Neulich, bei Schrömpels unterm Sofa

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Isbahan

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„Ludwig“, grätsche ich verbal mitten hinein in sein dominantes Schweigen, „so kann’s nicht weitergehen!“
Mein Lebensrestzeitgefährte guckt nicht mal vom Tablet hoch und daddelt einfach weiter auf der Tastatur.
Wir und Corona. Erst Panik, dann Bevorratung, Home Karnevaling, dann Gleichgültigkeit und zuletzt … das hier.
Vor meiner bevorstehenden Bedeutungslosigkeit muss ich noch schnell einen Bestseller schreiben.
Und Ludwig loswerden. Bevor die Corona-Polizei kommt und uns ausspioniert:
„Können Sie sicher sein, dass Sie nicht aufreizend gewohnt haben?“
„Was? Wie? Wir? Wir habe nur gewohnt, ährlich.“
Was hat man nicht alles ausprobiert. Ich sehe Ludwig an und denke: Man könnte mal wieder Sex haben. Man kann dabei ja an was Schönes denken.
Der Lockdown hat Ludwigs Außenwirkung echt geschadet. Er ist aus dem Leim gegangen, quillt aus allen Fugen. Und das letzte Mal, als ich ihn nackig gesehen habe, hat er ziemlich trostlos gewirkt.
„Wasn?“ murmelt er geistesabwesend und ohne aufzublicken.
Ah. Er versucht eine Annäherung über den Intellekt.
In mir macht sich friedlicher Widerwille breit. Könnte auch gewaltfreier Zorn sein. Auf jeden Fall: Nachhaltig.
Die Frage ist doch: Setze ich die deutsche Sprache stumpf oder spitz ein. Ich bin für spitz.
„Ludwig“, setze ich meinen Monolog mit der Küchentapete etwas drohender fort, „ich habe unsere Beziehung geöffnet. Also, ich bin fremdgegangen. Hat aber nix mit dir zu tun, war rein sexuell …“
„Hmm“, brummelt Ludwig.
Ich bin nicht aggressiv. Nur über sechzig Jahre schlecht gelaunt. Er hingegen wirkt mit sich und der Welt zufrieden. Wie alle Männer. Gott, wo holen die nur ihre unerschütterliche Selbstzufriedenheit her? Trotz aller sichtbaren Mängel. Brille: Fielmann. Klamotte: Von der Stange.
„Was haben wir zwei denn noch groß zu erwarten, Ludwig?“, erhebe ich larmoyant Anklage. „Neue Hüfte vielleicht. Unsere Libido befindet sich im Zustand der Mumifizierung. Sexmäßig sind wir das schwarze Loch im Schnackseluniversum. Wenn Corona uns erwischt, hängen die uns einen Zettel an den Zeh, auf dem steht: Ungebraucht zurück!“
„Machichnachher“, nuschelt Ludwig.
„Herrgottnochmal, leg endlich dieses Scheißtablet zur Seite, wenn ich mit dir rede!“, brülle ich.
„Gehschomavor, kommgleichnach ...“
Ich verliere völlig die Contenance und schlage ihm das Teil aus der Hand.
Entsetzt starrt Ludwig in den luftleeren Raum zwischen uns. Seine Hände krampfen immer noch um ein imaginäres Tablet.
„Ich bin deine Frau“.
Hochdramatisches Schluchzen von mir. Es geht hier nicht mehr ums Rumdaddeln im Internet, schon lange nicht mehr. Es geht um Nichtgesehenwerden, um Vernachlässigung. Me too war gestern. Heute geht es um Neighther do I, um akute sexuelle Unterbelästigung. Durch den eigenen Mann. Und das tut weh.
„Man wird doch noch ein klein wenig sexuelles Interesse verlangen können!“, fordere ich, aus tränenfeuchten Augen, Ludwig mit einem aufreizenden Augenaufschlag heraus.
„Hä?“
Ludwig guckt verstört seinem Tablet hinterher, das scheinbar unbeschadet auf dem Küchenfußboden gelandet ist und blinkt.
Ich geb’s auf.
Welcher Idiot war das, der das Gerücht erfunden hat, im Lockdown könnten sich viele schöne Möglichkeiten der Kreativität und des partnerschaftlichen Beisammenseins eröffnen? Dem würde ich jetzt liebend gerne was in die Fresse …
„Du könntest doch wieder mal ein schönes Bild malen, Ludwig“, sage ich in arschfreundlichem Kindergärtnerinnen-Ton. "Mit Wasserfarben. So aus dem Gedächtnis, von meiner Yoni, beispielsweise. Derweil ich auf der Arbeitsplatte einen Lingam aus Mett und hartgekochten Eiern modelliere. Es ist doch bald Ostern.
Nach dem Essen könnten wir zusammen rückenschonendes Tantra machen. Wenn das Wetter schön ist, sogar draußen, auf der grünen Wiese …“
Ludwig hat sich schnaufend von der Eckbank auf das Laminat heruntergleiten lassen und reckt mir seinen Hintern entgegen. Derweil er ächzend versucht, mit langem Arm sein Tablet unterm Küchentisch hervorzugrabbeln.
„Ludwig!“, belle ich in strenger Domina-Manier. „Du hast es nicht anders verdient: Es ist aus. Du musst dir eine Tauschseniorin suchen! Und ich schreibe endlich ungestört meinen Bestsellerroman: Die Liebe und das Altern in Zeiten von Corona."
 
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Isbahan

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Hallo @Zoepfer: Du hast recht, die Überschrift müsste "Neulich, bei Schrömpels unterm Küchentisch" lauten. Leider kann man hier die Überschriften nicht korrigieren. Warum eigentlich nicht?
 

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