Mehltau

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Ciconia

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Was mag bleiben von diesem nie enden wollenden Sommer?

Der Mehltau, der sich seit Längerem in dünn-bleiernen Schichten übers Gemüt legt?
Die unverdaulichen Horrormeldungen aus einer Welt, welche mir immer fremder wird?
Das mulmige Gefühl, wenn Freiheit schleichend eine andere Bedeutung bekommt?
Ein allgegenwärtiger Geruch von Desinfektionsmitteln?

Gerüche des Meeres oder saftiger Almwiesen, die sonst zu einem richtigen Sommer gehörten, wurden uns weitgehend verwehrt bzw. waren mit solchen Unannehmlichkeiten verbunden, dass viele freiwillig darauf verzichteten. Reisen können schließlich auf später verschoben werden – sofern man dann noch jung und fit genug ist.

Wir hatten uns diesen Sommer sicher anders vorgestellt. Jetzt müssen wir froh sein, unbeschadet daheim sitzen und dabei schlechte Laune oder gar echte Depressionen still ergeben unter Kontrolle halten zu können. In der Öffentlichkeit lassen sich heruntergezogene Mundwinkel glücklicherweise gut hinter einer Maske verbergen. Lustig ist ja sowieso nichts mehr.

Ich fürchte, den Mehltau auf meiner Seele werde ich angesichts neuerlich drohender Herbststürme so schnell nicht wieder los. Dass angeblich nach jedem Winter ein neuer Frühling kommen soll, kann aus jetziger Sicht nur als schwacher Trost gelten.

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Formal recht gut gelungen, inhaltlich so verständlich wie betrüblich.

Vielleicht ist es eine Zeit, in der sich Rückzug auf die eigene Person und Welt empfiehlt. Dabei jedoch aktiv bleiben, d.h. sich je Zeiteinheit (Tag, Woche, Monat) eine zu bewältigende Aufgabe vornehmen. Es muss keine verlorene Lebenszeit geben. Ich bewundere z.B. Menschen aus meiner Großelterngeneration (geb. 1880 - 1900), wenn sie die Katastrophen der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts lebend überstanden und dabei auch noch ein Lebenswerk geschaffen haben.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke für Deine lobenden Worte, Arno.

Aktiv bleiben ist sicher nicht das größte Problem, obwohl es natürlich auch da Einschränkungen genug gab und immer noch gibt. Ich selbst z. B. war in der Corona-Anfangsphase (ich nenne sie die Klopapierhamsterphase) im Krankenhaus und in der Reha – bei absolutem Besuchsverbot genau vom Tag der OP an und sehr eingeschränkten Anwendungen. Als ich nach vier Wochen nach Hause kam, war die Welt nicht mehr dieselbe. Die erforderliche Nachsorge konnte dann auch nur teilweise stattfinden (Physiotherapeuten in Kurzarbeit, Fitnessstudios und Schwimmbäder geschlossen, etc.). Soviel dazu.

Da bleibt dann vor allem die geistige Aktivität. Viel lesen, manchmal etwas schreiben …

Aber das sind alles Dinge, die irgendwann vorübergehen. Viele andere Dinge, die zur Zeit in unserem Land und auf der ganzen Welt passieren, werden sich aber nie mehr (zumindest nicht zu unseren Lebzeiten) rückgängig machen lassen, egal ob in der Politik oder der Umwelt. Und das ist meine weitaus größere Sorge.

Und damit komme ich auf Deinen letzten Absatz zurück: Ich bin mir durchaus bewusst, dass die „Katastrophen“, die wir jetzt durchmachen, sich nicht mit denen unserer Großelterngeneration vergleichen lassen (siehe auch meine Geschichte „Paul“). Wir, als Nachkriegsgeneration, haben sehr viele gute Jahre gehabt. Daran sollten wir immer denken.

