Never fuck the Company

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Es hat mich fast umgehauen, als ich sie das erste mal sah. Der Chef kündigte sie im Mittwochsmeeting an: „Die Zentrale schickt sie uns zur Unterstützung. Sie wird jetzt beim Projekt mitarbeiten, bis es fertig ist. Das steht ja nun bald vor seiner Vollendung.“ Das Projekt, das Projekt, unser Projekt. Ich konnte es bald nicht mehr hören. Und außerdem: ‚Steht kurz vor der Vollendung‘ war gut. Da stand es schon seit Monaten. Genau genommen waren wir kurz davor, es in den Sand zu setzen. Meine Abteilung war jedoch aus dem Schneider, unser Part war fertig, vielleicht war er leichter zu handeln gewesen, wer weiß.

Was mir an ihr zuerst auffiel? Ihr Becher. Es ist nämlich so: Bei uns trinken alle Kaffee, nur ich nicht. Als ich mich an den Konferenztisch setzte, sah ich am leeren Platz gegenüber einen Pott, in dem ein Teebeutel schwamm. Schau an, da trinkt noch jemand Tee, dachte ich.

Dann kam sie herein, ein zierliches Persönchen, sah gar nicht mal besonders gut aus. Halblange blonde Haare, Durchschnittsgesicht, keine Brille, kein Schmuck, aber extravagant gekleidet. War es Zufall, dass wir gleichzeitig unsere Becher hoben? Es gab ein kaum merkliches Zögern, ein Innehalten in der Bewegung, ein kurzer Blick in die Augen und dann hätte ich mich fast verschluckt: Sie lächelte mich an! Ihr geschäftsmäßiger, ich will nicht sagen mürrischer, aber auf auf jeden Fall kühl und unbeteiligt wirkender Gesichtsausdruck wurde auf einmal warm und freundlich wie ein Frühlingstag. Es war ein seltsamer, zeitloser Augenblick wie aus einer anderen Welt, weit weg vom Berufsalltag. Sonst weiß ich von der ganzen Sitzung kaum noch etwas, erinnere mich nur, dass sie etliche kurze, gut formulierte und sachlich einwandfreie Statements abgab.

Wir sahen uns an diesem Tag noch einmal. Am zentralen Schnelldrucker drückte sie ratlos an den Knöpfen herum. Niemand hatte ihr gesagt, dass dieser Drucker per Intranet keine größeren Aufträge verarbeitete, sondern nach einer Weile nur noch Altpapier ausspuckte. Ich kannte den Fehler und hatte immer einen Speicherstick dabei, um den Kram zwischenzuspeichern und dann direkt auszudrucken. Und während ich ihr das zeigte, kam es wie zufällig zu leichten Berührungen unserer Hände, einmal sogar unserer Hüften, und wieder lächelte sie. Da hatte ich nicht mehr den geringste Zweifel. Es galt mir, das Lächeln, war ja sonst niemand da. Als ich in mein Büro zurückschwebte, traf ich glücklicherweise niemanden – ich hätte ihn glatt übersehen und umgerannt. War doch seltsam, dass sie so eine Hilfstätigkeit wie das Drucken selber übernommen hatte, sie hätte jemanden schicken können. Hatte sie etwas oder gar mich gesucht?

Merkwürdig, dass ich so auf sie abfuhr. Gewiss, seit meiner Scheidung vor zwei Jahren war nicht viel mit Frauen gelaufen. Davor ein Zeitlang auch recht wenig. Aber „was brauche ich eine Frau, wenn ich zwei gesunde Hände habe“, hatte ein alter Kumpel gesagt, den ich jetzt öfter traf. Der schweinigelte gerne deftig herum, und einmal hatte er mich überredet, mit ihm zusammen in den Puff zu gehen. „Mein Freund braucht eine, die unten Haare hat und nicht solche komischen Klauen auf den Fingernägeln“, hatte er am Tresen gesagt, noch ehe das 15-Euro-Bier vor uns stand. „Konzentrier dich einfach auf deinen Schwanz und denk an sonst gar nichts“, hatte er mir leise ins Ohr geraunt, und daran hatte ich mich gehalten.

