Neues aus dem Schneckenhaus

4,10 Stern(e) 8 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
Ich lebe hier im Schneckenhaus.
Aus meinen kleinen Fenstern
schau ich aufs Weltenbild hinaus
mit seinen Zeitgespenstern.

Doch was ich seh, gefällt mir nicht,
macht traurig, gar verbittert.
Mir scheint, die Welt hat ihr Gesicht
in letzter Zeit geklittert.

Ich weiß nicht mehr: Was ist korrekt,
was darf ich offen wagen?
Ist es per se schon mal suspekt,
die Meinung laut zu sagen?

Drum bleib ich hier im Schneckenhaus,
will keinen Menschen sehen.
Und irgendwann schleich ich mich raus
aus diesem Weltgeschehen.
 

blackout

Mitglied
Wenn man diese Welt nicht sehen will, so wie sie ist, hält man sich die Augen zu und hofft, man wird nicht gesehen. Verständlich sind mir deine Sorgen sehr gut. Aber das Schneckenhaus als Alternative? Tja ...

Gruß, blackout
 

Ciconia

Mitglied
Hallo blackout,

oder so: Wenn man diese Welt nicht mehr sehen will, weil sie einen krank macht, muss man sich vor ihr schützen - also ein Rückzug aus rein therapeutischen Gründen …

Danke fürs Reinschauen und Werten.

Gruß, Ciconia
 

Oscarchen

Mitglied
Hallöchen,

Rückzug zum Selbstschutz. Ja, das funktioniert.
Mitunter reicht es schon, andere Meinungen zu erdulden und zu akzeptieren.

Gruß

Oscarchen
 

Letreo71

Mitglied
Hallo Ciconia,

ja, manchmal muss man sich schützen und sei es nur für eine kurze Zeit.
Dem LI wünsche ich das nötige Stehaufmännchen-Paket.

Flott gereimt!

Lieben Gruß

Letreo
 
Deine Erklärung, Ciconia, ist ebenso nachvollziehbar wie zu akzeptieren. Die aktuelle persönliche Reaktion hängt immer auch ab vom jeweiligen Status des Individuums, z.B. von den Reserven an Kraft, vom Alter usw. Es gibt insoweit keine normierte Pflicht, kein allgemeinverbindliches Verhaltensmuster. Darüber kann man sich allerdings auch Illusionen hingeben. Ich denke, wer seine Grenzen kennt, kann innerhalb von ihnen noch produktiver sein als bei Selbstüberschätzung.

Das Gedicht spricht mich inhaltlich wie formal an. Mäkeln wollte ich an dem mir so gut wie unvertrauten "Klittern", habe es jedoch eben im Duden mit Erläuterungen gefunden. Und jetzt schreite ich zur Bewertung.
 

blackout

Mitglied
Ja, Ciconia, wenn man mit dem ganzen Müll von oben seit Kindesbeinen gefüttert ist, bemerkt man höchstens seine Unzufriedenheiten und weiß keinen Ausweg. Die dir hier recht geben, sind genauso arm dran wie du, die haben schon aufgegeben und wissen mit dieser Welt nichts anzufangen. Ich denke aber, du willst nicht aufgeben, etwas ist in dir, was dich im Gegensatz zu ihnen am Leben erhält. Beginn nachzuforschen, warum du unzufrieden bist mit der Welt, du musst verstehen, warum die Welt dich unzufrieden macht, arbeite dich nicht an Symptomen ab. Du kennst doch das Prinzip des Sonetts: These - Antithese - Synthese. Den ersten Schritt hast du doch schon hinter dir.

