Morna

Pennywise

Mitglied




PROLOG




Flammen, überall Rauch und Flammen.

Morna starrte in das blutüberströmte Gesicht ihres Vaters. Sah sein Leid, seine Verzweiflung und seine Angst um sie. Und doch, in all seinem Schmerz und der Qual, versuchte er zu lächeln. Über das Knistern des Feuers und die grölenden Soldaten hinweg, hörte sie seine Stimme.

„Schließe die Augen, mein Engel!“

Morna kauerte auf allen Vieren am Boden. Eine Hand hatte ihren roten Haarschopf von hinten gepackt und hielt ihren Kopf in Richtung ihres Vaters. Durch die geschwollenen, aufgeplatzten Lippen klang seine Stimme fremdartig.

„Denk an unseren Platz am See! Du schläfst..., es ist alles nur ein Traum!“

Tränen rannen über sein Gesicht und vermischten sich mit Blut aus einer klaffenden Wunde unter dem linken Auge.
Mornas Gedanken rasten wild durch ihren Kopf. Sie konnte nicht begreifen was hier geschah. Noch vor wenigen Stunden war die Welt ein schöner Ort gewesen und mit einem Mal hatte sich alles in eine Hölle aus Schmerz, Angst und Feuer verwandelt.

„Der See Schatz! Denk an den See!“

Plötzlich spürte sie einen stechenden Schmerz im Unterleib, stöhnte laut auf und schnappte nach Luft. Lautes Lachen drang an ihre Ohren. Der Soldat der ihren Vater auf den Knien gedrückt hielt, starrte sie mit einem irren Lächeln an.

Papa...., was geschieht hier nur?

Morna schloss die Augen und versuchte verzweifelt den Rat ihres Vaters zu befolgen.
Mit all ihrer schwindenden Kraft versuchte sie von hier zu entkommen. Versuchte sich an den Ort zu denken, an dem sie so viele schöne Stunden zusammen verbracht hatten. Langsam verschwanden die brennende Hütte und die Soldaten um sie herum. Das Lachen ihrer Peiniger wurde leiser.


Das Wasser war angenehm kühl. Nur vereinzelt zogen kleine Schäfchenwolken am ansonsten strahlend blauen Himmel dahin. Sie sah ihren Vater, wie er am Ufer sitzend an einem Stück Holz schnitzte, wie er es schon so oft getan hatte. Morna besaß ein ganzes Gehege von Füchsen, Rehen und anderen, fremdartigen Wildtieren aus fernen Ländern.
Wie die seltsamen Pferde mit spitzem Rücken, die ihr Vater Kamele nannte. Sie liebte seine Figuren und sie liebte ihn; von ganzem Herzen. Ihr war durchaus bewusst, dass er es nicht leicht hatte. Seit Mutter vor elf Jahren bei ihrer Geburt gestorben war, hatte er sich ganz allein um sie und die viele Arbeit kümmern müssen. Die Felder bestellen, die Ernte auf dem Markt verkaufen, die bescheidene Hütte in Ordnung halten, Holz für den Kamin sammeln und dazu noch ein quirliges Mädchen großziehen. Trotz Allem hatte er stets viel Zeit für sie gefunden.
Lehrte sie zu welcher Zeit die Saat ausgebracht werden musste und zu erkennen, wann der Halm bereit zur Ernte war. Daneben zeigte er ihr welche Beeren, Kräuter und Pilze genießbar waren, sowie wann und wo man sie finden konnte. Durch ihn erfuhr sie, welches Kraut welche Krankheit heilen oder lindern konnte und wie man ein Kaninchen oder einen Fisch mit dem Messer ausweidete. Dank ihm konnte sie nähen, kochen und mit Stein und Zunder Feuer entfachen.

Zwar waren sie nur einfache Bauern, dennoch beherrschte ihr Vater neben Rechnen auch Lesen und Schreiben. Täglich gab er ihr eine Stunde Unterricht. Darauf hatte er stets großen Wert gelegt. Sie hatte ihn ein Mal gefragt, woher er das alles wusste, doch er hatte nur mit den Schultern gezuckt und nichts weiter dazu gesagt. Vater redete nicht gerne über die Vergangenheit.

