Marlenes letzter Urlaubstag

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Ciconia

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An ihrem letzten Urlaubstag stieg Marlene gegen Mittag kurzentschlossen in den Bus nach Birnreuth. Das Wetter schien ihr heute zu unbeständig für eine Wanderung, sie hatte bei einem ausgiebigen späten Frühstück vergeblich nach einer Alternative gesucht. Insgesamt lief in diesem Urlaub nichts so richtig rund – das Wetter zu wechselhaft, die Kondition wegen der ewigen Gelenkbeschwerden beeinträchtigt, das Hotel zu voll – irgendwie fand sie nicht die richtige Ruhe. Vielleicht war es an der Zeit, sich allmählich ganz von Bad Steinberg und den Bergen zu verabschieden, dachte sie.

Die Fahrt dauerte fast eine Stunde. Mit der Bahn hätte sie die Strecke in der Hälfte der Zeit geschafft, aber sie fuhr gerne über die kleinen bayerischen Dörfer. Vom Busbahnhof in Birnreuth brauchte sie nicht lange bis auf den zentralen Marktplatz. Hier hatte heute offensichtlich ein Wochenmarkt stattgefunden, die Standlbetreiber waren am Zusammenpacken und verbreiteten eine unruhige Atmosphäre. Marlene floh in eine der kleinen Gassen, sah hier und dort lustlos in ein Schaufenster und überlegte, was sie hier überhaupt wollte. Essen mochte sie noch nicht, dazu war das Frühstück zu reichhaltig gewesen. Zum Herumlaufen in der Stadt wurde es mittlerweile fast zu heiß, die Septembersonne hatte sich doch noch durchgekämpft.
Beim Blick in das Fenster des Tourismusbüros fiel ihr plötzlich ein, was sie in all den Jahren immer mal hatte machen wollen. Sie eilte zurück zum Bahnhof, und eine Viertelstunde später saß sie in dem Schienenbus, der die eingleisige Strecke hinüber nach Trauning am See fuhr. Sie führte über Dörfer mit urigen bayerischen Namen, an den Haltepunkten wurde meist nur bei Bedarf gehalten: „Bei Haltewunsch bitte an die Scheibe der Fahrerkabine klopfen“. Der Ausflug begann Marlene zu gefallen.

An der Endhaltestelle folgte Marlene dem Hinweisschild „Zum See“. Der Weg führte zunächst quer durch den blitzsauber gestalteten Ort und nach einer ganzen Weile auf eine Landstraße. So weit abseits hatte Marlene den See nicht erwartet, und beinahe bereute sie schon wieder ihren Entschluss. Sie schwitzte in der Nachmittagshitze und war froh, dass die letzten paar hundert Meter hinunter zum See von uralten Alleebäumen gesäumt wurden, die jetzt guten Schatten spendeten. Sie hatte von einem Besuch vor sehr vielen Jahren alles ganz anders in Erinnerung.

Um diese frühe Nachmittagszeit herrschte ziemliche Leere in den Wirtschaften am See. Marlene holte sich am Selbstbedienungstresen eine Radler Halbe und eine Brotzeit und suchte sich ein schattiges Plätzchen mit Blick über den spiegelglatten See. Während sie von dem lauwarmen Leberkäs aß und den sauren Kartoffelsalat nur probierte, studierte sie das mitgebrachte Fahrplanheft. Irgendwie hatte sie bei dieser ganzen ungeplanten Aktion völlig das Zeitgefühl verloren. Wenn sie heute Abend das Konzert nicht versäumen wollte, musste sie sich schleunigst auf den Rückweg machen, stellte sie bedauernd fest. Sie nahm den letzten Schluck Radler und brachte das Tablett zurück an den Tresen. Die gelangweilt vor sich hinstarrende Bedienung gab ihr einen Euro Pfand zurück, ohne sie anzuschauen.
„Gibt’s hier irgendeine Abkürzung zum Bahnhof oder muss ich durch den ganzen Ort gehen?“, fragte Marlene.
Das Mädchen schaute sie fast mitleidig an. „Des woaß i net, i bin net von hier.“
Was für ein beschissener Tag, dachte Marlene, und schalt sich selbst, den Ausflug nicht besser geplant zu haben. Andererseits: Hatten ihr derart spontane Vorhaben nicht schon oft die abenteuerlichsten Erlebnisse und interessantesten Begegnungen beschert?

Sie marschierte also auf demselben Weg zurück. Die nächste Bahn würde in fünfundvierzig Minuten fahren, das müsste zu schaffen sein, dann würde sie in Birnreuth auch sofort Anschluss an den Zug nach Bad Steinberg haben. Etwas atemlos näherte sie sich fünf Minuten vor Abfahrt dem Bahnhof. Die Ampel an der Hauptstraße zeigte Rot, und während sie einen Moment verschnaufte, fiel ihr Blick auf einen grauhaarigen älteren Herrn mit einem imposanten Vollbart, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete. Er trug modische Motorradkluft, die ihr ein wenig zu jugendlich für sein Alter erschien. Sie musste schmunzeln. Die Ampel sprang auf Grün, und während Marlene immer noch schmunzelnd an dem älteren Herrn vorüberging, beschlich sie das Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Sie blieb abrupt stehen und schaute sich nach ihm um.
Auch der Mann war plötzlich stehen geblieben.
„Leni?“, hörte sie ihn sagen.
Seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr Leni genannt.
„Ferdl?“
Der Mann strahlte sie an: „Des freche Grinsn kenn ich do!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre lang nicht gesehen.

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie mit ihren Eltern mehrere Jahre lang in den Urlaub nach Bad Steinberg fuhr. Sie wohnten in einer Ferienwohnung bei der alten Vroni Faßgruber. Der älteste von vier Enkeln der Faßgruberin hieß Ferdl.

Marlene wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hasste sie derartige Begegnungen nach langer Zeit, deren erste Minuten selten ohne Peinlichkeiten über die Bühne gingen. Aber der Ferdl ließ keine Unsicherheit aufkommen und redete fröhlich drauf los.
„Bist auf Urlaub? Wohnst hier oder in Steinberg?“
„Ich komm seit Jahren wieder nach Steinberg, gefällt mir immer noch dort“, antwortete sie endlich und musterte ihn genauer. Dass sie sich einfach so auf Anhieb erkannt hatten! Aber er schien kaum verändert – wenn man davon absah, dass er grau geworden war.
Ein Auto hupte, der Ferdl zog Marlene von der Fahrbahn.
„Host no a weng Zeit? Mogst an Kaffee mit mir dringa gehn?“
Marlene zögerte. „Eigentlich wollt ich gleich die Bahn nehmen. Ich möcht heut Abend noch in ein Konzert.“
„Ah, geh, i bin mit’m Motorradl do, i kannt di mitnehma! I wohn a bisserl außerhalb von Steinberg.“
„Du fährst immer noch Motorrad?“
„Ja, freili!“, strahlte er, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt für einen Mann seines Alters.
Das altmodische Café, zu dem sie ihm folgte, gefiel ihr sofort, und es gab sogar noch echten Filterkaffee. Marlene entspannte sich, je weiter sie sich im Gespräch in der Vergangenheit verloren.

Die alte Faßgruberin hatte damals einen Narren an Marlene gefressen. Gleich im ersten Jahr verpflichtete sie ihren zweitältesten Enkel, mit den Flachländern in die Berge zu gehen. Der Hermann war ein hübscher Bursche, Marlene hatte sich ein wenig in ihn verknallt. Doch nach nur zwei Touren konnte er angeblich nicht mehr kommen. Marlene, damals fünfzehn, war sehr enttäuscht gewesen.
Im nächsten Jahr wurde dann der Ferdl eingesetzt. Er studierte in München, nutzte aber jede freie Stunde, um der Großstadt zu entfliehen und in den Bergen sein zu können. So gutaussehend wie sein zurückhaltender Bruder war er nicht, dafür ein stets gutgelaunter Treibauf. Sein unschätzbarer Vorteil: Er besaß ein Motorrad. Die Bergtouren, zu denen er sie mitnahm, mussten nun ohne die Eltern erfolgen, was Marlene keineswegs bedauerte.


Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, man hörte ein leichtes Gewittergrollen.
„Weißt du, woran ich mich oft erinnert habe, weil es für mich eine große Lehre war? An das Gewitter in der Saugasse, auf dem Weg zurück vom Funtensee.“
„Des woaßt no?“, grinste der Ferdl, und Marlene nahm erst jetzt seine makellos blitzenden Zähne wahr, die garantiert nicht mehr seine eigenen sein konnten.
„Wir standen unter einem Felsvorsprung, und ich hab gezittert vor Angst. Ich hätt nie gedacht, welchen Lärm ein Gewitter in Bergen verursachen kann. Ich bin mein Leben lang nicht mehr bei drohendem Gewitter zu einer Tour aufgebrochen.“
„Host wos g’lernt von mia, gell?“, freute er sich, und Marlene nickte stumm.
Sie hatte viel über die Berge und das Tourengehen von ihm gelernt – die Liebe zu den Bergen war ihr seit damals geblieben.
„Wie ist es denn deiner Oma noch ergangen?“
„Der oide Feger is neinzge worn, und bis zuletzt klar im Kopf.“ Es klang durchaus liebevoll. Wieder musste Marlene grinsen.

Sie sah die resolute Alte vor sich, wie sie sie anwies, beim Frühstück auf der Eckbank nicht mit dem Kopf an die „Bleamln“ zu stoßen, die dort von der Wand rankten, oder wie sie den Ferdl abends aus dem Haus komplimentierte, wenn er lieber endlos zum Kartenspielen mit ihr und den Eltern sitzen geblieben wäre. „Ferdinand, go home!“, damit schob sie manchmal den um zwei Köpfe größeren Enkel aus dem Raum.
Vroni Faßgruber war eine patente, resolute und sehr herzliche Person gewesen, an die Marlene sich gern erinnerte.


„Wolltest du nicht immer sechs Kinder haben, die wie die Orgelpfeifen am Sonntag mit dir auf den Berg gehen sollten?“, fiel Marlene plötzlich ein.
Er lachte schallend. „Wos du dir ois g’merkt hast!“
Natürlich hatte sie sich das gemerkt. Sechs Kinder hätte sie sich niemals vorstellen können – schon deshalb hätte aus ihnen nie ein Paar werden können. Sicher nicht nur deshalb.
„Die Traudl wollt halt net mehr ois zwoa, da kunnst nix macha!“, sagte er. Marlene meinte Enttäuschung in seiner Stimme zu hören.
Auf Touren ging er jetzt nur noch selten, gestand er dann. Bei einer Skitour hatte er sich vor Jahren schwer verletzt und sich eine Nacht lang nicht fortbewegen können, dabei waren im zwei Zehen erfroren, erzählte er. Seitdem habe er Schwierigkeiten, längere Strecken zu gehen.
„Warst du alter Haudegen dabei wieder mal allein unterwegs?“, frage Marlene. Wie oft hatte die Faßgruberin geschimpft, weil er ständig allein auf riskante Touren ging. Er nickte ohne das Thema zu vertiefen.
Zwei Tassen Kaffee waren geleert.
„Mogst no a Schnapserl? Auf d‘ oidn Zeitn?“
„Du mußt doch noch fahren!“ entrüstete sich Marlene.
„Oans geht oiwei, des Motarradl kennt do den Weg!“
Er bestellte zwei Stamperl mit einem hochprozentigen Kräuterschnaps. Als die Bedienung sie an den Tisch brachte, bat sie darum, schon kassieren zu dürfen. „Wir schließen um sechse!“.
Marlene schaute überrascht auf die Uhr. Für das Konzert würde es nun auf jeden Fall zu spät werden, aber das machte ihr Moment gar nichts aus. Sie hatten tatsächlich fast zwei Stunden lang geredet, über alte und neue Zeiten. Sie wusste nun, dass er zwei Kinder und drei Enkel hatte und sein Leben lang im Umfeld von Bad Steinberg geblieben war. Marlene blickte auf ein etwas unruhiges Leben zurück. Sie hatte erst spät geheiratet, war kinderlos geblieben, aber beruflich erfolgreich geworden. Zufrieden waren sie anscheinend beide geworden.