Gruß, blackout
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ja, Ciconia, wenn man mit dem ganzen Müll von oben seit Kindesbeinen gefüttert ist, bemerkt man höchstens seine Unzufriedenheiten und weiß keinen Ausweg. Die dir hier recht geben, sind genauso arm dran wie du, die haben schon aufgegeben und wissen mit dieser Welt nichts anzufangen. Ich denke aber, du willst nicht aufgeben, etwas ist in dir, was dich im Gegensatz zu ihnen am Leben erhält. Beginn nachzuforschen, warum du unzufrieden bist mit der Welt, du musst verstehen, warum die Welt dich unzufrieden macht, arbeite dich nicht an Symptomen ab. Du kennst doch das Prinzip des Sonetts: These - Antithese - Synthese. Den ersten Schritt hast du doch schon hinter dir.

Gruß, blackout
Hallo blackout,

Deine Vermutungen über die Befindlichkeiten und Reichtümer anderer Lupine haben hier nichts zu suchen. Zudem gilt es die Trennung von Text und Autorin/Autor zu beachten.

cu
lap
 

Windreiter

Mitglied
Die letzten drei Kommentare erzeugen auf exzellente Weise ein bemerkenswertes Bühnenbild. Also erneut den Vorhang auf für das Lyrische Ich:

Ich lebe hier im Schneckenhaus.
Aus meinen kleinen Fenstern
schau ich aufs Weltenbild hinaus
mit seinen Zeitgespenstern.

Doch was ich seh, gefällt mir nicht,
macht traurig, gar verbittert.
Mir scheint, die Welt hat ihr Gesicht
in letzter Zeit geklittert.

Ich weiß nicht mehr: Was ist korrekt,
was darf ich offen wagen?
Ist es per se schon mal suspekt,
die Meinung laut zu sagen?

Drum bleib ich hier im Schneckenhaus,
will keinen Menschen sehen.
Und irgendwann schleich ich mich raus
aus diesem Weltgeschehen.
 

Ciconia

Mitglied
Guten Morgen in die Runde,

erst einmal vielen Dank für den regen Zuspruch und die guten Wertungen.

Ich glaube, lapismont hat Recht: Man sollte nicht gleich wieder LyrI und Autorin gleichsetzen. Da könnte man zu völlig falschen Schlüssen kommen.

Mitunter reicht es schon, andere Meinungen zu erdulden und zu akzeptieren.
Ich glaube, das wäre zu einfach gestrickt. Andere Meinungen erdulden sicherlich – nur bis zu welchem Grad? Wenn einen die Übermacht anderer Meinungen krank macht, muss man einen Weg für sich finden.

ja, manchmal muss man sich schützen und sei es nur für eine kurze Zeit.
Im Französischen gibt es eine Redensart, die ich sehr schätze: Reculer pour mieux sauter, d. h. in etwa: sich zurückziehen, um dann wieder besser springen zu können. Ein sehr kluger Rat, wie ich meine.

Die aktuelle persönliche Reaktion hängt immer auch ab vom jeweiligen Status des Individuums, z.B. von den Reserven an Kraft, vom Alter usw.
Das ist sehr wahr. Das Merkwürdige: Man wird im Alter einerseits stoischer gegenüber vielen Dingen, andererseits kann (und will!) man aber einiges nicht mehr so einfach ertragen. Das ist nicht einfach unter einen Hut zu bringen.
Es freut mich übrigens, dass ich ein Dir unvertrautes Wort in den Ring werfen konnte. Ich finde, klittern passt heute ausgesprochen gut in die politische Landschaft.

@Andreas:
Freut mich!

@Windreiter:
Ich grüble noch über diesen Kommentar.

Nochmals danke für Eure Überlegungen und einen schönen Tag!

Gruß, Ciconia
 

Oscarchen

Mitglied
Hallo Ciconia,

ja, es ist einfach dahergesagt. Da du hier sehr offen deine Empfindungen darlegt, bin ich mir nicht sicher, ob das hier der richtige Ort
für weitere, tiefgehende Betrachtungen ist. Wenn von "krank machen" und "anderen Weg finden" die Rede ist, neige ich zur Besorgnis.
Ich wünsche dir eine baldige Rückkehr zu alter Kraft und Freude an der Lyrik.

