Menschenverachtende Feigheit

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Kassandro

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Menschenverachtende Feigheit

Meditation eines Begriffes​

In einem Protestbrief zu Äußerungen eines hochrangigen Vertreters der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über die Legitimität von Israelkritik verwendet die Journalistin Sabine Matthes eine eigentümliche Begriffskreation: menschenverachtende Feigheit.(1) Über diesen Begriff stolpert man, weil die Zusammenstellung der beiden Wörter eine Spannung, ja, eine Ungereimtheit in sich birgt. Denn Menschenverachtung ist ein Gestus der Stärke, Feigheit dagegen eine Schwäche. Der Verächter erhebt sich über andere, der Feigling duckt sich weg. Menschenverachtende Feigheit – wie geht das zusammen?

Der angesprochene Oberkirchenrat zeigte sich beleidigt und ließ wissen, er fühle sich persönlich diffamiert. Sehr gut möglich, dass er charakterlich weder ein Menschenverächter noch ein Feigling ist; aber darum geht es natürlich nicht. Es geht in erster Linie nicht um persönliche Eigenschaften, sondern um das Agieren einer Organisation, deren ausführendes Organ der Oberkirchenrat ist. Eine Organisation kann nicht feige sein in dem Sinne, wie es ein Mensch ist, aber sie kann sich feige verhalten, feige handeln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Organisation eine Wertebindung aufweist, an der ihr Handeln zu messen ist. Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Wenn europäische Unternehmen unter dem Sanktionsdruck der USA mit dem Iran keine Geschäfte mehr machen, dann handeln sie nicht feige. Sie sind ökonomischer Logik verpflichtet und die gebietet, keine Nachteile zu riskieren. Bei einer Institution wie der Kirche ist dagegen durchaus die Situation möglich, dass sie um der sie bindenden Werte willen Risiken eingehen und Nachteile für sich in Kauf nehmen müsste. Wenn sie dann - aus Angst um sich selbst - dem Anspruch einer solchen Situation nicht genügt, dann ist die Kirche feige.

Es gehört zu den zentralen Lehrstücken aus der jüngeren Geschichte, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus in genau dieser Weise versagt hat. Sie hat sich mit der Barmer Theologischen Erklärung im Mai 1934 zwar der Gleichschaltung widersetzt, aber es ging dabei ausschließlich um ihre eigenen Belange; kein Wort der Kritik am Nationalsozialismus, der da schon Oppositionelle verschwinden ließ und Juden diskriminierte. „Leider habe ich gar kein rechtes Zutrauen mehr zu der kirchlichen Opposition.“(2) schreibt hellsichtig der junge Dietrich Bonhoeffer im gleichen Jahr. Zwar hat es Bonhoeffers Wort „Tu’ deinen Mund auf für die Stummen!“ zu einem Spruch mit Kultstatus gebracht, kaum bekannt ist aber sein Kontext in einem Brief ebenfalls aus der Jahr 1934: "Es muß endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden - es ist ja alles nur Angst! `Tu deinen Mund auf für die Stummen', Sprüche 31,8 - wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?" (3) Bonhoeffers Thema hier ist die Feigheit, die sich theologisch bemäntelt. Und zwar die institutionelle Feigheit, mit der die Kirche sich mit der Staatsmacht gut stellen und es mit ihr ja nicht verderben will. Bonhoeffer kann das auch den „taktischen Weg“ nennen, wenn er sich z. B. als Auslandspfarrer mit dem Oberkirchenrat im Auslandsamt der Reichskirche Theodor Heckel auseinandersetzt: „Es gibt eben, so oder so, keine glaubwürdige Entschuldigung für Taktik, wo es auf die Entscheidung des Glaubens ankäme. Das ist die ganze Sache.“ (4)

