Meine Zeit mit Clara ohne Ricarda

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Ciconia

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Wenn meine mondäne Tante Clara während meiner Kindheit ein- bis zweimal im Jahr in Lauenbek auftauchte, galten diese Stippvisiten eigentlich den Großeltern. Die übrige Sippschaft im selben Haus musste bei diesen Anlässen wohl oder übel in Kauf genommen werden.

Clara war unserem verschlafenen norddeutschen Kleinstädtchen bereits mit knapp zwanzig nach Berlin entflohen. Mit dem konservativen Leben meiner Eltern und Großeltern konnte sie sich nicht identifizieren. Unstet und unternehmungslustig wechselte sie von einem interessanten Job zum nächsten, während überall tolle Männer auf sie warteten - glaubte man ihren Erzählungen. Lange geblieben war offenbar keiner, Arbeitgeber und Freunde wechselten schneller, als die Verwandtschaft mitbekam. So redeten meine Eltern mit nicht zu überhörendem Missfallen über sie. Das Verhältnis zwischen Clara und ihrer kühlen, zurückhaltenden älteren Schwester war nie besonders innig gewesen. Auch ich hatte Probleme mit meiner Mutter, die kaum Gefühlsregungen zuließ, und bewunderte Clara.
Ihre lockere Art unterschied sich wohltuend vom Rest der Familie. Es gelang ihr mühelos, meinen Bruder und mich mit Anekdoten aus ihrem Berliner Alltag zum Lachen zu bringen, während sich meine Eltern in solchen Situationen vielsagend ansahen. Vor allem meinen Vater nahm sie gern aufs Korn.
„Vielleicht hättest du ab und zu mal aus deiner muffigen Amtsstube rauskommen sollen, du weißt gar nicht, wie schön die Welt außerhalb von Lauenbek sein kann“, provozierte sie ihn bei einem dieser Treffen.
„Kann ja nicht jeder so oberflächlich und verantwortungslos leben wie du!“.
Damals verstand ich nicht, was er ihr zum Vorwurf machte.

Jahre vergingen, in denen ich Clara seltener zu Gesicht bekam. Ich studierte mittlerweile und hielt mich kaum noch in Lauenbek auf. Warum weder meine Eltern noch ich sie jemals in Berlin besuchten, kann ich nur mutmaßen. Um meine Eltern zu bewegen, hätte es wahrscheinlich einer offiziellen Einladung bedurft – und daran dachte Clara gar nicht. Also wuchs ich in der Annahme auf, dass Claras Berliner Realität uns alle nichts anginge.

Zur Trauerfeier unserer kurz hintereinander verstorbenen Großeltern erschien Clara in einem eleganten dunkelblauen Kostüm mit passendem Hütchen. Sie stellte damit sofort alle übrigen weiblichen Trauergäste in den Schatten. Mir gefiel das. Zum ersten Mal seit Jahren unterhielt ich mich längere Zeit mit der Tante. Wir sprachen über meinen Beruf, den ich trotz Kind - ich lebte mittlerweile mit Mann und Tochter in Hamburg - nicht aufgeben wollte.
„Warum hast du deine Tochter nicht mitgebracht?“, fragte sie schließlich.
„Ich finde, sie ist noch zu jung dafür.“
„Na, das kann ich nicht beurteilen. Ich hab ja keine Kinder!“
Ich stutzte. Dieser ungewohnt schnippische Ton passte nicht zu ihr.

Bis zum tragischen Unfalltod meiner Mutter vergingen weitere Jahre, in denen ich keinerlei Kontakt zu Clara hatte. Trauerfeiern waren die einzigen Anlässe, zu denen sich die verbliebenen Familienmitglieder noch in Lauenbek trafen. Ich erschrak, als ich Clara sah. Der Tod ihrer Schwester schien ihr sichtlich zuzusetzen, sie wirkte inzwischen insgesamt ein wenig verhärmt und verlebt. Ich fand keine Gelegenheit, mich länger mit ihr zu unterhalten. Die vergangenen Tage hatten mich bis an meine Grenzen belastet, zumal mein Vater langsam aber sicher in die Demenz hinüberglitt. Ich verspürte deshalb wenig Lust auf längere Gespräche. Wir tauschten immerhin Telefonnummern aus.