Ja, alles abschalten und mich auf eine Sache konzentrieren, das konnte ich, schon immer. Als Fahrschüler im wildesten Durcheinander schnell noch die Hausaufgaben machen. Während des Studiums und später bei der Arbeit alle Störungen ignorieren und meine Berechnungen durchziehen. Gut, manchmal ging es auch in die falsche Richtung. Als ich mal mit meiner Ex in den Urlaub fuhr, hatte sie nach etwa einer Stunde Autofahrt bemerkt: „Sag mal, wollten wir nicht eigentlich nach Italien?“ Da waren wir fast schon an der Nordsee.

Im Puff damals war es nicht besonders gut, es war aber auch nicht wirklich schlecht gewesen. Hinterher fühlte ich mich leer und unfroh, jedoch auch beruhigt, dass ich völlig problemlos einen hochgekriegt hatte.

Diese Gudrun nun also, die uns auf Vordermann bringen sollte. In unserem Laden gilt der amerikanische Anredestil, den ich immer ein bisschen albern finde, wo man sich mit ‚Sie’ und dem Vornamen anspricht; nur ein paar bekennende Gewerkschaftler duzen sich hartnäckig. Trotzdem, als wir uns am nächsten Morgen zufällig in der Teeküche trafen – die anderen bezeichnen den Raum als Kaffeeküche – kam uns das Du wie von selbst von den Lippen. Sie trug ein ein extravagant buntes Halstüchlein zum dunklen Kostüm – warum heißt dieser geschäftsmäßige Outfit aus teurem Zwirn eigenlich Anzug bei Männern und Kostüm bei Frauen? – und bot mir an, mich aus einem schönen Holzkästchen mit verschiedenen Teesorten zu bedienen. Unsere Hände berührten sich, als ich, scheinbar nur an den Teesorten interessiert, das Kästchen inspizierte. „Richtiger Blättertee, auf- und abgießen, dazwischen drei oder fünf Minuten ziehen lassen und so ist ja hier eher nicht“, meinte sie. „Schade“, sagte ich, „diese Zeit könnte man dann doch sehr schön nutzen!“ Da lachte sie herzlich auf, sah mich an, und ich wurde auf einmal ganz mutig. Ich stand hinter ihr, umarmte sie, verschränkte meine Hände über ihrem Bauch und zog sie sanft an mich. „Fühlt sich unfassbar gut an“, sagte ich. Sie schmiegte sich umstandslos an, wackelte sogar ein bisschen mit dem Hintern hin und her, und mein Geilheit stieg wie ein in heißes Badewasser geworfenes Thermometer. Ich weiß nicht, wie oft ich mir an diesem Abend zu Hause mit den Gedanken an sie, an dieses süße Anschmiegen, einen runtergeholt habe.

Am nächsten Tag traf ich sie nicht in der Teeküche, obwohl ich eine ganze Weile wartete, den Tee halb leer trank, wegschüttete und einen neuen kochte. Sie kam nicht. Naja, dachte ich, es heißt ja: ‚never fuck the company‘, und sie ist Profi, ich eigentlich auch. Doch dann erschien sie in meinem Büro. „Sieht so aus, als ob du hier einen relativ ruhigen Job schiebst, während alle anderen heftigst den Terminen hinterherhecheln“, sagte sie. Das stimmte ja auch irgendwie.

