Nachts unterwegs

3,70 Stern(e) 3 Bewertungen
(Vorbemerkung: Bei der Überarbeitung dieses alten Textes wurde mir wieder einmal klar, dass es nicht Sexualität an sich, nicht Erotik an sich und daher auch keine erotische Literatur an sich gibt, sondern sozusagen Sexualitäten und Erotiken und erotische Literaturen – und wie wenig sie untereinander vergleichbar sind.)


21.30 Uhr

Bodo legt Respighi auf. In diese Musik will er jetzt eintauchen, gewissermaßen die Seele ein Bad nehmen lassen. Dazu trinkt er Tee der Sorte Assam Goldspitzen, sehr starken Tee, es ist schon die vierte Tasse. Die Klangmassen gleiten an ihm vorüber, gehen durch ihn hindurch, ohne eine andere Wirkung zu erzeugen als nur dieses starke, dabei unbestimmte Gefühl von Vorfreude. Schräg abgewinkelt liegt er auf dem Polster, die Teetasse in Reichweite der Hand, den Nacken ans Rückenpolster gelehnt. Der Blick umfasst die gelben Lilien in der Kristallvase, die penible Ordnung der Bücher- und Plattenregale. Draußen vor dem Fenster, jenseits des kleinen Vorgartens, gehen junge Leute die Straße hinunter, unterwegs zu jenen Vergnügungen, die die anbrechende Nacht für sie bereithält - für sie, nicht für ihn. Er hat noch viel Zeit. Dieses ruhige Warten auf die Zeit nach Mitternacht gehört zu seinem Freitagabendritual. Nach den letzten Klangkaskaden von Pini di Roma steht er auf, jetzt genügend euphorisiert durch Tee und Musik, und geht duschen.


22.55 Uhr

Soll er zu den Ledersachen ein weißes oder ein schwarzes T-Shirt anziehen? Jahrelang hat er ausschließlich weiße Leibchen getragen. In jüngster Zeit sind andere Farben hinzugekommen: T-Shirts in Blau und Schwarz, Hemden in düsteren Farben, rotkarierte Hemden. Er entscheidet sich für Schwarz, vielleicht infolge der Musik, die er zuletzt gehört hat. So nachlässig er im Büro herumläuft, so sorgfältig kleidet er sich jetzt an: nach dem T-Shirt die Lederjeans, die schwarzen Stiefel, der breite Gürtel, die maßgeschneiderte Jacke. Dann einige prüfende Blicke im Garderobenspiegel, letzter Blick zur Uhr – er kann langsam zur U-Bahn gehen. Die Straßen sind fast leer.


23.25 Uhr

Bodo steht in der U-Bahn und liest, das kleine gelbe Heft nahe vor den Augen. Es ist Nietzsches Zur Genealogie der Moral. Er muss bald aussteigen, hat von anderen Fahrgästen kaum etwas wahrgenommen. Vermutlich wird er ab und zu gemustert, vielleicht auch angestarrt. Er hat eben die Stelle gelesen, an der Nietzsche so spöttisch von den Lämmern und den Raubvögeln spricht. Wohl wahr, die Raubvögel zeigen sich meist unbeeindruckt von den Ressentiments der Lämmer und der daraus destillierten Moral. Und wozu zählt er sich selbst, zu den Lämmern oder den Raubvögeln? Ach, er ist mal Raubvogel, mal Lamm. Schon deshalb neigt er nicht zu Ressentiments - der häufige Rollenwechsel zerstört den Ansatz jeder Moral. Er kommt auf noch einen Gedanken: Was bedeutet es, wenn die verschiedenen Gattungen im eigenen Inneren aneinandergeraten, der Raubvogel sich auf das Lamm stürzt und dieses sich in Zuckungen windet? Das ist Selbstzerfleischung! Und wie steht es dabei mit Ressentiments und Moral? Deutlich als Attrappen erkennbar, werden sie vom eigenen Geist nachgebildet und im Prozess der Selbstzerfleischung mit zerstört, alles nur, damit dieser Vorgang lustvoller ablaufe. – Am Hauptbahnhof verlässt er die Bahn.