Später, in der Zeit seiner Haft im Gestapo-Gefängnis hat Bonhoeffer über der Lektüre der Bibel seinen Weg, seine Position und seine Erfahrungen geklärt und dabei auch den ethischen Stellenwert der Feigheit tiefer reflektiert. „Noch etwas anderes: es heißt im NT häufig: „seid stark“ (1.Kor 16,13; Eph 6,10; 2.Tim 2,1; Joh 2,14). Ist nicht die Schwäche der Menschen (Dummheit, Unselbstständigkeit, Vergesslichkeit, Feigheit, Eitelkeit, Bestechlichkeit, Verführbarkeit etc.) eine größere Gefahr als die Bosheit? Christus macht den Menschen nicht nur „gut“, sondern auch stark. Die Schwachheitssünden sind die eigentlich menschlichen Sünden, die mutwilligen Sünden sind diabolisch (und wohl auch „stark“!). Ich muss darüber noch nachdenken.“ (5) Bonhoeffer rührt hier an etwas, das der Einsicht von Hannah Arendt nahekommt, die als Beobachterin des Auschwitzprozesses von der Banalität des Bösen sprach und sich einen Proteststurm einhandelte, weil man das als Verharmlosung des Holocaust missverstand. Hannah Arendt ging es ums Lernen aus diesem ungeheuerlichen Geschehen. Das misslingt, wenn man Geschehnisse von sich weg schiebt in eine vermeintliche Sonderprovinz der Dämonie und des absolut Bösen. Es ist keine Relativierung des Holocaust, wenn man ihn einträgt in die Menschheitsgeschichte, die eben eine der gefährlichen Schwächen und banalen Erbärmlichkeiten dieses Wesens ist. Wenn dagegen im Bestreben, seine Singularität zu betonen, der Holocaust ins Metaphysische überhöht und praktisch zu etwas Ahistorischem gemacht wird, macht man ihn unfruchtbar dafür, aus dieser Erfahrung Konsequenzen zu mehr Humanität zu ziehen. Man kann die beiden Linien in der deutschen Gedenkkultur beobachten.

Eine überaus berechtigte, ja, die wirklich weiterführende Frage ist es in meinen Augen, inwiefern das Unheil in der Geschichte der Menschen durch „Schwachheitssünden“ ermöglicht wird. Was richten auf diesem Feld Dummheit, Gleichgültigkeit und Feigheit alles an? Die Dummheit fällt auf die Rechtfertigung von Unrecht herein und sieht es nicht. Die Gleichgültigkeit sieht weg und meint, dass es sie nichts anginge. Die Feigheit sieht das Unrecht sehr wohl, will sich aber „den Mund nicht verbrennen“ und arrangiert sich opportunistisch mit ihm. Den Dummen könnte man mit Fakten aufklären, den Gleichgültigen moralisch aufrütteln, der Feige aber hat sich immunisiert. Weil er beständig seine wahren Motive verschleiern muss, hat er eine Virtuosität im Verunklaren entwickelt: Fakten ignoriert er bei Bedarf, ethische Bedenken tut er als Moralisieren ab, er betont stets, wie komplex die Dinge doch sind, wird nicht müde, vor Einseitigkeit zu warnen und gibt sich dabei die Attitüde, über den Konfliktparteien zu stehen. So ist er in Deckung. So schwächt er das Menschenrechtsengagement.

Gibt es menschenverachtende Feigheit? Zu antworten ist wohl: Zweifellos hat Feigheit, insbesondere in ihrer institutionell geronnenen Form, an der Verschleierung und dadurch Aufrechterhaltung menschenverachtender Zustände einen besonderen Anteil.


(1) http://der-semit.de/nahoestliches-zerrbild-der-ekd/
(2) Brief an seine Großmutter Mai 1934, Dietrich Bonhoeffer
Werke (DBW) Bd.13, Gütersloh 1994, S. 146
(3) Ebd. S. 204f, Brief vom 11. 9. 1934 aus London an Erwin
Sutz.
(4) Ebd. S. 240, Brief aus London vom 20.11.1934 an Helmut
Rössler
(5) DBW 8 (Widerstand und Ergebung), Gütersloh 1998,S.574,
Brief vom 21.8.44 an seinen Freund Eberhard Bethge
 

Kassandro

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Menschenverachtende Feigheit

Meditation eines Begriffes​

In einem Protestbrief zu Äußerungen eines hochrangigen Vertreters der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über die Legitimität von Israelkritik verwendet die Journalistin Sabine Matthes eine eigentümliche Begriffskreation: menschenverachtende Feigheit.(1) Über diesen Begriff stolpert man, weil die Zusammenstellung der beiden Wörter eine Spannung, ja, eine Ungereimtheit in sich birgt. Denn Menschenverachtung ist ein Gestus der Stärke, Feigheit dagegen eine Schwäche. Der Verächter erhebt sich über andere, der Feigling duckt sich weg. Menschenverachtende Feigheit – wie geht das zusammen?