„Naja, meine ganzen Leute (so viele waren es ja nun auch wieder nicht) spielen irgendwo anders Feuerwehr, und jemand muss ja auch diverse Nebenaufträge am Laufen halten. Und außerdem“, so verteidigte ich mich, „was da noch übrig ist, ist sowieso dezidiert Chefsache.“

„Jetzt nicht mehr“, sagte sie, und ratterte schnell und präzise einen ganzen Berg von Fakten herunter und zählte eine Reihe von Aufgaben auf, „denen du doch gut und gerne mal deine geschätzte Aufmerksamkeit widmen solltest. Ich bin ziemlich sicher, dass du das zügig und so perfekt wie nötig hinkriegst!“

Ich staunte, wie wie schnell sie den Überblick gewonnen hatte und sagte ihr das auch. „Naja“, antwortete sie, „stand wirklich so nicht in den Akten, aber meinste denn, die könnten die letzte Lusche schicken, um eurem festgefahrenen Projekt auf die Sprünge zu helfen?“

„Nein“, sagte ich, „aber ein scharfes kleines Weib, das es sich leisten kann, im Hippielook aufzutreten und trotzdem die ganze Mannschaft auf Trab bringt.“ Hippielook war etwas übertrieben, aber immerhin trug sie heute eine enge Hose, fast schon eine Leggins, dazu ein Shirt und ein folkloristisch aussehendes Jäckchen, und alles war bunt und alle Farben stritten sich miteinander. „Du findest also auch, dass ich ein bisschen klein bin?“

„Quatsch, ich mag handliche Frauen“, sagte ich und rollte mit dem Bürostuhl auf sie zu. Sie stand auf, ich auch, und dann lagen wir uns in den Armen, küssten uns. Sie brach kurz ab, sagte „never in the company“, und schob mir erneut ihre Zunge in den Hals. Da wurde ich ganz frech und presste ihr eine Hand direkt in den Schritt. Ich merkte, wie sie tief einatmete, die Luft anhielt und dann langsam wieder austieß. Dann nahm sie meine Hand weg, drückt sie kurz auf meine Hose, löste sich von mir und verschwand.

Eine Zeit lang sah ich sie nur auf unseren Meetings. Wo früher Redundanz und Selbstdarstellung sich ausgebreitet hatten, da wehte jetzt ein anderer Wind. Sie beherrschte die Sitzungen mit Zuckerbrot und Peitsche. Unter den Kollegen hatte sie bald ihren Spitznamen weg – ‚Tiger-Lilli‘ – seit sie einmal in einem getigerten Kunstfell-Jäckchen erschienen war.

Bei den Besprechungen lief das dann etwa so: „Ja, Fritz, wenn Sie es nicht schaffen, warum sagen Sie nicht rechtzeitig Bescheid? Dann müssen wir Sie eben anderswo hinstecken, und diese Aufgabe bekommt jemand, der damit in absehbarer Zeit fertig wird. – Ja, Mechthild, klasse, das scheint ja endlich ordentlich zu funktionieren, und nun sollten sie dieses und jenes zügig angehen und möglichst auch richtig machen.“ So ging es im Galopp durchs ganze Projekt, das zusehends wieder in flott wurde.

Mit meinem Chef redete sie etwas weniger zackig und entschieden: „Wir könnten das doch so oder so machen, oder was meinen Sie, Ludwig?“, fragte sie ihn, aber es war klar, dass eine andere Meinung als ihre nicht vorgesehen war.

Mit mir schließlich klang das wieder anders, vor allem ging sie tiefer ins Inhaltliche: „Wenn das wirklich so und so laufen muss, dann könnten wir doch auch dies vorziehen und das dranhängen und uns eventuell jenes dort ersparen, oder was meinen Sie, Wolfgang?“ fragte sie, und ich antwortete etwa so: „Könnte funktionieren, aber ich müsste erstmal schauen, ob wir wirklich B und C vor A machen können, ob das wirklich laufen kann oder da noch andere Interdependenzen herrschen. Ich gebe Ihnen dann Bescheid. Und dann prüfte, überlegte und rechnete ich heftig hin und her und schickte ihr bald eine Mail, warum das so ging oder nicht und welche Modifikationen nötig wären, damit es ginge.

