Nachsaison

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Karinina

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Nachsaison

Ich muss das jetzt erzählen. Vielleicht bin ich verrückt, in meinem Alter nichts ungewöhnliches. Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre allein in den vier Wänden, da kann man schon den Sinn fürs Reale verlieren...

Die Plattform ist schuld. Mein Enkel hat sie mir eingerichtet und gesagt:
“Los, Oma, hier kannste dich mit Leuten unterhalten...“

Ich merkte bald, es waren alles nur Männer. Sie wollten eine Partnerin, merkwürdigerweise stand da immer: keine Wohngemeinschaft, kein Sex.
Ich musste jedesmal lachen, kein Sex, so eine dumme Bemerkung in unserem Alter. Wer denkt mit 75 noch an Sex? Ich jedenfalls nicht.

Wobei, mit meinem Mann war es eigentlich bis zuletzt ganz schön. Aber wielange ist das her? 5 Jahre, 8 Jahre oder gar schon 10?
Und dann, man wird gemeinsam alt. Trotz aller Runzeln und Beschwernisse, die unweigerlich mit dem Leben wachsen, man behält doch den Menschen insich, der man selbst, und auch der Partner, mal war. Der bleibt ja immer mit, der wird nicht ausradiert. Wenn man sich ansieht, sieht man immer noch den, wie er mal war.

Steht man aber so im Alter plötzlich vor dem nicht jung gekannten Mann, dann sieht man nur die Gebrechen. Und wie sollen in einem bei so einem alten Knacker plötzlich Sexgefühle hochkochen? Undenkbar. Also wirklich: Keinen Sex.

Ich schrieb also immer zurück: Wenn du mich willst, ich hab nichts dagegen.

So ging das hin und her.

Nur der eine, der schrieb: Wie haste es denn gerne, säute Deern...

Säute Deern? Noch nie gehört. Und was bitte, soll ich wie gern haben? Alter schützt vor Neugierde nicht. Also zurückgeschrieben. Immer sachte, schrieb ich zurück. Das ging so eine Weile. Immer sachte, und kein Wort von mir zuviel.

Aber irgendwie, so ganz da innen drin, da lachte ein Schelm. Der wird doch wohl nicht...
Doch, er kam.

Und wollte bleiben, zumindest eine Nacht.

Da stand ich dann im Nachthemd neben meinem Bett und er rumorte im Bad. In meinem Bauche kullerte es und die Kniee begannen zu zittern. Vorsorglich hatte ich eine Kerze angezündet und oben aufs Regal gestellt, dann das große Licht gelöscht.

Ich kam nicht weit mit dem Gedanken: Was soll das werden? Da stand er vor mir, splitternackt und das Ding da ziemlich weit oben. Perplexer kann man nicht sein als ich. So hatte ich das noch nie gesehen. In unserer Jugend hat sich das immer im Stockdunklen abgespielt, und unter der Bettdecke. Und später, na ja, später, da war mit so ganz oben nicht mehr so viel im Spiel.

Er ließ keine Sekunde verstreichen, zog mir mit einer Hand das Hemd über den Kopf und mit der andern drückte er mich so an sich, dass er von ganz alleine dort hin kam, wo er, total erschrocken, trotzdem gewollt war. Er schob uns beide an die Wand statt ins Bett. Auch das wie Überfall und nicht vermutet. Und wie er mit der Zungenspitze meine Lippen berührte und mit den Zähnen sie dann beinah zerbiss...

Auch dass er danach ein Handtuch verlangte, so, als wäre das ja das normalste von der Welt...

Im Bett haben wir schließlich doch gelegen. Die Kerze brannte von alleine herab.
Und bei der einen Nacht ist es nicht geblieben..

Ja, nun wissen Sie, dass ich verrückt geworden bin. So etwas auch noch zu erzählen....
Ich kann einfach nicht anders. Wie heißt es doch: Wem die Seele voll ist, dem läuft der Mund über? Oder war das irgendwie anders?

Na ja, so ähnlich zumindest...
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Karinina,

nachvollziehbare Gedanken einer alternden Frau, kurz und knapp beschrieben. Ich hab schmunzeln müssen ...

Wenn Du magst, könntest Du noch einige kleine Fehler ausbessern:
nichts ungewöhnliches - nichts Ungewöhnliches
jedesmal - jedes Mal
wielange - wie lange
insich - in sich
zuviel - zu viel
Kniee - Knie
In unserer Jugend hat sich das immer im Stockdunklen abgespielt - Hier würde ich ruhig die Vergangenheitsform wählen.
Für meinen Geschmack beginnen einige Sätze zu viel mit „Und“ – aber darüber kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein.

Gruß Ciconia
 

Karinina

Mitglied
Danke, Ciconia, es freut mich, wenn es zum Schmunzeln war. Die Fehler werde ich in meinem Text beheben. Allerdings zu dem Und: Ja, Du hast recht, ich benutze in allen meinen kleinen Geschichten sehr gerne das Und. Es klingt für mich zum Beispiel in diesem Text so etwas naiv, und diese Naivität will ich ja in dem Text.Das macht ihn für mich etwas lockerer. In anderen Texten nutze ich das "und" einfach als Gedankenfortsetung,das spart unnötige Worte, aber ich weiß natürlich, dass das nur eine Ausrede ist. Ich mag das Und einfach.
Liebe Grüße von Karin
 
U

USch

Gast
Hallo Karinina,
köstlicher Text. Der Mann war ich, was du nur nicht erkannt hast :)
LG USch
 
Hallo Karinina,
eine sehr hübsche Geschichte. Sie beschreibt das Leben und macht klar, dass man zumindest ab und zu auch mal mit dem Unerwarteten rechnen darf.
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

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