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

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Täglich kommt eine neue dünne Schicht Mehltau hinzu. Sollte man vielleicht wirklich keine Zeitungen mehr lesen, keine Nachrichten verfolgen? Nein, das ist für mich nicht die Lösung.

Viele Andere scheinen das aber so zu machen, denn die Empörung über kleine und große Vorkommnisse hier wie da hält sich absolut in Grenzen. Müsste sie nicht in diesen Zeiten jeden Tag größer werden? Sich zurückhalten, sich nicht einmischen, keine Stellung beziehen, bloß nicht auffallen, scheint den Meisten wichtiger. Und diejenigen, die sich äußern, bleiben vorsichtshalber mitten im Mainstream. Da ist es am sichersten; das was alle glauben und sagen, kann ja nicht falsch sein. Ganz schnell werden dabei Andersdenkende von der Masse über den Rand gedrängt. Plumps!

Keine Empörung, nirgendwo.
 
Werte Ciconia, das von dir zuletzt gezeichnete Bild entspricht nicht der wirklichen Lage im Land. Tatsächlich finden z.B. hier in Berlin gegenwärtig besonders viele Demonstrationen zu sehr verschiedenen Themen pro und contra statt. Wenn ich mir die Leserkommentarspalten in den von mir bevorzugten Zeitungen ansehe, so ist dort eine umfangreiche und sehr lebendige, oft hitzige Diskussion festzustellen. Auch die angelaufene Streikbewegung spricht nicht gerade für Friedhofsruhe im Land. All diese Phänomene werden dabei von mir hier jetzt nicht bewertet.

Was den Mainstream betrifft, so muss er nicht zwangsläufig immer falsch liegen. In der gegenwärtigen besonderen Lage begehen aus meiner Sicht jene, die sich als Andersdenkende von der Masse über den Rand gedrängt fühlen, einen gedanklichen Fehler: Sie vermischen dabei politische mit naturgesetzlichen Kategorien. Wo es um letztere geht, müssen politische Entscheidungen sich auch primär an ihnen orientieren. Das naturgesetzlich Erforderliche wie z.B. Seuchenbekämpfung verträgt gelegentlich den politischen Kompromiss nur um den Preis des Scheiterns.

Ausnahmesituationen sind Experimentierfelder, auf denen ständig neue Erfahrungen zu machen und Fehler unvermeidlich sind. Fatal aber wäre es, mit einem Verweis auf Letzteres für faktisches Nichtstun zu plädieren. Die Folgen könnten sowohl naturgesetzlich wie politisch katastrophal sein.

Ich versuche noch den Spagat zu der hier erwünschten Textarbeit, und zwar so: Deinen Text ganz oben habe ich als Zeugnis nur zu verständlicher subjektiver Betroffenheit wahrgenommen und schätze ihn so auch weiterhin. Einen Aufruf zu allgemeiner Empörung kann ich auch zwischen den Zeilen nicht herauslesen. Oder habe ich nicht genau genug gelesen?

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Nein, lieber Arno, ein Aufruf zur Empörung sollte weder der erste noch der zweite Beitrag sein. Nur ein Ausdruck absoluter Verwunderung.

Es ging mir nicht vorwiegend um Corona und deren Bekämpfung. Ich fühle mich nicht besonders gefährdet, denn ich lebe hier in einem Landkreis mit sehr geringen Infektionszahlen. Allerdings hat mir bis heute noch niemand erläutern können, wie viele „Infizierte“ überhaupt und wenn ja, wie heftig erkrankt sind. Zu lesen sind (zumindest in meiner Tageszeitung) immer nur die Zahlen der Krankenhauspatienten und natürlich der Toten. Wie gut, dass wenigstens in Hamburg die Todeszahlen relativiert werden konnten, Professor Püschel sei Dank.
Oder habe ich nicht genau genug gelesen?
Vielleicht ein wenig, lieber Arno. Die subjektive Betroffenheit beruht ja immer auch auf den Umfeldfaktoren, die das Betroffensein noch verstärken, und ich meinte mit
Das mulmige Gefühl, wenn Freiheit schleichend eine andere Bedeutung bekommt?
auch gesagt zu haben, dass man vieles nicht mehr offen sagen kann, ohne sofort in die Ecke gestellt zu werden. Das fängt hier in der Leselupe an, wo Texte und Gedichte, die gegen rechts hetzen, beklatscht werden, und derjenige, der sie kritisiert, weil er sie für unterhalb der Gürtellinie hält - nicht weil er selbst eine rechte Einstellung hat! - bepöbelt wird.

