Mattscheiben, Jingles und Charles Lewinsky

4,50 Stern(e) 2 Bewertungen
Mattscheiben, Jingles und Charles Lewinsky
Ein Versuch

Am Anfang kommt immer ein Jingle, vielleicht noch ein pfiffiger Übergang zur ersten Strophe; danach verströmt sich der Song in zwei oder drei weiteren Strophen und verglimmt wie ein Zigarette nach dem ersten Nikotinstoß mitten ins Nervensystem hinein unaufhaltsam in wenigen Zügen zur Asche.

Das ist das Rezept. Länger darf es nicht dauern. Die nächste Zigarette muss entzündet, der nächste Nickel in die Jukebox gedrückt werden. Wie das künstliche Gelächter eine Sitcom auf Knopfdruck endlos zu wiederholen.

Etwa zu dem Zeitpunkt, als sich mir die Bedeutung des Wortes „Sitcom“ erschloss – bis dahin hielt ich das für irgendeinen technischen Kram, vielleicht eine Art von Fernbedienung – etwa zu diesem Zeitpunkt fiel mir Charles Lewinskys „Mattscheibe“ in die Hände. Die Pleite des Haffmanns-Verlages spülte bedeutende Mengen gut lesbarer Titel in die Billigbuchkisten vor Kaufhallen und Buchhandlungen, die „Mattscheibe“ mit dem Untertitel „Ein Fernsehroman“ gehörte dazu.

Ich war sehr angetan. Da schrieb einer, offensichtlich vom Fach, und entblößte diese ganzen Knallchargen des Betriebes vor und hinter der Kamera, einschließlich der Fans und des Publikums. Selbst der Plot mit Spannungsaufbau und -management, den Räumlichkeiten und sozialen Orten, alles schien stimmig und und war lustig. Publicitygeile Politiker, dümmliche Fans, scharfe Miezen und fette Produzenten, erz-zynische Redakteure und besoffene Regisseure sowie ahnungslose Texter waren vertreten. Man wusste zwar ohnehin, dass das alles dazu gehört, hatte es aber noch nie so schön vorgeführt bekommen. Das Buch „Die Talkshow“ vom gleichen Autor, etliche Jahre später, erschien mir nicht mehr der Rede wert, war glatte Fortsetzung und Wiederholung des Stoffes.

Jahre gingen ins Land. Die Regierung beschloss in ihrer Weisheit, auf alle Fälle mal jedem Haushalt deftige Fernsehgebühren aufzubrummen, denn er könnte ja. Obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass das Fernsehen einen prominenten Platz auf der Liste der Erfindungen verdient, die zum Wohle der Menschheit besser unterblieben wären, dachte ich mir: Wenn ich den Kakao schon zahlen muss, durch den ich gezogen werde, dann will ich ihn auch konsumieren - besonders die Krimis. Das Ergebnis war eine gewisse Ratlosigkeit. Da wird zumeist ein möglichst gegensätzliches Ermittlerpaar von skurriler Originalität zusammengespannt, oft sind die Paare, Ex-Partner oder zumindest Duos so markant wie Dick und Doof, und die werden in eine Handlung hineingeschubst, die ganz nahe am pochenden Puls der Zeit entlangschlittert; gerne wird die versaute Umwelt, Vergewaltigung und Migration genommen, das Ganze natürlich mit reichlich Lokalkolorit, jeweils einer deutlichen Beischlafszene sowie mehren überdeutlich ekelhaft verstümmelten Leichen garniert.

Dennoch bereiten die Filme durchweg nach ihren jinglehaft auftrumpfenden Intros, nach Entwicklung ihrer Ausgangspunkte und Settings wachsenden Unwillen, ihnen weiter zu folgen. Eine schwer erträgliche Vorhersehbarkeit und Langeweile kommt auf und man muss einfach wegschalten; da können einen die oft sympathischen und hervorragend agierenden Schauspieler und die zuweilen beeindruckende Kameraarbeit auch nicht halten. Es ist nicht so, dass man die Lösungen vorhersagen könne; die einzelnen Schritte, die Dialoge, die Fahrten, die vielen kleinen Elemente sind es, aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sie rauben jegliches Interesse an Fortgang und Lösung.

