Narzissten und andere Blümchen

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Isbahan

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WIR sind nicht Papst, WIR sind die Erzengel, Luzifer und Godfather zugleich!
WIR haben das Gefühl der eigenen unantastbaren Größe und Einzigartigkeit. WIR stechen durch selbst inszenierte Grandiosität und die ausschließliche Ausrichtung auf die eigene Person hervor. Durch UNSERE ausgeprägte Selbstverliebtheit und das Verlangen, von allen bewundert werden zu wollen, fallen WIR auf - dass WIR damit anderen ganz schön auf den Wecker gehen, nehmen WIR gerne in Kauf.
Als Ausgleich UNSERER inneren Unsicherheit und Minderwertigkeit müssen WIR uns ein positives Selbstbild von UNS aufbauen, das durch UNSERE exzessive Größenphantasien gestützt wird. Dadurch schaffen WIR UNS ein eigenes Idealbild, oder besser gesagt: ein Traumbild von UNS und der Welt, wie WIR sie gerne hätten.
Zeigt UNS die reale Welt jedoch ihre kalte Schulter, ignoriert sie UNS gar, reagieren WIR nicht wie ein enttäuschter Liebhaber, das wäre UNS zu klein, zu banal. Wenn jemand die unverschämte Frechheit besitzt, UNS, die Größten unter der Sonne (mit dem Größten in der Hose!) zu verschmähen, dann verschmäht UNS gleich die ganze Welt!
Daraus kreieren WIR unser Recht, die ganze Welt an den Pranger zu stellen, ganze Menschheiten den Löwen zum Fraß hinzuwerfen und jeden, der es wagt, anderer Meinung zu sein als WIR, erbarmungslos zu foltern und zu quälen - und final ans Kreuz zu nageln. Dabei brüllen WIR wie ein Dreijähriger im Spielzeugladen: Ich willichwillichwill!!!

WIR gaukeln UNS Unabhängigkeit von der Bewertung anderer vor, indem wir UNS Unangreifbar wähnen und andere gnadenlos abwerten. Wer UNS den Hintern nicht leckt, ist per se Feind. Dennoch hängt UNSER Gefühl für den eigenen Wert fast ausschließlich von der Bewertung anderer ab: WIR erwarten ständige und ununterbrochene Bestätigung von außen, weil WIR UNSERE Energie nicht aus dem Inneren beziehen können, müssen WIR zur Energiegewinnung andere „anzecken“: Aufmerksamkeits-Energie durch Abwertung anderer ist der Treibstoff, der uns nährt und antreibt.

Nur leider versiegt diese Quelle immer wieder und WIR müssen uns ständig nach Nachschub an Opfern umsehen. WIR gehen sehr lange Wege und nehmen übermenschliche Anstrengungen auf UNS, um für UNS die Aufmerksamkeit der Opfer zu erschließen und zu erhalten.

Das Internet ist nur einer UNSERER bevorzugten Tummelplätze. Beispielsweise in Schreibforen verbreiten WIR gerne und ungehindert UNSERE Größenphantasien von UNS und UNSEREN schriftstellerischen Fähigkeiten.
Das gibt UNS ein Gefühl grenzenloser Macht und Herrschaft. Durch maßlose Überheblichkeit und Selbstüberzeugung sowie einem unersättliches Anspruchsdenken stellen WIR UNS dort gerne öffentlich zur Schau. Für UNS ist es wichtig, dass alle Macht, jegliche Aufmerksamkeit, jedes Lob und jede Wertschätzung UNS gelten. WIR können es nicht ertragen, wenn WIR nicht im Mittelpunkt stehen. Alle UNSERE Bemühungen richten sich darauf aus, diese Position zu erreichen, zu halten und zu verteidigen: Wehe dem, der UNSERE Texte ignoriert, wer UNSER grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit und Talente übersieht!