Der angesprochene Oberkirchenrat zeigte sich beleidigt und ließ wissen, er fühle sich persönlich diffamiert. Sehr gut möglich, dass er charakterlich weder ein Menschenverächter noch ein Feigling ist; aber darum geht es natürlich nicht. Es geht in erster Linie nicht um persönliche Eigenschaften, sondern um das Agieren einer Organisation, deren ausführendes Organ der Oberkirchenrat ist. Eine Organisation kann nicht feige sein in dem Sinne, wie es ein Mensch ist, aber sie kann sich feige verhalten, feige handeln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Organisation eine Wertebindung aufweist, an der ihr Handeln zu messen ist. Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Wenn europäische Unternehmen unter dem Sanktionsdruck der USA mit dem Iran keine Geschäfte mehr machen, dann handeln sie nicht feige. Sie sind ökonomischer Logik verpflichtet und die gebietet, keine Nachteile zu riskieren. Bei einer Institution wie der Kirche ist dagegen durchaus die Situation möglich, dass sie um der sie bindenden Werte willen Risiken eingehen und Nachteile für sich in Kauf nehmen müsste. Wenn sie dann - aus Angst um sich selbst - dem Anspruch einer solchen Situation nicht genügt, dann ist die Kirche feige.

Es gehört zu den zentralen Lehrstücken aus der jüngeren Geschichte, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus in genau dieser Weise versagt hat. Sie hat sich mit der Barmer Theologischen Erklärung im Mai 1934 zwar der Gleichschaltung widersetzt, aber es ging dabei ausschließlich um ihre eigenen Belange; kein Wort der Kritik am Nationalsozialismus, der da schon Oppositionelle verschwinden ließ und Juden diskriminierte. „Leider habe ich gar kein rechtes Zutrauen mehr zu der kirchlichen Opposition.“(2) schreibt hellsichtig der junge Dietrich Bonhoeffer im gleichen Jahr. Zwar hat es Bonhoeffers Wort „Tu’ deinen Mund auf für die Stummen!“ zu einem Spruch mit Kultstatus gebracht, kaum bekannt ist aber sein Kontext in einem Brief ebenfalls aus der Jahr 1934: "Es muß endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden - es ist ja alles nur Angst! `Tu deinen Mund auf für die Stummen', Sprüche 31,8 - wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?" (3) Bonhoeffers Thema hier ist die Feigheit, die sich theologisch bemäntelt. Und zwar die institutionelle Feigheit, mit der die Kirche sich mit der Staatsmacht gut stellen und es mit ihr ja nicht verderben will. Bonhoeffer kann das auch den „taktischen Weg“ nennen, wenn er sich z. B. als Auslandspfarrer mit dem Oberkirchenrat im Auslandsamt der Reichskirche Theodor Heckel auseinandersetzt: „Es gibt eben, so oder so, keine glaubwürdige Entschuldigung für Taktik, wo es auf die Entscheidung des Glaubens ankäme. Das ist die ganze Sache.“ (4)

