Max Horkheimer: Die Differenz traditioneller und kritischer Theorie

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Blumenberg

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Max Horkheimer: Die Differenz traditioneller und kritischer Theorie​

Die 1937 im amerikanischen Exil entstandene Schrift Traditionelle und kritische Theorie ist zunächst einmal eine Programmschrift, d.h. eine Art der theoretischen Standortbestimmung. Als eine solche entfaltet das Werk zunächst ein Bild von dem, was Horkheimer unter Theorie im traditionellen Sinne versteht, um anschließend in Abgrenzung zu diesem traditionellen Theoriebegriff eine Bestimmung dessen vorzunehmen, was unter kritischer Theorie verstanden werden soll. Ich will in diesem Essay versuchen, die beiden Positionen kurz zu illustrieren.

I. Traditionelle Theorie
Bei dem Begriff der traditionellen Theorie handelt es sich um einen Sammelbegriff, unter den verschiedene Positionen subsumiert sind, wobei Horkheimer bemüht ist, die strukturellen Grundlagen des gebräuchlichen Theoriebegriffes herauszuarbeiten. So sei Theorie in der gebräuchlichen Forschungsverwendung ein „Inbegriff von Sätzen über ein Sachgebiet, die so miteinander verbunden sind, daß aus einigen von ihnen die übrigen abgeleitet werden können.“ (S. 12.) Diese klassische, auf Descartes zurückgehende Definition findet sich ebenfalls im Nachtrag des Essays. Dort heißt es: „ Theorie im traditionellen, von Descartes begründeten Sinn, wie sie im Betrieb der Fachwissenschaften überall lebendig ist, organisiert die Erfahrung auf Grund von Fragestellungen, die sich mit der Reproduktion des Lebens innerhalb der gegenwertigen Gesellschaft ergeben. Die Systeme der Disziplinen entfalten ihre Kenntnisse in einer Form, die sie unter den gegebenen Umständen für möglichst viele Anlässe verwertbar macht.“ (S. 57). Traditionelle Theorie wird so als eine affirmative verstanden, d. h., sie ist ausgerichtet auf die Erfordernisse der Reproduktion gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, da sich ihr Wert immer auf die (gesellschaftliche) Nützlichkeit bezieht.
Grundlegend ist für Horkheimer also eine Struktur, die es, ausgehend von einer Anzahl von allgemeinen und widerspruchslosen Grundsätzen, ermöglicht, Aussagen über die verschiedenen Bereiche von Wirklichkeit zu erzeugen und diese als Hypothesen mit jener abzugleichen. Es kommt Horkheimer dabei nicht so sehr auf eine differenzierte Detailbetrachtung einzelner Positionen der Theoriebildung an, d. h., es ist gleichgültig, ob die Grundsätze durch axiomatische Setzungen wie in der Mathematik, durch metaphysische Einsichten oder, wie im Empirismus, auf induktivem Weg gewonnen werden. Entscheidend ist die spezifische Stellung von Subjekt und Objekt. Horkheimer schreibt: „Immer steht auf der einen Seite das gedanklich formulierte Wissen, auf der anderen ein Sachverhalt, der unter es befasst werden soll, und dieses Subsumieren, dieses Herstellen der Beziehung von bloßer Wahrnehmung oder Konstatierung des Sachverhalts und der begrifflichen Struktur unseres Wissens heißt schon seine theoretische Setzung.“ (S. 16)
Dabei, und das ist die Essenz von Horkheimers Problematisierung traditioneller Theorie, wird in dieser in zweifacher Hinsicht abstrahiert. Einerseits von der Funktion der Wissenschaft in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, d. h. ihrer Aufgabe der Erzeugung, Akkumulierung und Organisation von Wissen über gesellschaftliche und natürliche Abläufe. „Der Gelehrte und seine Wissenschaft sind in den gesellschaftlichen Apparat eingespannt, ihre Leistung ist ein Moment der Selbsterhaltung, der fortwährenden Reproduktion des Bestehenden, gleichviel, was sie sich selbst für einen Reim darauf machen.“ (S. 18 f.) Andererseits abstrahiert die traditionelle Theorie von der Einbindung des Wissenschaftlers in den geschichtlichen Prozess, d. h., das Erkenntnissubjekt wird aus dem Erkenntnisprozess ausgeschlossen. So wird das Erkenntnissubjekt zu einem Medium des reinen Ordnens scheinbar vorhandener Faktizität und hypostasiert so eine spezifische historisch-gesellschaftlich produzierte Form und Funktion des Denkens.
Dadurch nimmt sie eine, auch die Praxis betreffende Eingrenzung der Reichweite vor, die positivistische Fachwissenschaft zur einzig möglichen Erkenntnisweise und so alle sie überschreitenden Aussagen für sinnlos erklärt. Dieses Erbe der traditionellen Theorie mit ihrer antimetaphysischen Stoßrichtung hat nach Horkheimer aber in der Hypostasierung der Form und Struktur der Begriffe und Verfahrensweisen traditioneller Theorie zu einer Ideologisierung geführt und sich so selbst ins Dogmatische verkehrt und damit in das, wogegen es einmal angetreten war.