Außerdienstlich hatten wir in dieser Zeit nicht einmal Blickkontakt. Mir war das im Grunde gar nicht so unrecht. Ich stürzte mich in die Arbeit, versuchte eigene Lösungen zu finden und nahm, wo es mir notwendig erschien, keinerlei Rücksicht mehr auf Zuständigkeiten oder scheinbar erprobte Regeln, verdrängte dabei alle Nebengedanken, alle Träume von einem Privatleben, von Gudrun, von Sex. In der Teeküche erschien ich auch nicht mehr, brachte von zu Hause meine Thermosflasche mit, das sparte Zeit. Kurz, ich war in diesen Tagen das größte Arschloch im ganzen Betrieb.

Nur spät abends, wenn ich zur Ruhe kommen, den Kopf eigentlich ganz, ganz leer kriegen und einschlafen wollte, dann erschien sie mir. Dann ging das Kopfkino los, war nicht mehr abzustellen bis zum vorhersehbaren Ende. Oft sah ich mich mit ihr zusammenliegen, klarerweise in Löffelchenstellung, sie ganz sanft an mich drückend, dann in sie hineinwühlend, millimeterweise, bis ich endlich ganz in ihr steckte und mit immer stärkeren Bewegungen in sie hineinstieß, und wir bald stöhnend und ächzend zusammen kamen. Dann wieder träumte ich von Spaziergängen über blumige Wiesen, wir neckten und haschten uns, bis wir stolpernd im Grase landeten und gierig übereinander her fielen, wie die Weltmeister bis zum Höhepunkt rammelten. So ging das in immer neuen Varianten zum immer gleichen Ende. Selbst Stellungen, die ich nie im Leben ausprobiert hätte – sie wären mir vermutlich zu unbequem gewesen - gaukelten mir meine Sexphantasien vor: Wie ich sie am Hintern packte, anhob, sie war ja so schön leicht und handlich, gegen einen Baum drückte, in sie eindrang und fickte, was das Zeug hielt und bis die Säfte spritzten.

Wenn ich dann die Spuren wegwischte war ich müde und fühlte mich wie ein Verlierer, keinesfalls wie jemand, der sich gerade etwas Gutes getan hat. Es schien mir wie ein Rückfall in jene Pubertätsängste, dass Onananieren vielleicht doch irgendwie schädlich sein könne, eine Vorstellung, die ich jetzt natürlich abstrus und lächerlich fand, die mich aber trotzdem heimsuchte, was mich in eine leicht depressive Stimmung drückte, die ich oft genug durch eine weitere Wixrunde zu bekämpfen suchte, bis ich endlich erschöpft einschlief. Vielleicht wäre alles viel einfacher gewesen, wären die Phantasien und Wünsche viel unaufdringlicher, unaufgeregter gewesen, wenn Gudrun nicht ganze zwei Hierarchieebenen über mir gestanden hätte. Gewiss, man redet immer von Teamgeist, von Lean Mangement usw., aber was bedeutet das schon.

Wenn dann der neue Tag kam, konnte ich zum Glück diese Sehnsucht nach ihr, diese ganze Gefühlsduselei abstreifen und mich in die Arbeit stürzen, die mir Sicherheit und Gewicht gab.

Als das Projekt fast fertig war, endlich wirklich ‚vor der Vollendung‘ stand, liefen wir an einem Freitag, als hätten wir uns verabredet, wieder in der Teeküche ein. Meine Frage kam wie von selbst: „Wir könnten uns doch mal nach Feierabend treffen, privat, außerhalb des Betriebes?“ „Wieso, hast du einen Feierabend – ich nicht!“, antwortete sie.

„Gib nicht so an“, sagte ich. „Am Wochenende ist der Laden dicht. Würde dir gerne ein paar schöne Ecken in dieser Gegend zeigen. Wir treffen uns Samstag 14 Uhr im Cafe am alten Hafen.“ Sie antwortete nicht, ging mit einem kaum merklichem Nicken und mit ihrer Teetasse davon.