Etwa ein Jahr danach meldete sich Clara überraschend.
„Stell dir vor, ich bin umgezogen. Berlin ist mir zu hektisch geworden.“
„Und – wohin?“
„Nach Lauenbek! Ich finde, ich bin jetzt alt genug, um als Rentnerin ein ruhigeres Leben zu führen. Ich hab eine schöne Wohnung gefunden und fühl mich hier pudelwohl.“
„Meinst du wirklich, dass Provinz das Richtige für dich ist?“
Claras Ton wurde sofort merklich kühler. Nach einigem Höflichkeitsgeplänkel beendeten wir das Gespräch, ich wünschte ihr alles Gute und sah vorerst keine Veranlassung für weitere Telefongespräche.

In den nächsten Wochen grübelte ich oft über Clara und ihren Entschluss, ausgerechnet in Lauenbek sesshaft zu werden. Dann rief ich sie spontan an. Ich erzählte ihr, dass ich gerade meinen Job verloren hatte.
„Dann hast du bestimmt viel Zeit und kannst mich endlich mal besuchen kommen!“
Schon drei Tage später fuhr ich zu ihr. Ihre Wohnung sah gemütlich und tipptopp gepflegt aus. Sie selbst war wie früher sorgfältig gekleidet, sie wirkte entspannt und zufrieden.

Von da an sahen wir uns öfter. Clara hatte in Berlin nie ein Auto gebraucht und besaß keinen Führerschein, was sie inzwischen bedauerte. Allmählich wurde ihr bewusst, wie beschwerlich das Leben ohne Auto in der Provinz sein konnte. Ich lud sie mehrmals zu uns nach Hamburg ein, aber es blieb bei einem Höflichkeitsbesuch. Eine Bahnfahrt in die Stadt sowie zweimaliges Umsteigen seien ihr zu umständlich, meinte sie. Bevor ich sie also jedes Mal abholte und wieder zurückfuhr, verbrachte ich den Nachmittag lieber gleich in Lauenbek. Bei Kaffee und Kuchen in ihrer Wohnung oder im Marktcafé redeten wir oft stundenlang. Ich mochte ihren Humor, mit dem sie immer noch gern über ihre Jahre in Berlin plauderte. Sie erwähnte dabei auch verschiedene Männer, die trotz mancher Anekdoten schemenhaft für mich blieben. Es war unmöglich zu erkennen, welcher dieser Freunde eine wirkliche Rolle in ihrem Leben gespielt hatte. Ihre Geheimniskrämerei, die sie in dieser Hinsicht an den Tag legte, passte nicht so recht zu Claras sonstiger Aufgeschlossenheit.
Manchmal sprachen wir über meinen Vater, der seit Jahren in einem Pflegeheim vor sich hin dämmerte und den ich nur noch selten besuchte. Clara zeigte keine Lust, einmal mitzukommen.
„Dein Vater hat mich nie richtig gemocht“, erklärte sie, „ich glaube, er hat Angst gehabt, ich könnte einen schlechten Einfluss auf deine Mutter nehmen.“

Im Laufe der folgenden Monate stellte ich wiederholt fest, dass sie ihr früheres Leben ein wenig verklärte, in gleichem Maße, wie sich der Provinzalltag für sie zunehmend eintöniger erwies. Ihre Hoffnung, in Lauenbek an Jugendfreundschaften anzuknüpfen und neue Bekanntschaften zu schließen, hatte sich offensichtlich schnell zerschlagen. Sie habe ihr Bestes versucht, meinte sie.
„Bei den Ausflugsfahrten waren ausschließlich langweilige Omas mit endlosen Familiengeschichten dabei, der Volkshochschulkurs für Italienisch wurde wegen mangelnder Beteiligung abgesagt, sonstige Veranstaltungen gibt’s hier selten. Oder soll ich etwa zur Plattdeutschen Spielbühne gehen?“
Ihre Enttäuschung war nicht zu überhören. Ich hatte es kommen sehen, versuchte aber sofort, sie aufzumuntern.
„Wir können ja ab und zu mal einen Ausflug machen, an die Ostsee oder Elbe, oder in Hamburg etwas unternehmen.“

So kam es, dass ich Clara regelmäßig mindestens einmal im Monat durch Norddeutschland chauffierte. Mein neuer Teilzeitjob erlaubte mir genügend Freizeit. Wir hatten viel Spaß, und ich bedauerte stets, dass meine Mutter so ganz anders gewesen war als Clara. Aus der Bahn warf mich eines Nachmittags die unbedachte Äußerung einer Bedienung im Fährhaus am Elbdeich.
„Einen Kaffee für die Dame, und für die Frau Mutter eine Schokolade.“
Hatte sie nur aufgrund des erkennbaren Altersunterschiedes gemutmaßt oder sah sie etwa eine Ähnlichkeit bei uns beiden? Kaum möglich. Ich war blond und wesentlich robuster gebaut als die schlanke brünette Clara mit ihren feinen Gesichtszügen. Mir gefiel es, für Claras Tochter gehalten zu werden. Ich wartete auf eine Reaktion von ihr, doch sie schien die Bemerkung gar nicht mitbekommen zu haben.