II. Kritische Theorie
Von diesem Ausgangspunkt aus versucht Horkheimer in einem zweiten Schritt, den ich im Folgenden darstellen möchte, eine Neubestimmung der Theorie nicht als traditionelle, sondern als kritische Theorie der Gesellschaft. Ihr Kennzeichen ist es, dass die wahrnehmbare Welt in ihr nicht nur als gegebene Faktizität erscheint, sondern zugleich als Produkt gesellschaftlicher Zusammenhänge. Horkheimer schreibt dazu: „Dieselbe Welt, die für den Einzelnen etwas an sich Vorhandenes ist, das er aufnehmen muss und berücksichtigt, ist in der Gestalt, wie sie da ist, zugleich ein Produkt der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis.“ (S. 21)
Aufgabe einer kritischen Theorie ist es, diesen, in der traditionellen Theorie weitgehend unberücksichtigt bleibenden Zusammenhang kritisch zu reflektieren und in das Zentrum der Theorie zu stellen, mit anderen Worten eine kritische Theorie der Gesellschaft zu werden. Dazu ist es zunächst nötig, Wissenschaft als Moment des gesellschaftlichen Produktionsprozesses zu begreifen und damit als eine Sparte im Bereich einer arbeitsteiligen Gesellschaft. So erweisen sich die bisher in den positiven Wissenschaften als Naturtatsachen, als datum, adressierten Gegenstände letztlich als Resultat der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur. Damit ist aber auch das Motiv der Wissenschaft als einer selbstständigen, die Maßstäbe aus sich selbst erzeugenden Aktivität fragwürdig. Die Wechselbeziehung von Theorie und Gegenstand ist nicht mehr ein wissenschaftsimmanenter Prozess. „Ebenso wie der Einfluss des Materials auf die Theorie, so ist auch die Anwendung von Theorie auf das Material nicht nur ein innerszientistischer, sondern zugleich ein gesellschaftlicher Vorgang.“ (S. 18.) Aufgabe der kritischen Theorie ist es dabei, ebenso die Isolierung der Einzelwissenschaften wie auch die methodische Hypostasierung und Universalisierung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise aufzuheben.
Die Differenz zwischen traditioneller und kritischer Theorie ist dabei weniger eine des Gegenstandsbereichs, vielmehr unterscheiden sie sich durch die unterschiedliche Stellung von Subjekt und Objekt voneinander. Anders als in den positivistischen Wissenschaften begnügt sich kritische Theorie nicht mit einer bloßen Sammlung von Wissen, da ein solches rein kumulatives Verfahren für Horkheimer noch keine Erkenntnis darstellt. Erkenntnis ergibt sich erst in der Aufhebung der absoluten Trennung von Subjekt und Objekt, von Theorie und Praxis oder der von Individuum und Gesellschaft, die durch den systematischen Bezug auf den sie umfassenden gesellschaftlichen Zusammenhang erreicht werden soll. Diesen zeigt Horkheimer auch im Verhältnis von Gesellschaft und Einzelnem. Er schreibt: „Die Trennung von Individuum und Gesellschaft, kraft deren der Einzelne die vorgezeichneten Schranken seiner Aktivität als natürlich hinnimmt, ist in der kritischen Theorie relativiert.“ (S. 28.) Für Horkheimer zielt die Anstrengung kritischer Theorie immer auch auf das Ganze der gesellschaftlichen Verhältnisse, auf die kritische Durchleuchtung der gegenwärtigen Verhältnisse im Interesse der Herstellung von vernünftigen Zuständen. (Idealismus, S. 24 f./49) Horkheimer betont dabei den konstruktiven Charakter kritischer Theorie, als Versuch der prozesshaften Struktur gesellschaftlicher Phänomene und der Darstellung ihrer Zusammenhänge gerecht zu werden. Durch diese prozesshafte Gestalt begründet sich auch die notwendige Unabgeschlossenheit einer kritischen Theorie, die so lange angenommen werden muss, wie keine Aufhebung der realen gesellschaftlichen Widersprüche erfolgt ist. Mit Horkheimers Worten: „Da die Theorie ein einheitliches Ganzes bildet, das nur bezogen auf die gegenwärtige Situation seine eigentümliche Bedeutung hat, befindet sie sich in einer Evolution, die freilich ebensowenig ihre Grundlagen aufhebt, wie das Wesen des von ihr reflektierten Gegenstands, der gegenwärtigen Gesellschaft, etwa durch ihre neuesten Umbildungen ein anderes wird.“ (S. 53)

Abschließend möchte ich noch darauf verweisen, dass sich in dieser frühen Programmschrift der kritischen Theorie bereits zahlreiche Denkfiguren finden, die auch in den späteren Ausformungen der Theorie, wie sie etwa in der Dialektik der Aufklärung oder auch in der negativen Dialektik Theodor Adornos immer wieder im Mittelpunkt stehen. Zu nennen wären beispielsweise die Bindung an die materialen Verhältnisse, als Einspruchsinstanz gegen theoretisches Denken, die Aufhebung der absoluten Trennung von Subjekt und Objekt und ihre konkrete Vermittlung oder die Wechselbeziehung zwischen Naturbeherrschung und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Allererste Anmerkung nach allererstem Überflegen: Wenn Seitenzahlen angegeben werden, muss vermerkt werden, worauf sie sich beziehen - also auf die konkrete Ausgabe der Schrift. Am einfachsten geht das in einer Fußnote mit Quellenangabe.