23.35 Uhr

Ein langer, schmaler Straßenzug, von Hotels und hohen Miethäusern eingefasst; die Fassaden historistisch. Unten billige Nuttenbars oder Säuferkneipen; auch schwule Läden, die er nie betreten hat, nie betreten wird. Reger Autoverkehr – es ist mühsam, sich an den Kreuzungen heil hinüberzubringen: alles Hurenböcke am Steuer, die nur auf die Straßendirnen achten. Die Regeln des speziellen Verkehrs haben die des allgemeinen außer Kraft gesetzt. Er erreicht den großen, baumbestandenen Platz. Ein segnender Bischof schaut gleichmütig oder gleichgültig herab, tagsüber auf sehr junge rauschgiftsüchtige Nutten im schwarzen Lederminirock und mit kurzen schwarzen Lederstiefeln, nachts auf orientalische Nachwuchsgangs. Bodo geht nicht mitten über den Platz, lieber überquert er die verkehrsreiche Straße zweimal zusätzlich.


23.50 Uhr

Noch ist die Bar ziemlich leer, in der Bodo die erste Hälfte einer Nacht wie dieser verbringt. Etwa zwei Dutzend Männer verteilen sich auf dem großen Rechteck des Saales. Die Bar hat die Ausmaße einer mittleren Disco, doch getanzt wird hier nur ausnahmsweise. Er macht seinen ersten Rundgang und lässt die Nebenräume, die über Treppen erreichbar sind, noch aus. Hier und da grüßt er, durch Kopfnicken oder mit einem Hallo, öfter tut er es nicht – wo käme man hin, wenn man alle grüßen müsste, mit denen man schon geschlafen hat! Freunde, mit denen er reden möchte, sind noch nicht da.

Von den für ihn Neuen reizt ihn nur einer. Er sitzt auf einem Hocker und ist nicht leicht zu beäugen: An seinem Platz herrscht fahles Zwielicht, das die Konturen auflöst. Er scheint Ende zwanzig und recht hübsch zu sein; ist in schwarzem Leder, trägt unter der Jacke ein rotkariertes Hemd; lässig lehnt er sich zurück und betrachtet die Vorübergehenden. Als Bodo zum zweiten Mal vorbeikommt, ändert der andere die Körperhaltung, vielleicht um auch Bodos Rückseite betrachten zu können. Der denkt, indem er weitergeht, hinten wären Augen sehr nützlich. Der Neue kommt ihm bekannt vor, er weiß nur nicht, ob es am Typ liegt, der ihn schon so oft gereizt hat, oder ob er den jungen Mann tatsächlich kennt. Nun, die Nacht ist noch lang.


0.50 Uhr

Inzwischen sind viele neue Gäste gekommen. Das Auf- und Abgehen ist nicht mehr so leicht. Der Raum hat sich mit Männern gefüllt, die allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen herumstehen, beobachten, miteinander reden. Bodo bezieht in der Nähe des Eingangs Posten, um besser sehen zu können, wer noch eintrifft. Da – zwei Gesichter, die er nie gesehen hat. Die beiden schieben sich leutselig durch die Menge, dahin wo sie am dichtesten ist. Von vielen werden sie unter Lachen begrüßt, und sie reden dann freundlich mit jedem ein paar Worte. Man spürt, sie reden und lächeln nicht, um angenehm aufzufallen, wie so viele im Lokal, sondern aus reinem Vergnügen. Sie fühlen sich einfach wohl.

Merkwürdig, wie viele die beiden hier schon kennen … Und nur für ihn sind sie noch Fremde? Bodo hat sich an ihren Anblick, ihre Ausstrahlung im Nu gewöhnt und will nicht mehr darauf verzichten - er folgt ihnen im Gedränge. Der Größere von beiden – er ist ziemlich lang – trägt eine Ledermütze. Der Schirm verdeckt jedoch nichts vom Gesicht, nicht die Augen, nicht die Stirn. Er sendet freie Blicke nach allen Richtungen und mustert Bodo ziemlich wohlwollend. Der Kleinere, mittelgroß, wirkt nicht ganz so unbefangen. Seine Lederhose hat weiße Längsstreifen an den Seiten, das steht ihm sehr gut. Was fällt Bodo noch an ihm auf: das schwarze T-Shirt mit dem weißen Adler auf der Brust. Dennoch zweifelt Bodo keinen Augenblick, wer von beiden das Lämmchen ist, wie es für ihn auch feststeht, dass sie ein Paar sind. Das wird noch deutlicher, als sie sich vorübergehend trennen. Der Mützenträger bleibt am Tresen, das Lämmchen schiebt sich durch die Menge. Ein unsichtbares und sehr elastisches Band hält die Verbindung zwischen ihnen aufrecht und trennt sie für den Beobachter von allen Übrigen. Sie müssen gut zusammenpassen, denkt Bodo. Und was einer in ihrer Beziehung nicht zu seiner Befriedigung findet, kann er woanders suchen. Vielleicht wenden sie sich dann gemeinsam Dritten zu? Bodo sehnt sich danach, dieser Dritte zu sein.


