mittendrin und voll daneben

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revilo

Mitglied
ich war schon immer
ein lausiger Tourist
beim Spaziergang
durch meine ausgestanzte Landschaft

Das hatte ich gestern Abend geschrieben?

Las sich wie ein verzweifelter Ruf nach der Mutti, sorgsam versteckt hinter
selbstgefälligen Metaphern.Ich fing an mich zu beschimpfen, schalt mich einen
Lyrikwichser und drohte meinem Spiegelbild an, ihm ordentlich die Fresse zu
polieren. Es folgten noch einige wohldosierte Gemeinheiten gepaart mit
ein paar abfälligen Gesten. Danach ging es mir besser. Ich war mit mir und
derwww.welt.de wieder im Reinen.Bis zum nächsten Mal. Dann wird es wieder
eine kräftige Abreibung setzen.
 

revilo

Mitglied
Dichternächte


Was für eine gottverdammte Scheiße. Ich sitze vor meinem Rechner, das Word- Programm bis zum Anschlag hochgefahren. Dazu ein guter Roter, sorgfältig dekantiert. Aus dem Radio dudelt gedichtekompatible Musik. Schnell noch ein paar Zeilen aus Bukowski " Gedichte, die einer schrieb, bevor er aus dem 8. Stock sprang" lesen. Perfekte Stimmung für einen perfekten Text. Nur kommt er leider nicht. Totale Ebbe.

Ihr denkt jetzt sicherlich, jetzt folgt etwas tiefgründiges über Schreibblockaden. Keine Sorge. Werdet Ihr von mir nicht lesen. Aber vielleicht kennt ihr eine solche Situation? Sie ist nicht suizidal, wie ich es häufig in schlechten Gedichten lese. Sie ist einfach nur Scheiße. Wie der Korb der angeheiterten Blondine, die du nachts um halb drei in der Kneipe angebaggert hast.

Da hilft auch kein Suff. In den guten, alten analogen Zeiten habe ich großspurig in meine Kladde gekrakelt und bin mit einem Gefühl etwas roßes, nobelpreisverdächtiges geschaffen zu haben ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen dröhnte der Schädel und die nächtlichen Ergüsse waren nicht entzifferbar. Ich las so Sachen wie:“ Ich bredlefit dich ungeraunt auf drocks tscherrf“. Und so weiter und so fort. Wie peinlich. Als ich dann zum dritten Mal ins Waschbecken meiner Studentenbude gereihert hatte (zum Gemeinschaftsklo auf dem Flur war der Weg zu weit) dämmerte es mir: Aus dir wird nie ein Dichter. Ergreife einen anständigen Beruf, heirate und produziere Kinder.

Hab ich alles brav gemacht. Wollte keiner von denen sein, die jede Nacht hackedicht in der Kneipe erzählen, sie schrieben an einem Roman, der kurz vor der Vollendung stünde. Aber ab und an muss doch zumindest ein kleines Gedicht herausspringen, heimlich nach Feierabend . Irgendwann wollen doch diese Metapherschlampen, die sich in deinem Schädel tummeln, hochhackig in deinen Rechner hüpfen.

Vielleicht fehlt ihnen das Geräusch von früher, wenn du ein Blatt in deine der Schreibmaschine eingespannt hast.
Vielleicht vermissen sie den klappernden Sound der Tastenanschläge. Vielleicht liegt es an dem dekadent teuren Rotwein.
Ich nehme einen Schluck , starre aus dem Fenster.

Es ist der 12.9.2015, 21.30. Die Feststelltaste klemmt und keine Sau interessiert da
 

revilo

Mitglied
ich schloss endlich die Wohnungstür

die Katze streicht mir um die Beine:
smaragdfarbener Blick
im Wohnzimmer immer noch
stummer Geruch von dir
den ich selbst mit einer
Packung Kippen und 3
hastig gekippten Gin Tonic
nicht vertreiben kann

ich öffne das Fenster die
Straße murmelt auf dem Trottoir
noch döst der Abend vor sich hin:
Warten auf nervöse Lichter und
sperrangelweit geöffnete Kneipentüren
 

Tula

Mitglied
Hallo revilo
Dein Kommentar lässt natürlich schmunzeln. Ganz ehrlich aber denke ich wirklich, dass die Bilder des Gedichts zu hingeworfen wirken. Lyrich beobachtet vom Balkon aus, der langsam aufsteigenden Morgensonne entsprechend, könnte sich auch das Bild hier, bzw. seine Fragmente, erst nach und nach zusammensetzen. Eine gewisse Schläfrigkeit vermittelnd. D.h. das Ding hat Stoff für mehr, vor allem etwas mehr Detail in den Beobachtungen selbst. Warum sich so früh am Morgen eine Schaar Vögel über die Fahne hermacht, ahne ich nicht unbedingt.