Außerdem - aber hier spricht der Philosophie-Laie – verstehe ich die Überschrift nicht. Ist mit Differenz (= Abweichung) der Unterschied zwischen den beiden Theorie-Theorien gemeint? (*) Eine Unstimmigkeit zwischen ihnen? Oder eine Abweichung/Unstimmigkeit, die in beiden Theorien auftritt?
(Differenz: http://canoo.net/services/Controller?input=Differenz&MenuId=Search&service=canooNet&lang=de)
(* wenn Horkheimer die schon darstellte - was für eine Frage stellt dann eigentlich dein Essay?)
 

Blumenberg

Mitglied
Max Horkheimer: Die Differenz traditioneller und kritischer Theorie​

Die 1937 im amerikanischen Exil entstandene Schrift Traditionelle und kritische Theorie ist zunächst einmal eine Programmschrift, d.h. eine Art der theoretischen Standortbestimmung. Als eine solche entfaltet das Werk zunächst ein Bild von dem, was Horkheimer unter Theorie im traditionellen Sinne versteht, um anschließend in Abgrenzung zu diesem traditionellen Theoriebegriff eine Bestimmung dessen vorzunehmen, was unter kritischer Theorie verstanden werden soll. Ich will in diesem Essay versuchen, die beiden Positionen kurz zu illustrieren.

I. Traditionelle Theorie
Bei dem Begriff der traditionellen Theorie handelt es sich um einen Sammelbegriff, unter den verschiedene Positionen subsumiert sind, wobei Horkheimer bemüht ist, die strukturellen Grundlagen des gebräuchlichen Theoriebegriffes herauszuarbeiten. So sei Theorie in der gebräuchlichen Forschungsverwendung ein „Inbegriff von Sätzen über ein Sachgebiet, die so miteinander verbunden sind, daß aus einigen von ihnen die übrigen abgeleitet werden können.“ (S. 12.*) Diese klassische, auf Descartes zurückgehende Definition findet sich ebenfalls im Nachtrag des Essays. Dort heißt es: „ Theorie im traditionellen, von Descartes begründeten Sinn, wie sie im Betrieb der Fachwissenschaften überall lebendig ist, organisiert die Erfahrung auf Grund von Fragestellungen, die sich mit der Reproduktion des Lebens innerhalb der gegenwertigen Gesellschaft ergeben. Die Systeme der Disziplinen entfalten ihre Kenntnisse in einer Form, die sie unter den gegebenen Umständen für möglichst viele Anlässe verwertbar macht.“ (S. 57). Traditionelle Theorie wird so als eine affirmative verstanden, d. h., sie ist ausgerichtet auf die Erfordernisse der Reproduktion gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse, da sich ihr Wert immer auf die (gesellschaftliche) Nützlichkeit bezieht.
Grundlegend ist für Horkheimer also eine Struktur, die es, ausgehend von einer Anzahl von allgemeinen und widerspruchslosen Grundsätzen, ermöglicht, Aussagen über die verschiedenen Bereiche von Wirklichkeit zu erzeugen und diese als Hypothesen mit jener abzugleichen. Es kommt Horkheimer dabei nicht so sehr auf eine differenzierte Detailbetrachtung einzelner Positionen der Theoriebildung an, d. h., es ist gleichgültig, ob die Grundsätze durch axiomatische Setzungen wie in der Mathematik, durch metaphysische Einsichten oder, wie im Empirismus, auf induktivem Weg gewonnen werden. Entscheidend ist die spezifische Stellung von Subjekt und Objekt. Horkheimer schreibt: „Immer steht auf der einen Seite das gedanklich formulierte Wissen, auf der anderen ein Sachverhalt, der unter es befasst werden soll, und dieses Subsumieren, dieses Herstellen der Beziehung von bloßer Wahrnehmung oder Konstatierung des Sachverhalts und der begrifflichen Struktur unseres Wissens heißt schon seine theoretische Setzung.“ (S. 16)
Dabei, und das ist die Essenz von Horkheimers Problematisierung traditioneller Theorie, wird in dieser in zweifacher Hinsicht abstrahiert. Einerseits von der Funktion der Wissenschaft in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, d. h. ihrer Aufgabe der Erzeugung, Akkumulierung und Organisation von Wissen über gesellschaftliche und natürliche Abläufe. „Der Gelehrte und seine Wissenschaft sind in den gesellschaftlichen Apparat eingespannt, ihre Leistung ist ein Moment der Selbsterhaltung, der fortwährenden Reproduktion des Bestehenden, gleichviel, was sie sich selbst für einen Reim darauf machen.“ (S. 18 f.) Andererseits abstrahiert die traditionelle Theorie von der Einbindung des Wissenschaftlers in den geschichtlichen Prozess, d. h., das Erkenntnissubjekt wird aus dem Erkenntnisprozess ausgeschlossen. So wird das Erkenntnissubjekt zu einem Medium des reinen Ordnens scheinbar vorhandener Faktizität und hypostasiert so eine spezifische historisch-gesellschaftlich produzierte Form und Funktion des Denkens.
Dadurch nimmt sie eine, auch die Praxis betreffende Eingrenzung der Reichweite vor, die positivistische Fachwissenschaft zur einzig möglichen Erkenntnisweise und so alle sie überschreitenden Aussagen für sinnlos erklärt. Dieses Erbe der traditionellen Theorie mit ihrer antimetaphysischen Stoßrichtung hat nach Horkheimer aber in der Hypostasierung der Form und Struktur der Begriffe und Verfahrensweisen traditioneller Theorie zu einer Ideologisierung geführt und sich so selbst ins Dogmatische verkehrt und damit in das, wogegen es einmal angetreten war.

