Menschen, die kämpfen um ihr Leben und ihr Glück

Rezension zu:

Elizabeth Strout, Alles ist möglich, Luchterhand 2018, ISBN 978-3-630-87528-6

Das neue Buch der amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout, die spät zum Schreiben kam, aber mit ihren bisherigen Romanen auch in Deutschland sehr erfolgreich war, besteht aus einer langen Reihe locker miteinander verbundener einzelner Geschichten. Sie porträtieren Menschen und ihr Leben in ihren Familien in der ganzen Bandbreite menschlicher Gefühle. Da geht es um Hass und Neid, um tiefe Einsamkeit und brennende Wut und immer wieder um etwas, was den Menschen erst zum Menschen macht, die Liebe zu anderen und zu sich selbst. Diese Menschen sehnen sich nach Liebe und nach Glück, trotz ihres Kummers und ihres Schmerzes, den sie regelmäßig erleben.

All diese Menschen, die in den jeweiligen Kapiteln im Mittelpunkt stehen, kennen sich mehr oder weniger oder sind sogar miteinander verwandt. Sie alle leben in oder um die (fiktive) Kleinstadt Amgash in Illinois (USA), „einem Kaff zwischen Mais- und Sojabohnenfeldern“.
Da ist zunächst Tommy, ein ehemaliger Farmer, dem vor langer Zeit sein ganzer Hof abgebrannt ist. Der vermutete Brandstifter wurde nie gefunden. Er findet einen Job als Hausmeister in der örtlichen Schule und lernt über die Zeit viele Kinder und Familien und ihre sozialen Hintergründe kennen, die in der Folge in dem Roman eine Rolle spielen. In der Sorge um andere findet er im Alter einen Sinn für sich und sein Leben.

Da sind die beiden Schwestern Patty und Angelina, die ihr Leben auf verschiedene Weise meistern wollen. Oder Dottie, die eine Frühstückspension betreibt und dabei eine große Menschenkenntnis erwirbt. Leser, die Elizabeth Strouts Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ gelesen haben, treffen hier wieder auf die mittlerweile in New York lebende erfolgreiche Schriftstellerin Lucy Barton, erfahren etwas über ihre schwere und armselige Kindheit und über ihre relativ erfolglose Heimkehr nach Amgash.

Elizabeth Strout beschreibt ihre Figuren und ihre Schicksale mit Einfühlungsvermögen und Sympathie. Wir erfahren von Liebessglück und der schrecklichen Einsamkeit im Alter, von nachbarschaftlicher Solidarität und ebenso von nachbarschaftlichem Tratsch. Immer wieder lässt sie in ihren Figuren eine Haltung durchblicken, die wir aus früheren Romanen von ihr kennen, dass nämlich eine gewisse Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und die Anerkennung dessen, was ist, dem Leben der Menschen einen Sinn geben können. Sie schreibt berührend über die Natur des Menschen in all seiner Verletzlichkeit und Stärke und über die unendliche Vielfältigkeit des Lebens.

Wie schon ihr 2010 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Debütroman „Mit Blick aufs Meer“ ist auch “Alles ist möglich“ ein leiser, ein sensibler Roman, dem es gelingt, hinter die Oberfläche menschlicher Schwächen und Sehnsüchte zu blicken und in ihnen durch seine Personen das zu sehen, was sie sind: Menschen, die kämpfen um ihr Leben und ihr Glück, so wie jeder andere in jeder anderen Stadt der Welt.
 

 
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