Müssen 2071

4,00 Stern(e) 4 Bewertungen

Aina

Mitglied
Müssen 2071

„Weißt du noch damals, als wir jung waren und dachten, es würde Sinn machen, möglichst viel zu erledigen?“
Ein bedächtiges Nicken war ihre erste Antwort, dann: „Ja, lange ist es her, nicht wahr?“
„Und irgendwie war so viel gleichzeitig. Das habe ich heute auch nicht mehr so.“
„Stimmt, meistens finde ich das angenehm, muss ich zugeben.“
Er gab ihr recht und erzählte: „Neben meiner Arbeit spielte ich Fußball im Verein, war Kassenwart im Gesangsverein und fuhr regelmäßig mit meinen Freunden in die Berge zum Wandern.“
„Wo warst du denn wandern? Ich war auch in den Bergen, allerdings mit meiner Familie. Es war damals nicht üblich, dass Freundinnen ohne Anhang Ausflüge machten“, ein feiner Unterton der Bitternis schwang mit.
„Wir waren viel in Italien, Südtirol. Herrliche Gegend. Allerdings lange Anfahrtswege, hat immer das ganze Wochenende in Anspruch genommen. Ich war kaum zuhause. Immer war etwas anderes. Man musste so viel“, seufzte er.
„Ich bin arbeiten gegangen, um unsere Extras finanzieren zu können. Reine Zeitverschwendung, wenn du mich fragst. Im Nachhinein würde ich das nicht noch einmal machen. Aber es war eben so. Ich dachte, ich müsste es, so wie alle anderen.“
„Apropos ‚müssen‘. Wann ist es bei dir soweit?“
„Ich habe noch ungefähr sechs Jahre“, versuchte sie locker zu bleiben.
Er stutzte: „Äh, dann verstehe ich da was nicht. Du sagtest neulich, dass du 1988 eingeschult wurdest. Hast du dich da nicht verrechnet?“
Erschreckt blickte sie ihn an, hob die Augenbrauen warnend und zischte mit gesenkter Stimme: „Bist du verrückt? Nicht hier! In den meisten Parks hören sie inzwischen auch mit.“ Sie schaute sich möglichst unauffällig um, schien aber nichts Bedrohliches zu erkennen. Mit einem feixenden Grinsen flüsterte sie: „Bei meiner letzten Datenprüfung konnte ich mein Geburtsjahr ändern. Um zehn Jahre. Bleiben mir noch sechs. Wie lange hast du noch?“
Falsche Frage, das merkte sie sofort. So alt sah er eigentlich nicht aus.
„Morgen ist es soweit.“
„Wie?“
Mehr fiel ihr vor Überraschung nicht ein. Seit ein paar Wochen trafen sie sich auf dieser Bank, plauderten freundlichen Smalltalk. Das linderte die Einsamkeit, ohne eine Verpflichtung zu schaffen. Sehr angenehm.
In ihrem Alter gab es niemanden mehr, alle schon weggestorben. Klar. Ganz natürlich. Irgendwie. Also seit es den ‚Beschluss der finalen Altersbegrenzung zugunsten der Menschheitsentwicklung‘ gab.
„Morgen schon? Warum hast du nicht früher bescheid gesagt, dann hätten wir ein paar letzte aufregende Tage organisiert. Du weißt schon: ‚Was ich schon immer mal tun wollte und mich nicht getraut habe‘, oder so ...“
„Genau das wollte ich nicht. Schon wieder so ein Ding, das sie uns einreden, was wir tun müssten. Die letzten Tage und Wochen irgendwie besonders gestalten. Ich will nichts müssen, schon gar nicht das, was sie uns vorschlagen.“
In dem „vorschlagen“ lag der ganze Zorn auf die Regierung, den er noch aufbringen konnte. Er hatte die freundlich formulierten Vorschläge satt, die eigentlich knallharte, alternativlose Vorschriften waren, es sei denn man wollte spurlos von der Bildfläche verschwinden.
„Ich möchte eigentlich nur eines: Würdevoll diese Erde verlassen.“
„Verstehe“, sagte sie und spürte die Traurigkeit über einen weiteren Verlust aufsteigen. Trotzdem bot sie an: „Kann ich was für dich tun?“
„Kannst du in der Tat.“
Sie saßen lange beieinander an diesem Nachmittag, länger als sonst. Am Ende gab er ihr einen Zettel mit seiner Identifikationsnummer und küsste ihr den Handrücken zärtlich zum Abschied.
„Ich danke dir für diese letzten, schönen Nachmittage. Sie haben sich so leicht angefühlt. Danke. Und danke für ...“ Mehr war nicht möglich und nicht nötig zu sagen. Sie wusste, was zu tun war.
Die Standardinschrift auf dem Grabstein zu ändern, war kein einfaches Unterfangen, aber sie schaffte es dennoch und konnte ihm seinen letzten Wunsch erfüllen.
In grauen Granit gemeißelt wird für immer zu lesen sein: „Freiheit ist, nichts zu müssen.“
 

Akiiiii

Mitglied
Gut! :)
Sehr eindringlich und nah dran an den Personen. Den Satz mit der Regierung braucht es nicht, finde ich.
Begreifen tut man es auch so und es nimmt dem Dialog die Nähe. Man springt an der Stelle raus und danach wieder rein. Nahaufnahme, Totale und zurück.

Danke fürs Teilen.
 
Hallo Aina,

eine wirklich klasse Geschichte! Ich finde nicht, dass man da was rausnehmen/streichen sollte.

Besonders gut hat mir diese Idee gefallen:
.
Mit einem feixenden Grinsen flüsterte sie: „Bei meiner letzten Datenprüfung konnte ich mein Geburtsjahr ändern. Um zehn Jahre. Bleiben mir noch sechs
Wunderbar.

LG SilberneDelfine
 

Aina

Mitglied
Vielen Dank für die Bewertungen und die Beschäftigung mit meinem Text.
Rückmeldung an Akiiiii: jetzt wo du es sagst, fällt es mir auch auf. Es nimmt etwas von der Intimität. Den Inhalt will ich aber nicht ganz streichen - ich bastel also noch daran. Danke!
 

Oben Unten