Claras Alltag blieb undurchsichtig für mich. Mit Sorge bemerkte ich nach einigen Monaten, dass sie die Wohnung nicht mehr richtig in Schuss hielt. Sie rauchte auch wieder mehr als früher. Selbst ihre Kleidung vernachlässigte sie, was mir besonders weh tat. Immer öfter trug sie bei meinen Besuchen ausgebeulte Freizeithosen und ein lässiges Sweatshirt.
„Hast du Lust, mal in Hamburg mit mir einkaufen zu gehen?“ schlug ich eines Tages vor.
„Och, Jutta, warum denn! Meine Schränke sind noch proppenvoll, das kann ich gar nicht alles auftragen. Komm, ich zeig dir meinen Kleiderschrank.“
Ihr Schrank quoll tatsächlich über. Wann und bei welchen Gelegenheiten wollte sie diesen Fundus jemals wieder nutzen?

Das musste ungefähr der Zeitpunkt gewesen sein, zu dem sie erstmals „Mich gepflegt langweilen“ antwortete, wenn ich sie fragte, was sie so treibe. Sie betonte jetzt häufig, wie sehr sie Theater, Kinos und sonstige Veranstaltungen vermisste. Einzig ihre Bücher machten ihr noch Freude. Zusammen mit aktuellen Romanen lag eines Tages ein leicht abgegriffener Reiseführer Italien auf ihrem Couchtisch.
„Willst du noch einmal nach Italien?“
„Nee, ich glaub nicht. Ich war früher oft genug da. Wahrscheinlich hat sich alles zu sehr verändert.“
Ich fand es sehr schade, dass sie sich nicht mehr aufraffen konnte. Sie hatte mir viel von ihren Reisen erzählt, vor allem von Italien in den Sechzigern schwärmte sie. Die meisten Reisen hatte sie offensichtlich allein unternommen.

Im vergangenen März feierte ich meinen 50. Geburtstag. Clara kam ausnahmsweise mit der Bahn zu uns. Wir verbrachten einen schönen Nachmittag in kleinem Kreis, auch mein Bruder Benno gesellte sich dazu. Wir lachten viel, erzählten Geschichtchen über die Großeltern und Eltern. So ein richtiger „Weißt-du-noch-Nachmittag“ eben. Am Abend fuhr ich Clara wie versprochen nach Hause.
Sie blieb ungewöhnlich still auf der Rückfahrt. Ich glaubte, dieser Tag sei ein wenig anstrengend für sie gewesen, immerhin war sie inzwischen Anfang siebzig und nicht mehr an lange Nachmittage in Gesellschaft gewöhnt.
„Ricarda wäre jetzt auch fünfzig geworden!“ klang es plötzlich sehr leise vom Beifahrersitz.
Hatte ich sie richtig verstanden?
„Ricarda? Wer ist Ricarda?“
„Meine Tochter!“
Clara blickte stur geradeaus.
„Du hast eine Tochter?? Wo??“
Claras Antwort ließ lange auf sich warten.
„Ich hab sie damals zur Adoption freigegeben. Was hätte ich in meiner Situation denn tun sollen, allein in Berlin ...“
Mir fehlten die Worte. Durfte ich sie direkt nach dem Vater des Kindes fragen? Nein, dachte ich, nicht heute. Diese Geschichte würde eine längere sein, dafür brauchten wir Ruhe. Ich mochte Clara auf keinen Fall drängen; es hatte sie anscheinend große Überwindung gekostet, dieses Thema überhaupt anzusprechen.
„Das musst du mir ein andermal ausführlich erzählen“, bat ich sie beim Aussteigen. Sie trippelte wortlos zur Haustür.

In den nächsten Tagen fühlte ich mich ziemlich konfus. Mein Mann war auf einer längeren Geschäftsreise, meine Tochter genoss ihr Studentenleben in München. Ich blieb mit meinen Gedanken allein. Kurzentschlossen rief ich Benno an.
„Sag mal, Bruderherz, hast du mal davon gehört, dass Tante Clara eine Tochter hatte? Hat Mama jemals mit dir darüber gesprochen?“
Er lachte hellauf.
„Tante Clara - eine Tochter? Kann ich mir nicht vorstellen. Nee, Mama hat nie etwas erwähnt. Da hätte sie wohl eher mit dir drüber gesprochen.“
Ich fieberte dem nächsten Besuch bei Clara entgegen. Doch es sollte anders kommen.
Ein paar Tage später brach Clara beim Einkaufen zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Nachdem man mich benachrichtigt hatte, setzte ich mich sofort ins Auto. Blass und ungeschminkt lag sie in ihrem Bett, ein Häufchen Elend, ein Rest von Clara, dachte ich. Sie müsse erst einmal einige Tage eingehend untersucht werden, erklärte sie mit dünner Stimme. Ich wollte sie nicht überanstrengen und fuhr nach einer halben Stunde voller Sorge nach Hause.