Ab 14 Uhr saß ich im Cafe. Ich hatte mich fein gemacht. Die schwarze enge Nappalederhose, in der ich mich früher immer so unwiderstehlich gefunden hatte und die ich später kaum noch getragen hatte. Aber ich hatte noch problemlos hineingepasst. Ein stark gemustertes Seidenhemd. Ein schwarze Lederweste. Fühlte mich flott und erwartungsfroh.

Sie kam 14 Uhr30, anders als sonst unaffällig gekleidet, sah aus wie ein junges Mädchen, wie eine Schülerin vielleicht. Jeans, helle Bluse, Jacke. Setzte sich, legte leicht ihre Hand auf meine, als müsse sie damit meine Aufmerksamkeit auf sich lenken und sagte: „War ja nicht schwer, das Kaffee zu finden.“ Vermutlich sollte ich keinesfalls glauben, sie hätte es eine halbe Stunde lang gesucht. Sie kommentierte sogleich mein Outfit. „Huii, hätte gar nicht gedacht, dass du son Zeug hast. Freu mich schon darauf, wenn du aufstehst, sieht bestimmt knackig aus, die Hose.“ Und damit glitt ihre andere Hand unter den Tisch, legte sich auf meinen Oberschenkel. „Fasst sich gut an. Will mal eine Gesteinsprobe machen.“ Und sie rutschte höher, griff sanft aber nachdrücklich zu. Mein Schwanz, vom elastischen Druck der engen Hose und einer gewissen Vorfreude sowieso schon leicht angedickt, wurde sofort richtig steif, und leise kichernd zog sie ihre Hand zurück.

Nach dieser Attacke war erst mal ein neutrales Gespäch angesagt. Es zeigte sich, dass sie sich nicht nur über das Dienstliche (welches Thema wir aber sorgsam mieden), sondern auch über unser Städtchen, wo sie doch nur einen kurzen Auftritt hatte, gründlich informiert hatte. Den alten Hafen, schon lange kein Frachthafen mehr, nur noch Anlaufstelle für Vergnügungsdampfer, fand sie besonders interessant. Es ergab sich wie von selbst, dass wir Karten für eine Flussrundfahrt lösten und dann bald auf einem Bänkchen am Heck des kleinen Dampfers saßen, welches von den wenigen anderen Fahrgästen nicht einsehbar war. Wir blickten direkt auf den quirligen Wasserstrudel der Schiffsschraube und rochen den Duft des schäumenden Flusswassers.

Natürlich streichelten wir uns und schmusten miteinander. Es war schön, dort aneinandergeschmiegt zu sitzen und die freundlichen Ufer vorbeigleiten zu sehen. Mein Geilheitslevel stieg und verharrte in ruhiger Erwartung. Es fühlte sich alles gut, aber ein wenig fremd und unvertraut an. Ich hätte gern gewusst, wie es in ihr aussah. Wir redeten wenig, doch ich hätte gern viel erzählt. Ich wusste nur nicht, was. Aber sie sagte ja auch nichts. Bald legte der Kahn wieder an. Die Fahrt hätte ruhig länger dauern dürfen. Wir standen wieder am Kai. Ein schwieriger Moment.

Die Verlegenheit verflog schnell. „Ich wohne nur ein paar Minuten entfernt“, sagte sie und wir nahmen uns bei den Händen und wandelten durch ein paar alte Gässchen. Ihr Appartement befand sich in einem Altbau, bisschen verwinkelt, nicht viel Tageslicht, aber edel saniert. „Die vermieten das normalerweise als Ferienwohnug, und ich musste erst mal für eine anständige Beleuchtung sorgen“, sagte sie. Als sie das Licht einschaltete, wurde es gleißend hell wie in einem Fotostudio. Sie stellte zwei kleine Sektfläschchen mit Schraubdeckel und einfache Saftgläser auf die Glasplatte des niedrigen Tischchens. „Das Zeug haben die mir zum Einzug hingestellt.“ – „Wird höchste Zeit, es zu trinken“, sagte ich, „aber müssten wir nicht erst einen Tee aufgießen?“ – „Später vielleicht“, meinte sie. Wir stießen mit den Gläsern an und leerten sie in einem Zug. „Bisschen süß“, stellte ich fest. „Aber zum Glück kalt genug, da stört es nicht“, antwortete sie.