II. Kritische Theorie
Von diesem Ausgangspunkt aus versucht Horkheimer in einem zweiten Schritt, den ich im Folgenden darstellen möchte, eine Neubestimmung der Theorie nicht als traditionelle, sondern als kritische Theorie der Gesellschaft. Ihr Kennzeichen ist es, dass die wahrnehmbare Welt in ihr nicht nur als gegebene Faktizität erscheint, sondern zugleich als Produkt gesellschaftlicher Zusammenhänge. Horkheimer schreibt dazu: „Dieselbe Welt, die für den Einzelnen etwas an sich Vorhandenes ist, das er aufnehmen muss und berücksichtigt, ist in der Gestalt, wie sie da ist, zugleich ein Produkt der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis.“ (S. 21)
Aufgabe einer kritischen Theorie ist es, diesen, in der traditionellen Theorie weitgehend unberücksichtigt bleibenden Zusammenhang kritisch zu reflektieren und in das Zentrum der Theorie zu stellen, mit anderen Worten eine kritische Theorie der Gesellschaft zu werden. Dazu ist es zunächst nötig, Wissenschaft als Moment des gesellschaftlichen Produktionsprozesses zu begreifen und damit als eine Sparte im Bereich einer arbeitsteiligen Gesellschaft. So erweisen sich die bisher in den positiven Wissenschaften als Naturtatsachen, als datum, adressierten Gegenstände letztlich als Resultat der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur. Damit ist aber auch das Motiv der Wissenschaft als einer selbstständigen, die Maßstäbe aus sich selbst erzeugenden Aktivität fragwürdig. Die Wechselbeziehung von Theorie und Gegenstand ist nicht mehr ein wissenschaftsimmanenter Prozess. „Ebenso wie der Einfluss des Materials auf die Theorie, so ist auch die Anwendung von Theorie auf das Material nicht nur ein innerszientistischer, sondern zugleich ein gesellschaftlicher Vorgang.“ (S. 18.) Aufgabe der kritischen Theorie ist es dabei, ebenso die Isolierung der Einzelwissenschaften wie auch die methodische Hypostasierung und Universalisierung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise aufzuheben.
Die Differenz zwischen traditioneller und kritischer Theorie ist dabei weniger eine des Gegenstandsbereichs, vielmehr unterscheiden sie sich durch die unterschiedliche Stellung von Subjekt und Objekt voneinander. Anders als in den positivistischen Wissenschaften begnügt sich kritische Theorie nicht mit einer bloßen Sammlung von Wissen, da ein solches rein kumulatives Verfahren für Horkheimer noch keine Erkenntnis darstellt. Erkenntnis ergibt sich erst in der Aufhebung der absoluten Trennung von Subjekt und Objekt, von Theorie und Praxis oder der von Individuum und Gesellschaft, die durch den systematischen Bezug auf den sie umfassenden gesellschaftlichen Zusammenhang erreicht werden soll. Diesen zeigt Horkheimer auch im Verhältnis von Gesellschaft und Einzelnem. Er schreibt: „Die Trennung von Individuum und Gesellschaft, kraft deren der Einzelne die vorgezeichneten Schranken seiner Aktivität als natürlich hinnimmt, ist in der kritischen Theorie relativiert.“ (S. 28.) Für Horkheimer zielt die Anstrengung kritischer Theorie immer auch auf das Ganze der gesellschaftlichen Verhältnisse, auf die kritische Durchleuchtung der gegenwärtigen Verhältnisse im Interesse der Herstellung von vernünftigen Zuständen. (Idealismus, S. 24 f./49) Horkheimer betont dabei den konstruktiven Charakter kritischer Theorie, als Versuch der prozesshaften Struktur gesellschaftlicher Phänomene und der Darstellung ihrer Zusammenhänge gerecht zu werden. Durch diese prozesshafte Gestalt begründet sich auch die notwendige Unabgeschlossenheit einer kritischen Theorie, die so lange angenommen werden muss, wie keine Aufhebung der realen gesellschaftlichen Widersprüche erfolgt ist. Mit Horkheimers Worten: „Da die Theorie ein einheitliches Ganzes bildet, das nur bezogen auf die gegenwärtige Situation seine eigentümliche Bedeutung hat, befindet sie sich in einer Evolution, die freilich ebensowenig ihre Grundlagen aufhebt, wie das Wesen des von ihr reflektierten Gegenstands, der gegenwärtigen Gesellschaft, etwa durch ihre neuesten Umbildungen ein anderes wird.“ (S. 53)