„Was geschehen ist, ist geschehen und nicht zu ändern! Drum richte deine Blicke stets nach vorne, Morna!“, pflegte er immer zu sagen.

Anfänglich hatte sie Schwierigkeiten mit den vielen Buchstaben. Von den Zahlen ganz zu schweigen. Sie dankte ihrem Vater für seine Geduld mit ihr. Nie hatte es ein böses Wort oder gar Schläge gegeben, wenn sie etwas nicht sofort verstanden oder falsch gemacht hatte.
In den Sommermonaten, nachdem alle Arbeit erledigt war, kamen sie oft zu ihrem Platz an dem kleinen See. Schwammen zusammen und während Morna weiter das kühle Nass genoss, setzte ihr Vater sich ans Ufer, schnitze etwas oder beobachtete sie einfach nur.
Das waren die Momente, in denen sie ihre Liebe zu ihm besonders stark spürte. Eine Mutter hatte sie nie vermisst. Alles was sie brauchte bekam sie von ihm.

Ein heftiger Schmerz riss sie aus ihren Gedanken. Der See und die warmen Sonnenstrahlen verschwanden. Sie spürte, wie etwas großes, hartes sich in ihr bewegte und in ihrem Unterleib etwas zerriss. Schmerzen strömten durch ihren Körper und raubten ihr beinahe den Atem.
Es war nicht richtig, was hier geschah! Ganz und gar nicht richtig. Tränen schossen in ihre Augen und mit einem heftigen Ruck befreite sie ihre Haare aus dem Griff des Soldaten. Sie spürte etwas feuchtes und warmes in ihrem Schoß. Als sie nach unten blickte, sah sie etwas an ihren Schenkeln herunter herunterlaufen. Blut.
Ekel und Scham durchfluteten sie und sie presste panisch die Augen fest zusammen. Die Schmerzen brachten sie einer Ohnmacht nahe.
Mit aller Macht kämpfte sie dagegen an. Sie musste jetzt stark sein. Für ihren Vater.

Vor wenigen Stunden erst, hatten sie vor der Hütte gesessen und die Kupferlinge für die Steuer gezählt. Es war ein hartes Jahr gewesen und die Summe war nicht annähernd genug. Das wusste auch Morna und sie hatte ängstlich zu ihrem Vater aufgesehen. Lachend war er mit der Hand durch ihr langes Haar gefahren.
„Mach die keine Sorgen, mein Engel. Die Ernte war überall schlecht und deshalb werden sie es verstehen. Nächstes Jahr wird besser und dann können wir alles nachzahlen.“
Obwohl er sich bemühte seine Stimme fröhlich klingen zu lassen, spürte Morna darin seine Sorge. Allerdings war sie nur ein dummes kleines Mädchen. Was verstand sie schon von Steuern. Wenn Vater sagte, es passt, dann hatte es immer gepasst. Warum sollte das heute anders sein. Und doch war es anders gekommen. Ganz anders.


Als sie die Augen wieder öffnete und in das entsetzte, zerschlagene Gesicht ihres Vaters blickte, verlor sie fast den Verstand. Nie zuvor hatte sie solches Leid in einem Menschen gesehen. Doch trotz aller Qualen die sie ihm zugefügt hatten und obwohl er zusehen musste, wie sie von dem Soldaten geschändet wurde, brachte er es fertig sie liebevoll und gütig anzusehen.

„Es ist nur ein Traum Schatz! Denk immer daran, das alles passiert ni...“

Ein schneller Schnitt mit dem Dolch durchtrennte seine Kehle. Blut spritze in alle Richtungen und der Kopf ihres Vaters sank nach unten. Er kippte zur Seite und sein Blut bildete schnell eine Lache auf dem staubigen Boden. Die Flammen ihrer Hütte spiegelten sich darin. Ein Anblick, den sie nie würde vergessen können. Er brannte sich auf Ewig in ihr Gedächtnis.
Wie konnten sie so etwas tun? Wie konnten sie zwei Menschen wegen ein paar Kupferlingen so quälen? Warum ließ er so etwas zu? Er, der er vorgab Beschützer aller seiner Untertanen zu sein? Wut keimte in Morna auf. Statt der Schmerzen spürte sie plötzlich etwas anderes in sich. Etwas fremdartiges, nie zuvor erlebtes. Es begehrte auf, wollte sich manifestieren, doch bevor sie es richtig wahrgenommen hatte, war es wieder verschwunden.
Sie versuchte zu Schreien, doch aus ihrer Kehle kam nur ein leises Röcheln.

