mittendrin und voll daneben

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revilo

Mitglied
schon seit geraumer Zeit

hockte ich in diesem spärlich beleuchtetem
Hotelzimmer sah auf den Marktplatz
alte Männer dösten auf Parkbänken Frauen
mit gewiss zweifelhaften Ruf standen
an der Bushaltestelle und warteten
ein schreiendes Reklameschild malträtierte
meine Augen 2 abgerissene Hunde balgten sich
um eine tote Taube blutunterlaufen ging die Sonne
unter tauchte den Himmel in ockerfarbenes Licht

Jeder wusste dass es vorbei war
zwischen dir und mir
ich lebte in einer billigen Absteige
kratzte mich am Sack und versuchte
deinen verdammt melancholischen Blick
zu vergessen.

Ich goss mir einen doppelten Gin -Tonic ein
trank das Glas in einem Zug aus knallte es
an den hässlichen Spiegel aber danach
fühlte ich mich auch nicht besser.

Im Radio lief ein Quiz niemand wusste die Antwort
ich rief an wurde mit dem Moderator
verbunden und sagte der mit der schwarzen
Milch heißt Rimbaud ich gewann einen
elektrischen Dosenöffner und eine Jahreskarte
für das örtliche Freiluftmuseum
 

Tula

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.... und sagte der mit der schwarzen
Milch heißt Rimbaud ich gewann einen
elektrischen Dosenöffner und eine Jahreskarte
für das örtliche Freiluftmuseum

:):)

LG
Tula
 

revilo

Mitglied
Bei meiner Seel, es war so. Im Freilichtmuseum war ich gefühlte 127 x und der Dosenöffner leistet mir in Corona— Zeiten treue. Dienste ...
 

revilo

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(Wahnsinn 1)

du sitzt vor dem Rechner schlürfst Wein
gestern hast du versucht
die Sterne wieder
an den Himmel zu kleben

aber das ging schief
weil du Norden mit Süden
verwechselt hast
morgen steht in der Zeitung
dass irgendein Idiot
am Himmel
alles versaut hat

aber was kannst du dafür
du hast sie nicht runtergeholt
du solltest die Dinger schleunigst wegräumen
und aufhören solche Gedichte zu schreiben
sonst sperren sie dich noch ein.
 

revilo

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true love

Schon seit ein paar Tagen
überhäufte ich meine Freundin
mit Liebesbriefen
die sie niemals lesen würde
aber irgendwer musste es ja tun

vielleicht sollte ich mal wieder
in mein Heimatdorf fahren
antiquierte Luft atmen
die Kellnerin im Eiscafe anstarren
so wie früher

aber wahrscheinlich war sie
mittlerweile fett geworden
saß jeden Abend in ihrer
1-Zimmerwohnung und häufte
tonnenweise Sehnsucht an


Statt dessen warte ich
auf deine Antwort
lese Dutzend mal am Tag
in einem Stadtplan von Paris
aus dem Jahr 1985 den ich hinter
meinem Bücherregal gefunden habe

einfach nur so
 

revilo

Mitglied
es war eine Nacht

sie fragte mich ob ich schon einmal
einen Liebesbrief bekommen hätte
nein, noch nie

wieso?

weil ich noch keinen geschrieben habe
zumindest keinen richtigen
in denen flackert sanftes Kerzenlicht
und die Sonne geht da garantiert
blutrot unter

meine handeln von der Nachbarskatze
die in die Mülltonne vor dem Haus springt
und dem Typen der jeden Morgen
mit einem selbst gebastelten Greifarm
aus dem Container
Pfandflaschen angelt

besonders erfolgreich
bin ich damit nicht

sie sah mich an
blies den Rauch
durch die Nase
und nahm meine Hand

im Radio warnte uns ein Sprecher
Vorsicht der Fahrer wechselt
auf der Fahrbahnseite einen Reifen
 

revilo

Mitglied
PS.: Den Typen, der sich die Flaschen aus dem Container angelt, gibt es wirklich. In der coronalosen Zeit habe ich ich jeden Morgen vom Bürofenster aus gesehen. Und die Katze ist wirklich eine Reminiszenz an den guten, alten BUK.
 

revilo

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Die traurigen Augen meines Vaters

Mein Vater hatte dieses Adressbuch eingebunden in hellbraunes Leder, die Seiten von außen vergoldet. Mit seiner akkuraten Handschrift trug er Namen, Vornamen, Städte, Postleitzahlen Telefonnummern und Geburtstage ein. War jemand gestorben, versah er den Namen mit einem Kreuz und schrieb den Todestag daneben.