Auf dem kleinen Sofa neben mir – sie saß auf dem Sessel – lag ein aufgeschlagener Schnellhefter mit dem Deckel nach oben. „Dienstliches?“, frage ich, als ich danach griff. Sie antwortete nicht, schien aber auch nichts dagegen zu haben, dass ich in den kleinen Ordner hinein schaute. Lauter mathematische Formeln, locker und mit Abstand ausgedruckt, daneben ebensoviele handschriftliche Formeln in roter und blauer Farbe notiert. „Ja, ich promoviere in Mathematik. Die gedruckten Formeln sind von mir.“

„Lass mich raten. Die bunten Formeln sind die Zitate deiner Quellen, Stichwortgeber oder wie auch immer man das nennt. Ich verstehe ja gar nichts davon, meine Kenntnisse gehen kaum über die Grundrechenarten hinaus.“

„Es ist wirklich interessant!“, erzählte sie, „Was ich da in rot und blau zusammengefasst habe, ist von anerkannten und bestens positionierten Koryphäen entwickelt worden. Man trifft sich auf Kongressen, streitet sich, schätzt sich vielleicht sogar, zitiert sich gegenseitig und merkt gar nicht, dass man von genau den gleichen Dingen handelt. Die denken, dass jeder seine eigene Geschichte erzählt.“ „Und das schwarze ist von dir, deine Version der Geschichte also?“

„Ja und dann kommt jemand und schmeißt alle drei in die Tonne, willst du wohl sagen. Übrigens“, so fuhr sie fort, „von wegen du hättest keine Ahnung. Was ich so im Projekt von dir gesehen habe, spielt zwar auf einer ganz anderen Bühne, ist aber ziemlich elegant und oft recht komplex. Du scherst dich nicht um ständig heruntergebetete Lehrbuchmeinungen, ziehst deine eigenen Schlussfolgerungen und manchmal schummelst du sogar ganz unerschrocken. Gib es zu, du bist ein Selbstdenker! Damit kannst du weit kommen, besonders, wenn du es nicht die falschen Leute merken lässt. Bei uns in der Zentrale könntest du viel mehr bringen.“

Ich fand nun, dass etwas geschehen musste. Es war an der Zeit, das Ruder herumzureißen. Das war ich den hochgespannten Erwartungen meines verrückten Liebesleidens einfach schuldig. „Ja, und weißt du, was ich jetzt denke, welchen Schluss ich jetzt folgere … Männer denken nämlich immer nur das Eine!“

Ich war rasch aufgestanden und zog sie zu mir hoch. Nur einen kurzen Moment wirkte sie irritiert, dann wurde ihr feiner kleiner Körper ganz biegsam und schmiegsam. Ich trug sie zum Sofa. „Meine Folgerungen ergeben, dass wir jetzt vögeln werden“, sagte ich und zog ihr die Bluse aus den Jeans, begann, sie aufzuknöpfen. „Rrrrrh!“, sagte sie, „und weißt du, wie sie mich im Betrieb nennen: Tiger-Lilly!“

„Wirklich?“, tat ich ungläubig, während sie mir das Seidenhemd aus der Hose fetzte und und mich recht heftig an der Hüfte kratzte, worauf ich versuchte, ihr die Kleider vom Leibe zu zerren. Wir gerieten in eine wunderbare, leidenschaftliche Balgerei. Endlich erfüllen sich meine tage- und wochenlang aufgestauten Wünsche! Ihre Haut spüren, sie ganz spüren, auf ihr liegen, in ihr stecken, sie ganz hoch bringen, mich selbst hoch bringen und dann – aaah! – „Nun lass man“, sagte sie plötzlich, „ich zieh mich schon selber aus. Und ich will mich ein bisschen frisch machen, sonst fühle ich mich nicht wohl!“