Nach einer Woche wurde sie entlassen, es ging ihr offensichtlich den Umständen entsprechend gut, als ich am nächsten Tag vorbeischaute. Über die Untersuchungsergebnisse mochte sie partout nicht sprechen.
„Ein bisschen Kreislaufversagen halt“, wiegelte sie ab. Auch diesmal ergab sich nicht der richtige Moment, um mit ihr über die Tochter zu sprechen. Ich grübelte nun schon seit Wochen und kam nicht über den Punkt hinweg, dass die mysteriöse Ricarda genauso alt war wie ich. Wo mochte diese unbekannte Cousine stecken? Hatte Clara jemals versucht, Kontakt zu ihr zu bekommen? Wieder rief ich Benno an.
„Du, mir geht da was Sonderbares durch den Kopf. Vielleicht kannst du mir helfen.“
„Warst du heute bei Tante Clara? Ich glaub, die tut dir in letzter Zeit nicht gut.“
Ich überhörte diese Bemerkung.
„Hast du noch eine Erinnerung an die Zeit meiner Geburt? Du warst immerhin schon fünf, da müsstest du dich doch erinnern können.“
„Was willst du wissen? Dass du von Anfang an eine Nervensäge warst? Dass sich plötzlich alles um dich drehte?“
„Blödmann! Ich will wissen, ob du dich an die ersten Tage erinnerst!“
„Nicht wirklich. Ich erinnere mich schwach, dass Mama mal eine Zeitlang weg war und irgendwann mit Papa zurückkam – und dir auf dem Arm. Anfangs fand ich dich ganz süß. Warum willst du das denn plötzlich wissen?“.
Ich blieb ihm eine Antwort schuldig. Stundenlang quälte ich mich mit den unmöglichsten Überlegungen, dann versuchte ich endlich logisch zu denken: Ich besaß keinerlei Ähnlichkeit mit Clara. Sie hatte ihre Tochter Ricarda genannt, nicht Jutta. Ganz sicher hätte ich beim Ausräumen des Elternhauses relevante Dokumente gefunden, wenn es denn welche gegeben hätte. Ich musste aufhören, mich in diese hanebüchenen Gedanken hineinzusteigern.

Wir sollten keine Gelegenheit mehr bekommen, miteinander zu sprechen. Clara starb völlig überraschend zwei Wochen später.
An der Seebestattung vor Travemünde nahmen nur Benno, mein Mann und ich teil. Clara hatte mir gegenüber nie irgendwelche Namen von Freunden aus den Berliner Jahren erwähnt, lediglich manchmal von Bekannten gesprochen, die „früh gestorben“, „weggezogen“ oder sonst wie „abhanden gekommen“ waren. Die Erkenntnis, dass sie bereits in Berlin sehr einsam gewesen sein musste, schmerzte zusätzlich.

Als Alleinerbin begann ich bald darauf, ihre Wohnung aufzulösen. Ich ließ mir Zeit damit, ging in Ruhe Schrank für Schrank durch. Clara musste gut aufgeräumt haben in den letzten Wochen, anscheinend hatte sie viele private Unterlagen und sogar einen Teil ihrer Fotoalben vernichtet. Ich vermisste etliche Reise-Alben, die wir gemeinsam angesehen hatten. Einzig ein schmales Steckalbum war übriggeblieben. Auffällig waren zahlreiche Fotos eines gutaussehenden dunkelhaarigen jungen Mannes. Das größte, ein Schwarzweiß-Portrait, trug auf der Rückseite eine Beschriftung:
Per il mio grande amore Clara – Rico
Portofino, nel giugno 1967​
Ich legte das Album in einen Karton zu den Erinnerungsstücken, die ich für mich aufheben wollte. Dann bat ich Benno um seine Hilfe beim Transport diverser Kleinteile, darunter ein eleganter Nussbaum-Sekretär mit zahlreichen kleinen Schubladen. Beim Absperren der leeren Wohnung, wo nach dem Abtransport der letzten Möbel nun nichts mehr an Clara erinnerte, kullerten bei mir zum ersten Mal nach ihrem Tod Tränen, ich weinte heftiger, als ich nach dem Verlust meiner Mutter je geweint hatte.

