Mohrrübeneintopf, 2. Kapitel

blackout

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Der Mond stand über der Kellerstraße. Neugierig blickte er in die Stube im ersten Stock. Sein silberblasser Strahl fiel auf den Kleiderschrank, dann auf den Tisch, und zuletzt auf Jo und die schlafende Klara im Ehebett. Jo, hinter dem breiten, warmen Rücken der Großmutter, wagte sich nicht zu rühren. Der Mond kniff ein Auge zu und malte mit langen Armen schwarze Gespenster an die Zimmerdecke. Jo kroch unters Federbett. Klara murmelte etwas und zog das Bettdeck schlaftrunken auf ihre Seite.

"Mond, Mond, doofer Mond – bäh!" Jo steckte ihm die Zunge heraus, getraute sich aber nur zu flüstern. "Du wohnst hier nicht! Nur Oma, Tante Heidelinde ist zu Besuch, hör mal, wie sie schnarcht, und Siggi. Und ich. Ich bin stark! Und wenn Opa kommt, der ist noch stärker, der nagelt alle Fenster zu, dann musst du auf der Straße schlafen – ätsch!"

Beleidigt zog der Mond eine Schnute und weiter zur Ruine der Kellerstraße 12.

Klara drehte sich auf die andere Seite. "Schlaf, Kind."

"Ich bin nicht müde. Der Mond, Oma …!"

"Kind, jetzt ist Schlafenszeit. Was redest du da? Mach nicht so viele Fisimatenten, sonst gibt's was hinter die Löffel. Und mach mir die Heidelinde nicht wach!" Klara zog die Enkelin an sich. "Schlaf jetzt!", flüsterte sie streng.



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Morgens stand Klara am Herd und beschäftigte sich mit dem Feuermachen. Sie griff sich die Zweige, die Rita von irgendwoher mitgebracht hatte, stapelte sie auf dem Knüllpapier und zündete eines der kostbaren Streichhölzer an. Qualm stieg auf und füllte die Küche. Klara pustete in die Flamme. Na, endlich brannte es! Eine Klara ohne Feuer war wie ein Gewitter ohne Regen. Nun auch noch die Kohlen, sie musste unbedingt im Keller nach dem Rechten sehen, vielleicht übertrieb der Siggi und war bloß zu faul zum Kohlenhochholen. Womit bloß kochen, wenn der Vorrat zu Ende war?

Ein Glück, dass sie überhaupt was zum Kochen hatte. Gestern hatte Siggi fünf halbverschrumpelte Mohrrüben mitgebracht, strahlend wie ein Weihnachtsmann der Junge. Woher, wollte Klara nicht wissen. Aber ihr fehlte ein Bettbezug, noch von der Hochzeitsausstattung. Zeiten waren das. Das gesparte Geld war nichts mehr wert, immer hieß es nur Ware gegen Ware, nicht so wie früher, als man noch bei Hertie einkaufen gegangen war. Aber ein Glück, dass wenigstens das Organisieren klappte.

Heute gab es also Mohrrübeneintopf. Am besten, sie würde sich das Schaben der Rüben sparen – ein bisschen abspülen mit Wasser, ein bisschen rubbeln zwischen den Fingern, das musste reichen, jede Kalorie zählt. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie die Mohrrüben in Würfel schnitt.

"Jo, mach den Schnabel auf!" Gehorsam sperrte Jo den Mund auf. Klara drückte ihr einen Mohrrübenwürfel auf die Zunge. "Nicht gleich zerkauen, lutsch dran, dann hast du mehr davon."

Der Qualm hatte sich verzogen, der Mohrrübeneintopf stand schon auf dem Feuer. Viel Wasser, keine Kartoffeln zum Andicken – wer sollte davon satt werden! Siggi, noch im Wachstum, verzichtete sowieso großzügig aufs Essen, wenn er abends kam. Ach Gottchen, wenn sie den Jungen nicht hätte, verhungern müssten sie alle, Heidelinde und Rita und die Kinder. Dabei sollte Siggi schon längst wieder in der Schule sein, Klara hatte im Radio gehört, in den Schulen gebe es jetzt provisorischen Unterricht.

Klara rührte im Topf, ein Auge auf Jo geworfen, die den Mohrrübenwürfel wie ein Bonbon lutschte. "Darf ich das Ding jetzt kauen?"

Im selben Moment war es Klara, als hätte sie aus der Stube einen Schrei von Heidelinde gehört. Sie stürzte aus der Küche. Gott sei Dank, es war nichts. Heidelinde lag friedlich im Bett, das zerwühlte Haar überm Gesicht. Sie schnarchte leise. Klara hörte einen Moment lang zu, ehe sie behutsam die knarrende Stubentür schloss.

