Nach hundert Monden

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Ciconia

Mitglied
Der ungestüme Traum vom großen Glück,
geträumt in einer lauen Sommernacht,
verblasste mählich binnen hundert Monden.
Du gingst an einem düst‘ren Wintermorgen.

Ins Dorf kamst du danach nie mehr zurück,
und Einsamkeit hat mich schier umgebracht,
zu kalt die Nächte unter Silbermonden.
Denn niemals war ich irgendwo geborgen.

Mein Leben wurde ein Husarenstück,
die Zukunft eine viel zu schwere Fracht,
im Jetzt, so weit entfernt von Wonnemonden,
verschlangen mich die schnöden Alltagssorgen.

Doch immer blieb noch Illusion auf Glück.
Nach Jahresfrist bin ich nun aufgewacht,
befreit von bösen wolkendunklen Monden.
Und zaghaft dämmert mir ein neuer Morgen.
 

Etma

Mitglied
Hallo Ciconia,

ich bin grundsätzlich nicht begeistert von Reimen und einem festen Metrum. Hier habe ich mich aber darauf eingelassen, zumal das Gedicht nicht ganz traditionell ist in dessem Erscheinung.

Es wurde nicht im Paar- oder Kreuzreim gestrickt sondern strophenweise, sodass eine andere Art der Befriedigung entsteht, eine mit Pausen zwischendrin. Ganz zufriedenstellend finde ich aber die Wiederholung von "Glück" und "Morgen" aus der ersten in der letzten Strophe nicht, irgendwie. Auch hättest du dann zumindest auch den zweiten Versreim der ersten und letzten Strophe aneinander anpassen können, ich bin da wohl perfektionistisch und das mag auch der Grund sein, wieso ich es aufgegeben habe die besten Reime und den besten Rhythmus zu finden, es ist zu umständlich mit zu wenig Erfolgserlebnis, Kitsch und Klischee eines Gedichts ...

Aber zurück zu "Nach hundert Monden"! Es sind manche gehobene, altertümliche und besondere Wörter dabei (siehe: ungestüm, mählich, Hurasenstück ...) Das gefällt mit, sie sind präzise aber doch abstrakt genug um viel zu sagen.

Die Geschichte die du hier erzählst mit Dorf und Liebe, Einsamkeit und Jahreszeiten, Monden und dem Glück, ist episch - episch, da viel erzählt wird, aber auch die Atmosphäre grundsätzlich ist episch im umgangssprachlichen Sinne. Das kommt davon, dass du so viel nach dem Mond und großen Wörtern greifst!

Die bösen wolkendunklen Monde sind mit etwas zu viel. Vielleicht auch die Silbermonde aber im Gesamten möchte ich mehr solche Gedichte studieren, es steckt so viel darin und indem du hier den Schwerpunkt vom letzten Wort nimmst, da die Reime nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit liegen, da strophenweise, zählt jede Silbe, jeder Sinn!

Gerne gerne mehr davon!

LG, Etma
 

Ciconia

Mitglied
ich bin da wohl perfektionistisch
Hallo Etma,
Du scheinst ja noch perfektionistischer zu sein als ich … ;)
Auch hättest du dann zumindest auch den zweiten Versreim der ersten und letzten Strophe aneinander anpassen können.
Ja, hätte ich. Aber andererseits finde ich, dass dem aufgewacht hier eine besondere Bedeutung zukommt – der Aufbruch wird angedeutet, und deshalb habe ich dieses Wort unbedingt gebraucht.

Es freut mich, dass Du Dich auf dieses Gedicht eingelassen hast, auch wenn ich bei dieser Formulierung schmunzeln musste:
Es sind manche gehobene, altertümliche und besondere Wörter dabei
Ich finde, gerade in einem Reimgedicht sind solche Wörter gut aufgehoben. Beim Reimen wird man ja auch immer wieder gezwungen, nach Begriffen zu suchen, die ins Metrum passen. Da verwendet man dann mählich statt allmählich oder setzt ein zusätzliches Adjektiv ein, das ohne Reimzwang eventuell verzichtbar wäre. Ich finde, man muss da immer das große Ganze sehen …

Vielen Dank für Deine ausführlichen Gedanken.

Gruß Ciconia
 

Etma

Mitglied
Hello again, Ciconia,

na, wie freundlich du meine doch recht kritischen Gedanken aufgenommen hast, das freut mich!

