ist ja bei vielen gedruckten Werken ebenso) und festgestellt, dass ich einiges davon doch sehr gerne wieder- und auch neu lese, und da kommt ein gewisser Herr Abendschön und bespricht etwas mir bis dato Unbekanntes.

Als Jugendlicher mit dem Huck und dem Tom bestens vertraut und später gemerkt, wie enorm vielseitig der Autor ist - wem geht das nicht so? Auch älteren Semestern hat er einiges zu bieten: vom lustigen literarischen Slapstick, manchmal auch nur routinierter Effekthascherei, bis hin zu hochphilosophischer Reflexion. Die von dir beschriebenen Geschichte fasst anscheinend das ganze Spektrum noch mal zusammen. Danke für den Text!

Grüße, Binsenbrecher

ps: Ich dachte, das Forum wird geschlossen, steht doch da oben, habe mich schon geärgert und gefragt, wo ich meinen nächsten Text unterbringe - und nun scheint es doch einfach weiter zu gehen. Das verstehe, wer da will.
 
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Danke, Binsenbrecher, für deine ergänzenden Bemerkungen. Wie ich sehe, sind wir beide schon lange Mark Twain-Kenner. Richtig ist, dass M.T. tatsächlich vor billigen Knalleffekten nicht zurückschreckte. Allerdings scheinen sie mir gerade in dieser sehr späten Erzählung weitgehend zu fehlen. Die Thematik war wohl zu ernst und der Autor aufs Veröffentlichen und Verdienen nicht mehr angewiesen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
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