Abschließend möchte ich noch darauf verweisen, dass sich in dieser frühen Programmschrift der kritischen Theorie bereits zahlreiche Denkfiguren finden, die auch in den späteren Ausformungen der Theorie, wie sie etwa in der Dialektik der Aufklärung oder auch in der negativen Dialektik Theodor Adornos immer wieder im Mittelpunkt stehen. Zu nennen wären beispielsweise die Bindung an die materialen Verhältnisse, als Einspruchsinstanz gegen theoretisches Denken, die Aufhebung der absoluten Trennung von Subjekt und Objekt und ihre konkrete Vermittlung oder die Wechselbeziehung zwischen Naturbeherrschung und gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen.


*Die zitierten Textstellen stammen aus: Horkheimer, Max: „Traditionelle und kritische Theorie“ [1937], in: ders.: Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt a.M. 1970, S. 12?64.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Jon,

vielen Dank für den Hinweis mit der Textangabe, die wurde beim Überführen aus dem Worddokument nicht übernommen. Ist aber jetzt eingefügt, formale Korrektheit muss ja schließlich sein. Da ich es hier nicht hinbekomme eine Fußnote zu setzen (vielleicht sollte ich eher über die Differenz zwischen mir und einer gelingenden Technikanwendung schreiben), hoffe ich auch das Sternchen reicht.

Eine Frage im eigentlichen Sinne hatte nicht nicht unbedingt intendiert, es soll eher die meines Erachtens wesentlichen Punkte des Horkheimer-Textes darstellen und näher erläutern.

Differenz meint in diesem Kontext einen Unterschied zwischen den konstitutiven Elementen beider Formen von Theoriebildung, wobei die Kritik am Theorieverständnis im traditionellen Sinne bei Horkheimer die Basis für die Herausarbeitung seines eigenen kritischen Ansatzes bildet.

Beste Grüße

Blumenberg
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Danke für die Antwort. Ich hab mal genauer gelesen und fand das, was ich verstand, interessant. Allerdings fehlt mir definitiv die Übung für solche hochabstrakten Texte. Zu theoretisch für mich … ;)
 
A

alskardinal

Gast
Max Horkheimer: Die Differenz...

Fein, dass man auch mal auf jemanden mit theoretischen Interessen trifft! Dein Essay ist sehr interessant, anschaulich und enthält Aspekte, die ich in dieser Form noch nicht bedacht habe. Was mir beim Lesen des Textes parallel durch den Kopf ging, war Folgendes: In den Naturwissenschaften ging man früher davon aus, dass Forschung ein rein objektives Ergründen a priori feststehender Tatsachen ist, die es ganz losgekoppelt vom Forschenden zu finden gilt. Heute weiß man nicht zuletzt durch Hirnforschung und Psychologie, dass Realität keine feste Größe außerhalb von uns selbst ist, sondern ein Konstrukt des menschlichen Kopfes. Der Forscher ergründet also, wenn er forscht, keine unumstößlichen Welttatsachen, sondern das Forscherhirn konstruiert Prämisse, Frage und Antwort der Frage.
Dein Essay spiegelt m.E. diese Erkenntnis "im Kleinen" auf großer soziologischer Ebene. Denn eine Theorie ist in diesem Sinne ja nichts anderes als die addierten Erkenntnisse einzelner Denker bezogen auf eine bestimmte Fragestellung. Der kritische Theoriebegriff scheint mir anders als der traditionelle in diesem Sinne der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es keine statischen Positionen gibt, sondern dass Fragestellungen und Antworten von Menschen produziert werden, die in einer bestimmten Zeit leben, die ihrerseits bestimmte Nützlichkeitserwägungen usw. zu treffen hat. Oder wie Heisenberg auf wieder ganz anderem Gebiet herausgefunden hat: Der Messende und die Messung haben Einfluss auf das Messergebnis. Die traditionelle Theorie scheint dagegen mit dem verhaftet, was man in der Physik mit dem newtonschen Weltbild meint. Grüße.
 
Liebe(r) Blumenberg,
deine Horkheimer-Rezension zum Thema TRADITIONELLE UND KRITISCHE THEORIE (1937) löste bei mir einige Überlegungen bezüglich der möglichen Bedeutung heute aus. Ich hoffe daher, dass deine historisch soweit zurückgreifenden Intentionen, die du mit diesem Text ausdrücken oder vermitteln wolltest, nicht im Archivstaub landen, den es natürlich auch in der digitalen Welt des FORUM LUPANUM gibt.