Dann lieh mir jemand den neuen Lewinsky namens „Der Stotterer“. Das Buch hat auch wieder mit Medien und deren Betrieb zu tun, dieses mal dem Literaturbetrieb. Der Protagonist erzählt seine Lebens- und Entwicklungsgeschichte oder auch Lebensbeichte als Krimineller und Betrüger aus dem Knast heraus. Das Werk des einsitzenden Stotterers wird sofort nach dem Erscheinen und der Entlassung seines Autors zum Verkaufsschlager – aufgrund höchst dubioser Machenschaften und unter Mithilfe des organisierten Verbrechens; als Dank für gewisse Handreichungen.

Die Jugend des Stotterer ist naturgemäß hart, wobei nicht der billige Spott seiner Mitschüler die Hauptlast darstellt, sondern das familiäre Umfeld. Dieses ist eingebettet in die üble Gemeinschaft einer strenggläubigen und hochdogmatischen christlichen Sekte, eine der vielen evangelikalen Kleinsekten; sie hat im Buch keinen Namen. Diese Leute sehen in seiner Stotterei etwas, das mit einer zünftigen Teufelsaustreibung zu beheben sei. Was natürlich nicht zu fließender Sprache, sondern zu fließendem Urin, also zur Bettnässerei führt und das Elend ins Unerträgliche steigert. Unserem Helden gelingt jedoch ein Befreiungsschlag, und dann noch einer – dies sind die Höhepunkte des Buches.

Unser Held kann nämlich zwar nicht reden, aber er kann schreiben. Damit lockt er zunächst seinen fiesen bösen Feind aus der Schulklasse ins wohlverdiente Verderben. Den fingierten Liebesbriefen einer scheuen Schönheit kann das Großmaul in maßlosen Selbstüberschätzung nicht widerstehen und rennt freiwillig zum wohlpräparierten Ort seiner größtmöglichen Demütigung. Damit wird er nicht nur für unseren Helden, sondern auch für seine vielen anderen Opfer unschädlich gemacht, und wir lesen das gerne. Dies ist der erste Befreiungsschlag.

Mit dem nächsten wird auch der Große Vater, der Führer der Sekte, erledigt. Hier spielen Kinderpornos auf dem Computer, und natürlich wieder diverse Briefschaften, vorgeblich von Glaubensbrüdern, tatsächlich vom Stotterer verfasst, eine so zwingende Rolle, dass das bigotte Scheusal sich schließlich vor dem Altar entleibt, dem selben Alter, wo auch unser Protagonist wegen seiner Stotterei tiefe seelische und physische Wunden empfing. Wir erfahren das alles in zirkulären Auf- und Rückblenden in einer Art von zynischen, Selbstreflexion, ehrliches Bemühen um Besserung vorspiegelnden Briefen an den Anstaltspfarrer, von dem er im Gegenzug Vergünstigungen wie einen Drücker-Posten in der Anstaltsbücherei erhält.

Das ist eine raffinierte Textsorte, die der Lewinsky uns da serviert. Sie offenbart gleichzeitig eine Art von subjektiver Wahrheit und deren Negation, sie stellt sich scheinbar offen und ehrlich einer moralischen Wertung und öffnet gleichzeitig alle Maschen und Schlupflöcher, dieser zu entgehen. Denn einen Schuldspruch hat der Held fraglos verdient, hat er doch überwiegend nicht Bösewichter und Dunkelmänner, sondern alle Menschen, die sich gerade als Opfer darboten, bedenkenlos abgezockt und betrogen. Witzigerweise entsteht den Opfern bei Lewinsky zuweilen Gutes daraus, es funktioniert wie etwa in einem Slapstick, wenn der Böse das gefesselte Opfer geradewegs erschlagen will, nicht ganz trifft und somit versehentlich die Fesseln durchtrennt.

Nachdem der Text und die Art und Weise, wie die unterschiedlichen Abschnitte, Erzählebenen und Handlungsstränge miteinander verwoben sind, erst einmal etabliert ist, wird die Lektüre etwas mühsamer. Viele Kapitel, die ausdrücklich als bloße Schreibübungen des Protagonisten deklariert sind, erscheinen tatsächlich als solche und kommen einem dann wie „kreative Schreibschule 2. Semester“ vor. Ihr literarisches Alibi als raffinierte Rollenprosa erscheint dann als ein erschlichenes.
Viele Episoden, vor allem deren zunächst bestechend raffinierte Konstruktion, scheint man „irgendwie“ schon lange zu kennen, was ja auch bei solch einem auf breitester Front eingeführten Textgroßlieferanten und Schreiberling wie Lewinsky nicht verwundert. Mit anderen Worten, der Kreis schließt sich, das Fernsehen hat uns wieder. Ich darf anmerken, dass mir die Methode, mit der mich das Fernsehen so tief lockt und gleichzeitig heftig anödet, nach der Lektüre des neuen Lewinskys wesentlich deutlicher und einsehbarer erscheint.