Sie schrieben sich damals noch eine Zeitlang Briefe, aber jeder entwickelte schnell sein eigenes Leben, 700 km voneinander entfernt. Marlene fuhr bald nicht mehr mit den Eltern in Urlaub. Obwohl sie später viele Jahre in München wohnte, verschlug es sie selten nach Bad Steinberg, es gab von München aus so viele andere Wanderziele. Durch die Eltern, die noch einige Jahre zu Vroni Faßgruber kamen, erfuhr sie ab und zu Neues aus Ferdls Leben, eben auch, dass er früh geheiratet hatte. Einmal besuchte er Marlene in München, doch ihr neues aufregendes Großstadtleben mit Discos und Parties war ihm sehr fremd gewesen. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt.

Umso erstaunlicher, dass wir uns heute so unbeschwert unterhalten können, dachte Marlene.
Seitdem sie nicht mehr in München wohnte, machte sie wieder des Öfteren Urlaub in Bad Steinberg, ohne ihren Mann, denn der fand nicht mehr viel Spaß am Wandern. Manchmal hatte sie dabei schon an den Ferdl gedacht, aber das war alles viel zu lange her. An diesem Nachmittag überlegte sie: Was war das damals eigentlich gewesen? Eine Jugendliebe? Wohl nicht. Eher eine interessante Jugendfreundschaft.
„Kimm, gemma! Fahrst jetzt mit?“
„Kimm“ – So hatte er sie immer angetrieben, dachte sie, an einer sehr engen und steilen Wegstrecke oder beim Durchwaten eines glitschigen Baches, und ihr mit seiner kräftigen Hand Hilfestellung geleistet.
„Ja, aber nur bis Birnreuth, dann kann ich mir die Bimmelbahn schenken. Die ganze Strecke ist mir zu anstrengend.“
Ihr kamen Bedenken wegen des Motorrades, andererseits reizte sie der Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wieder Motorrad gefahren zu sein.
Das Gewitter war vorübergezogen. Auf dem Weg zum Parkplatz fragte Marlene ihn, was er überhaupt hier im Ort gemacht habe. Er habe einen alten Spezl besucht, der neulich einen schweren Unfall gehabt hatte und sich noch eine Weile auskurieren müsse.
„Wos muaß der oide Lackl in seim Alter a no Motorradl fohrn“, grinste Ferdl. Marlene sah ihn nachdenklich an und schwieg.
Die Maschine war noch riesiger, als Marlene befürchtet hatte. Der Ferdl nahm einen zweiten Helm aus einer der Seitentaschen und half ihr beim Aufsetzen.
„Die alte BMW war ein bisschen bequemer, mein ich“, bemerkte Marlene und hievte sich mühsam auf den Sozius.
„De hod a nur 18 PS ghabt, de do hod 125!“, erklärte er stolz.
Marlene schaute ungläubig.
„Woaßt no, wie’s geht?“
„In den Kurven nicht gegensteuern, meinst du?“
„Genau!“
„Hoit di ei, Madl!“ forderte er sie auf, bevor es losging.
Marlene legte ihre Arme um seine Taille. Früher hatten ihre Arme vollständig um den drahtigen jungen Burschen gereicht, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Ferdl ein wenig füllig geworden war. Ihre Arme konnten seinen Körper nur noch zu knapp zwei Dritteln umfassen.
„Weißt du noch, was deine Oma immer gesagt hat, wenn wir auf Tour gingen?“
„Und pass schee auf d‘ Leni auf?“
Er fuhr wirklich sehr vorsichtig, das musste sie ihm lassen. Kurven gab es auf dieser Landstraße nur wenige, und als sie die erste Unsicherheit überwunden hatte und zunehmend Spaß an der Fahrt empfand, erreichten sie auch schon den Birnreuther Bahnhof.
Zehn Minuten blieben noch bis zur Abfahrt ihres Zuges. Nachdem der Ferdl ihr den Helm abgenommen hatte, standen sie sich etwas unbeholfen gegenüber. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie zum Abschied umarmen.
„Weißt was, ich hasse lange Abschiede. Brauchst nicht zu warten, fahr nur!“
Dann fügte sie lachend hinzu: „Ferdinand, go home!“ und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. “War schön, dass wir uns noch mal getroffen haben.“
Sie gaben sich die Hand und Ferdl umarmte sie nun doch noch ein wenig linkisch. Marlene sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die nächste Ecke verschwand.

Im Zug ließ sie später den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Sie war sich nun endgültig sicher, dass sie im nächsten Jahr nicht wieder nach Bad Steinberg kommen würde. Nach dem heutigen Nachmittag fiel ihr die Entscheidung leichter. Alles hatte seine Zeit gehabt, und so war es gut gewesen.

Draußen hatte heftiger Regen eingesetzt. Marlene schreckte aus ihren Gedanken hoch, als auf der Landstraße neben der Bahnlinie ein Polizeifahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeiraste, während der Zug an einem Haltesignal zum Stehen kam. Das Blaulicht warf ein bizarres Flackern durch die regennassen Scheiben.

***​
Steinberger Tagblatt vom 12. September 2015 - Lokales

Zu einem schweren Verkehrsunfall kam es am Donnerstagabend auf der Bundesstraße zwischen Birnreuth und Bad Steinberg. Ein Motorradfahrer geriet vermutlich aufgrund überhöhter Geschwindigkeit auf regennasser Fahrbahn in den Gegenverkehr und brachte einen entgegenkommenden PKW ins Schleudern. Das Fahrzeug überschlug sich, doch konnte dessen Fahrer fast unverletzt befreit werden. Der Motorradfahrer, ein 69-Jähriger aus Bad Steinberg, erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen.
 

petrasmiles

Mitglied
Aber warum musste er denn gleich sterben?
Mir hätte der Schlusspunkt - alles hat seine Zeit, hier komm' ich nicht mehr her - gereicht.
Aber diese 'Pointe' stört mich nicht nur 'emotional', ich finde auch, sie lenkt vom eigentlichen Erleben der Protagonistin ab. Obwohl sie die Zeit mit Ferdl offenbar genossen hat, wendet sie sich von diesem Erleben ab - warum sie zu diesem Schluss kommt - für mich ist er nicht offensichtlich - finde ich viel interessanter, darüber möchte ich viel lieber nachdenken als über den Mann. Auch zwängt sich da so eine verdrängte Liebesgeschichte rein, so ein dramatischer Abgang, wie man sie von jungen dummen Männern kennt, die der Liebe ihres Lebens nachtrauern, mit sich im Unreinen sind und dann einen Unfall bauen, man hört quasi quietschende Reifen, schluchzende Geigen, aber man bekommt die Totale auf das Gesicht der grausamen Frau nicht. Nein, sie hat ihr Faltenröckchen glatt gestrichen und sitzt im Zug - wahrscheinlich in Gedanken bei irgendwelchen nichtigen Dingen der Alltagsgestaltung.
Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen will: Mich stört der Unfall am Schluss als melodramatischer Höhepunkt, der zum Rest des Geschehens nicht recht passen will.
Oder ist das erst der Schlüssel?
Stellst Du Deine Protaginistin dar als prosaisches Wesen, dass damals wie heute nichts mitbekommen hat?
Hilf mir doch bitte beim Schürfen :)

Liebe Grüße
Petra
 
L

Lupine

Gast
@Ciconia, deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen, sie ist von vorne bis hinten "rund", nachvollziehbar und interessant.
Sehr gerne gelesen!
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Petra,

ja, warum musste der Ferdl sterben?

Ehrlich gesagt hatte ich diese Frage erwartet, denn ich war selbst nicht ganz sicher, ob das noch zu der Geschichte passen würde. Aber ich wollte dem Ganzen noch ein wenig Dramatik verleihen. So habe ich das Ende mit dem Unfall erst sehr spät hinzugefügt, ohne hundertprozentig davon überzeugt zu sein.

Eine verdrängte Liebesgeschichte sehe ich eher nicht. Es kommt ja zum Ausdruck, dass es nie eine war und beide mit sich im Reinen sind. Wenn der Ferdl auf dem Heimweg verunglückt, sollte dies eher auf sein immer noch vorhandenes Draufgängertun zurückzuführen sein, auf das im Laufe der Geschichte mehrfach hingewiesen wird. Vielleicht war er einfach noch in Gedanken bei den Gesprächen mit Marlene und für einen Augenblick bei zu hoher Geschwindigkeit nicht voll konzentriert auf das Verkehrsgeschehen. Ganz ohne Beziehungsdramatik.

Ich habe keinerlei Problem damit, die Geschichte ohne Unfall enden zu lassen. Vielleicht gibt es ja noch weitere Lesermeinungen dazu.

Dir sage ich erst einmal danke für die Beschäftigung mit dem Text!

Gruß Ciconia
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia,

Diese ausführlich geschriebene Geschichte hat auch mir gefallen. Du hast sie mit sovielen Details geschmückt und mit solch einer "Ruhe" erzählt, dass sie bei mir bleibende Bilder erzeugten.
Die Dialoge liessen mich an dem Geschehen teilnehmen und ich blieb bis zum Schluss am Ball. Aus dem Grund (und das ist ein wichtiger Grund) hätte es auch mir gereicht, wenn die Erzählung am Punkt der Abreise zu Ende gewesen wär. Ich teile Petrasmiles Meinung, dass das Ende zu Abrupt kommt und ein wenig forziert wirkt, so als wolle die Autorin hier noch einen "Besonderen Effekt" hinzufügen, der garnicht nötig gewesen wäre.
Gern gelesen!
Mit Gruss,
Ji
 

Ciconia

Mitglied
An ihrem letzten Urlaubstag stieg Marlene gegen Mittag kurzentschlossen in den Bus nach Birnreuth. Das Wetter schien ihr heute zu unbeständig für eine Wanderung, sie hatte bei einem ausgiebigen späten Frühstück vergeblich nach einer Alternative gesucht. Insgesamt lief in diesem Urlaub nichts so richtig rund – das Wetter zu wechselhaft, die Kondition wegen der ewigen Gelenkbeschwerden beeinträchtigt, das Hotel zu voll – irgendwie fand sie nicht die richtige Ruhe. Vielleicht war es an der Zeit, sich allmählich ganz von Bad Steinberg und den Bergen zu verabschieden, dachte sie.

Die Fahrt dauerte fast eine Stunde. Mit der Bahn hätte sie die Strecke in der Hälfte der Zeit geschafft, aber sie fuhr gerne über die kleinen bayerischen Dörfer. Vom Busbahnhof in Birnreuth brauchte sie nicht lange bis auf den zentralen Marktplatz. Hier hatte heute offensichtlich ein Wochenmarkt stattgefunden, die Standlbetreiber waren am Zusammenpacken und verbreiteten eine unruhige Atmosphäre. Marlene floh in eine der kleinen Gassen, sah hier und dort lustlos in ein Schaufenster und überlegte, was sie hier überhaupt wollte. Essen mochte sie noch nicht, dazu war das Frühstück zu reichhaltig gewesen. Zum Herumlaufen in der Stadt wurde es mittlerweile fast zu heiß, die Septembersonne hatte sich doch noch durchgekämpft.
Beim Blick in das Fenster des Tourismusbüros fiel ihr plötzlich ein, was sie in all den Jahren immer mal hatte machen wollen. Sie eilte zurück zum Bahnhof, und eine Viertelstunde später saß sie in dem Schienenbus, der die eingleisige Strecke hinüber nach Trauning am See fuhr. Sie führte über Dörfer mit urigen bayerischen Namen, an den Haltepunkten wurde meist nur bei Bedarf gehalten: „Bei Haltewunsch bitte an die Scheibe der Fahrerkabine klopfen“. Der Ausflug begann Marlene zu gefallen.