Der Soldat ließ von ihr ab und stieß sie zu Boden.
„Was machen wir mit dem Bauerntrampel, Hauptmann?“
Halb benommen vor Schmerz, Trauer und Wut hob Morna den Kopf. Der Mann der vor wenigen Sekunden ihren Vater getötet hatte, kam auf sie zu. Von ihrer Position aus wirkte er wie ein Riese aus den Geschichten, die ihr Vater ihr am Abend oft erzählt hatte. Geschichten von Riesen, Zwergen und Kinderfresssenden Ogern, denen sie so gerne gelauscht hatte. Er baute sich vor ihr auf und betrachtete sie wie ein verletztes Tier.
„Tja, was machen wir denn nun mit dir?“
„Lautet der Auftrag nicht, sie mitzunehmen?“, fragte einer der Soldaten.

Der Hauptmann fuhr herum und knurrte barsch: „Wir sind des Königs Soldaten und keine Auftragsempfänger von irgendwelchen hochgeborenen Fatzken! Unser Befehl lautet die Steuern einzutreiben und faulem Pack wie diesem eine Lektion zu erteilen.“ Wütend deutete er auf Morna und blickte dann seine Untergebenen einen nach dem anderen an. „Oder ist hier jemand anderer Meinung?“
Nach einer kurzen Pause, fuhr er in die Stille hinein fort.
„Dachte ich mir. Ich sage euch etwas. Wenn wir den Balg mitnehmen, wird sie uns nur behindern und wir erfüllen unsere Quote nicht. Das Risiko gehe ich nicht ein. Außerdem wird sie einen Ritt rücklings auf dem Pferd eh nicht überleben. Die pfeift jetzt schon auf dem letzten Loch.“ Mit einem Seitenblick schmunzelte er einem Soldaten zu. „Du hast sie ganz schön ran genommen.“ Er lachte lauthals und die anderen Soldaten stimmten mit ein. „Dieser Lackaffe hätte wohl kaum noch Spaß mit ihr. Deswegen, lassen wir sie hier. Wir sind Soldaten und keine Ammen. Soll der Geck sie sich selber holen. Oder was von ihr übrig bleibt.“

Er beugte sich tief zu Morna hinunter, die zusammengekauert auf dem Boden lag.
„Niemand soll sagen, dass die Soldaten unseres Königs sich nicht um das Volk kümmern. Wir lassen dir deine letzten Stunden mit deinem Vater.“
Grinsend erhob er sich und schwang sich in den Sattel.

Morna hörte die Worte, doch sie drangen nicht wirklich zu ihr vor. Mit letzter Kraft kroch sie zu ihrem Vater. Immer wieder fiel ihr Blick auf die Blutlache in der die Flammen dunkelrot tanzten. Zitternd kauerte sie sich neben ihn und legte ihre Hände vorsichtig um seinen Kopf.
Dumpf drang Hufgetrappel an ihre Ohren, als die Soldaten sich entfernten. Um sie herum knisterten die Flammen und hüllten sie ihn Qualm und Hitze ein. Mit geschlossenen Augen verkrampften sich ihre Hände in das Haar ihres Vaters.
Immer und immer wieder tauchte sein verzweifeltes Gesicht vor ihr auf, sah sie seinen Schmerz und seine Angst um sie.
Die Soldaten waren nur namenlose Handlanger. Aber einen Namen kannte sie. Den Namen, der dies alles zu verantworten hatte : Godric. Er war es, auf dessen Geheiß die Soldaten handelten. In seinem Namen zogen sie durch die Lande, brandschatzten und mordeten. König Godric.