Schon die Tatsache, dass es Max Horkheimer mit seinen Freunden gelang, das Institut für Sozialforschung in Frankfurt a.M. dem räuberischen Zugriff der NAZIS zu entziehen, zeigt eine für meine Begriffe sensible und weitsichtige Widerstandsstrategie. Das Forschungs- und Lehrinstitut musste aus seiner tödlichen Bedrohungssituation heraus nicht bloß defensiv sondern gleichermaßen auch offensiv agieren. Die deutschen Emigranten und die auf internationaler Ebene mit ihnen verbundenen Wissenschaftler formulierten, wie du feststellst, in der ‚Zeitschrift für Sozialforschung‘ ein Programm, das für sich in Anspruch nahm, offen kritisch und durch keine dogmatischen Vorgaben eingeengt, die gesellschaftlich- kulturellen Entwicklungen als Ganzes in ihrem komplexen Entstehungsprozess zu erforschen. Charakteristisch an der programmatischen Intention scheint mir deshalb, dass die ‚kritische Theorie der Gesellschaft‘ nicht pauschal von traditionell orientierter Theorie und den Fachwissenschaften (einschließlich der Naturwissenschaften) sich absetzt, um sie sodann von ‚ außen‘ und beliebig zu kritisieren. Trotz und wegen dieses undogmatisch-kritischen Anspruchs steht die erste Generation (Horkheimer, Adorno …) zu den spezifischen Wurzeln ihres Instituts und setzt sich damit bewusst der wissenschaftlichen und politischen Kritik aus, an der sie sich abarbeitet: Einerseits philosophischen Konzeptionen mit materialistischem und idealistischem Ansatz, verbunden mit dialektischer Denkmethode; andererseits die im Anschluss an den ‚höchsten Stand der Philosophie‘ in Deutschland von Marx (lebenslang exiliert !) entwickelte Methode der ‚Kritik der politischen Ökonomie‘, die als Analyse des materiellen, ökonomischen, kulturellen, geistigen Lebens wissenschaftlich fundierte Wahrheit hervorbringen will.

Dass alle diese Umstände und Aspekte des Agierens des Frankfurter ‚Instituts‘ Nähe zu psychoanalytischen Methoden und deren problematischen naturwissenschaftlichen Verankerung (Sigmund Freud) aufweisen, scheint mir kein Zufall und erklärt spätere Kontroversen im internationalen wie im deutschen Zusammenhang, die besonders wegen ihrer Nichtabgeschlossenheit (ein Motiv deiner Rezension?) nach meiner Einschätzung in der Breite zu wenig bekannt sind. Hinzu kommt, dass die kritische Theorie die Monopolansprüche sozialistisch-kommunistisch sich gebender Parteien auf Kompetenz im sozialen Handlungsspektrum grundsätzlich relativiert hat, sodass selbst der interessierte Beobachter frühzeitig das Feld verlässt, da er dem ersten Eindruck folgt, dass die Sachen zu schwierig oder keine Antworten auf durchaus ernste Fragen zu erwarten sind.

Ich hoffe keinen allzu kühnen Bogen in die heutige Zeit zu schlagen, wenn ich annehme, dass ‚Autorität und Familie‘, ‚Dialektik der Aufklärung‘ und die nicht gezählten Schriften des ‚Instituts‘ und seiner Autoren noch heute zu lesen lohnen. Insbesondere scheint mir Max Horkheimers Bemerkung von damals eine starke Anregung zu sein, will man sich mit den heutigen Verhältnissen - gegen Unterdrückungs- und Verdummungsversuche, für Freiheit und Demokratie -, auseinandersetzen und offen dem autoritären Vorurteil entgegentreten, auch wenn es sich hinter sogenannter Wertfreiheit von Tatsachenfeststellungen verbirgt: „An den Aufsatz über traditionelle und kritische Theorie im letzten Heft hatten sich ausführliche Besprechungen angeschlossen. Die Bedeutung der Philosophie, eigentlich die Frage nach der gegenwärtigen Rolle des Denkens bildete das wichtigste Thema.“(*)

Für die weitere Entwicklung der kritischen Theorie scheint mir ein Hinweis angebracht, der gewisse Akzentverschiebungen der Arbeit des ‚Instituts’ in den 60ern anzeigt. Jürgen Habermas lotete die kategoriale Bedeutung der KOMMUNIKATION, die ja auch von Menschen produziert wird (wie alle übrigen handelbaren Waren?), für gesellschaftliche und politische Entwicklungen aus. Ludwig v. Friedeburg war meines Wissens der einzige aus der zweiten Generation, der zwischenzeitlich den Schritt in die Politik gewagt hat (Kultusminister in Hessen). Seit einigen Jahren vermisse ich allerdings eine systematische, kritische, gezielte Auseinandersetzung mit der wachsenden ‚rechten Tradition‘, wie sie an den Hochschulen etabliert ist, aber ebenso mit dem politischen AGITPROP eines Thilo Sarrazin, der die Gespensterveranstaltung zum Thema des Untergangs der abendländischen Kultur mit ‚wissenschaftlich abgesicherten Daten‘ illustriert. Ich bin mir eigentlich sicher, dass selbst der kritische Journalismus, der doch an das Tagesgeschäft angebunden ist, ein tieferes, kritisches Schürfen mit bestem Willen nicht hinbekommt.