An der Endhaltestelle folgte Marlene dem Hinweisschild „Zum See“. Der Weg führte zunächst quer durch den blitzsauber gestalteten Ort und nach einer ganzen Weile auf eine Landstraße. So weit abseits hatte Marlene den See nicht erwartet, und beinahe bereute sie schon wieder ihren Entschluss. Sie schwitzte in der Nachmittagshitze und war froh, dass die letzten paar hundert Meter hinunter zum See von uralten Alleebäumen gesäumt wurden, die jetzt guten Schatten spendeten. Sie hatte von einem Besuch vor sehr vielen Jahren alles ganz anders in Erinnerung.

Um diese frühe Nachmittagszeit herrschte ziemliche Leere in den Wirtschaften am See. Marlene holte sich am Selbstbedienungstresen eine Radler Halbe und eine Brotzeit und suchte sich ein schattiges Plätzchen mit Blick über den spiegelglatten See. Während sie von dem lauwarmen Leberkäs aß und den sauren Kartoffelsalat nur probierte, studierte sie das mitgebrachte Fahrplanheft. Irgendwie hatte sie bei dieser ganzen ungeplanten Aktion völlig das Zeitgefühl verloren. Wenn sie heute Abend das Konzert nicht versäumen wollte, musste sie sich schleunigst auf den Rückweg machen, stellte sie bedauernd fest. Sie nahm den letzten Schluck Radler und brachte das Tablett zurück an den Tresen. Die gelangweilt vor sich hinstarrende Bedienung gab ihr einen Euro Pfand zurück, ohne sie anzuschauen.
„Gibt’s hier irgendeine Abkürzung zum Bahnhof oder muss ich durch den ganzen Ort gehen?“, fragte Marlene.
Das Mädchen schaute sie fast mitleidig an. „Des woaß i net, i bin net von hier.“
Was für ein beschissener Tag, dachte Marlene, und schalt sich selbst, den Ausflug nicht besser geplant zu haben. Andererseits: Hatten ihr derart spontane Vorhaben nicht schon oft die abenteuerlichsten Erlebnisse und interessantesten Begegnungen beschert?

Sie marschierte also auf demselben Weg zurück. Die nächste Bahn würde in fünfundvierzig Minuten fahren, das müsste zu schaffen sein, dann würde sie in Birnreuth auch sofort Anschluss an den Zug nach Bad Steinberg haben. Etwas atemlos näherte sie sich fünf Minuten vor Abfahrt dem Bahnhof. Die Ampel an der Hauptstraße zeigte Rot, und während sie einen Moment verschnaufte, fiel ihr Blick auf einen grauhaarigen älteren Herrn mit einem imposanten Vollbart, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete. Er trug modische Motorradkluft, die ihr ein wenig zu jugendlich für sein Alter erschien. Sie musste schmunzeln. Die Ampel sprang auf Grün, und während Marlene immer noch schmunzelnd an dem älteren Herrn vorüberging, beschlich sie das Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Sie blieb abrupt stehen und schaute sich nach ihm um.
Auch der Mann war plötzlich stehen geblieben.
„Leni?“, hörte sie ihn sagen.
Seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr Leni genannt.
„Ferdl?“
Der Mann strahlte sie an: „Des freche Grinsn kenn ich do!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre lang nicht gesehen.

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie mit ihren Eltern mehrere Jahre lang in den Urlaub nach Bad Steinberg fuhr. Sie wohnten in einer Ferienwohnung bei der alten Vroni Faßgruber. Der älteste von vier Enkeln der Faßgruberin hieß Ferdl.

Marlene wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hasste sie derartige Begegnungen nach langer Zeit, deren erste Minuten selten ohne Peinlichkeiten über die Bühne gingen. Aber der Ferdl ließ keine Unsicherheit aufkommen und redete fröhlich drauf los.
„Bist auf Urlaub? Wohnst hier oder in Steinberg?“
„Ich komm seit Jahren wieder nach Steinberg, gefällt mir immer noch dort“, antwortete sie endlich und musterte ihn genauer. Dass sie sich einfach so auf Anhieb erkannt hatten! Aber er schien kaum verändert – wenn man davon absah, dass er grau geworden war.
Ein Auto hupte, der Ferdl zog Marlene von der Fahrbahn.
„Host no a weng Zeit? Mogst an Kaffee mit mir dringa gehn?“
Marlene zögerte. „Eigentlich wollt ich gleich die Bahn nehmen. Ich möcht heut Abend noch in ein Konzert.“
„Ah, geh, i bin mit’m Motorradl do, i kannt di mitnehma! I wohn a bisserl außerhalb von Steinberg.“
„Du fährst immer noch Motorrad?“
„Ja, freili!“, strahlte er, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt für einen Mann seines Alters.
Das altmodische Café, zu dem sie ihm folgte, gefiel ihr sofort, und es gab sogar noch echten Filterkaffee. Marlene entspannte sich, je weiter sie sich im Gespräch in der Vergangenheit verloren.

Die alte Faßgruberin hatte damals einen Narren an Marlene gefressen. Gleich im ersten Jahr verpflichtete sie ihren zweitältesten Enkel, mit den Flachländern in die Berge zu gehen. Der Hermann war ein hübscher Bursche, Marlene hatte sich ein wenig in ihn verknallt. Doch nach nur zwei Touren konnte er angeblich nicht mehr kommen. Marlene, damals fünfzehn, war sehr enttäuscht gewesen.
Im nächsten Jahr wurde dann der Ferdl eingesetzt. Er studierte in München, nutzte aber jede freie Stunde, um der Großstadt zu entfliehen und in den Bergen sein zu können. So gutaussehend wie sein zurückhaltender Bruder war er nicht, dafür ein stets gutgelaunter Treibauf. Sein unschätzbarer Vorteil: Er besaß ein Motorrad. Die Bergtouren, zu denen er sie mitnahm, mussten nun ohne die Eltern erfolgen, was Marlene keineswegs bedauerte.


Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, man hörte ein leichtes Gewittergrollen.
„Weißt du, woran ich mich oft erinnert habe, weil es für mich eine große Lehre war? An das Gewitter in der Saugasse, auf dem Weg zurück vom Funtensee.“
„Des woaßt no?“, grinste der Ferdl, und Marlene nahm erst jetzt seine makellos blitzenden Zähne wahr, die garantiert nicht mehr seine eigenen sein konnten.
„Wir standen unter einem Felsvorsprung, und ich hab gezittert vor Angst. Ich hätt nie gedacht, welchen Lärm ein Gewitter in Bergen verursachen kann. Ich bin mein Leben lang nicht mehr bei drohendem Gewitter zu einer Tour aufgebrochen.“
„Host wos g’lernt von mia, gell?“, freute er sich, und Marlene nickte stumm.
Sie hatte viel über die Berge und das Tourengehen von ihm gelernt – die Liebe zu den Bergen war ihr seit damals geblieben.
„Wie ist es denn deiner Oma noch ergangen?“
„Der oide Feger is neinzge worn, und bis zuletzt klar im Kopf.“ Es klang durchaus liebevoll. Wieder musste Marlene grinsen.

Sie sah die resolute Alte vor sich, wie sie sie anwies, beim Frühstück auf der Eckbank nicht mit dem Kopf an die „Bleamln“ zu stoßen, die dort von der Wand rankten, oder wie sie den Ferdl abends aus dem Haus komplimentierte, wenn er lieber endlos zum Kartenspielen mit ihr und den Eltern sitzen geblieben wäre. „Ferdinand, go home!“, damit schob sie manchmal den um zwei Köpfe größeren Enkel aus dem Raum.
Vroni Faßgruber war eine patente, resolute und sehr herzliche Person gewesen, an die Marlene sich gern erinnerte.


„Wolltest du nicht immer sechs Kinder haben, die wie die Orgelpfeifen am Sonntag mit dir auf den Berg gehen sollten?“, fiel Marlene plötzlich ein.
Er lachte schallend. „Wos du dir ois g’merkt hast!“
Natürlich hatte sie sich das gemerkt. Sechs Kinder hätte sie sich niemals vorstellen können – schon deshalb hätte aus ihnen nie ein Paar werden können. Sicher nicht nur deshalb.
„Die Traudl wollt halt net mehr ois zwoa, da kunnst nix macha!“, sagte er. Marlene meinte Enttäuschung in seiner Stimme zu hören.
Auf Touren ging er jetzt nur noch selten, gestand er dann. Bei einer Skitour hatte er sich vor Jahren schwer verletzt und sich eine Nacht lang nicht fortbewegen können, dabei waren im zwei Zehen erfroren, erzählte er. Seitdem habe er Schwierigkeiten, längere Strecken zu gehen.
„Warst du alter Haudegen dabei wieder mal allein unterwegs?“, frage Marlene. Wie oft hatte die Faßgruberin geschimpft, weil er ständig allein auf riskante Touren ging. Er nickte ohne das Thema zu vertiefen.
Zwei Tassen Kaffee waren geleert.
„Mogst no a Schnapserl? Auf d‘ oidn Zeitn?“
„Du mußt doch noch fahren!“ entrüstete sich Marlene.
„Oans geht oiwei, des Motarradl kennt do den Weg!“
Er bestellte zwei Stamperl mit einem hochprozentigen Kräuterschnaps. Als die Bedienung sie an den Tisch brachte, bat sie darum, schon kassieren zu dürfen. „Wir schließen um sechse!“.
Marlene schaute überrascht auf die Uhr. Für das Konzert würde es nun auf jeden Fall zu spät werden, aber das machte ihr Moment gar nichts aus. Sie hatten tatsächlich fast zwei Stunden lang geredet, über alte und neue Zeiten. Sie wusste nun, dass er zwei Kinder und drei Enkel hatte und sein Leben lang im Umfeld von Bad Steinberg geblieben war. Marlene blickte auf ein etwas unruhiges Leben zurück. Sie hatte erst spät geheiratet, war kinderlos geblieben, aber beruflich erfolgreich geworden. Zufrieden waren sie anscheinend beide geworden.

Sie schrieben sich damals noch eine Zeitlang Briefe, aber jeder entwickelte schnell sein eigenes Leben, 700 km voneinander entfernt. Marlene fuhr bald nicht mehr mit den Eltern in Urlaub. Obwohl sie später viele Jahre in München wohnte, verschlug es sie selten nach Bad Steinberg, es gab von München aus so viele andere Wanderziele. Durch die Eltern, die noch einige Jahre zu Vroni Faßgruber kamen, erfuhr sie ab und zu Neues aus Ferdls Leben, eben auch, dass er früh geheiratet hatte. Einmal besuchte er Marlene in München, doch ihr neues aufregendes Großstadtleben mit Discos und Parties war ihm sehr fremd gewesen. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt.