Ich musste schmunzeln: Es fällt auf, wenn Gedichte (ich spreche nicht über dieses hier) so geschrieben sind, wie du es sagst:

1. Mit altertümlichen Wörtern,
2. Mit Reimen nur um des Reimes Willen und
3. Mit eingeschobenen oder ausgelassenen Silben.

So werden / wurden die meisten Gedichte geschrieben und es ist zum Schmunzeln! Ich sehe nun woher diese ganzen Klischee-Gedichte entstehen - weil Leute denken, so müssten Gedichte aussehen. Nun ja, es ist Konvention, an die man sich halten mag. Ich möchte sie auch nicht schlechtreden, diese Art von Gedicht.

Es ist nur lustig: die Art wie Leute, die nichts mit Dichtung zu tun haben, eilig nach Reimen suchen, wenn sie vor die Aufgabe gestellt werden, ein Gedicht zu schreiben, alles dreht sich dann nur noch um die Reime und dass die Verse ca. gleichlang sind. :-D Oder wenn man betrunken durch die Stadt schreitet und spontan Gedichte erfindet - Reim und Rhythmus, das ist alles. Wollen wir die Menschheit derart denken lassen? Gibts es überhaupt Hoffnung? Haben wir nicht schon lange verloren? .....

Besorgte Grüße, Etma
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Etma,

Reimgedichte zu schreiben, erfordert Sprachschatz, Disziplin und Rhythmusgefühl. „Reim und Rhythmus“ ist eben nicht alles.

Aber ich glaube, auf dieser Ebene möchte ich nicht mehr weiterdiskutieren. Der Großteil der Menschheit scheint jetzt schon unsortiert zu denken. Also gibt es doch noch Hoffnung.

Gruß Ciconia
 

blackout

Mitglied
Dein Gedicht freut mich, Ciconia. Thema: Eine Liebe zerbrach.
Ein Jambusgedicht mit 5 Hebungen in vier Strophen.

Ich hätte nur einen Vorschlag:
S2V2: "Die Einsamkeit hat schier mich umgebracht" - Also schier vor mich. Grund: Metrum. Hier ist die Inversion angebracht. Wobei dieses "schier" mir irgendwie doch ein bisschen überlebt vorkommt. Mir fällt aber ad hoc auch nichts Besseres ein.

Bewundernswert, wie du den Reimgleichklang durch alle vier Strophen durchhältst, die Variation der Monde im jeweiligen Vers 3 ist dir auch gelungen. Ein kleines Husarenstück, um dich zu zitieren.

Hat mich außerordentlich gefreut, dieses Gedicht lesen zu dürfen, Ciconia.

blackout
 

Ciconia

Mitglied
Vielen Dank für dieses große Lob, blackout. Ich freue mich immer sehr, wenn jemand auch die Arbeit erkennt, die in so einem Gedicht steckt.

Deinen Einwand kann ich nachvollziehen – das schier könnte man sicherlich ersetzen, z. B. durch ein fast, was allerdings langweiliger klingt. Der Begriff „überlebt“ passt immerhin auch auf die anderen von Etma als „altertümlich“ bezeichneten Wörter …

Mit Inversionen habe ich’s nicht so, vielleicht fällt mir ja noch eine andere Formulierung ein.

Weiterhin frohes Reimeschmieden!
Gruß Ciconia
 

Etma

Mitglied
Wow, Ciconia, ich musste nach deinem feindseligen Kommentar bei meinem Text nun unsere alte Diskussion erneut durchlesen und verstehe überhaupt nicht, wieso du plötzlich so abweisend geworden bist! Ich bin mit einer freundschaftlichen Attitüde hierher gekommen und habe mit dir freundschaftlich diskutieren wollen und du schmeißt mich einfach raus. Unverständlich, zumal du nicht einmal wirklich gelesen zu haben scheinst, was ich geschrieben habe: ich habe nämlich nicht nur nicht angefochten, dass Reimgedichte zu schreiben schwierig ist. Ich habe es sogar in meinem ersten Kommentar betont.

Du musst mich wohl missverstanden haben! Als ich sagte "Reim und Rhythmus, das ist alles" - bezog ich mich auf die betrunkenen Menschen, die spontan zu dichten versuchen!

Hier entstand also unser Konflikt? Ein Missverständnis? Ich versuche mich klarer auszudrücken das nächste mal, damit so etwas nicht entsteht und ich antworte jetzt auch auf deinen Kommentar bei meinem Text!

Grüße, Peter
 

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