Als sie wieder kam, durchfuhr mich ein großer Schreck. Die sieht ja aus wie Schneewittchen – hinten kein Arsch und vorne kein Tittchen, so ging mir der alte Kindervers durch den Kopf. Sie erschien ein einem langen weißen Nachthemd, das schlapp an ihrem Körper herab hing, ein unschuldiges kleines Engelchen mit einem erwartungsvollen, naiven Lächeln im Gesicht. Vielleicht wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn da nicht immer noch diese gräßlich hellen Lampen geleuchtet hätten. Mir verging alles. Selbst wenn ich meinen Kopf komplett hätte abstellen können, so ein kleines Mädchen konnte ich doch nicht bumsen, auch wenn es ein Erwachsenengesicht hat. Zu allem Überfluss hob sie, als sie vor mir stand, auch noch neckisch ihr Hemdchen hoch, so dass ich direkt auf ihr blank rasiertes, haarloses Geschlecht sah. O nein, nie könnte ich meinen fiesen alten Schwanz in diese Babymöse zwängen, was sollte ich bloß tun? „Will mich auch ein bisschen frisch machen untenrum!“, rief ich, ergriff meine Jacke und verschwand im Bad.

Dort ließ ich das Wasser rauschen und saß eine Weile zerknirscht und ziemlich ratlos auf dem Klodeckel. Dann griff ich in die Jackentasche, zog eine Packung Präservative heraus, steckte sie wieder ein und fand in der anderen Tasche mein Handy. Ich tippte ein Weilchen darauf herum und ging zu ihr zurück, küsste sie sanft auf den Mund. Das war, von meiner Seite aus, ein völlig ehrlicher und sehr trauriger Kuss. Das Handy klingelte wie es sollte. „O Gott, meine Mutter ist gestürzt und liegt im Krankenhaus!“, rief ich. „Ich muss sofort zu ihr hin.“ Sie schaute mich fassungslos an, als ich Tschüss sagte und verschwand. Hoffentlich hatte ich nicht irgendwann nebenbei erwähnt, dass meine Mutter quietschvergnügt auf Teneriffa weilte, wo sie fast das ganze Jahr zu verbringen pflegt. Gudrun wird, schlau wie sie ist, meine Komödie auf jeden Fall schnell durchschaut haben.

Draußen fühlte ich mich erleichtert. Ging zum Auto und fuhr, fast ohne Plan, zu dem am Stadtrand liegenden Etablissement mit der schönen rot leuchtenden 69 im Wirtshausschild. Dort gibt es, unklar ob erlaubt, geduldet oder bloß ignoriert, auch einen kleinen Straßenstrich. Die Damen dort sind auf den ersten Blick eher unauffällig, aber letzlich doch deutlich zu erkennen. Mein Auto hatte ich abgestellt und schlenderte durch die häßliche Straße. Ein nicht mehr ganz junges Mädel, Plateauschuhe, enge, aber zivile Hose, Parka-Jacke, diskret geschminkt, schwarzgelocktes Haar, sprach mich an. „Na?“, fragte sie einfach und lächelte gewinnend. Ihre Jacke ging auf, und darunter kamen hochgepushte Brüste, in einem roten Schnürmieder verpackt, zum Vorschein.