Die Belanglosigkeit der Beobachtungen kommt aber dennoch treffend herüber, die "genüsslich" scheißende Katze verdient einen extra Punkt für sich :)

Wie dem auch sei, unterhaltsam und gern gelesen

LG
Tula
 

Tula

Mitglied
Oh jetzt fühlt sich Leser Tula hintergangen ... ich schaute auf die Seite, nun sehe ich eine Art lyrisches Triptychon ...
 

revilo

Mitglied
Innenstadt : Mittagspause

ein Vollbart an der Bushaltestelle
streitet mit dem Werbeplakat
laber mich nicht voll
schreit er die Blonde an
und steigt schwankend
in den Bus.

Im tiefen Dekolleté der
Fleischereifachverkäuferin
lese ich L- O - V - E
der Rentner vor mir
furzt unterdrückt.

Auf einmal ist mir so sehr
nach 3 hastig gekippten Gin-Tonics
im Büro lese ich schnell
ein Gedicht von Fauser
aber besser als euch da draußen
macht mich das nicht
 

revilo

Mitglied
Hallo Tula, erster Besucher und Kommentierer....ich hatte das schon lange hier vor....hier knalle ich Texte rein, die in der 4 - jährigen LL-Schreibabstinenz entstanden sind...Sie legen leinen Wert auf auflyrische Korrektheit, sind meistens spontan entstanden und skizzieren den Schreiberalltag eines seltsamen Typen namens revilo, mit dem ich seit fast 56 Jhren klarkommen muss...kein leichtes Unterfangen......Viel Spaß...
 

revilo

Mitglied
Sorry

neulich im Fernsehen sah ich mir
eine Dankesrede an es wurde
irgendein Fernsehpreis für
Sozialreportagen verliehen
ich schaltete um landete bei einer
Charitygala für die Umwelt
der Moderator fuhr mit einem Fahrrad
auf die Bühne er lächelte
mit gebleechtem Pferdegebiss
alle trugen feine Klamotten
tranken fair trade schampus
gaben sich volksnah und wurden
von Stiernacken beschützt

Mann dachte ich
was seid ihr edel und gut
ich süffelte meinen unfairen Discounterwein
ich kam mir unglaublich schlecht vor

Schließlich hielt ich mich nicht mehr aus
rief bei meinem Kumpel an
wir verabredeten uns in der Kneipe
er schob mir ein Bier rüber
und sagte nur
halt die Fresse.

ich trank es in einem Zug aus
wir lehnten uns an den Tresen
und wussten es würde ein
politisch unkorrekter Abend werden
 

revilo

Mitglied
Einbahnstraßengedicht

Der Tag riecht noch kahlrasiert
Kaffee kann diesen scheiß Geruch nicht
übertönen wie jeden Morgen geht dieser Typ
unter meinem Balkon vorbei Pulle Bier in der Hand Kopfhörer auf
dumpfe Musik flutet zu mir hoch mit
kellertiefer Stimme singt er dazu selbst geschriebene Rapsongs die Leute
tuscheln grinsen weichen ihm aus meine Tochter sagt den kennt
doch jeder die Texte sind unverständlich er brabbelt nur sinnloses Zeug
vielleicht singt er über die Frau die er liebt vielleicht
schleudert er uns seinen Schmerz entgegen ich bewundere ihn
er hat wenigsten etwas
worüber er singen und schreiben kann

ich stemme weiter Alltagskram
starre vom 10 Meter Brett in das Becken
ohne Wasser

schnell noch dieses Einbahnstraßengedicht schreiben oder
von einem Tiger gefressen zu werden ist
auch keine Lösung
aber besser als
gar nix
 