Liebe Grüße

Oscarchen
 

Windreiter

Mitglied
Ich lebe hier im Schneckenhaus.
Aus meinen kleinen Fenstern
schau ich aufs Weltenbild hinaus
mit seinen Zeitgespenstern.
Je häufiger das Lyrische Ich hier erwähnt wird, desto deutlicher tritt es vor dem entsprechenden Bühnenbild seufzend in Erscheinung. Dein Gedicht gefällt mir immer besser.

Das LI lebt im Schneckenhaus, nicht die Autorin. Das LI existiert nur in der Lyrik und entsprechend ist das Weltenbild... ein Blick in die Lyrikwelt mit seinen Zeitgespenstern durch den Blick aus kleinen lyrischen Fenstern.

Doch was ich seh, gefällt mir nicht,
macht traurig, gar verbittert.
Mir scheint, die Welt hat ihr Gesicht
in letzter Zeit geklittert.
Soll ich weiter machen? ;)
 

Mondnein

Mitglied
Natürlich ist das Lyri nicht mit der Autorin identisch, liebe Ciconia,

vielmehr handelt es sich offensichtlich um eine Parodie auf die große Klage der Pegidioten:

"Ich weiß nicht mehr: Was ist korrekt,​
was darf ich offen wagen?​
Ist es per se schon mal suspekt,​
die Meinung laut zu sagen?"​

Dieses abgedroschene "Das muß man doch wohl mal sagen dürfen" derer, die ihre Ohren und Augen vor den Meinungen und Gesichtern anderer verschließen - im Schneckenhaus eben.

Keineswegs ist das die Selbstbespiegelung einer Autorenseele im Elfenbeinturm. Dichter würden sich das zitierte Argument nicht zu eigen machen.

grusz, hansz
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Es gibt keinen Menschen, der sich im Kosmos so verloren fühlt wie der Künstler. Die Sicherung seines Ichs im Raum seiner Kunst ist ihm deshalb oberste Pflicht und Notwendigkeit. Der dichtende Mensch ist besonders gefährdet nimmt er Bezug auf ein Ich, das nicht ihn selbst meint, sondern ein allgemeines Gegenüber. In der Notation eines Komponisten oder in den Farben eines Malers ist schwerlich oder gar nicht ein Ich des Künstlers erkennbar, in der Dichtung können durch den Wortgebrauch Ich schnell Missverständnisse entstehen. Er, der Dichter, hätte aber eine gute Alternative: Das Du! Auch hier im Gedicht von Ciconia wäre es problemlos verwendbar und hätte durch die Kraft des Inhalts zugleich Ansprache nach 'draußen' und damit Rücksprache zu sich selbst. So könnte das Gedicht beginnen:

Du atmest hier im Schneckenhaus
an deinen kleinen Fenstern,
schaust auf das Weltenbild hinaus
mit seinen Zeitgespenstern.


Die übrigen Veränderungen mit den entsprechenden Beugungen ergäben sich ganz einfach.
Sprechen wir ein Du an, ergibt sich ganz schnell auch ein Selbstbezug, jedoch ohne missverständlich und primarisch zu sein. Wäre doch vorteilhaft, oder?

Ich jedenfalls benutze eher das Du als das Ich beim Schreiben ...

Zum Gedicht selbst: Formal und inhaltlich ohne Makel ... hm ... aber 'geklittert' wirkt sehr gekünstelt/ambitioniert.

Schönen Gruß von
Dyrk
 

Ciconia

Mitglied
Hallo DOSchreiber,

danke für Deinen ausführlichen Kommentar und den interessanten Vorschlag.

Ja, das Lyrische Du – es gab hier schon öfters längere Diskussionen über die Verwendung von LyrIch und LyrDu. Manche fühlten sich mit dem Du direkt angesprochen und lehnten diese Form ab. Was soll man da machen? Der Dichter bleibt in jedem Fall gefährdet …

Geklittert finde ich übrigens nach wie vor passend – man liest es doch häufig in der Presse.

Gruß, Ciconia
 

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