Umso erstaunlicher, dass wir uns heute so unbeschwert unterhalten können, dachte Marlene.
Seitdem sie nicht mehr in München wohnte, machte sie wieder des Öfteren Urlaub in Bad Steinberg, ohne ihren Mann, denn der fand nicht mehr viel Spaß am Wandern. Manchmal hatte sie dabei schon an den Ferdl gedacht, aber das war alles viel zu lange her. An diesem Nachmittag überlegte sie: Was war das damals eigentlich gewesen? Eine Jugendliebe? Wohl nicht. Eher eine interessante Jugendfreundschaft.
„Kimm, gemma! Fahrst jetzt mit?“
„Kimm“ – So hatte er sie immer angetrieben, dachte sie, an einer sehr engen und steilen Wegstrecke oder beim Durchwaten eines glitschigen Baches, und ihr mit seiner kräftigen Hand Hilfestellung geleistet.
„Ja, aber nur bis Birnreuth, dann kann ich mir die Bimmelbahn schenken. Die ganze Strecke ist mir zu anstrengend.“
Ihr kamen Bedenken wegen des Motorrades, andererseits reizte sie der Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wieder Motorrad gefahren zu sein.
Das Gewitter war vorübergezogen. Auf dem Weg zum Parkplatz fragte Marlene ihn, was er überhaupt hier im Ort gemacht habe. Er habe einen alten Spezl besucht, der neulich einen schweren Unfall gehabt hatte und sich noch eine Weile auskurieren müsse.
„Wos muaß der oide Lackl in seim Alter a no Motorradl fohrn“, grinste Ferdl. Marlene sah ihn nachdenklich an und schwieg.
Die Maschine war noch riesiger, als Marlene befürchtet hatte. Der Ferdl nahm einen zweiten Helm aus einer der Seitentaschen und half ihr beim Aufsetzen.
„Die alte BMW war ein bisschen bequemer, mein ich“, bemerkte Marlene und hievte sich mühsam auf den Sozius.
„De hod a nur 18 PS ghabt, de do hod 125!“, erklärte er stolz.
Marlene schaute ungläubig.
„Woaßt no, wie’s geht?“
„In den Kurven nicht gegensteuern, meinst du?“
„Genau!“
„Hoit di ei, Madl!“ forderte er sie auf, bevor es losging.
Marlene legte ihre Arme um seine Taille. Früher hatten ihre Arme vollständig um den drahtigen jungen Burschen gereicht, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Ferdl ein wenig füllig geworden war. Ihre Arme konnten seinen Körper nur noch zu knapp zwei Dritteln umfassen.
„Weißt du noch, was deine Oma immer gesagt hat, wenn wir auf Tour gingen?“
„Und pass schee auf d‘ Leni auf?“
Er fuhr wirklich sehr vorsichtig, das musste sie ihm lassen. Kurven gab es auf dieser Landstraße nur wenige, und als sie die erste Unsicherheit überwunden hatte und zunehmend Spaß an der Fahrt empfand, erreichten sie auch schon den Birnreuther Bahnhof.
Zehn Minuten blieben noch bis zur Abfahrt ihres Zuges. Nachdem der Ferdl ihr den Helm abgenommen hatte, standen sie sich etwas unbeholfen gegenüber. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie zum Abschied umarmen.
„Weißt was, ich hasse lange Abschiede. Brauchst nicht zu warten, fahr nur!“
Dann fügte sie lachend hinzu: „Ferdinand, go home!“ und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. “War schön, dass wir uns noch mal getroffen haben.“
Sie gaben sich die Hand und Ferdl umarmte sie nun doch noch ein wenig linkisch. Marlene sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die nächste Ecke verschwand.

Im Zug ließ sie später den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Sie war sich nun endgültig sicher, dass sie im nächsten Jahr nicht wieder nach Bad Steinberg kommen würde. Nach dem heutigen Nachmittag fiel ihr die Entscheidung leichter. Alles hatte seine Zeit gehabt, und so war es gut gewesen.
 

molly

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Hallo Ciconia,


""Steinberger Tagblatt vom 12. September 2015 - Lokales""


Als ich Deinen Schluss las, fragte ich mich sofort, ob er noch am Leben wäre, wenn er sie nicht getroffen hätte.

Ohne Nachricht gefällt mir die Geschichte besser.

""Draußen hatte heftiger Regen eingesetzt. Marlene schreckte aus ihren Gedanken hoch, als auf der Landstraße neben der Bahnlinie ein Polizeifahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeiraste, während der Zug an einem Haltesignal zum Stehen kam. Das Blaulicht warf ein bizarres Flackern durch die regennassen Scheiben."

Das wäre für mich ein rundes Ende, jeder Leser hat die Möglichkeit zu spekulieren oder einfach die Geschichte so anzunehmen.

Gern gelesen!

Liebe Grüße

molly
 

Ciconia

Mitglied
Danke, JiRina, bin schon überzeugt. Lassen wir den Ferdl also leben, er hat's verdient, hat er doch immer gut auf die Leni aufgepasst ...

Soll jetzt aber keiner kommen und sagen, es passiere zu wenig in der Geschichte! ;)

Gruß Ciconia
 

Ciconia

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An ihrem letzten Urlaubstag stieg Marlene gegen Mittag kurzentschlossen in den Bus nach Birnreuth. Das Wetter schien ihr heute zu unbeständig für eine Wanderung, sie hatte bei einem ausgiebigen späten Frühstück vergeblich nach einer Alternative gesucht. Insgesamt lief in diesem Urlaub nichts so richtig rund – das Wetter zu wechselhaft, die Kondition wegen der ewigen Gelenkbeschwerden beeinträchtigt, das Hotel zu voll – irgendwie fand sie nicht die richtige Ruhe. Vielleicht war es an der Zeit, sich allmählich ganz von Bad Steinberg und den Bergen zu verabschieden, dachte sie.

Die Fahrt dauerte fast eine Stunde. Mit der Bahn hätte sie die Strecke in der Hälfte der Zeit geschafft, aber sie fuhr gerne über die kleinen bayerischen Dörfer. Vom Busbahnhof in Birnreuth brauchte sie nicht lange bis auf den zentralen Marktplatz. Hier hatte heute offensichtlich ein Wochenmarkt stattgefunden, die Standlbetreiber waren am Zusammenpacken und verbreiteten eine unruhige Atmosphäre. Marlene floh in eine der kleinen Gassen, sah hier und dort lustlos in ein Schaufenster und überlegte, was sie hier überhaupt wollte. Essen mochte sie noch nicht, dazu war das Frühstück zu reichhaltig gewesen. Zum Herumlaufen in der Stadt wurde es mittlerweile fast zu heiß, die Septembersonne hatte sich doch noch durchgekämpft.
Beim Blick in das Fenster des Tourismusbüros fiel ihr plötzlich ein, was sie in all den Jahren immer mal hatte machen wollen. Sie eilte zurück zum Bahnhof, und eine Viertelstunde später saß sie in dem Schienenbus, der die eingleisige Strecke hinüber nach Trauning am See fuhr. Sie führte über Dörfer mit urigen bayerischen Namen, an den Haltepunkten wurde meist nur bei Bedarf gehalten: „Bei Haltewunsch bitte an die Scheibe der Fahrerkabine klopfen“. Der Ausflug begann Marlene zu gefallen.

An der Endhaltestelle folgte Marlene dem Hinweisschild „Zum See“. Der Weg führte zunächst quer durch den blitzsauber gestalteten Ort und nach einer ganzen Weile auf eine Landstraße. So weit abseits hatte Marlene den See nicht erwartet, und beinahe bereute sie schon wieder ihren Entschluss. Sie schwitzte in der Nachmittagshitze und war froh, dass die letzten paar hundert Meter hinunter zum See von uralten Alleebäumen gesäumt wurden, die jetzt guten Schatten spendeten. Sie hatte von einem Besuch vor sehr vielen Jahren alles ganz anders in Erinnerung.

Um diese frühe Nachmittagszeit herrschte ziemliche Leere in den Wirtschaften am See. Marlene holte sich am Selbstbedienungstresen eine Radler Halbe und eine Brotzeit und suchte sich ein schattiges Plätzchen mit Blick über den spiegelglatten See. Während sie von dem lauwarmen Leberkäs aß und den sauren Kartoffelsalat nur probierte, studierte sie das mitgebrachte Fahrplanheft. Irgendwie hatte sie bei dieser ganzen ungeplanten Aktion völlig das Zeitgefühl verloren. Wenn sie heute Abend das Konzert nicht versäumen wollte, musste sie sich schleunigst auf den Rückweg machen, stellte sie bedauernd fest. Sie nahm den letzten Schluck Radler und brachte das Tablett zurück an den Tresen. Die gelangweilt vor sich hinstarrende Bedienung gab ihr einen Euro Pfand zurück, ohne sie anzuschauen.
„Gibt’s hier irgendeine Abkürzung zum Bahnhof oder muss ich durch den ganzen Ort gehen?“, fragte Marlene.
Das Mädchen schaute sie fast mitleidig an. „Des woaß i net, i bin net von hier.“
Was für ein beschissener Tag, dachte Marlene, und schalt sich selbst, den Ausflug nicht besser geplant zu haben. Andererseits: Hatten ihr derart spontane Vorhaben nicht schon oft die abenteuerlichsten Erlebnisse und interessantesten Begegnungen beschert?

Sie marschierte also auf demselben Weg zurück. Die nächste Bahn würde in fünfundvierzig Minuten fahren, das müsste zu schaffen sein, dann würde sie in Birnreuth auch sofort Anschluss an den Zug nach Bad Steinberg haben. Etwas atemlos näherte sie sich fünf Minuten vor Abfahrt dem Bahnhof. Die Ampel an der Hauptstraße zeigte Rot, und während sie einen Moment verschnaufte, fiel ihr Blick auf einen grauhaarigen älteren Herrn mit einem imposanten Vollbart, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete. Er trug modische Motorradkluft, die ihr ein wenig zu jugendlich für sein Alter erschien. Sie musste schmunzeln. Die Ampel sprang auf Grün, und während Marlene immer noch schmunzelnd an dem älteren Herrn vorüberging, beschlich sie das Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Sie blieb abrupt stehen und schaute sich nach ihm um.
Auch der Mann war plötzlich stehen geblieben.
„Leni?“, hörte sie ihn sagen.
Seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr Leni genannt.
„Ferdl?“
Der Mann strahlte sie an: „Des freche Grinsn kenn ich do!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre lang nicht gesehen.

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie mit ihren Eltern mehrere Jahre lang in den Urlaub nach Bad Steinberg fuhr. Sie wohnten in einer Ferienwohnung bei der alten Vroni Faßgruber. Der älteste von vier Enkeln der Faßgruberin hieß Ferdl.

Marlene wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hasste sie derartige Begegnungen nach langer Zeit, deren erste Minuten selten ohne Peinlichkeiten über die Bühne gingen. Aber der Ferdl ließ keine Unsicherheit aufkommen und redete fröhlich drauf los.
„Bist auf Urlaub? Wohnst hier oder in Steinberg?“
„Ich komm seit Jahren wieder nach Steinberg, gefällt mir immer noch dort“, antwortete sie endlich und musterte ihn genauer. Dass sie sich einfach so auf Anhieb erkannt hatten! Aber er schien kaum verändert – wenn man davon absah, dass er grau geworden war.
Ein Auto hupte, der Ferdl zog Marlene von der Fahrbahn.
„Host no a weng Zeit? Mogst an Kaffee mit mir dringa gehn?“
Marlene zögerte. „Eigentlich wollt ich gleich die Bahn nehmen. Ich möcht heut Abend noch in ein Konzert.“
„Ah, geh, i bin mit’m Motorradl do, i kannt di mitnehma! I wohn a bisserl außerhalb von Steinberg.“
„Du fährst immer noch Motorrad?“
„Ja, freili!“, strahlte er, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt für einen Mann seines Alters.
Das altmodische Café, zu dem sie ihm folgte, gefiel ihr sofort, und es gab sogar noch echten Filterkaffee. Marlene entspannte sich, je weiter sie sich im Gespräch in der Vergangenheit verloren.