Als Kind blätterte ich gerne heimlich darin herum, fragte mich, wer wohl als nächster dran war. Das hatte so etwas herrlich Morbides. Mit den Jahren wuchs die Anzahl der Kreuze. Irgendwann starb sein letzter Freund. Er hatte sie alle überlebt.

Es war an einem kalten Novembertag, an dem die Sonne noch einmal all ihre Kraft zusammennahm.
Genau an einem solchen Tag sollte er auch Jahre später sterben.

Ich nahm das Notizbuch, trug neben seinen Namen ein Kreuz und den 4.11.2013 ein.
 

revilo

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Balkonabend

im Haus gegenüber
hört jemand Bowie
ein Mann rülpst lauthals
und wird von einer Frauenstimme getadelt
auf der Party zwei Gärten weiter klirren Gläser

jetzt jammert Lindenberg
ich lieb dich überhaupt nicht mehr
ein dicker Frosch plumpst in den Teich
die Katze des Nachbarn beäugt ihn lüstern
meine Kerze züngelt vor sich hin
3 Falter krepieren in der Flamme

Deutschland 2016
und nix ist passiert
außer Dir und mir
 

revilo

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Samstag nachmittag um halb drei

das Schicksal ist eine langbeinige
Blondine mit kurzem Rock sie
schlägt die Beine übereinander
grinst süffisant und raunt dir zu
selbst deine Fürze riechen nach Vanille

schon gut ich hatte kapiert verließ
die Wohnung und radelte in die Stadt
bei Karstadt gab es Sonderangebote
Rentner mit Habichtgesichtern
belagerten wie Lemminge die Wühltische
ich zog es vor zu gehen

zu Hause stellte ich das Radio an
sie spielten Brahms
ich musste furzen und schnupperte
nach Vanille roch es jedenfalls nicht
zur Feier des Tages entkorkte
ich eine Flasche Roten
das Leben meinte es heute gut mit mir

ich fuhr den Rechner hoch
und fing an zu schreiben
 

revilo

Mitglied
allmählich

14:30 : ein scheißblauer Himmel
kitzelt meine Nase zu viel Mojito
letzte Nacht und zu wenig
von dir

beim Blubbern der Kaffeemaschine
dämmert es mir wieder:
ich habe gestern ein Sandwich gegessen
aus dem ein menschlicher Finger heraushing
auf dem Klo einen Pekinesen
ersäuft und aus dem Fenster geschmissen
egal ich kann diese hässlichen
Viecher einfach nicht leiden

nach dem ersten Kaffee rief Ray an
wir plauderten eine halbe Stunde
von dem Finger und dem
Pekinesen erwähnte er nichts
nach dem Gespräch genehmigte
ich mir einen doppelten Gin tonic
blies Rauchringe an die Decke

es klingelte
schon im Türrahmen
erwischte mich
dein Lächeln auf dem
absolut richtigen Fuß
 

revilo

Mitglied
halbierte Wahrheit

er war schon immer
ein bisschen crazy
deswegen waren
wir Freunde
er schenkte mir
eine selbst angemalte
Gitarre ohne Saiten und
schrieb lange Briefe die
er mit" zufällig Wolfgang" unterzeichnete

in einer Nacht tranken
wir Rum mit einem Strohalm weil
uns das Bier ausgegangen war
im Morgengrauen liefen wir
in den Stadtpark
es hatte geschneit wir legten uns
auf den Rasen machten einen
Schneeadler und versuchten unsere
Namen in den Schnee zu pinkeln
wir waren jung wild aber ungefährlich

wir verloren uns
aus den Augen
Ich traf ihn irgendwann
in der Kneipe wieder
er erzählte mir er fange jetzt Zahlen
die 3 und die 7 habe er schon
die 9 werde er später befreien und
dann ein neues Nein erfinden

heute über 30 Jahre später
habe ich die Gitarre zufällig
auf dem Dachboden entdeckt
Ihr wollt jetzt bestimmt wissen
ob er die 9 freigelassen hat
keine Ahnung
fragt ihn doch selbst
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe auch so einen Wolfgang. der ist aber mittlerweile Verschwörungstheoretiker.
 

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