Vor ein paar Tagen las ich im Feuilleton der Frankfurter Rundschau einen Artikel von Markus Schwering, der titelte: Das schlechte Gewissen Phil. Cologne: Axel Honneth vs. Norbert Bolz (**). In Anlehnung an das nicht im Sinne einer ‚Differenz‘ ausrechenbare Verhältnis von traditioneller und kritischer Theorie saßen am Podium der Direktor des ‚Instituts‘, A. Honneth und N. Bolz, der CDU nahe ‚Kommunikationstheoretiker‘, unter dem drohenden Thema ‚Sozialismus. Eine gute Idee?‘ beieinander. Ich sage ‚drohend‘, weil die konservative Prämisse, die hier in die Themenformulierung unausgesprochen eingeht und offenbar auch unbefugt Regie führt, Sozialismus nur als feststehende, ja starre Idee ohne jegliche Dynamik abhandeln will, wobei, mit der Arroganz des Machtapparates im Rücken, gerade noch ein langweiliges ‚Meinungsbild‘ gestattet ist. Es mag sein, dass der Journalist die differenzierten Spannungsverhältnisse der Veranstaltung uns nicht schildern konnte, ihm zu wenig Raum zur Verfügung stand, denn offenbar wurde über den Umgang mit Freiheit und Fremdbestimmung, das Thema des Glücksstrebens, der Prekarisierung und der „zunehmenden Produktion bedrohlicher Lebenslagen“ gesprochen, allerdings offenbar gezielt einseitig. So darf die notwendige Kritik des stalinistischen Gulag-Systems nach einem Horkheimer Wort nicht damit konterkariert werden,dass das faschistische Terrorsystem bestenfalls ehrlich beklagt, der Kapitalismus aber beschwiegen oder gar verherrlicht wird. Indirekt zitiert der Journalist Herrn Bolz, „dass der Kapitalismus als Genie der Anpassung die Kritik seiner Gegner immer schon aufnehmen und dadurch absorbieren konnte –‚von Bismarck bis Merkel‘. Der Sozialismus lebe heutzutage nur noch als ‚Alltagskultur auf dem Campus‘ und als ‚Fetisch des Sozialen‘: ‚Es endet das Denken, es beginnt der Moralismus‘“. Dass die Diskutanten durch ihre schwachen Positionierungen ein „Unbehagen an spiegelbildlichen Defiziten“ beim interessierten Publikum hinterließen, ist nicht weiter schlimm,aber des Nachdenkens wert.

Jedoch, wenn nicht nur in der Türkei, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschland der Staatsanwalt journalistisches Material zum Zwecke der Unterdrückung von Kritik beschlagnahmt; wenn ein Richter mit AFD-Parteibuch das programmatisch fixierte Bestreben der NPD für unanstößig hält, acht Millionen Menschen aus Deutschland zu vertreiben, darunter mehrere Millionen deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund, dafür aber einen Wissenschaftler am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung wegen seines öffentlichen Hinweises auf die dunklen, antidemokratischen Unterdrückungsgelüste der NPD mit einem Verbot belastet, das im Falle der Zuwiderhandlung zu einer spürbaren Strafe führen soll, dann, so sage ich, müssten eigentlich überall die Alarmglocken läuten. Warum tun sie das nicht? Mit freundlich ermunternden Grüßen herbert schmelz

(*)Zeitschrift für Sozialforschung/ Band VI S.625:philosophie und kritische Theorie
(**)Frankfurter Rundschau 21./22.Mai 2016
 
Liebe(r) Blumenberg,
in meiner relativ spontanen Antwort auf deine mich mit Freude erfüllende Horkheimer Rezension bezüglich des Verhältnisses von traditionaler und kritischer Theorie habe ich den entscheidenden Punkt vergessen anzusprechen.

Hatte Horkheimer (1937) noch die Notwendigkeit hervorgehoben, sich vor allem mit der „Rolle des Denkens“ kritisch auseinanderzusetzen, um aktiver Part bei der (praktischen) gesellschaftlichen Umgestaltung der kapitalistischen Kultur insgesamt sein zu können, so hören wir jetzt auf dem Podium von Axel Honneth und Norbert Bolz Töne, die sich auf der Resonanzgrundlage der ‚Regulierung des Kapitalismus‘ (seit über 100 Jahren Realität, die auch ihre besonderen Symptome äußert) in die Richtung der heute vorherrschenden Ideologie der Alternativlosigkeit bewegen.

Bolz sagt: Zur sozialstaatlichen Regulierung „brauchen wir keinen Sozialismus, auch nicht in der Idee“. Honneth äußert sich sinngemäß, dass die „große historische Erblast“ des „real existierenden Sozialismus“ in „Ideenbeständen“ von Marx ihre „Wurzeln“ habe. Er betont kritisch (ablehnend im praktischen Sinn von abzuschaffen) die „transzendentale Bindung (der Lehre) an das Proletariat als revolutionäres Subjekt“, den „ verachtungsvoll-liederlichen Umgang mit den bürgerlichen Freiheitsrechten“ und das marxistische ‚Sozialingenieurswesen‘.