Grenzenlose Wut und Hass loderten in ihr hoch. Es waren starke und mächtige Gefühle. Morna klammerte sich daran und schwor sich, niemals zu vergessen was heute geschehen war.
Dann wurde sie ohnmächtig.

Als Morna erwachte, sah sie sich schlaftrunken um. Der Mond tauchte die Nacht in ein diffuses Licht und es war warm. Eine laue Sommernacht, wie so viele in diesem Jahr. Wenn da nicht die Leiche ihres Vaters neben ihr gewesen wäre. Noch immer hielt sie seinen Kopf umschlungen und drückte ihn jetzt ganz fest an sich. Tiefe Trauer ließ sie weinen und ihr ganzer Körper bebte vor Schluchzen. Sie hatten ihr den einzigen Halt in dieser Welt genommen. Den einzigen Menschen den sie geliebt hatte und von dem sie geliebt worden war.

„Papa..., was soll ich denn jetzt nur tun?“, sagte sie weinerlich und wiegte ihren Körper vor und zurück. „Was soll ich denn jetzt nur tun?“
Was geschehen ist, ist geschehen und nicht zu ändern! Drum richte deine Blicke stets nach vorne, Morna!

Die Worte ihres Vaters kamen ihr in den Sinn. Sanft legte sie seinen Kopf zurück auf den Boden. Ihr Unterleib schmerzte entsetzlich, doch sie schob die Schmerzen so gut es ging beiseite. Fest entschlossen nahm sie sich vor, das Motto ihres Vaters zu ihrem eigenen zu machen. Er hätte es so gewollt. Er hätte gewollt, dass sie nicht aufgab, sondern kämpfte. Das waren keine leeren Worte von ihm, das war die Wahrheit.
Ein letztes Mal nahm sie ihn in die Arme und küsste sanft seine Stirn. Mit einer Hand ertastete sie etwas an seinem Gürtel. Vorsichtig löste sie den Gegenstand und betrachtete ihn. Ihr Schluchzen wurde heftiger. Es war nur ein Kräuterbeutel und doch schien es, als sei es das Letzte, was ihr von ihm bleiben sollte.
Verzweifelt kauerte sie sich an seinen leblosen Körper und fiel bald in einen tiefen Schlaf.

(bearbeitet 17.06.)






 
Zuletzt bearbeitet:

jon

Mitglied
Zwei sachlichen Hinweise:

Wenn der Vater einen derart ledierten Unterkiefer hat, dass er schief im Gesicht hängt, klingt seine Stimme nicht einfach nur fremdartig, dann kann er sich nahezu gar nicht mehr verständlich artikulieren.

Wenn die Soldaten den Auftrag haben, Morna lebendig wohin auch immer zu bringen, dann sind sie entweder schlechte oder lebensmüde Soldaten oder/und sie halten den Auftraggeber für eine Witzfigur, dass sie sie so behandeln.
 

Pennywise

Mitglied
Hallo jon.

Danke für die Hinweise! Bei dem Unterkiefer stimme ich zu. Werde das umschreiben. Das mit dem Auftrag klärt sich später ;-) Dennoch werde ich dahingehend wohl noch ein oder zwei Sätze einbauen.
 

molly

Mitglied
Hallo Pennywise,

Dachte ich mir. Ich sage euch etwas. Wenn wie wir den Balg mitnehmen.

" Dieser Lackaffe hätte wohl kaum noch Spaß mit ihr. Deswegen, lassen wir sie hier. Wir sind Soldaten und keine Ammen. Soll der Geck sie sich selber holen. Oder was von ihr übrig bleibt.“

Bin gespannt, ob tatsächlich alle Soldaten schweigen. Gibt so einige Möglichkeiten.

Viele Grüße
molly
 

Pennywise

Mitglied
Hallo molly,

zuerst, Danke fürs Lesen und die Korrektur.

Es freut mich, dass du gespannt bist :)
Dahingehend scheint der Prolog ja zu funktionieren.

Gruß,
Pennywise
 



 
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