Die arme Heidelinde. Vor ein paar Tagen hatte sie vor der Tür gestanden, mit zerrissenem Kleid, völlig aufgelöst, wirres Zeug redend. Klara hatte nur was von Russen verstanden, von der Scharnhorststraße, wo alles in Trümmern lag, und die Schwester gleich ins Bett gesteckt.

Kummer schwitzt sich am besten aus. Seitdem aber war Heidelinde nur zum Pipimachen aufgestanden, hatte nichts essen wollen und nur noch geschlafen, Tag und Nacht. Nachts war Klara ein paarmal aufgewacht von Heidelindes Schreien. Richtig beängstigend war das. Sie wird doch nicht etwa meschugge geworden sein? Sie musste den Doktor Holstein holen. Falls sein Haus in der Reinickendorfer noch stand.

Jo saß noch immer wie eine Eins auf dem Kohlenkasten, als Klara wieder in die Küche kam. "Ich will malen, Oma!"

Klara verschwand wortlos und kam mit einem Bleistiftstummel wieder und einer Seite aus einem von Siggis Schulheften. "Mal mir mal wat Schönet, richtige Häuser, Kind."

"Ich male doch richtige Häuser, Oma." Jo war beleidigt.

"Aber immer nur kaputte. Davon haben wir vor der Haustür genug. Die musst du nicht ooch noch malen."

"Wie sehen denn richtige Häuser aus?"

"Na, mit Dach, und aus'm Schornstein kommt Rauch raus. Ein paar Männeken am Fenster. So sieht een richtjet Haus aus, Jo."

Mit Feuereifer begann Jo zu malen.

Klara stand dabei und ließ kein Auge von dem Kind. Nun musste sie mit einem Stiefvater groß werden, die arme Kleine. Die Jo hatte Rita sich eingefangen, auf einer Betriebsfeier, vom Chef. Der wollte natürlich nichts davon wissen. Aber nun auch noch den Borkmann heiraten! Otto hatte sich das damals nicht lange mit angesehen, ein uneheliches Balg in der Familie, das kam bei Otto nicht vor! Aber ausgerechnet den Borkmann, ausgerechnet! Den musste Rita heiraten! Eine Sippschaft, die Borkmanns! Der Alte, Buchhalter auf einer Klitsche – Klara überlegte: in Neukölln? Oder war et Wilmersdorf? -, erst bei den Roten und dann zu die Nazis jejangen. Ehe Ritas Galan eingezogen wurde, soll der sich ja mit seinem Alten gekloppt haben, der junge Borkmann. Der Alte wollte ihn verpfeifen, sagt die Kastnern.

Ja, die Leute reden, allerhand reden sie, und der Alte lief dann aus Daffke mit Naziabzeichen am Jackett herum, eine Schande fürt janze Haus. Aber den eigenen Vater verprügeln, Herrgott. Wenn ihr Galan nun mal nur nicht auch noch die Rita … Aber sie wird ihn schon kennenlernen, soll sehen, wo sie bleibt. Und mit sowat waren sie nun verbandelt worden, sie und Otto mit seiner SPD, der sich mit dem alten Borkmann bis aufs Blut inne Wolle jelejen hatte, als der noch bei die Roten war. Und mit sowat also waren sie von der Rita verbandelt worden, weil die Rita … Man will ja nischt sagen jejen Chefs, aber dass die Rita nun 'nen Vater brauchte fürs Kind, wejen Otto, der hatte ihr ja die Hölle heißjemacht, da musste sie als stolze Großmutter doch damang jehn – und nun also der junge Borkmann. Aber Schwamm drüber, passiert is passiert. Und die Jo is da. Wenn sich Klara für die Tochter auch eine bessere Partie hätte ausmalen können.

Aber ach, die Kleene, wie sie dasitzt. Und die Zunge malt mit. Intelljent, das Kind. Na, von Rita hat sie det nich. Ja, Otto hatte schon recht: Woher soll denn die Intelljenz herkommen, wenn die Rita nur Tanzen und Männer im Kopp hatte – Weiber! Aber diesen Schwiegersohn hätte die Rita ihr und ihrm Otto ersparen können. Soll ja Kommunist jeworden sein bei die Russen. Herrje, wenn Otto det wüsste, det mit de Kommunisten – nee, det konnte sie ihm doch jar nich schreiben in't Lager bei de Russen. Otto hatte eine komische Karte jeschickt, von irgendwo aus der Nähe von Berlin, dass et ihm jut jeht.

"Zeig mal, Jo." Klara hielt das Bild weit von sich. "Hm, bildschön. Und wat soll det hier sein?" Sie wies auf einen verkritzelten Fleck. "Een Misthaufen?"

"Aber Oma! Das ist doch die Sonne! Das sieht man doch!"