Außer einigen geschmackvollen Schmuckstücken war das materielle Erbe erwartungsgemäß kaum der Rede wert. Die für mich kostbarste Hinterlassenschaft fand ich allerdings erst Tage später. In der untersten Schublade des Sekretärs, den ich Zuhause ausräumte, verbarg sich eine dicke Mappe mit engbeschriebenen Seiten. „Italienische Träume“ stand in Claras geschwungener Handschrift auf dem Deckblatt. Es schien sich um Kurzgeschichten zu handeln, offensichtlich alle in Italien angesiedelt. Clara hatte also mitnichten Langeweile geschoben, sondern sich die Zeit mit Schreiben vertrieben. Beim ersten Durchblättern fiel mir auf, dass der Name Rico häufiger auftauchte. Die mit Abstand längste Geschichte trug den Titel „Abschied von Ricarda“.

Ich werde mir diesen ganz besonderen Nachlass in Ruhe vornehmen, sobald ich halbwegs zu mir selbst zurückgefunden habe. Vielleicht lüfte ich dadurch einige von Claras Geheimnissen, die sie mir zu Lebzeiten nicht verraten wollte, vielleicht sind diese Geschichten auch nur reine Fiktion, geboren aus dem eintönigen Leben einer alternden Frau. Dennoch will ich nicht ausschließen, dass ich irgendwann einmal nach Portofino fahren werde. Im Gedenken an Clara.
 

CPMan

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Liebe Ciconia,

der Text gefällt mir sprachlich gut, die einzelnen Szenen bauen ziemlich geschickt Spannung auf, man ahnt von Beginn an, dass Clara ein Geheimnis hat und das hält einen bei der Stange. Manche Szene hätte ich mir noch eindringlicher gewünscht, vielleicht auch konfliktreicher. Ich empfinde die Ich-Erzählerin als etwas energiearm, als sie lernt, dass sie womöglich eine Cousine hat,kommt diese Reaktion:

„Das musst du mir ein andermal ausführlich erzählen“, bat ich sie beim Aussteigen. Sie trippelte wortlos zur Haustür.
Diese verhaltene Reaktion begründest du zwar, aber sie erscheint mir dennoch wenig plausibel, gerade in Anbetracht des schlechten Gesundheitszustandes von Clara. An dieser Stelle erwarte ich eher:

"Was?Wieso? Ich habe eine Cousine?! Warum hast du mir nie davon erzählt??!"

Auch danach schiebt sie ein klärendes Gespräch auf die lange Bank.

Am Ende lässt du mich unbefriedigt zurück. Ist das Absicht? Bekommen wir in Folgetexten etwas mehr Einsicht in Claras obskures Leben? Spannend wäre es!

Liebe Grüße,

CPMan
 

Ciconia

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Hallo CPMan,

herzlichen Dank für Deine Gedanken zu diesem Text. Dass Du mir Spannungsaufbau bescheinigst, freut mich schon mal sehr.

Du hast in den meisten Punkten Recht: Die Erzählerin könnte man als „energiearm“ bezeichnen. Vielleicht ist sie aber nur (mütterlicherseits geprägt!) sehr norddeutsch zurückhaltend und sucht (zu) lange nach dem richtigen Zeitpunkt für ein klärendes Gespräch über ein doch sehr delikates Thema.

Ich verstehe auch gut, dass Leser mit dem Ende der Geschichte nicht zufrieden sind, nachdem sie sich durch den ganzen Text gekämpft und auf eine Auflösung des Geheimnisses gehofft haben.

Aber einerseits:
Welches Geheimnis Clara hatte, ist Jutta am Schluss doch ziemlich klar. Muss wirklich noch weiter in die Tiefe gegangen werden? Viele Familiengeheimnisse werden schließlich nie endgültig aufgeklärt.
Andererseits:
Der Stoff würde genug für eine Fortsetzung hergeben, daran habe ich auch schon gedacht. Vielleicht ist Rico ja doch nicht der Vater von Ricarda und es gibt ein noch viel größeres Familiengeheimnis (Skandal!) … oder Jutta macht sich auf die Suche nach Ricarda … oder oder oder … wer weiß, was Claras Geschichten alles hergeben … ;)

Ich denke auf jeden Fall intensiv darüber nach.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Ich habe jetzt mal ein wenig weitergesponnen und die Erzählung "Doppelte Cousinen" eingestellt. Allerdings sollte jede Geschichte auch einzeln zu verstehen sein.

Ciconia
 

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