Mein Bruder, der Held - Film von Josh Kim

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Dieser Film, fertiggestellt 2015, ist ein Beispiel für den intensiven kulturellen Austausch zwischen Nordamerika einerseits und Ost- und Südostasien andererseits. Der 1981 in Texas geborene Filmemacher Josh Kim ist koreanischer Herkunft, er las als junger Mann den Kurzgeschichtenband „Sightseeing“. Ihr Verfasser Rattawut Lapcharoensap, in Chicago geboren und thailändischer Abstammung, wuchs in Bangkok auf. Um aus zwei Texten der Sammlung, sie verschmelzend, erst ein Drehbuch, dann einen Film zu machen, zog Kim selbst für längere Zeit in die thailändische Hauptstadt. Er realisierte sein Werk in thailändischer Sprache und überwiegend mit einheimischem Personal. Der Streifen wurde international unter dem Titel „How to Win at Checkers (Every Time)“ ein großer Erfolg und schaffte es unter anderem auf die Berlinale.

Lapcharoensaps Geschichten sind sozialkritisch. Dementsprechend dient auch in Kims Film das mann-männliche Paar vor allem dazu, die soziale Kluft zwischen Arm und Wohlhabend aufzuzeigen. Die Beziehung der beiden jungen Männer Ek (Thira Chutikul) und Jai (Arthur Navarat) zerbricht, als Jais Eltern den Sohn vom Militärdienst freikaufen, d.h. über den lokalen Schwarzmarktboss Bestechungsgeld fließen lassen. Ek dagegen muss an die malaysische Grenze und wird auf einer Patrouille von Rebellen erschossen. Zuvor erleben wir die Einberufungsziehung in einem buddhistischen Tempel mit. Der thailändische Staat benötigt nur einen Bruchteil der jungen Männer fürs Militär und veranstaltet daher für alle einundzwanzig gewordenen zusammen mit der Musterung eine pompöse Lotterie. Wie sich dabei die Korruption diskret und zugleich schamlos inszeniert, ist einer der beiden Höhepunkte des Films.

Die zentrale Beziehung ist indessen die von Ek zu seinem elfjährigen Bruder Oat (Ingkarat Damrongsakkul). Erzählt wird die Filmgeschichte anhand der Erinnerung des jungen Erwachsenen Oat (Toni Rakkaen). Geschickt werden Alpträume und Kommentare des überlebenden Bruders mit Kinderszenen verwoben. In Oats leicht verklärendem Rückblick erscheint Ek fast wie ein irdischer Bodhisattva: sanft, mitfühlend, verantwortungsbewusst, redlich. Allerdings konsumiert er auch Chrystal Meth und ist erst Barkeeper, dann gezwungenermaßen Prostituierter in einem Lokal für Homo- und Transsexuelle. Dorthin nimmt er den Elfjährigen auf dessen hartnäckiges Bitten hin einmal mit, bevor er Bangkok für immer verlässt. Oats kindliche Einblicke in die Szene sind der zweite großartige Höhepunkt des Films.

Oat selbst passt sich nach Eks Tod voll Bitterkeit den korrupten Verhältnissen im Land an und vermeidet so das Schicksal des Älteren. Insgesamt atmet der Film eine Atmosphäre, die gesättigt ist von mitreißender Melancholie. Beeindruckend für den Zuschauer ist auch, wie souverän Kim Einflüsse anderer Filmemacher von Techiné bis Weerasethakul im Rahmen eines traditionellen Erzählkinos verarbeitet hat. Zur Vorbereitung hat er überdies eine Kurzfilmdokumentation über jene Einberufungsziehung gedreht: „Draft Day“ (anzusehen als Zugabe auf der bei Edition Salzgeber herausgekommenen DVD - oder allein im Netz leicht zu finden).
 

 
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