Es wird halt alles reingemixt, was gut und teuer ist, alle aktuellen Aufreger, alle Säue, die gerade durchs Dorf getrieben werden, und dann so aufgeschäumt, dass der maximale Effekt entsteht. Jedes Kapitel, fast jeder Absatz beginnt mit einem kleinen Schlag, einem Jingle, und dann dudelt es mehr oder weniger im gleichen Rhythmus , in der gleichen Tonart und mit den gleichen Instrumenten wie vorher weiter. Man mag sich noch so analytisch und intellektuell fühlen, die Droge wirkt. Manchmal denke ich, dass dem Lewinsky eine Prise autobiografischer Selbstreflexion und vor allem auch Selbstrechtfertigung in dieses Buch gerutscht ist, ist er doch ein Schreiber, dem es auf möglichst erfolgreiches Überreden ankommt, und der hier jegliches Bedienen von Vorurteilen und Klischees für ebenso erforderlich wie scheinkritisch legitimiert darstellt. Vor über einem halben Jahrhundert nannte das ein hervorragender Kopf „repressive Entsublimierung“. Was mich betrifft, so wäre ich ja mit allem versöhnt, wenn des Protagonisten verderbendes Betrügergeschick nicht diesen finsteren evangelikalen Kleingemeinde-Despoten gefällt hätte, sondern einen Vertreter der großen Staatskirchen, die es mit gleichem Recht verdient hätten. Aber auf dieser Planstelle im Buch sitzt ja schon der gute Anstaltspfarrer, der das Buch erst ermöglicht, und auf den Planstellen im wirklichen Rundfunkrat sitzen die ja auch, und zwar mehrheitlich, und sind Lewinskys wichtigste Auftragsgeber.
 
Dein Text, Binsenbrecher, arbeitet auf nachvollziehbare Weise die mal mehr, mal weniger überzeugenden Aspekte eines aktuellen deutschsprachigen Romans heraus. Der Name Lewinsky sagte mir bislang nichts. In deiner Analyse erkenne ich jetzt Grundstrukturen wieder, die mir von anderen erfolgreichen belletristischen Werken aus jüngerer Zeit vertraut sind (Beispiel: Gerbrand Bakker, Oben ist es still). Dein Ansatz (Parallelität zu Krimi-Massenproduktion mit Assoziation zur Struktur von Jingles) sagt mir zu.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Hallo Arno Abendschön,

danke für Deinen Kommentar! Die "erfolgreichen belletristischen Werken aus jüngerer Zeit" nehme ich zwar kaum zur Kenntnis, habe es aber nach Deinen Worten anscheinend getroffen. Das freut mich.

Freundliche Grüße
Binsenbrecher
 

Penelopeia

Mitglied
Hallo Binsenbrecher,
die Beschreibung der Struktur moderner Filmproduktionen finde ich zutreffend - und sehe darin vor allem eine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft, die auf Bilder fixiert ist, sich von Bildern einlullen und betäuben lässt und so auf leichte, billige Art um die Mühe eigenen Denkens herumkommt. Allerdings findet sich der erwähnte "Jingle-Charakter" mit den bekannten Zutaten (differente Protagonisten, Slang, Leichen, Beischlafszenen, Lokalkolorit etc.) nicht nur in Filmproduktionen, sondern m.E. in der gesamten Unterhaltungsindustrie, zu deren "Früchten" ich auch viele literarische Erzeugnisse zähle. Ich habe es mir daher abgewöhnt, zu schnell nach dem neuesten Buch zu greifen, ich lasse es liegen mit dem Gedanken, ihm Zeit zu geben: Ist es guter Käse, wird er (es) dazu heranreifen; ist es schlechter Käse, wird er (es) verschimmeln. Nach ein paar Jahren darf man dann mal kosten...
 
Hallo Penelopeia,

ja, so ist das mit den "Mühen des eigenen Denkens", die ja unbedingt vermieden werden wollen/sollen. Zwar: "Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse", wie Brecht festgestellt hat, aber wer kann schon andauernd Vergnügen vertragen? Es ist damit wohl wie mit allen anderen Vergnügungen auch: ein bisschen anstrengen muss man sich schon, damit es welche werden.

Jedenfalls Dank für Deine freundlichen Worte!
Binsenbrecher
 

Oben Unten