Die alte Faßgruberin hatte damals einen Narren an Marlene gefressen. Gleich im ersten Jahr verpflichtete sie ihren zweitältesten Enkel, mit den Flachländern in die Berge zu gehen. Der Hermann war ein hübscher Bursche, Marlene hatte sich ein wenig in ihn verknallt. Doch nach nur zwei Touren konnte er angeblich nicht mehr kommen. Marlene, damals fünfzehn, war sehr enttäuscht gewesen.
Im nächsten Jahr wurde dann der Ferdl eingesetzt. Er studierte in München, nutzte aber jede freie Stunde, um der Großstadt zu entfliehen und in den Bergen sein zu können. So gutaussehend wie sein zurückhaltender Bruder war er nicht, dafür ein stets gutgelaunter Treibauf. Sein unschätzbarer Vorteil: Er besaß ein Motorrad. Die Bergtouren, zu denen er sie mitnahm, mussten nun ohne die Eltern erfolgen, was Marlene keineswegs bedauerte.


Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, man hörte ein leichtes Gewittergrollen.
„Weißt du, woran ich mich oft erinnert habe, weil es für mich eine große Lehre war? An das Gewitter in der Saugasse, auf dem Weg zurück vom Funtensee.“
„Des woaßt no?“, grinste der Ferdl, und Marlene nahm erst jetzt seine makellos blitzenden Zähne wahr, die garantiert nicht mehr seine eigenen sein konnten.
„Wir standen unter einem Felsvorsprung, und ich hab gezittert vor Angst. Ich hätt nie gedacht, welchen Lärm ein Gewitter in Bergen verursachen kann. Ich bin mein Leben lang nicht mehr bei drohendem Gewitter zu einer Tour aufgebrochen.“
„Host wos g’lernt von mia, gell?“, freute er sich, und Marlene nickte stumm.
Sie hatte viel über die Berge und das Tourengehen von ihm gelernt – die Liebe zu den Bergen war ihr seit damals geblieben.
„Wie ist es denn deiner Oma noch ergangen?“
„Der oide Feger is neinzge worn, und bis zuletzt klar im Kopf.“ Es klang durchaus liebevoll. Wieder musste Marlene grinsen.

Sie sah die resolute Alte vor sich, wie sie sie anwies, beim Frühstück auf der Eckbank nicht mit dem Kopf an die „Bleamln“ zu stoßen, die dort von der Wand rankten, oder wie sie den Ferdl abends aus dem Haus komplimentierte, wenn er lieber endlos zum Kartenspielen mit ihr und den Eltern sitzen geblieben wäre. „Ferdinand, go home!“, damit schob sie manchmal den um zwei Köpfe größeren Enkel aus dem Raum.
Vroni Faßgruber war eine patente, resolute und sehr herzliche Person gewesen, an die Marlene sich gern erinnerte.


„Wolltest du nicht immer sechs Kinder haben, die wie die Orgelpfeifen am Sonntag mit dir auf den Berg gehen sollten?“, fiel Marlene plötzlich ein.
Er lachte schallend. „Wos du dir ois g’merkt hast!“
Natürlich hatte sie sich das gemerkt. Sechs Kinder hätte sie sich niemals vorstellen können – schon deshalb hätte aus ihnen nie ein Paar werden können. Sicher nicht nur deshalb.
„Die Traudl wollt halt net mehr ois zwoa, da kunnst nix macha!“, sagte er. Marlene meinte Enttäuschung in seiner Stimme zu hören.
Auf Touren ging er jetzt nur noch selten, gestand er dann. Bei einer Skitour hatte er sich vor Jahren schwer verletzt und sich eine Nacht lang nicht fortbewegen können, dabei waren im zwei Zehen erfroren, erzählte er. Seitdem habe er Schwierigkeiten, längere Strecken zu gehen.
„Warst du alter Haudegen dabei wieder mal allein unterwegs?“, frage Marlene. Wie oft hatte die Faßgruberin geschimpft, weil er ständig allein auf riskante Touren ging. Er nickte ohne das Thema zu vertiefen.
Zwei Tassen Kaffee waren geleert.
„Mogst no a Schnapserl? Auf d‘ oidn Zeitn?“
„Du mußt doch noch fahren!“ entrüstete sich Marlene.
„Oans geht oiwei, des Motarradl kennt do den Weg!“
Er bestellte zwei Stamperl mit einem hochprozentigen Kräuterschnaps. Als die Bedienung sie an den Tisch brachte, bat sie darum, schon kassieren zu dürfen. „Wir schließen um sechse!“.
Marlene schaute überrascht auf die Uhr. Für das Konzert würde es nun auf jeden Fall zu spät werden, aber das machte ihr Moment gar nichts aus. Sie hatten tatsächlich fast zwei Stunden lang geredet, über alte und neue Zeiten. Sie wusste nun, dass er zwei Kinder und drei Enkel hatte und sein Leben lang im Umfeld von Bad Steinberg geblieben war. Marlene blickte auf ein etwas unruhiges Leben zurück. Sie hatte erst spät geheiratet, war kinderlos geblieben, aber beruflich erfolgreich geworden. Zufrieden waren sie anscheinend beide geworden.

Sie schrieben sich damals noch eine Zeitlang Briefe, aber jeder entwickelte schnell sein eigenes Leben, 700 km voneinander entfernt. Marlene fuhr bald nicht mehr mit den Eltern in Urlaub. Obwohl sie später viele Jahre in München wohnte, verschlug es sie selten nach Bad Steinberg, es gab von München aus so viele andere Wanderziele. Durch die Eltern, die noch einige Jahre zu Vroni Faßgruber kamen, erfuhr sie ab und zu Neues aus Ferdls Leben, eben auch, dass er früh geheiratet hatte. Einmal besuchte er Marlene in München, doch ihr neues aufregendes Großstadtleben mit Discos und Parties war ihm sehr fremd gewesen. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt.

Umso erstaunlicher, dass wir uns heute so unbeschwert unterhalten können, dachte Marlene.
Seitdem sie nicht mehr in München wohnte, machte sie wieder des Öfteren Urlaub in Bad Steinberg, ohne ihren Mann, denn der fand nicht mehr viel Spaß am Wandern. Manchmal hatte sie dabei schon an den Ferdl gedacht, aber das war alles viel zu lange her. An diesem Nachmittag überlegte sie: Was war das damals eigentlich gewesen? Eine Jugendliebe? Wohl nicht. Eher eine interessante Jugendfreundschaft.
„Kimm, gemma! Fahrst jetzt mit?“
„Kimm“ – So hatte er sie immer angetrieben, dachte sie, an einer sehr engen und steilen Wegstrecke oder beim Durchwaten eines glitschigen Baches, und ihr mit seiner kräftigen Hand Hilfestellung geleistet.
„Ja, aber nur bis Birnreuth, dann kann ich mir die Bimmelbahn schenken. Die ganze Strecke ist mir zu anstrengend.“
Ihr kamen Bedenken wegen des Motorrades, andererseits reizte sie der Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wieder Motorrad gefahren zu sein.
Das Gewitter war vorübergezogen. Auf dem Weg zum Parkplatz fragte Marlene ihn, was er überhaupt hier im Ort gemacht habe. Er habe einen alten Spezl besucht, der neulich einen schweren Unfall gehabt hatte und sich noch eine Weile auskurieren müsse.
„Wos muaß der oide Lackl in seim Alter a no Motorradl fohrn“, grinste Ferdl. Marlene sah ihn nachdenklich an und schwieg.
Die Maschine war noch riesiger, als Marlene befürchtet hatte. Der Ferdl nahm einen zweiten Helm aus einer der Seitentaschen und half ihr beim Aufsetzen.
„Die alte BMW war ein bisschen bequemer, mein ich“, bemerkte Marlene und hievte sich mühsam auf den Sozius.
„De hod a nur 18 PS ghabt, de do hod 125!“, erklärte er stolz.
Marlene schaute ungläubig.
„Woaßt no, wie’s geht?“
„In den Kurven nicht gegensteuern, meinst du?“
„Genau!“
„Hoit di ei, Madl!“ forderte er sie auf, bevor es losging.
Marlene legte ihre Arme um seine Taille. Früher hatten ihre Arme vollständig um den drahtigen jungen Burschen gereicht, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Ferdl ein wenig füllig geworden war. Ihre Arme konnten seinen Körper nur noch zu knapp zwei Dritteln umfassen.
„Weißt du noch, was deine Oma immer gesagt hat, wenn wir auf Tour gingen?“
„Und pass schee auf d‘ Leni auf?“
Er fuhr wirklich sehr vorsichtig, das musste sie ihm lassen. Kurven gab es auf dieser Landstraße nur wenige, und als sie die erste Unsicherheit überwunden hatte und zunehmend Spaß an der Fahrt empfand, erreichten sie auch schon den Birnreuther Bahnhof.
Zehn Minuten blieben noch bis zur Abfahrt ihres Zuges. Nachdem der Ferdl ihr den Helm abgenommen hatte, standen sie sich etwas unbeholfen gegenüber. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie zum Abschied umarmen.
„Weißt was, ich hasse lange Abschiede. Brauchst nicht zu warten, fahr nur!“
Dann fügte sie lachend hinzu: „Ferdinand, go home!“ und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. “War schön, dass wir uns noch mal getroffen haben.“
Sie gaben sich die Hand und Ferdl umarmte sie nun doch noch ein wenig linkisch. Marlene sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die nächste Ecke verschwand.

Im Zug ließ sie später den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Sie war sich nun endgültig sicher, dass sie im nächsten Jahr nicht wieder nach Bad Steinberg kommen würde. Nach dem heutigen Nachmittag fiel ihr die Entscheidung leichter. Alles hatte seine Zeit gehabt, und so war es gut gewesen.

Draußen hatte heftiger Regen eingesetzt. Marlene schreckte aus ihren Gedanken hoch, als auf der Landstraße neben der Bahnlinie ein Polizeifahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeiraste, während der Zug an einem Haltesignal zum Stehen kam. Das Blaulicht warf ein bizarres Flackern durch die regennassen Scheiben.
 

Ciconia

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Danke, molly, das ist eine sehr gute Idee! Der letzte Absatz muss stehen bleiben, ich hab's noch mal geändert.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
An ihrem letzten Urlaubstag stieg Marlene gegen Mittag kurzentschlossen in den Bus nach Birnreuth. Das Wetter schien ihr heute zu unbeständig für eine Wanderung, sie hatte bei einem ausgiebigen späten Frühstück vergeblich nach einer Alternative gesucht. Insgesamt lief in diesem Urlaub nichts so richtig rund – das Wetter zu wechselhaft, die Kondition wegen der ewigen Gelenkbeschwerden beeinträchtigt, das Hotel zu voll – irgendwie fand sie nicht die richtige Ruhe. Vielleicht war es an der Zeit, sich allmählich ganz von Bad Steinberg und den Bergen zu verabschieden, dachte sie.

Die Fahrt dauerte fast eine Stunde. Mit der Bahn hätte sie die Strecke in der Hälfte der Zeit geschafft, aber sie fuhr gerne über die kleinen bayerischen Dörfer. Vom Busbahnhof in Birnreuth brauchte sie nicht lange bis auf den zentralen Marktplatz. Hier hatte heute offensichtlich ein Wochenmarkt stattgefunden, die Standlbetreiber waren am Zusammenpacken und verbreiteten eine unruhige Atmosphäre. Marlene floh in eine der kleinen Gassen, sah hier und dort lustlos in ein Schaufenster und überlegte, was sie hier überhaupt wollte. Essen mochte sie noch nicht, dazu war das Frühstück zu reichhaltig gewesen. Zum Herumlaufen in der Stadt wurde es mittlerweile fast zu heiß, die Septembersonne hatte sich doch noch durchgekämpft.
Beim Blick in das Fenster des Tourismusbüros fiel ihr plötzlich ein, was sie in all den Jahren immer mal hatte machen wollen. Sie eilte zurück zum Bahnhof, und eine Viertelstunde später saß sie in dem Schienenbus, der die eingleisige Strecke hinüber nach Trauning am See fuhr. Sie führte über Dörfer mit urigen bayerischen Namen, an den Haltepunkten wurde meist nur bei Bedarf gehalten: „Bei Haltewunsch bitte an die Scheibe der Fahrerkabine klopfen“. Der Ausflug begann Marlene zu gefallen.