WIR erwarten, auch ohne entsprechende Leistung zu erbringen, als grandios und überlegen anerkannt zu werden. WIR sind so selbstbesoffen und eingenommen von unseren Phantasien grenzenlosen Erfolgs, grenzenloser Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe, dass WIR glauben, besonders und einzigartig zu sein: Einfach, weil WIR daran glauben wollen.
Exzessive Bewunderung ist daher UNSER tägliches Brot. Wer UNS das verweigert, wird zum "Feind Numero Eins" erklärt.
WIR haben das bewundernswert feindselige Talent, alles auf UNS zu beziehen - und sei es noch so abwegig. UNSER Mangel an Empathie wird nur noch überragt durch UNSEREN Mangel an Emotion. In UNSEREM hochnäsigen Auftreten blicken wir gerne auf andere herab. Durch UNSERE kaltherzige Art und durch anmaßende und übertriebene Verurteilungen anderer fallen wir auf - nur selten werden WIR im Internet dafür gemaßregelt oder daran gehindert. Und wenn, winseln WIR schnellst möglichst um Vergebung, geben UNS nach außen hin submissiv-gefügig - und lachen UNS innerlich eins ins Fäustchen.

Darum gefällt es UNS im Internet über die Maßen gut: Weil sich UNS niemand zur Wehr setzt und uns nur selten jemand Paroli bietet. So können WIR weiterhin glauben, von allen Usern um UNSERE Grandiosität, UNSERE Intelligenz und UNSER Talent beneidet zu werden.

WIR gehen gerne voran, übernehmen gerne die Führerschaft und setzen UNS über alles hinweg. WIR sehen nur UNSERE eigenen Interessen und UNSERE eigenen Ziele. Dabei ist der eigentliche Gegenstand des Zieles niemals primär. Für UNS sind nur die Darstellung der eigenen Größe und die Lorbeeren, die WIR durch Erfolge ernten, von Bedeutung.
Genauso wesentliche Merkmale sind UNSERE übermäßige Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen jeglicher Art, ein großer Mangel an Einfühlungsvermögen anderen gegenüber sowie die derbe und schamlose Entwertung unserer Mitmenschen.

Zu UNSEREM großen Glück werden UNSERE negativen Eigenschaften erst nach längerer Zeit oder einer intensiveren Beziehung sichtbar. WIR verstehen es hervorragend, UNS stets von unserer brillanten Seite zu präsentieren. UNSERE wahren Absichten bleiben lange Zeit im Dunkeln und keiner vermutet, dass sich hinter UNSERER Fassade ein äußerst übles Potenzial verbirgt. Wer es wagt, UNS in Frage zu stellen, wird diese anderen Seite an uns kennenlernen … !
 

Hagen

Mitglied
Liebe Isbahan,
ein köstlicher Text, den ich mit Begeisterung gelesen habe.
Kann es sein, dass Du mit dem ständigen WIR und UNS vielleicht Dich und mich gemeint hast?
Das wäre stimmig; - aber haben WIR auch 'schlechte Eigenschaften'?
> Zu UNSEREM großen Glück werden UNSERE negativen Eigenschaften erst nach längerer Zeit oder einer intensiveren Beziehung sichtbar. <
Ich bin tief in MICH gegangen, konnte aber keine 'schlechten oder negativen Eigenschaften' entdecken!

Nun denn, in diesem Sinne, wir sehen uns in der ScheinBAR!
Zudem lesen wir uns weiterhin!
... und bleib' schön fröhlich, gesund und munter!
Herzlichst
Yours Hagen
Mitglied der GWR (Geheime Weltregierung)

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Kaum ist die Ernte einer Erfahrung eingebracht,
wird der Acker vom Schicksal neu umgepflügt.

Johann Nepomuk Nestroy,
österr. Lustspieldichter, 1801-1862
 

Isbahan

Mitglied
Lieber @Hagen: Wen ich hier gemeint habe? Na, Narzissen und andere Blümchen ... die in unserem LL-Gärtlein blühen *flööööt*
 
Zuletzt bearbeitet:
Grüße,

du hast ganz schöne schwere Geschütze aufgefahren, wobei die Pfeile, die da schwirren, etliche treffen werden. Ich überlege gerade, ob ich auch so selbstverliebt im Dreck liegen werde, blutend, von Pfeilen getroffen. Mich zog eigentlich die Fantasie auf den Spielplätzen der Gedichte Inseln. Und hier werde ich sehr wahrscheinlich nicht bleiben. Bin eigentlich fast fort. "Isbahan" ein Nick in Gedichte.com? Wenn ja, da war ich ewig.
Return. Bin kein Freund von vielen Bla,Bla.

Schöner Text, mit hoher Trefferquote. (mein Denken).
 

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