Später, in der Zeit seiner Haft im Gestapo-Gefängnis hat Bonhoeffer über der Lektüre der Bibel seinen Weg, seine Position und seine Erfahrungen geklärt und dabei auch den ethischen Stellenwert der Feigheit tiefer reflektiert. „Noch etwas anderes: es heißt im NT häufig: „seid stark“ (1.Kor 16,13; Eph 6,10; 2.Tim 2,1; Joh 2,14). Ist nicht die Schwäche der Menschen (Dummheit, Unselbstständigkeit, Vergesslichkeit, Feigheit, Eitelkeit, Bestechlichkeit, Verführbarkeit etc.) eine größere Gefahr als die Bosheit? Christus macht den Menschen nicht nur „gut“, sondern auch stark. Die Schwachheitssünden sind die eigentlich menschlichen Sünden, die mutwilligen Sünden sind diabolisch (und wohl auch „stark“!). Ich muss darüber noch nachdenken.“ (5) Bonhoeffer rührt hier an etwas, das der Einsicht von Hannah Arendt nahekommt, die als Beobachterin des Auschwitzprozesses von der Banalität des Bösen sprach und sich einen Proteststurm einhandelte, weil man das als Verharmlosung des Holocaust missverstand. Hannah Arendt ging es ums Lernen aus diesem ungeheuerlichen Geschehen. Das misslingt, wenn man Geschehnisse von sich weg schiebt in eine vermeintliche Sonderprovinz der Dämonie und des absolut Bösen. Es ist keine Relativierung des Holocaust, wenn man ihn einträgt in die Menschheitsgeschichte, die eben eine der gefährlichen Schwächen und banalen Erbärmlichkeiten dieses Wesens ist. Wenn dagegen im Bestreben, seine Singularität zu betonen, der Holocaust ins Metaphysische überhöht und praktisch zu etwas Ahistorischem gemacht wird, macht man ihn unfruchtbar dafür, aus dieser Erfahrung Konsequenzen zu mehr Humanität zu ziehen. Man kann die beiden Linien in der deutschen Gedenkkultur beobachten.

Eine überaus berechtigte, ja, die wirklich weiterführende Frage ist es in meinen Augen, inwiefern das Unheil in der Geschichte der Menschen durch „Schwachheitssünden“ ermöglicht wird. Was richten auf diesem Feld Dummheit, Gleichgültigkeit und Feigheit alles an? Die Dummheit fällt auf die Rechtfertigung von Unrecht herein und sieht es nicht. Die Gleichgültigkeit sieht weg und meint, dass es sie nichts anginge. Die Feigheit sieht das Unrecht sehr wohl, will sich aber „den Mund nicht verbrennen“ und arrangiert sich opportunistisch mit ihm. Den Dummen könnte man mit Fakten aufklären, den Gleichgültigen moralisch aufrütteln, der Feige aber hat sich immunisiert. Weil er beständig seine wahren Motive verschleiern muss, hat er eine Virtuosität im Verunklaren entwickelt: Fakten ignoriert er bei Bedarf, ethische Bedenken tut er als Moralisieren ab, er betont stets, wie komplex die Dinge doch sind, wird nicht müde, vor Einseitigkeit zu warnen und gibt sich dabei die Attitüde, über den Konfliktparteien zu stehen. So ist er in Deckung. So schwächt er das Menschenrechtsengagement.

Gibt es menschenverachtende Feigheit? Zu antworten ist wohl: Zweifellos hat Feigheit, insbesondere in ihrer institutionell geronnenen Form, an der Verschleierung und dadurch Aufrechterhaltung menschenverachtender Zustände einen besonderen Anteil.


(1) http://der-semit.de/nahoestliches-zerrbild-der-ekd/
(2) Brief an seine Großmutter Mai 1934, Dietrich Bonhoeffer
Werke (DBW) Bd.13, Gütersloh 1994, S. 146
(3) Ebd. S. 204f, Brief vom 11. 9. 1934 aus London an Erwin
Sutz.
(4) Ebd. S. 240, Brief aus London vom 20.11.1934 an Helmut
Rössler
(5) DBW 8 (Widerstand und Ergebung), Gütersloh 1998,S.574,
Brief vom 21.8.44 an seinen Freund Eberhard Bethge
 

Penelopeia

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Schöner, in sich schlüssiger und vor allem: zeitnotwendiger Beitrag! Letztlich geht es wohl weniger um Feigheit und mehr um seltsame Begriffsmissbräuche... Ich hörte gestern morgen auf DFK das pol. Feuilleton und habe nun doch den Eindruck, dass sich bestimmte Irrungen und Wirrungen - z.B. des deutschen Parlaments - langsam klären und auflösen, siehe

https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-umgang-mit-der-bds-kampagne-wenn-worte-zur-waffe-werden.1005.de.html?dram:article_id=451014

Herzlich

P.
 