1.25 Uhr

Da kommt Johannes, ein verständiger Mensch. Bodo kann sich mit ihm auch über Nietzsche unterhalten. Und er hat noch einen Vorzug - er ist unfähig, in Bodo aggressive Gefühle zu wecken. Wer wie er gewöhnlich ambivalent reagiert, wird dann Erleichterung verspüren und sich dafür dankbar und anhänglich erweisen. Johannes sagt ihm, er habe Zarathustras Nachtlied auf seinem PC gespeichert. Sie tauschen ihre Meinungen über in der Nähe Stehende aus. Bodo will ihn fragen, ob er das erfreuliche Paar kennt, in dessen Bann er seit einer halben Stunde steht. Doch die beiden sind inzwischen verschwunden. Johannes, der später als gewöhnlich gekommen ist, fährt bald nach Hause.

Es ist schon ziemlich leer in der Bar. Ehe er das Lokal wechselt, will Bodo noch alle Winkel nach den Verschwundenen absuchen. Er beginnt mit dem Videoraum und hört mit den Toiletten auf, die, anders als zur Stoßzeit, jetzt verlassen daliegen. Nur ein dicklicher Junge begegnet ihm im Durchgang zur Damentoilette – die mangels Damen anderen Zwecken zugeführt ist. Damit hat Bodo durchaus nicht gerechnet: Der Junge fasst nach seinem Schwanz! Bodo drückt ihn sanft weg: jetzt nur nicht aggressiv werden. Da schlägt der Junge nach der Hand, die sich so sehr beherrscht hat. Und wie tückisch das Biest aussieht! Das Biest macht sich davon. Bodo rennt hinterher und erwischt ihn noch am oberen Ende der Treppe. Der Junge ist schon zwei Stufen hinuntergegangen, und Bodo kann ihm bequem mit dem Stiefel in den Hintern treten. Was ihm überhaupt einfalle! Dann fragt er sich, ob er dem Kleinen jetzt nicht erst recht einen Gefallen getan hat. In bestimmten Situationen ist jede Reaktion falsch, Nichtstun aber auch. Bodo verlässt die Bar rasch.


2.05 Uhr

Ein paar Ecken weiter ist die andere Bar, die Bodo aufsucht, wenn er nachts unterwegs ist. Es ist ein verwinkeltes Kellerlokal, es besteht schon seit fünfzehn Jahren. Im letzten Winter haben sie es umgebaut, seitdem ist alles anders geworden, neu und unübersichtlich. Um diese Zeit geht der Betrieb erst richtig los. Eine Zeitlang kann Bodo sich mit einem Psychologen über neue Kinofilme unterhalten.


2.50 Uhr

Das Publikum sagt ihm heute Nacht nicht zu. Das soll ein Lederlokal sein? Vor lauter Langeweile geht er in den Kontaktraum. Es ist nicht mehr so dunkel wie früher, und die Musik dröhnt nicht so laut wie vorn am Tresen. Da stehen sie herum und belauern einander. Es ist keiner darunter, der Bodo besonders reizen könnte. Dennoch bleibt er stehen und beobachtet, wer noch hereinkommt.

Da löst sich einer aus der Gruppe von Ölgötzen ihm gegenüber und tritt hinter ihn. Er ist nicht ganz nach Bodos Geschmack: etwas zu jung und zu schlank, allerdings ganz in Leder, und das ist für Bodo ein großer Reiz. Der Junge fängt an, mit zwei Fingern an der Mittelnaht von Bodos Hosenboden entlangzufahren. Dabei wirkt er versiert und weckt Bodos Vertrauen - Bodo ist im Nu stark erregt. Ja, er könnte sich wieder einmal ficken lassen, das vorige Mal ist schon ziemlich lange her. Dennoch, er fühlt sich überrumpelt, und vielleicht will er auch das Vorspiel noch eine Weile genießen. Und dann müssten sie über das Wohin reden und über einiges andere außerdem … Der Junge beginnt jetzt, ihm mit seinen Innenhandflächen die Backen zu massieren. Bodo fragt sich, ob er vielleicht mit der Faust gefickt werden soll. Davor hat er Angst und spielt weiter toter Mann. Nach einigen Minuten geht der andere weg. Bodo kehrt ins Helle zurück.