"Da kannste mal sehen, die Erwachsenen. Keene Ahnung, wat die Künstlerin jemeint hat. - Aber jetzt muss ick wat tun, sonst läuft der Siggi nackt inne Jejend rum."

Klara nähte am liebsten auf dem Küchenstuhl neben dem Ausguss nahe am Fenster. Die Augen wollten auch nicht mehr so recht, aber wo sollte sie eine Brille hernehmen in diesen Zeiten? Prüfend hielt sie die Hose gegen das Licht. Was der Junge aber auch wächst, wenn es so weitergeht, passen ihm auch Ottos Arbeitshosen nicht mehr.

Jo hatte genug gemalt, sie quengelte. "Hör mal ein bisschen Radio", schlug Klara vor. Sie stellte das Radio an, die Goebbelsschnauze aus der Zeit noch vor dem Krieg, die links auf dem Küchentisch stand. Das Radio brachte bloß Trauermusik. Wann würden die bloß wieder richtige Musik bringen? "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" oder die herrlichen Lieder aus "Maske in Blau" – das war Musik, richtje Musik, da vergaß man doch det janze Elend.

Jo stand vor dem Küchentisch und starrte gebannt aufs Radio. Das Musikstück war zu Ende, eine Frau sagte das nächste an. "Oma, wie kommt denn die Frau da in dem Radio rin?"

"In den, Jo. Sprich anständig! Es heißt den Radio. Aber da ist keene Frau drin, nur ihre Stimme."

"Und die Stimme – wie kommt die da rin?"

Wat dat Kind aber auch alles wissen wollte "Dis is doch", begann Klara unsicher, "weil sie, also die Leute vom Radio, so Drähte haben, in der Erde, da geht alles durch, die Musik und die Ansagerin. In dem einen Haus fiedelt das Orchester, und zu Hause hören die Leute die Musik."

Jo überlegte. "Durch Drähte. Aha. Hm, und da geht eine Frau durch, eine richtige Frau?"

"Nicht doch, nicht die Frau. Doch bloß ihre Stimme! Aber, mein Frollein, ick bin keene Studierte, frag mal den Siggi, der weeß allet."

Klara legte Siggis Hose auf den Küchentisch. Sie musste mal nach dem Essen sehen. Tüchtig umrühren musste man, sonst brannte einem noch das bissken Suppe an.

"Oma, ich wollte mal was fragen", unterbrach Jo das Rühren.

"Aha, wat hat denn das Frollein?"

"Darf ich auch mal rühren, Oma?"

"Du reichst ja kaum bis an den Herd, wie willst du denn da rühren können?"

"Na, ich stell mich auf den Kohlenkasten. Dann bin ich so groß wie du, Oma."

Also gut, sollte das Kind seinen Willen haben. Klara schurrte den Kohlenkasten vor den Herd, Jo kletterte hinauf. Ängstlich sah Klara zu, wie Jo zu rühren begann. "Aber zappel nicht so ville!"

Jo rührte und versuchte, in den brodelnden Topf zu blicken. "Jetzt reicht es, genug gerührt, Jo."

"Oma, bitte, ich will noch ein bisschen rühren. Ich bin schon ganz groß, sieh mal, wie gut ich rühren kann. Bitte, Oma!"

Jo rührte, schneller und schneller. Plötzlich wankte sie auf dem Kohlenkasten, die Rührkelle fiel ihr aus der Hand, es spritzte. Gelähmt vor Schreck stand Klara dabei, und hätte sie nicht im letzten Moment noch zugreifen können, der schöne, der kostbare Mohrrübeneintopf wäre umgekippt.

"Hab ich dir nicht gesagt", jetzt war Klara wirklich aufgebrach und sprach ganz gegen ihre Gewohnheit hochdeutscht, "hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht immer so ville zappeln! Das hat man nun davon, wenn man der Göre jeden Willen lässt!"

Noch immer zitternd, der Schreck war zu groß gewesen, machte sie sich wieder an Siggis Hose zu schaffen. Wo der Junge heute nur blieb? Murren wird er, über die karierte Borte, mit der sie seine alte Hose verlängert hatte. Hatte auch schon seine Allüren, der junge Herr.

Jo malte wieder. Weit vornübergebeugt, malte sie mit skeptisch zusammengekniffenen Augen. "Diesmal habe ich die Frau aus den Radio gemalt, Oma. Aber man kann sie nicht sehen, sie ist in den Draht drin. Sieh mal – schön, nicht? " Jo hielt Klara die Zeichnung vors Gesicht.

Tatsächlich, auf dem Bild war nichts als ein dicker Strich zu sehen, schwarz ausgemalt. Diese Göre, auf was für Sachen das Kind aber auch kam. Klara drückte Jo an sich.
 

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