Kassandro

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Menschenverachtende Feigheit

Meditation eines Begriffes​

In einem Protestbrief zu Äußerungen eines hochrangigen Vertreters der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über die Legitimität von Israelkritik verwendet die Journalistin Sabine Matthes eine eigentümliche Begriffskreation: menschenverachtende Feigheit.(1) Über diesen Begriff stolpert man, weil die Zusammenstellung der beiden Wörter eine Spannung, ja, eine Ungereimtheit in sich birgt. Denn Menschenverachtung ist ein Gestus der Stärke, Feigheit dagegen eine Schwäche. Der Verächter erhebt sich über andere, der Feigling duckt sich weg. Menschenverachtende Feigheit – wie geht das zusammen?

Der angesprochene Oberkirchenrat zeigte sich beleidigt und ließ wissen, er fühle sich persönlich diffamiert. Sehr gut möglich, dass er charakterlich weder ein Menschenverächter noch ein Feigling ist; aber darum geht es natürlich nicht. Es geht in erster Linie nicht um persönliche Eigenschaften, sondern um das Agieren einer Organisation, deren ausführendes Organ der Oberkirchenrat ist. Eine Organisation kann nicht feige sein in dem Sinne, wie es ein Mensch ist, aber sie kann sich feige verhalten, feige handeln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Organisation eine Wertebindung aufweist, an der ihr Handeln zu messen ist. Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Wenn europäische Unternehmen unter dem Sanktionsdruck der USA mit dem Iran keine Geschäfte mehr machen, dann handeln sie nicht feige. Sie sind ökonomischer Logik verpflichtet und die gebietet, keine Nachteile zu riskieren. Bei einer Institution wie der Kirche ist dagegen durchaus die Situation möglich, dass sie um der sie bindenden Werte willen Risiken eingehen und Nachteile für sich in Kauf nehmen müsste. Wenn sie dann - aus Angst um sich selbst - dem Anspruch einer solchen Situation nicht genügt, dann ist die Kirche feige.

Es gehört zu den zentralen Lehrstücken aus der jüngeren Geschichte, dass die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus in genau dieser Weise versagt hat. Sie hat sich mit der Barmer Theologischen Erklärung im Mai 1934 zwar der Gleichschaltung widersetzt, aber es ging dabei ausschließlich um ihre eigenen Belange; kein Wort der Kritik am Nationalsozialismus, der da schon Oppositionelle verschwinden ließ und Juden diskriminierte. „Leider habe ich gar kein rechtes Zutrauen mehr zu der kirchlichen Opposition.“(2) schreibt hellsichtig der junge Dietrich Bonhoeffer im gleichen Jahr. Zwar hat es Bonhoeffers Bibelwort „Tu’ deinen Mund auf für die Stummen!“ zu einem Spruch mit Kultstatus gebracht, kaum bekannt ist aber sein Kontext in einem Brief ebenfalls aus der Jahr 1934: "Es muß endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden - es ist ja alles nur Angst! `Tu deinen Mund auf für die Stummen', Sprüche 31,8 - wer weiß denn das heute noch in der Kirche, daß dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?" (3) Bonhoeffers Thema hier ist die Feigheit, die sich theologisch bemäntelt. Und zwar die institutionelle Feigheit, mit der die Kirche sich mit der Staatsmacht gut stellen und es mit ihr ja nicht verderben will. Bonhoeffer kann das auch den „taktischen Weg“ nennen, wenn er sich z. B. als Auslandspfarrer mit dem Oberkirchenrat im Auslandsamt der Reichskirche Theodor Heckel auseinandersetzt: „Es gibt eben, so oder so, keine glaubwürdige Entschuldigung für Taktik, wo es auf die Entscheidung des Glaubens ankäme. Das ist die ganze Sache.“ (4)