revilo

Mitglied
Poetenpech

gestern so gegen Mitternacht
kippte ich ne volle Ladung Rioja
über meinen Houlebeque
er wird’s mir sicherlich nachsehen
ein wenig lief auch noch auf den Knausgard
vermutlich wäre er nur angepisst wenn’s
Mineralwasser gewesen wäre

zuerst schrieb ich dieses Gedicht
und erst dann wischte ich kleinlaut
den ganzen Miste weg
 

revilo

Mitglied
As Time goes By

Der Scheitelpunkt war längst erreicht
als ich in dieser billigen Pension abstieg
der Portier sah auf einem kleinen
Fernseher einen Porno den er hastig
abschaltete mir schien es als habe er eine
gewaltige Beule in der Hose sollte er doch
ich gönnte ihm sein Vergnügen
das Zimmer war einfach aber sauber
ich hörte die Stones machte mich über die
Mini- Bar her und dachte an
eine Nutte aus Wuppertal.

Am nächsten Morgen
fragte ich mich ob der Portier
seinen Bumsfilm zu
Ende gesehen hatte
draußen schien die Sonne
es gab sonst nichts mehr
zu tun als in den Zug zu steigen

während der Fahrt poppten
unentwegt 2 Fliegen auf
der Fensterscheibe hinterher
saßen sie pappsatt auf der
Gepäckablage

später auf dem Bahnhof kaufte ich
ich 7 chinesische Glückskekse
in einem stand geschrieben :
du wirst deine Erfüllung finden

ich machte mich sofort
auf die Suche
 

revilo

Mitglied
stakkato live

da wo er wohnt weigert sich die sonne zu scheinen
mietbunker mit fluren so lang wie ein fussbalfeld
den aufzug nimmst du besser nicht
er stinkt entweder nach pisse
oder es liegt ein penner drin
die wohnungen ameisenklein
mit einer andeutung von balkon
den die mieter nur nutzen
um ihren alten plunder abzustellen
die flure vollgeschmiert mit
obszönen zeichnungen
richtige kunstwerke mit denen
die jungs sich verewigen
der hausverwaltung war es egal
hauptsasche das Sozialamt
überweist pünktlich die miete

einen job hatten die wenigsten
sein vater auch nicht
der soff den ganzen tag verprügelte
seine mutter und wenn
er mit ihr fertig war auch ihn
dann haute er ab und
fuhr in den siebten stock
dort wohnte elsie
die ließ jeden ran aber erst ab 15
er war 14 sein kumpel frank
hatte sie angeblich schon mal gevögelt
mann sagte er der hab ich es richtig besorgt
fast jeden abend schlich er in
die siebte hoffte darauf sie zu treffen
sie trug gewöhnlich nur einen morgenmantel
verließ selten die Wohnung
die jungs versorgten sie mit geklauten lebensmitteln
dafür revanchierte sich elsie auf ihre Weise
die jungs waren zufrieden mit dem handel
nur er durfte nicht so eine scheisse
was macht denn schon ein jahr

heute musste es passieren
heute hatte sie zigaretten
haben wollen und ihn gefragt
er klaute dem alten geld aus der kiste
die er im wandschrank versteckte
besorgte kippen natürlich ihre lieblingsmarke
und jetzt wollte er sie ihr bringen
die tür zu ihrem appartment stand offen
sie schloss nie ab
weil sie sich sicher war und
außerdem beschützten sie die jungs
er ging in den unbeleuchteten flur
rief ihren namen
ich bin in der küche sagte sie
komm nur herein sie stand vor dem herd
drehte sich um er gab ihr die kippen dabei
berührten sich ihre hände zufällig
für ihn war es wie ein Stromschlag

sie lächlete
er war ihr schon vorher aufgefallen
ein hübscher bursche
der immer auf dem flur herumschlich
sie steckte sich eine kippe an
dabei verrutschte wie
zufällig ihr morgenmantel
er sah das schwarze Dreieck
kleiner sagte sie
komm in einem jahr wieder

später lag er in seinem bett
starrte aus dem fenster
unten lärmte Pascholke aus
der achten Etage
war wieder rotzbesoffen
noch 365 tage
er würde sich ein
maßband kaufen müssen
 

Vagant

Mitglied
Ich find's fast schon beängstigend, dass ich - nach all den Jahrzehnten - immer noch so verschossen auf so'n Kram bin.

Das sitzt doch bestimmt Harry Gelb mit am Schreibtisch, oder?
 
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