Damit ist er ziemlich genau bei Bolz und dem Monopolanspruch eindimensionalen Denkens, nämlich der rigiden Ablehnung der durchaus tief in uns verwurzelten bürgerlichen Vorstellung, „dass Glück gesellschaftlich machbar sei.“ Und davon, dass es das ist und nicht so einfach vom Himmel fällt, legt meiner Überzeugung nach das hartnäckig nachhaltige Glücksstreben des gesellschaftlichen Individuums, einschließlich aller Hoffnungen und Nöte, ein beeindruckendes Zeugnis ab. Es klingt wie eine Verschwörungstheorie, die ich überhaupt nicht im Sinn habe, wenn ich vermute, dass das begriffliche Schicksal des Sozialismus an das unglückliche der Utopie gekoppelt wird - um der Menschheit ihre unverwüstlichen Flausen auszutreiben. Es kommen auch wieder freundliche Zeiten.
Mit freundlichem Gruß herbert schmelz
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Herbert Schmelz,

zunächst einmal Entschuldigung für die verzögerte Rückmeldung für einen so langen und in die Tiefe gehenden Beitrag zu meiner Rezension wollte ich mir auch die gebührende Zeit nehmen. Ich freue mich, dass Ihnen mein kleiner Beitrag gefallen hat und bedanke ich für die ausführliche Besprechung.

Was die Veränderung der Stoßrichtung innerhalb der späteren Frankfurter Schule angeht haben sie völlig Recht, gerade auch die Wende unter Habermaß mit dem verlegten Schwerpunkt auf den Diskurs und die Kommunikation unterscheidet der Ansatz sich doch erheblich von den frühen Mitgliedern und deren Denken.

Leider kenne ich die Podiumsdiskussion nicht von der Sie berichten, die Äußerungen von Axel Honneth über den Sozialismus scheinen mir allerdings an dessen neuestes Buch Die Idee des Sozialismus angelehnt, das ich gelesen habe.
Auf Grundlage dieses Aktualisierungsversuchs scheint mir der Vorwurf der Annahme eines eindimensionalen Denkens den sie Honneth machen ein wenig zu hart. Honneths Problemanalyse nennt vor allem drei Punkte:
a)die starke Bindung der Idee des Sozialismus an das Industrieproletariat. Hier ist übrigens Interessant, dass er gewissermaßen in der Tradition Horkheimers und Adornos steht. Gerade bei Horkheimer lässt sich innerhalb des Denkens ein Misstrauen gegenüber dem Proletariat als Träger einer sozialistischen Idee ausmachen. So gesehen ist es auch nicht falsch der kritischen Theorie eine gewisse elitäre Stoßrichtung vorzuwerfen.
b)Das Misstrauen gegenüber der Idee des Liberalismus (Der hier und das ist der entscheidende Punkt nicht als ein neoliberaler bzw. Liberalismus in moderner Ausprägung verstanden werden darf, sondern sich mit den Wurzeln dieser Bewegung bei Adam Smith, dessen ethische Schriften meines Erachtens sträflich vernachlässigt werden stellen sie doch ein interessantes Korrektiv zu dem Teil dar der verkürzt als die freie Hand des Marktes bezeichnet werden könnte.) aber auch den Vordenkern der franz. Revolution. Das hier auf Basis dieser Texte entwickelte Ideal eines mündigen Citoyen ist nicht so weit entfernt von dem was sich Habermaß unter einem mündigen Diskursteilnehmer vorstellt.
c) Auch die Kritik Honneths am Sozialingenieurswesen halte ich nicht grundsätzlich für falsch. Diese trifft aber nicht ausschließlich auf den Sozialismus zu, sondern findet sich meines Erachtens auch in liberalen Strömungen, entspricht also eher dem damaligen Zeitgeist.

Die Kritik Honneths in diesen drei Punkten halte ich, für berechtigt, da ich die Einschätzung teile, dass ein Denken in dieser Richtung einiges an Zugkraft verloren hat. Vor allem finde ich erfreulich, dass die Kritik Honneths mit dem Ziel einer Aktualisierung erfolgt. Hier lässt sich wohlwollend sogar eine selbstkritische Methode aus der Dialektik der Aufklärung ausmachen, die vor einer Dogmatisierung der eigenen Positionen als bereits erfolgten Rückfall in den Mythos warnt.
Beispielhaft lässt sich das an der Bindung an das Industrieproletariat erläutern, deren Anteil zu Zeiten von Marx die Mehrheit der damaligen Bevölkerung ausmachte. Betrachten wir Deutschland heute hat sich zunächst das Industrieproletariat hin zu einem Dienstleistungsproletariat entwickelt, dass sich von dem des 19. Jahrhunderts unterscheidet. Daneben lässt sich auch nicht leugnen, dass dieses Dienstleistungsproletariat heute einen um einiges kleineren Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmacht. All diese veränderten Bedingungen zwingen nach Honneths Ansicht auch die Theorie sich immer wieder, auch in ihren Grundpositionen, kritisch zu hinterfragen.

Beste Grüße

Blumenberg
 

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