An der Endhaltestelle folgte Marlene dem Hinweisschild „Zum See“. Der Weg führte zunächst quer durch den blitzsauber gestalteten Ort und nach einer ganzen Weile auf eine Landstraße. So weit abseits hatte Marlene den See nicht erwartet, und beinahe bereute sie schon wieder ihren Entschluss. Sie schwitzte in der Nachmittagshitze und war froh, dass die letzten paar hundert Meter hinunter zum See von uralten Alleebäumen gesäumt wurden, die jetzt guten Schatten spendeten. Sie hatte von einem Besuch vor sehr vielen Jahren alles ganz anders in Erinnerung.

Um diese frühe Nachmittagszeit herrschte ziemliche Leere in den Wirtschaften am See. Marlene holte sich am Selbstbedienungstresen eine Radler Halbe und eine Brotzeit und suchte sich ein schattiges Plätzchen mit Blick über den spiegelglatten See. Während sie von dem lauwarmen Leberkäs aß und den sauren Kartoffelsalat nur probierte, studierte sie das mitgebrachte Fahrplanheft. Irgendwie hatte sie bei dieser ganzen ungeplanten Aktion völlig das Zeitgefühl verloren. Wenn sie heute Abend das Konzert nicht versäumen wollte, musste sie sich schleunigst auf den Rückweg machen, stellte sie bedauernd fest. Sie nahm den letzten Schluck Radler und brachte das Tablett zurück an den Tresen. Die gelangweilt vor sich hinstarrende Bedienung gab ihr einen Euro Pfand zurück, ohne sie anzuschauen.
„Gibt’s hier irgendeine Abkürzung zum Bahnhof oder muss ich durch den ganzen Ort gehen?“, fragte Marlene.
Das Mädchen schaute sie fast mitleidig an. „Des woaß i net, i bin net von hier.“
Was für ein beschissener Tag, dachte Marlene, und schalt sich selbst, den Ausflug nicht besser geplant zu haben. Andererseits: Hatten ihr derart spontane Vorhaben nicht schon oft die abenteuerlichsten Erlebnisse und interessantesten Begegnungen beschert?

Sie marschierte also auf demselben Weg zurück. Die nächste Bahn würde in fünfundvierzig Minuten fahren, das müsste zu schaffen sein, dann würde sie in Birnreuth auch sofort Anschluss an den Zug nach Bad Steinberg haben. Etwas atemlos näherte sie sich fünf Minuten vor Abfahrt dem Bahnhof. Die Ampel an der Hauptstraße zeigte Rot, und während sie einen Moment verschnaufte, fiel ihr Blick auf einen grauhaarigen älteren Herrn mit einem imposanten Vollbart, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete. Er trug modische Motorradkluft, die ihr ein wenig zu jugendlich für sein Alter erschien. Sie musste schmunzeln. Die Ampel sprang auf Grün, und während Marlene immer noch schmunzelnd an dem älteren Herrn vorüberging, beschlich sie das Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Sie blieb abrupt stehen und schaute sich nach ihm um.
Auch der Mann war plötzlich stehen geblieben.
„Leni?“, hörte sie ihn sagen.
Seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr Leni genannt.
„Ferdl?“
Der Mann strahlte sie an: „Des freche Grinsn kenn ich do!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre lang nicht gesehen.

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie mit ihren Eltern mehrere Jahre lang in den Urlaub nach Bad Steinberg fuhr. Sie wohnten in einer Ferienwohnung bei der alten Vroni Faßgruber. Der älteste von vier Enkeln der Faßgruberin hieß Ferdl.

Marlene wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hasste sie derartige Begegnungen nach langer Zeit, deren erste Minuten selten ohne Peinlichkeiten über die Bühne gingen. Aber der Ferdl ließ keine Unsicherheit aufkommen und redete fröhlich drauf los.
„Bist auf Urlaub? Wohnst hier oder in Steinberg?“
„Ich komm seit Jahren wieder nach Steinberg, gefällt mir immer noch dort“, antwortete sie endlich und musterte ihn genauer. Dass sie sich einfach so auf Anhieb erkannt hatten! Aber er schien kaum verändert – wenn man davon absah, dass er grau geworden war.
Ein Auto hupte, der Ferdl zog Marlene von der Fahrbahn.
„Host no a weng Zeit? Mogst an Kaffee mit mir dringa gehn?“
Marlene zögerte. „Eigentlich wollt ich gleich die Bahn nehmen. Ich möcht heut Abend noch in ein Konzert.“
„Ah, geh, i bin mit’m Motorradl do, i kannt di mitnehma! I wohn a bisserl außerhalb von Steinberg.“
„Du fährst immer noch Motorrad?“
„Ja, freili!“, strahlte er, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt für einen Mann seines Alters.
Das altmodische Café, zu dem sie ihm folgte, gefiel ihr sofort, und es gab sogar noch echten Filterkaffee. Marlene entspannte sich, je weiter sie sich im Gespräch in der Vergangenheit verloren.

Die alte Faßgruberin hatte damals einen Narren an Marlene gefressen. Gleich im ersten Jahr verpflichtete sie ihren zweitältesten Enkel, mit den Flachländern in die Berge zu gehen. Der Hermann war ein hübscher Bursche, Marlene hatte sich ein wenig in ihn verknallt. Doch nach nur zwei Touren konnte er angeblich nicht mehr kommen. Marlene, damals fünfzehn, war sehr enttäuscht gewesen.
Im nächsten Jahr wurde dann der Ferdl eingesetzt. Er studierte in München, nutzte aber jede freie Stunde, um der Großstadt zu entfliehen und in den Bergen sein zu können. So gutaussehend wie sein zurückhaltender Bruder war er nicht, dafür ein stets gutgelaunter Treibauf. Sein unschätzbarer Vorteil: Er besaß ein Motorrad. Die Bergtouren, zu denen er sie mitnahm, mussten nun ohne die Eltern erfolgen, was Marlene keineswegs bedauerte.


Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, man hörte ein leichtes Gewittergrollen.
„Weißt du, woran ich mich oft erinnert habe, weil es für mich eine große Lehre war? An das Gewitter in der Saugasse, auf dem Weg zurück vom Funtensee.“
„Des woaßt no?“, grinste der Ferdl, und Marlene nahm erst jetzt seine makellos blitzenden Zähne wahr, die garantiert nicht mehr seine eigenen sein konnten.
„Wir standen unter einem Felsvorsprung, und ich hab gezittert vor Angst. Ich hätt nie gedacht, welchen Lärm ein Gewitter in Bergen verursachen kann. Ich bin mein Leben lang nicht mehr bei drohendem Gewitter zu einer Tour aufgebrochen.“
„Host wos g’lernt von mia, gell?“, freute er sich, und Marlene nickte stumm.
Sie hatte viel über die Berge und das Tourengehen von ihm gelernt – die Liebe zu den Bergen war ihr seit damals geblieben.
„Wie ist es denn deiner Oma noch ergangen?“
„Der oide Feger is neinzge worn, und bis zuletzt klar im Kopf.“ Es klang durchaus liebevoll. Wieder musste Marlene grinsen.

Sie sah die resolute Alte vor sich, wie sie sie anwies, beim Frühstück auf der Eckbank nicht mit dem Kopf an die „Bleamln“ zu stoßen, die dort von der Wand rankten, oder wie sie den Ferdl abends aus dem Haus komplimentierte, wenn er lieber endlos zum Kartenspielen mit ihr und den Eltern sitzen geblieben wäre. „Ferdinand, go home!“, damit schob sie manchmal den um zwei Köpfe größeren Enkel aus dem Raum.
Vroni Faßgruber war eine patente, resolute und sehr herzliche Person gewesen, an die Marlene sich gern erinnerte.


„Wolltest du nicht immer sechs Kinder haben, die wie die Orgelpfeifen am Sonntag mit dir auf den Berg gehen sollten?“, fiel Marlene plötzlich ein.
Er lachte schallend. „Wos du dir ois g’merkt hast!“
Natürlich hatte sie sich das gemerkt. Sechs Kinder hätte sie sich niemals vorstellen können – schon deshalb hätte aus ihnen nie ein Paar werden können. Sicher nicht nur deshalb.
„Die Traudl wollt halt net mehr ois zwoa, da kunnst nix macha!“, sagte er. Marlene meinte Enttäuschung in seiner Stimme zu hören.
Auf Touren ging er jetzt nur noch selten, gestand er dann. Bei einer Skitour hatte er sich vor Jahren schwer verletzt und sich eine Nacht lang nicht fortbewegen können, dabei waren im zwei Zehen erfroren, erzählte er. Seitdem habe er Schwierigkeiten, längere Strecken zu gehen.
„Warst du alter Haudegen dabei wieder mal allein unterwegs?“, frage Marlene. Wie oft hatte die Faßgruberin geschimpft, weil er ständig allein auf riskante Touren ging. Er nickte ohne das Thema zu vertiefen.
Zwei Tassen Kaffee waren geleert.
„Mogst no a Schnapserl? Auf d‘ oidn Zeitn?“
„Du mußt doch noch fahren!“ entrüstete sich Marlene.
„Oans geht oiwei, des Motarradl kennt do den Weg!“
Er bestellte zwei Stamperl mit einem hochprozentigen Kräuterschnaps. Als die Bedienung sie an den Tisch brachte, bat sie darum, schon kassieren zu dürfen. „Wir schließen um sechse!“.
Marlene schaute überrascht auf die Uhr. Für das Konzert würde es nun auf jeden Fall zu spät werden, aber das machte ihr im Moment gar nichts aus. Sie hatten tatsächlich fast zwei Stunden lang geredet, über alte und neue Zeiten. Sie wusste nun, dass er zwei Kinder und drei Enkel hatte und sein Leben lang im Umfeld von Bad Steinberg geblieben war. Marlene blickte auf ein etwas unruhiges Leben zurück. Sie hatte erst spät geheiratet, war kinderlos geblieben, aber beruflich erfolgreich geworden. Zufrieden waren sie anscheinend beide geworden.

Sie schrieben sich damals noch eine Zeitlang Briefe, aber jeder entwickelte schnell sein eigenes Leben, 700 km voneinander entfernt. Marlene fuhr bald nicht mehr mit den Eltern in Urlaub. Obwohl sie später viele Jahre in München wohnte, verschlug es sie selten nach Bad Steinberg, es gab von München aus so viele andere Wanderziele. Durch die Eltern, die noch einige Jahre zu Vroni Faßgruber kamen, erfuhr sie ab und zu Neues aus Ferdls Leben, eben auch, dass er früh geheiratet hatte. Einmal besuchte er Marlene in München, doch ihr neues aufregendes Großstadtleben mit Discos und Parties war ihm sehr fremd gewesen. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt.