Und das geht im Bekanntenkreis weiter, wo man am liebsten nichts sehen und hören will und sagt: Was regst du dich denn auf? Das sind diejenigen Herdentiere, denen es völlig egal ist, wenn sie ihre Daten überall hinterlegen müssen, die froh sind, wenn sie mit Smartphone oder zumindest mit EC-Karte einkaufen können und gar nicht merken, wie ihr eigener Lebensraum immer mehr eingeschränkt und überwacht wird.

Ich bleibe dabei: Wer nicht mit der Masse mitschwimmt, hat verloren. Und das gilt momentan auch in großem Maße in der Leselupe. Wer nicht täglich hundert Sterne wirft, nicht alles positiv beurteilt und auch ab und zu mal eine scharfe Kritik äußert, wird ignoriert. Das geht so weit, dass Kommentare nicht mehr beantwortet und auch mal Rachebewertungen abgegeben werden.

Sicher ist das Leben in Berlin ein komplett anderes als das hier in der Provinz. Aber sage doch keiner, dass nicht auch in Hamburg heftig demonstriert würde, so z.B. vor ca. zwei Wochen, als mehrere hundert Antifa-Aktivisten durch gutbürgerliche Wohngegenden („Reichenviertel“) zogen und krakeelten: „Wer hat, der gibt!“- „Die Reichen müssen für die Krise zahlen!“ Dem Hamburger Abendblatt, das seit ein paar Jahren zur Funke-Gruppe gehört, war das Ganze nur einen sehr kurzen Bericht links unten wert, obwohl die Corona-Auflagen wohl nicht besonders gut eingehalten wurden ...

Lass uns hoffen, dass wir wenigstens in dieser Hinsicht gut über den Winter kommen. Bleib gesund!

Gruß, Ciconia
 
Liebe Ciconia, ich könnte dir hier und da zustimmen und ebenso oft ausführlich widersprechen ... und dann könnte es deinem gut formulierten, düsteren Stimmungsbild passieren, dass es in die Diskussionsecke verschoben wird, und das wollen wir vermutlich beide nicht. (Wobei ich für diese Maßnahme sogar Verständnis aufbringen könnte.) Also steigen wir hier nicht weiter in die Materie ein. Nur eine Schlussbemerkung: Nach meinem Eindruck differenzierst du zu wenig und betrachtest die unterschiedlichsten Zeiterscheinungen stets unter dem gleichen Blickwinkel. Ich fürchte, das führt zwangsläufig zu gelegentlich verzerrter Perspektive.

Jetzt aber Schluss damit und freundliche Abendgrüße aus dem sorgenbeladenen Berlin
Arno
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Arno,

ich habe noch mal einen Tag über Deine Bemerkung
Nach meinem Eindruck differenzierst du zu wenig
nachgedacht und glaube nicht, dass ich dem zustimmen kann. Momentan ist es einfach zu viel, was auf einen einprasselt (im Kleinen hier wie im Großen sowieso), als dass man dieses zufriedenstellend in einem kurzen Kommentar abhandeln könnte. Da mag einiges dann verzerrt rübergekommen sein.

Lassen wir es aber gut sein. Momentan lässt sich wenig ändern.
Danke, dass Du Dich als Einziger an dieser Diskussion beteiligt hast.

Grüße aus der ruhigen Provinz
Ciconia
 
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