3.15 Uhr

Bodo steht nicht weit vom Eingang und sieht den jungen Mann mit dem rotkarierten Hemd hereinkommen. Seit drei Stunden hat er ihn nicht mehr gesehen. Erst jetzt, im hellen Licht hier, kann er ihn genau betrachten. Nein, er kennt ihn nicht, und er sieht noch viel besser als vermutet aus. Vollkommen verkörpert er diesen Typ, der den stärksten Reiz auf ihn ausübt - er ist der Prototyp. Das trifft schon für die Kopfform zu. Wie deutlich sich die starken Schädelknochen abzeichnen: ein Eindruck von Härte. Dabei ist die Form des Schädels im Ganzen eher rundlich und die Haut sehr glatt. Glätte und Härte, eine gewisse Perfektion, Verlockung und zugleich die Ahnung einer abschließenden und endgültigen Zurückweisung – es ist alles vorhanden. Das schwarze Haar ist sehr kurz, scharf gestutzt auch der Schnurrbart. Die Augen funkeln begehrlich und spiegeln zugleich die Objekte der Begierde mit leichter Verachtung. Man müsste ihm unter die Schädeldecke sehen, unter die Schädelknochen fassen können … Der Prototyp zeigt, dass er Bodo wiedererkennt, sich an die gegenseitige Musterung vorhin erinnert. Er geht zum Tresen und bestellt ein Bier. Bodo sieht erst jetzt das rote Tuch in der rechten Gesäßtasche: Er will also die Faust spüren.

Um Zeit zu gewinnen, geht Bodo in den benachbarten Raum. Zum Wesen der Faszination gehört es, zur gleichen Zeit stark angezogen und fast ebenso stark abgestoßen zu werden. Die Farbe Rot also … Erst spät ist Bodo auf den Geschmack gekommen. Im letzten Winter ist es gewesen. Er hat einige Male mit S. geschlafen, ist bei ihm sozusagen hineingerutscht. Er grinst jetzt wegen des Wortspiels, das ihm da gelungen. Im Verkehr mit S. ist eben alles intensiver gewesen; ein Gefühl, als sei da eine Wand aus ihm herausgebrochen und die eigene Substanz entweiche rapide, lagere sich an S. an – er hat es mit seinen Händen spüren können … Und dann hat er angefangen, in S. einzudringen, ohne rechtes Bewusstsein davon. S. hat bloß gesagt: „Soll ich die Cremedose holen?“ – Handschuhe hat Bodo sich dann später selbst besorgt.

Der Prototyp kommt mit der Bierflasche um die Ecke, stellt sich schräg gegenüber auf. Sie mustern sich eine Zeitlang. S. lässt sich seit Monaten nicht mehr blicken, und mit irgendeinem anderen hat Bodo nicht weitermachen wollen - bei dem da würde es stimmen … Ob er ihm allerdings versiert genug ist? Der andere geht nach ein paar Minuten hinaus, Bodo folgt ihm wenig später. Er findet ihn auf einem Hocker neben dem Eingang. Bodo stellt sich im Durchgang auf und beobachtet ihn ununterbrochen: Wie sich das Fleisch im schwarzen Leder gegen die Kante des Hockers presst ... Von den Schenkeln gleitet der Blick wieder hinauf zum Gesicht. Er könnte einmal lächeln … Aber ein Prototyp lächelt nicht. Bodo bemerkt jetzt die vorquellenden, bläulich schimmernden Adern an den Schläfen, ungewöhnlich für sein Alter und seltsam auf diesem glatten Gesicht. Vielleicht wird er einmal am Gehirnschlag sterben? Die Adern suggerieren Ideen von Verfall und Zerstörung. Bodo ist plötzlich stark erregt und spricht ihn an: Er könne sich gar nicht satt sehen. Der andere will sofort wissen, ob er Erwartungen habe. Bodo sagt, zunächst nicht, er wolle nur mit ihm reden, und glaubt das beinahe selbst. Das Gespräch kommt indessen nicht richtig in Gang, sein Gegenüber bleibt einsilbig. Und nach zwei Minuten schiebt sich ein anderer zwischen sie, einer, der die ganze Zeit in der Nähe gestanden hat. Der Prototyp muss ihm ein Zeichen gegeben haben. Sie sind gleich sehr vertraut miteinander und verstehen sich gut. Bodo geht einige Meter weiter und behält sie unter Kontrolle. Allmählich verwandeln sich in ihm Wut und Ärger zu schmerzlicher Befriedigung. Und wie der Konkurrent schon aussieht: wie ein Dinosaurier, lang und dürr und obendrauf ein Kinderköpfchen. Allerdings schmückt den Echsenhals das rote Tuch. Gott sei Dank sind sie bald einig und verschwinden zusammen. Jetzt kann er auch heimfahren.