„Sieht lecker aus“, sagte ich, „Aber hast du untenrum auch so schöne krause Haare wie auf dem Kopf?“

„Na, da musst du schon selber nachschauen“, sagte sie. Wir blieben stehen, sahen uns an. Mir wurde klar: Was ich wirklich wollte, konnte die mir nicht geben. „Ich glaube, ich hab doch alles was ich brauche“, sagte ich, „machs gut.“ Da bekam sie einen bösen Gesichtsausdruck, aber ehe sie losschimpfte, zupfte ich einen Zwanziger aus meiner Geldbörse und schob ihn ihr unter das Mieder, sanft, ohne sie zu betätscheln, und ging davon. „Du bist vielleicht ein bescheuerter Typ“, rief sie mir nach. „Aber wenn du unbedingt willst, kannst du wieder kommen.“ Da war ich schon fast außer Rufweite.

Am nächsten Montag meldete ich micht telefonisch krank. Mein Hausarzt ist ein vernünftiger Typ, der weiß, dass letztlich nur der Patient selbst wissen kann, ob er krank ist. Er gab mir die Krankmeldung für eine Woche. Ich hatte ja auch nur selten krank gemacht, das letzte mal während der Ehescheidung vor zwei Jahren. Ich freute mich wie ein Dieb, zu Hause bei schöner Musik mit einem Buch und einem Glas Wein im Sessel zu hocken, während im Betrieb die umständliche feierliche Übergabe des Projektes an den Kunden und die Verabschiedung dieser Gudrun ohne mich vor sich ging.

Am Mittwoch bekam ich einen Brief von der Firma. Im Umschlag steckte ein weiterer Brief, an mich persönlich adressiert, von der Zentrale. Man hatte ihn wohl, wie es sich gehört, nicht geöffnet. Er enthielt ein Angebot, das ich eigentlich nicht ablehnen konnte. Ein Job in der Zentrale, mehr Verantwortung, mehr Geld, Hilfe bei der Wohnungssuche. Umzugskosten etc. würden übernommen werden, zwei ganze Gehaltsgruppen höher.

Ich sollte dort auf dem selben Level wie Gudrun arbeiten, vermutlich war es sogar ihre Position, die ich übernehmen sollte. Sie würde dann eins höher rutschen, auf jeden Fall hätten wir direkt zusammengearbeitet. Das ging zwar nicht direkt aus dem Brief hervor, war aber leicht zu erraten. Keine Ahnung, ob sich das nun um einen Racheakt oder um eine voreilig angeregte Gratifikation handelte, ich konnte es nicht einordnen. Vielleicht hatte es auch gar nichts mit ihr zu tun, aber darauf wollte ich es nicht ankommen lassen.

Damals war es nicht schwer, in meinem Beruf einen neuen Job zu finden. Ich telefonierte eine Weile herum, kannte ja einige in der Branche, auch privat, manche noch vom Studium her. Bereits am Freitag war klar, wo ich landen würde. Meinem Chef schickte ich eine Bitte um Aufhebung des Arbeitsvertrages, Kopie an die Personalbteilung. Dann begann ich, die Makler in meinem neuen Wohnort durchzutelefonieren.

Der neue Job ist nicht schlecht, etwas weniger Geld, dafür auch weniger Stress. Die Wohnung – naja. Aber die Nachbarin! Schon, als ich mich vorstellte und um Entschuldigung für den Krach und den Dreck bat, den ein Einzug und die Herrichtung einer Wohnung nun mal mit sich bringen, lud sie mich zu einem erstklassigen, frisch aufgebrühten Tee ein. Da wir uns öfter im Treppenhaus trafen, besuchten wir uns bald gegenseitig und sprachen über alles Mögliche. Sie habe gerade einen komplizierten Beziehungsbruch hinter sich gebracht und brauche Zeit, das zu verarbeiten, könne jetzt keinesfalls eine neue Beziehung eingehen, so hat sie mir erlärt. Ich konnte da nur zustimmen und ihr raten, sich diese Zeit unbedingt zu nehmen. Sie ließ sich aber schnell davon überzeugen, dass sie in dieser Zeit durchaus nicht wie eine Nonne zu leben brauche. Es ist sehr, sehr schön mit ihr. Wir wollen es genießen, so lange es eben geht.
 

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