Umso erstaunlicher, dass wir uns heute so unbeschwert unterhalten können, dachte Marlene.
Seitdem sie nicht mehr in München wohnte, machte sie wieder des Öfteren Urlaub in Bad Steinberg, ohne ihren Mann, denn der fand nicht mehr viel Spaß am Wandern. Manchmal hatte sie dabei schon an den Ferdl gedacht, aber das war alles viel zu lange her. An diesem Nachmittag überlegte sie: Was war das damals eigentlich gewesen? Eine Jugendliebe? Wohl nicht. Eher eine interessante Jugendfreundschaft.
„Kimm, gemma! Fahrst jetzt mit?“
„Kimm“ – So hatte er sie immer angetrieben, dachte sie, an einer sehr engen und steilen Wegstrecke oder beim Durchwaten eines glitschigen Baches, und ihr mit seiner kräftigen Hand Hilfestellung geleistet.
„Ja, aber nur bis Birnreuth, dann kann ich mir die Bimmelbahn schenken. Die ganze Strecke ist mir zu anstrengend.“
Ihr kamen Bedenken wegen des Motorrades, andererseits reizte sie der Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wieder Motorrad gefahren zu sein.
Das Gewitter war vorübergezogen. Auf dem Weg zum Parkplatz fragte Marlene ihn, was er überhaupt hier im Ort gemacht habe. Er habe einen alten Spezl besucht, der neulich einen schweren Unfall gehabt hatte und sich noch eine Weile auskurieren müsse.
„Wos muaß der oide Lackl in seim Alter a no Motorradl fohrn“, grinste Ferdl. Marlene sah ihn nachdenklich an und schwieg.
Die Maschine war noch riesiger, als Marlene befürchtet hatte. Der Ferdl nahm einen zweiten Helm aus einer der Seitentaschen und half ihr beim Aufsetzen.
„Die alte BMW war ein bisschen bequemer, mein ich“, bemerkte Marlene und hievte sich mühsam auf den Sozius.
„De hod a nur 18 PS ghabt, de do hod 125!“, erklärte er stolz.
Marlene schaute ungläubig.
„Woaßt no, wie’s geht?“
„In den Kurven nicht gegensteuern, meinst du?“
„Genau!“
„Hoit di ei, Madl!“ forderte er sie auf, bevor es losging.
Marlene legte ihre Arme um seine Taille. Früher hatten ihre Arme vollständig um den drahtigen jungen Burschen gereicht, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Ferdl ein wenig füllig geworden war. Ihre Arme konnten seinen Körper nur noch zu knapp zwei Dritteln umfassen.
„Weißt du noch, was deine Oma immer gesagt hat, wenn wir auf Tour gingen?“
„Und pass schee auf d‘ Leni auf?“
Er fuhr wirklich sehr vorsichtig, das musste sie ihm lassen. Kurven gab es auf dieser Landstraße nur wenige, und als sie die erste Unsicherheit überwunden hatte und zunehmend Spaß an der Fahrt empfand, erreichten sie auch schon den Birnreuther Bahnhof.
Zehn Minuten blieben noch bis zur Abfahrt ihres Zuges. Nachdem der Ferdl ihr den Helm abgenommen hatte, standen sie sich etwas unbeholfen gegenüber. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie zum Abschied umarmen.
„Weißt was, ich hasse lange Abschiede. Brauchst nicht zu warten, fahr nur!“
Dann fügte sie lachend hinzu: „Ferdinand, go home!“ und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. “War schön, dass wir uns noch mal getroffen haben.“
Sie gaben sich die Hand und Ferdl umarmte sie nun doch noch ein wenig linkisch. Marlene sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die nächste Ecke verschwand.

Im Zug ließ sie später den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Sie war sich nun endgültig sicher, dass sie im nächsten Jahr nicht wieder nach Bad Steinberg kommen würde. Nach dem heutigen Nachmittag fiel ihr die Entscheidung leichter. Alles hatte seine Zeit gehabt, und so war es gut gewesen.

Draußen hatte heftiger Regen eingesetzt. Marlene schreckte aus ihren Gedanken hoch, als auf der Landstraße neben der Bahnlinie ein Polizeifahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeiraste, während der Zug an einem Haltesignal zum Stehen kam. Das Blaulicht warf ein bizarres Flackern durch die regennassen Scheiben.
 

Ciconia

Mitglied
An ihrem letzten Urlaubstag stieg Marlene gegen Mittag kurzentschlossen in den Bus nach Birnreuth. Das Wetter schien ihr heute zu unbeständig für eine Wanderung, sie hatte bei einem ausgiebigen späten Frühstück vergeblich nach einer Alternative gesucht. Insgesamt lief in diesem Urlaub nichts so richtig rund – das Wetter zu wechselhaft, die Kondition wegen der ewigen Gelenkbeschwerden beeinträchtigt, das Hotel zu voll – irgendwie fand sie nicht die richtige Ruhe. Vielleicht war es an der Zeit, sich allmählich ganz von Bad Steinberg und den Bergen zu verabschieden, dachte sie.

Die Fahrt dauerte fast eine Stunde. Mit der Bahn hätte sie die Strecke in der Hälfte der Zeit geschafft, aber sie fuhr gerne über die kleinen bayerischen Dörfer. Vom Busbahnhof in Birnreuth brauchte sie nicht lange bis auf den zentralen Marktplatz. Hier hatte heute offensichtlich ein Wochenmarkt stattgefunden, die Standlbetreiber waren am Zusammenpacken und verbreiteten eine unruhige Atmosphäre. Marlene floh in eine der kleinen Gassen, sah hier und dort lustlos in ein Schaufenster und überlegte, was sie hier überhaupt wollte. Essen mochte sie noch nicht, dazu war das Frühstück zu reichhaltig gewesen. Zum Herumlaufen in der Stadt wurde es mittlerweile fast zu heiß, die Septembersonne hatte sich doch noch durchgekämpft.
Beim Blick in das Fenster des Tourismusbüros fiel ihr plötzlich ein, was sie in all den Jahren immer mal hatte machen wollen. Sie eilte zurück zum Bahnhof, und eine Viertelstunde später saß sie in dem Schienenbus, der die eingleisige Strecke hinüber nach Trauning am See fuhr. Sie führte über Dörfer mit urigen bayerischen Namen, an den Haltepunkten wurde meist nur bei Bedarf gehalten: „Bei Haltewunsch bitte an die Scheibe der Fahrerkabine klopfen“. Der Ausflug begann Marlene zu gefallen.

An der Endhaltestelle folgte Marlene dem Hinweisschild „Zum See“. Der Weg führte zunächst quer durch den blitzsauber gestalteten Ort und nach einer ganzen Weile auf eine Landstraße. So weit abseits hatte Marlene den See nicht erwartet, und beinahe bereute sie schon wieder ihren Entschluss. Sie schwitzte in der Nachmittagshitze und war froh, dass die letzten paar hundert Meter hinunter zum See von uralten Alleebäumen gesäumt wurden, die jetzt guten Schatten spendeten. Sie hatte von einem Besuch vor sehr vielen Jahren alles ganz anders in Erinnerung.

Um diese frühe Nachmittagszeit herrschte ziemliche Leere in den Wirtschaften am See. Marlene holte sich am Selbstbedienungstresen eine Radler Halbe und eine Brotzeit und suchte sich ein schattiges Plätzchen mit Blick über den spiegelglatten See. Während sie von dem lauwarmen Leberkäs aß und den sauren Kartoffelsalat nur probierte, studierte sie das mitgebrachte Fahrplanheft. Irgendwie hatte sie bei dieser ganzen ungeplanten Aktion völlig das Zeitgefühl verloren. Wenn sie heute Abend das Konzert nicht versäumen wollte, musste sie sich schleunigst auf den Rückweg machen, stellte sie bedauernd fest. Sie nahm den letzten Schluck Radler und brachte das Tablett zurück an den Tresen. Die gelangweilt vor sich hinstarrende Bedienung gab ihr einen Euro Pfand zurück, ohne sie anzuschauen.
„Gibt’s hier irgendeine Abkürzung zum Bahnhof oder muss ich durch den ganzen Ort gehen?“, fragte Marlene.
Das Mädchen schaute sie fast mitleidig an. „Des woaß i net, i bin net von hier.“
Was für ein beschissener Tag, dachte Marlene, und schalt sich selbst, den Ausflug nicht besser geplant zu haben. Andererseits: Hatten ihr derart spontane Vorhaben nicht schon oft die abenteuerlichsten Erlebnisse und interessantesten Begegnungen beschert?

Sie marschierte also auf demselben Weg zurück. Die nächste Bahn würde in fünfundvierzig Minuten fahren, das müsste zu schaffen sein, dann würde sie in Birnreuth auch sofort Anschluss an den Zug nach Bad Steinberg haben. Etwas atemlos näherte sie sich fünf Minuten vor Abfahrt dem Bahnhof. Die Ampel an der Hauptstraße zeigte Rot, und während sie einen Moment verschnaufte, fiel ihr Blick auf einen grauhaarigen älteren Herrn mit einem imposanten Vollbart, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete. Er trug modische Motorradkluft, die ihr ein wenig zu jugendlich für sein Alter erschien. Sie musste schmunzeln. Die Ampel sprang auf Grün, und während Marlene immer noch schmunzelnd an dem älteren Herrn vorüberging, beschlich sie das Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Sie blieb abrupt stehen und schaute sich nach ihm um.
Auch der Mann war plötzlich stehen geblieben.
„Leni?“, hörte sie ihn sagen.
Seit Jahrzehnten hatte sie niemand mehr Leni genannt.
„Ferdl?“
Der Mann strahlte sie an: „Des freche Grinsn kenn ich do!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre lang nicht gesehen.

Kennengelernt hatte sie ihn, als sie mit ihren Eltern mehrere Jahre lang in den Urlaub nach Bad Steinberg fuhr. Sie wohnten in einer Ferienwohnung bei der alten Vroni Faßgruber. Der älteste von vier Enkeln der Faßgruberin hieß Ferdl.

Marlene wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Eigentlich hasste sie derartige Begegnungen nach langer Zeit, deren erste Minuten selten ohne Peinlichkeiten über die Bühne gingen. Aber der Ferdl ließ keine Unsicherheit aufkommen und redete fröhlich drauf los.
„Bist auf Urlaub? Wohnst hier oder in Steinberg?“
„Ich komm seit Jahren wieder nach Steinberg, gefällt mir immer noch dort“, antwortete sie endlich und musterte ihn genauer. Dass sie sich einfach so auf Anhieb erkannt hatten! Aber er schien kaum verändert – wenn man davon absah, dass er grau geworden war.
Ein Auto hupte, der Ferdl zog Marlene von der Fahrbahn.
„Host no a weng Zeit? Mogst an Kaffee mit mir dringa gehn?“
Marlene zögerte. „Eigentlich wollt ich gleich die Bahn nehmen. Ich möcht heut Abend noch in ein Konzert.“
„Ah, geh, i bin mit’m Motorradl do, i kannt di mitnehma! I wohn a bisserl außerhalb von Steinberg.“
„Du fährst immer noch Motorrad?“
„Ja, freili!“, strahlte er, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt für einen Mann seines Alters.
Das altmodische Café, zu dem sie ihm folgte, gefiel ihr sofort, und es gab sogar noch echten Filterkaffee. Marlene entspannte sich, je weiter sie sich im Gespräch in der Vergangenheit verloren.

Die alte Faßgruberin hatte damals einen Narren an Marlene gefressen. Gleich im ersten Jahr verpflichtete sie ihren zweitältesten Enkel, mit den Flachländern in die Berge zu gehen. Der Hermann war ein hübscher Bursche, Marlene hatte sich ein wenig in ihn verknallt. Doch nach nur zwei Touren konnte er angeblich nicht mehr kommen. Marlene, damals fünfzehn, war sehr enttäuscht gewesen.
Im nächsten Jahr wurde dann der Ferdl eingesetzt. Er studierte in München, nutzte aber jede freie Stunde, um der Großstadt zu entfliehen und in den Bergen sein zu können. So gutaussehend wie sein zurückhaltender Bruder war er nicht, dafür ein stets gutgelaunter Treibauf. Sein unschätzbarer Vorteil: Er besaß ein Motorrad. Die Bergtouren, zu denen er sie mitnahm, mussten nun ohne die Eltern erfolgen, was Marlene keineswegs bedauerte.


Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, man hörte ein leichtes Gewittergrollen.
„Weißt du, woran ich mich oft erinnert habe, weil es für mich eine große Lehre war? An das Gewitter in der Saugasse, auf dem Weg zurück vom Funtensee.“
„Des woaßt no?“, grinste der Ferdl, und Marlene nahm erst jetzt seine makellos blitzenden Zähne wahr, die garantiert nicht mehr seine eigenen sein konnten.
„Wir standen unter einem Felsvorsprung, und ich hab gezittert vor Angst. Ich hätt nie gedacht, welchen Lärm ein Gewitter in Bergen verursachen kann. Ich bin mein Leben lang nicht mehr bei drohendem Gewitter zu einer Tour aufgebrochen.“
„Host wos g’lernt von mia, gell?“, freute er sich, und Marlene nickte stumm.
Sie hatte viel über die Berge und das Tourengehen von ihm gelernt – die Liebe zu den Bergen war ihr seit damals geblieben.
„Wie ist es denn deiner Oma noch ergangen?“
„Der oide Feger is neinzge worn, und bis zuletzt klar im Kopf.“ Es klang durchaus liebevoll. Wieder musste Marlene grinsen.

Sie sah die resolute Alte vor sich, wie sie sie anwies, beim Frühstück auf der Eckbank nicht mit dem Kopf an die „Bleamln“ zu stoßen, die dort von der Wand rankten, oder wie sie den Ferdl abends aus dem Haus komplimentierte, wenn er lieber endlos zum Kartenspielen mit ihr und den Eltern sitzen geblieben wäre. „Ferdinand, go home!“, damit schob sie manchmal den um zwei Köpfe größeren Enkel aus dem Raum.
Vroni Faßgruber war eine patente, resolute und sehr herzliche Person gewesen, an die Marlene sich gern erinnerte.


„Wolltest du nicht immer sechs Kinder haben, die wie die Orgelpfeifen am Sonntag mit dir auf den Berg gehen sollten?“, fiel Marlene plötzlich ein.
Er lachte schallend. „Wos du dir ois g’merkt hast!“
Natürlich hatte sie sich das gemerkt. Sechs Kinder hätte sie sich niemals vorstellen können – schon deshalb hätte aus ihnen nie ein Paar werden können. Sicher nicht nur deshalb.
„Die Traudl wollt halt net mehr ois zwoa, da kunnst nix macha!“, sagte er. Marlene meinte Enttäuschung in seiner Stimme zu hören.
Auf Touren ging er jetzt nur noch selten, gestand er dann. Bei einer Skitour hatte er sich vor Jahren schwer verletzt und sich eine Nacht lang nicht fortbewegen können, dabei waren ihm zwei Zehen erfroren, erzählte er. Seitdem habe er Schwierigkeiten, längere Strecken zu gehen.
„Warst du alter Haudegen dabei wieder mal allein unterwegs?“, frage Marlene. Wie oft hatte die Faßgruberin geschimpft, weil er ständig allein auf riskante Touren ging. Er nickte ohne das Thema zu vertiefen.
Zwei Tassen Kaffee waren geleert.
„Mogst no a Schnapserl? Auf d‘ oidn Zeitn?“
„Du mußt doch noch fahren!“ entrüstete sich Marlene.
„Oans geht oiwei, des Motarradl kennt do den Weg!“
Er bestellte zwei Stamperl mit einem hochprozentigen Kräuterschnaps. Als die Bedienung sie an den Tisch brachte, bat sie darum, schon kassieren zu dürfen. „Wir schließen um sechse!“.
Marlene schaute überrascht auf die Uhr. Für das Konzert würde es nun auf jeden Fall zu spät werden, aber das machte ihr im Moment gar nichts aus. Sie hatten tatsächlich fast zwei Stunden lang geredet, über alte und neue Zeiten. Sie wusste nun, dass er zwei Kinder und drei Enkel hatte und sein Leben lang im Umfeld von Bad Steinberg geblieben war. Marlene blickte auf ein etwas unruhiges Leben zurück. Sie hatte erst spät geheiratet, war kinderlos geblieben, aber beruflich erfolgreich geworden. Zufrieden waren sie anscheinend beide geworden.

Sie schrieben sich damals noch eine Zeitlang Briefe, aber jeder entwickelte schnell sein eigenes Leben, 700 km voneinander entfernt. Marlene fuhr bald nicht mehr mit den Eltern in Urlaub. Obwohl sie später viele Jahre in München wohnte, verschlug es sie selten nach Bad Steinberg, es gab von München aus so viele andere Wanderziele. Durch die Eltern, die noch einige Jahre zu Vroni Faßgruber kamen, erfuhr sie ab und zu Neues aus Ferdls Leben, eben auch, dass er früh geheiratet hatte. Einmal besuchte er Marlene in München, doch ihr neues aufregendes Großstadtleben mit Discos und Parties war ihm sehr fremd gewesen. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt.

Umso erstaunlicher, dass wir uns heute so unbeschwert unterhalten können, dachte Marlene.
Seitdem sie nicht mehr in München wohnte, machte sie wieder des Öfteren Urlaub in Bad Steinberg, ohne ihren Mann, denn der fand nicht mehr viel Spaß am Wandern. Manchmal hatte sie dabei schon an den Ferdl gedacht, aber das war alles viel zu lange her. An diesem Nachmittag überlegte sie: Was war das damals eigentlich gewesen? Eine Jugendliebe? Wohl nicht. Eher eine interessante Jugendfreundschaft.
„Kimm, gemma! Fahrst jetzt mit?“
„Kimm“ – So hatte er sie immer angetrieben, dachte sie, an einer sehr engen und steilen Wegstrecke oder beim Durchwaten eines glitschigen Baches, und ihr mit seiner kräftigen Hand Hilfestellung geleistet.
„Ja, aber nur bis Birnreuth, dann kann ich mir die Bimmelbahn schenken. Die ganze Strecke ist mir zu anstrengend.“
Ihr kamen Bedenken wegen des Motorrades, andererseits reizte sie der Gedanken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals wieder Motorrad gefahren zu sein.
Das Gewitter war vorübergezogen. Auf dem Weg zum Parkplatz fragte Marlene ihn, was er überhaupt hier im Ort gemacht habe. Er habe einen alten Spezl besucht, der neulich einen schweren Unfall gehabt hatte und sich noch eine Weile auskurieren müsse.
„Wos muaß der oide Lackl in seim Alter a no Motorradl fohrn“, grinste Ferdl. Marlene sah ihn nachdenklich an und schwieg.
Die Maschine war noch riesiger, als Marlene befürchtet hatte. Der Ferdl nahm einen zweiten Helm aus einer der Seitentaschen und half ihr beim Aufsetzen.
„Die alte BMW war ein bisschen bequemer, mein ich“, bemerkte Marlene und hievte sich mühsam auf den Sozius.
„De hod a nur 18 PS ghabt, de do hod 125!“, erklärte er stolz.
Marlene schaute ungläubig.
„Woaßt no, wie’s geht?“
„In den Kurven nicht gegensteuern, meinst du?“
„Genau!“
„Hoit di ei, Madl!“ forderte er sie auf, bevor es losging.
Marlene legte ihre Arme um seine Taille. Früher hatten ihre Arme vollständig um den drahtigen jungen Burschen gereicht, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Ferdl ein wenig füllig geworden war. Ihre Arme konnten seinen Körper nur noch zu knapp zwei Dritteln umfassen.
„Weißt du noch, was deine Oma immer gesagt hat, wenn wir auf Tour gingen?“
„Und pass schee auf d‘ Leni auf?“
Er fuhr wirklich sehr vorsichtig, das musste sie ihm lassen. Kurven gab es auf dieser Landstraße nur wenige, und als sie die erste Unsicherheit überwunden hatte und zunehmend Spaß an der Fahrt empfand, erreichten sie auch schon den Birnreuther Bahnhof.
Zehn Minuten blieben noch bis zur Abfahrt ihres Zuges. Nachdem der Ferdl ihr den Helm abgenommen hatte, standen sie sich etwas unbeholfen gegenüber. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie zum Abschied umarmen.
„Weißt was, ich hasse lange Abschiede. Brauchst nicht zu warten, fahr nur!“
Dann fügte sie lachend hinzu: „Ferdinand, go home!“ und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. “War schön, dass wir uns noch mal getroffen haben.“
Sie gaben sich die Hand und Ferdl umarmte sie nun doch noch ein wenig linkisch. Marlene sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit viel zu hoher Geschwindigkeit um die nächste Ecke verschwand.

Im Zug ließ sie später den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Sie war sich nun endgültig sicher, dass sie im nächsten Jahr nicht wieder nach Bad Steinberg kommen würde. Nach dem heutigen Nachmittag fiel ihr die Entscheidung leichter. Alles hatte seine Zeit gehabt, und so war es gut gewesen.

Draußen hatte heftiger Regen eingesetzt. Marlene schreckte aus ihren Gedanken hoch, als auf der Landstraße neben der Bahnlinie ein Polizeifahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeiraste, während der Zug an einem Haltesignal zum Stehen kam. Das Blaulicht warf ein bizarres Flackern durch die regennassen Scheiben.
 
Hallo Ciconia,
gut und stimmungsvoll geschrieben. (Vielleicht könnte man auf das eine oder andere Füllwort - "plötzlich", "ziemlich", "ganzen" u.ä. - verzichten. Unwichtig.)
Du hast den Schluss schon entschärft, aber mir gefällt er immer noch nicht. Ich fürchte, du irrst dich, wenn du glaubst, dass dem Leser eine Wahl bleibt.
So wie du die Geschichte des alten Freundes aufbaust mit stichwortartigen Familienskizzen, mit seinem früheren Draufgängertum und mit seiner heutigen Unbekümmertheit, vor allem mit den Gefahrsymbolen Berge, Motorrad und Gewitter - entschuldige - sie riecht von Anfang an wie ein Nachruf. Und dann lässt du mit dem letzten Absatz dem Leser wirklich keine Chance. Was soll er denn glauben, warum dieser Absatz dort steht?
Ich glaube, deine Geschichte ist erst dann richtig rund und lässt den Leser grübelnd zurück, wenn du diesen Absatz auch noch streichst. Du schreibst vorher, dass der alte Freund mit seinem Bik viel zu schnell wegfährt. Das reicht. Das kann was heißen, muss aber nicht. Mehr ist, meiner Meinung nach, weniger.
Jörg
 

Ciconia

Mitglied
Jessas, na! Jetzt meinte ich, dank mehrfacher weiblicher Unterstützung die Geschichte in trockenen Tüchern zu haben, und wollte mich gerade noch einmal bei Petra bedanken (Danke, Petra!), da kommt ein (männliches!) Huhn mit einem neuen Vorschlag um die Ecke … ;)

Hallo Jörg,

ich freue mich immer, wenn auch längere Texte aufmerksam gelesen werden. Du hast ganz richtig erkannt, dass die Geschichte ein wenig nach Katastrophe riecht. Man hätte also den Ferdl durchaus logisch sterben lassen können. Aber, wie die beratenden Damen sich einig waren, kam dieser Schluss zu abrupt daher. Ich meine, mit dem letzten Absatz und dem Blaulichtgeflacker ist ein guter Kompromiss gefunden, der dem Leser mehr Anlass zum Nachdenken gibt, als wenn die Geschichte so sang- und klanglos enden würde.
Aber verunsichert hast Du mich schon wieder ein wenig … :confused:
Danke erst einmal für Deine Überlegungen.

Gruß Ciconia
 
M

Metino

Gast
Hi Ciconia, hab mir Deine Zeilen auch durchgelesen! Zwar ist das Ende mit der "Anzeige" hart und abrupt, but thats life!
Viel runder lässt ,sie, sich aber ohne den Horror lesen, der einem Menschen ...!

Hat Spaß gemacht :)
 

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