4.05 Uhr

Bodo hat ein Taxi genommen. Sie fahren gerade am Dammtorbahnhof vorbei. Er ist sehr erschöpft und froh, dass er allein nach Hause fährt. Andererseits ist es natürlich nicht der Zweck eines solchen Ausgangs, allein erschöpft zu Hause anzukommen. Oder doch? Wie so oft hat er sich durch Zaudern alles verdorben. Er hat sich wieder einmal verhalten, als ob er sich selbst bestrafen wolle. Will er das? Was er nicht will, ist ihm klarer als das, was er sucht. Flüchtige, unbefriedigende Akte mit gänzlich banalen Leuten möchte er sich ersparen – also den Normalfall! Andererseits dürfen intensive Kontakte ihm nicht gefährlich werden. Es gibt bei ihm die fatale Tendenz, sich in gefährliche Liebschaften zu verwickeln. Eigentlich sucht er maximale Ergebnisse bei minimalen Risiken, und da er diese Kombination für kaum erreichbar hält, hat er eine subtile Strategie des Ausweichens entwickelt. Er hält sich alles offen, indem er es stets in die Zukunft verschiebt. Zu oft hat er erfahren, dass der reale Kontakt fast immer eine rasche Verminderung, wenn nicht Zerstörung der Faszination bedeutet. So sucht er eher Objekte zum Träumen als zum Anfassen. Es schmerzt ihn nur, wenn das Objekt es damit nicht bewenden lässt und sich seinerseits anderen zuwendet …

Und doch hat das starke, unbestimmte Gefühl der Vorfreude nicht getrogen! Ein neues Bild bringt er unbeschädigt mit nach Hause. Dieses Paar da gegen eins, dieses strahlende Doppelwesen, es hat ihm wirklich gut gefallen. Und hier scheint ihm die Zukunft noch völlig offen. Vielversprechende Aussichten, das zumindest kann er feststellen. Er lässt den Fahrer halten und geht beschwingt auf seine Wohnung zu, wie ein Sieger künftigen Siegen entgegen.
 

Paulina

Mitglied
Lieber Arno,
von mir hättest du eine 9 als Bewertung bekommen, aber ich trau mich wegen der Abzüge durch das System nicht.

Nach den letzten beiden Geschichten, die ich in diesem Forum der erotischen Geschichten gefunden hatte, wollte ich hier nicht mehr lesen. Heute habe ich es doch getan und wurde nicht enttäuscht.

Deine Geschichte ist eine der subtilen Art, nicht vergleichbar mit den üblichen Rein-Raus-Stories, wo die Verfasser der Meinung sind, eine erotische Geschichte ist nur dann erotisch, wenn jede Aktion haarklein beschrieben wird, wenn man für die entsprechenden Körperteile Namen findet, die entweder lächerlich oder vulgär sind, und wenn man die üblichen Klischees der Körperreaktionen bedient.

Sehr gelungen neben der sprachliche Ausführung finde ich den Schluss. Die Geschichte hätte verloren, wenn er anders gewesen wäre.

Glückwunsch und herzliche Grüße von
Paulina
 
Liebe Paulina,

über dein Lob und das Verständnis habe ich mich sehr gefreut. Unsere Auffassungen bezüglich erotischer Literatur allgemein liegen wohl nahe beieinander.

Das Dilemma mit dem Bewerten empfinde ich als Leser fremder Texte auch oft so. Wie man auch auszuweichen versucht, es ist nie wirklich befriedigend.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

Avatar

Mitglied
Eine sehr feine Geschichte.
Es passiert nicht viel und geht doch ständig vorwärts. Auch ohne die Zeitangaben. Auch wenn Lederfetisch nun gar nicht mein Ding ist, hast Du es geschafft, die Atmosphäre auch zu mir zu transportieren. Und das ohne jede Penetranz.

Gratulation
vom Avatar
 
Dank auch an dich, Avatar. Man sieht, dass es sich lohnen kann, einen alten Text hervorzuholen und ihn sprachlich-stilistisch gründlich zu überarbeiten. (Ich kürze vor allem.) Die vorige Version würde viel weniger gefallen, vermute ich.

Schönen Gruß
Arno Abendschön
 

Oben Unten