Später, in der Zeit seiner Haft im Gestapo-Gefängnis hat Bonhoeffer über der Lektüre der Bibel seinen Weg, seine Position und seine Erfahrungen geklärt und dabei auch den ethischen Stellenwert der Feigheit tiefer reflektiert. „Noch etwas anderes: es heißt im NT häufig: „seid stark“ (1.Kor 16,13; Eph 6,10; 2.Tim 2,1; Joh 2,14). Ist nicht die Schwäche der Menschen (Dummheit, Unselbstständigkeit, Vergesslichkeit, Feigheit, Eitelkeit, Bestechlichkeit, Verführbarkeit etc.) eine größere Gefahr als die Bosheit? Christus macht den Menschen nicht nur „gut“, sondern auch stark. Die Schwachheitssünden sind die eigentlich menschlichen Sünden, die mutwilligen Sünden sind diabolisch (und wohl auch „stark“!). Ich muss darüber noch nachdenken.“ (5) Bonhoeffer rührt hier an etwas, das der Einsicht von Hannah Arendt nahekommt, die als Beobachterin des Auschwitzprozesses von der Banalität des Bösen sprach und sich einen Proteststurm einhandelte, weil man das als Verharmlosung des Holocaust missverstand. Hannah Arendt ging es ums Lernen aus diesem ungeheuerlichen Geschehen. Das misslingt, wenn man Geschehnisse von sich weg schiebt in eine vermeintliche Sonderprovinz der Dämonie und des absolut Bösen. Es ist keine Relativierung des Holocaust, wenn man ihn einträgt in die Menschheitsgeschichte, die eben eine der gefährlichen Schwächen und banalen Erbärmlichkeiten dieses Wesens ist. Wenn dagegen im Bestreben, seine Singularität zu betonen, der Holocaust ins Metaphysische überhöht und praktisch zu etwas Ahistorischem gemacht wird, macht man ihn unfruchtbar dafür, aus dieser Erfahrung Konsequenzen zu mehr Humanität zu ziehen. Man kann die beiden Linien in der deutschen Gedenkkultur beobachten.

Eine überaus berechtigte, ja, die wirklich weiterführende Frage ist es in meinen Augen, inwiefern das Unheil in der Geschichte der Menschen durch „Schwachheitssünden“ ermöglicht wird. Was richten auf diesem Feld Dummheit, Gleichgültigkeit und Feigheit alles an? Die Dummheit fällt auf die Rechtfertigung von Unrecht herein und sieht es nicht. Die Gleichgültigkeit sieht weg und meint, dass es sie nichts anginge. Die Feigheit sieht das Unrecht sehr wohl, will sich aber „den Mund nicht verbrennen“ und arrangiert sich opportunistisch mit ihm. Den Dummen könnte man mit Fakten aufklären, den Gleichgültigen moralisch aufrütteln, der Feige aber hat sich immunisiert. Weil er beständig seine wahren Motive verschleiern muss, hat er eine Virtuosität im Verunklaren entwickelt: Fakten ignoriert er bei Bedarf, ethische Bedenken tut er als Moralisieren ab, er betont stets, wie komplex die Dinge doch sind, wird nicht müde, vor Einseitigkeit zu warnen und gibt sich dabei die Attitüde, über den Konfliktparteien zu stehen. So ist er in Deckung. So schwächt er das Menschenrechtsengagement.

Gibt es menschenverachtende Feigheit? Zu antworten ist wohl: Zweifellos hat Feigheit, insbesondere in ihrer institutionell geronnenen Form, an der Verschleierung und dadurch Aufrechterhaltung menschenverachtender Zustände einen besonderen Anteil.


(1) http://der-semit.de/nahoestliches-zerrbild-der-ekd/
(2) Brief an seine Großmutter Mai 1934, Dietrich Bonhoeffer
Werke (DBW) Bd.13, Gütersloh 1994, S. 146
(3) Ebd. S. 204f, Brief vom 11. 9. 1934 aus London an Erwin
Sutz.
(4) Ebd. S. 240, Brief aus London vom 20.11.1934 an Helmut
Rössler
(5) DBW 8 (Widerstand und Ergebung), Gütersloh 1998,S.574,
Brief vom 21.8.44 an seinen Freund Eberhard Bethge
 

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