Niemand wollte mich sehen

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Niemand wollte mich sehen


Niemand nach so langer Zeit
wollte mich noch mal sehen
nur mein Erinnern trieb mich
zu unserem Wald mit seinen
Düften Pilzen wilden Beeren
und einem großen Findling
den Gefallenen 70/71 zum Gedenken

Ich brauchte nur die Autobahn
in westliche Richtung zu fahren
dann musste er
schon sehr bald kommen

Verändert hatte sich schon einiges
alles wirkte luftiger heller
die Strommasten gab es noch nicht
ganz zu schweigen
von diesen Putenfarmen
ich beschleunigte
bald musste der Wald kommen
die Leitplanken rauschten vorbei
und ganz kurz ein dunkler Stein
auf flacher Böschung

Am Ortseingang stoppte ich
niemand murmelte ich ins Lenkrad
er also auch nicht
 

petrasmiles

Mitglied
Solche 'Natüreindrücke' können ganz schön fies sein und eine eher trübe Stimmung noch verdüstern. Noch nicht einmal der Findling, der Wald ...
Das hast Du sehr gut zum Ausdruck gebracht. Wenn das innere Bild nicht mit dem Außen zusammengeht, wenn die 'alte Heimat' nichts 'Heimeliges' mehr hat, nicht die Natur, nicht die Menschen. Kaum etwas ist für die 'Dagebliebenen' ein größerer Widerspruch zu ihrer Existenz wie der 'Heimkehrer' auf Besuch, den darf, den kann man nicht belohnen.
Ein kleiner Text, eine große Wirkung.
Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Petra
 
Herzlichen Dank, Petra, für Dein tieferes Reingehen in den Text!

Es gibt eine zweite Version mit anderem Schluss und näher am Thema 'Wald'. Ich spare mir allerdings die Einstellung, mangels Interesse. Ohnehin verspüre ich hier derzeit gewisse atmosphärische Störungen ...


Tschüß
Kr.
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Kristian,

die gab und gibt es immer - nicht kirre machen lassen.
Ja, es gibt Leute, die gerne durch die Texte marschieren, um ihr Gift zu verspritzen, aber wenn man sich davon demoralisieren lässt, haben sie gewonnen!
Da muss schon ein echter Troll kommen, den ich hier auch schon erlebt habe, um mich zu vertreiben - vorübergehend.

Wir haben doch uns :D

Liebe Grüße
Petra
 

Tula

Mitglied
Moin Kristian
Einfühlsam und authentisch. Erinnert mich thematisch auch einen wunderbaren Song von Herman van Veen, der Titel "Klage". Ein anderer nicht minder "ein Mann fährt mit dem Zug, die Reise dauert ihm zu lang ..." (auf dem Weg zu dir).

LG
Tula
 
Zuletzt bearbeitet:

fee_reloaded

Mitglied
Verändert hatte sich schon einiges
alles wirkte luftiger heller
...
ich beschleunigte
bald musste der Wald kommen
die Leitplanken rauschten vorbei
und ganz kurz ein dunkler Stein
auf flacher Böschung
Das finde ich äußerst treffend beobachtet, lieber Kristian!

Und wunderschön verwortet sowieso!

Die Aufgeräumtheit in der als beinahe "magisch verwunschen" erinnerten Natur - die einst ursprüngliche, geliebte Gegend voller Erinnerungen, die durch die Putenfarmen und Strommasten "organisierter" und durch das Aufräumen steriler geworden ist. Man findet keinen Ankerpunkt, keine Spuren der eigenen Wurzeln mehr - damit wurde auch etwas von einem selbst ausradiert. Unsichtbar gemacht.

Ein wunderbar melancholischer Text! Sehr gerne gelesen und nachgespürt!

LG,
fee
 
Hallo Kristian Berger,

ein sehr interessantes Gedicht.

Worüber ich grübele, ist der letzte Satz:

Am Ortseingang stoppte ich
niemand murmelte ich ins Lenkrad
er also auch nicht
Wer ist dieser „er"? Ein Freund? Jemand von der Familie? Auf alle Fälle muss es jemand Wichtiges sein.

Gerne gelesen

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 
Danke, SilberneDelfine, für Deinen Besuch!

Es ist der Wald, der für die Autobahn, Stromleitungen und Geflügelfarmen abgeholzt wurde ... Übriggeblieben ist nur der Gedenkstein, an dem man nun achtlos vorbeirast.
Nachfolgend eine andere Textversion. Ich pendele zwischen beiden ...



Niemand wollte mich sehen


Niemand nach so langer Zeit
wollte mich noch mal sehen
nur mein Erinnern trieb mich
zu unserem Wald mit seinen
Düften Pilzen wilden Beeren
und einem großen Findling
den Gefallenen 70/71 zum Gedenken

Ich wusste wie man hinfuhr
einfach die neue Autobahn
in westliche Richtung
dann würde er schon bald
zu sehen sein

Verändert hatte sich schon einiges
alles wirkte luftiger heller
nur diese Strommasten
und schon wieder eine Putenfarm
ich beschleunigte
bald musste der Wald kommen
die Leitplanken rauschten vorbei
und ganz kurz ein dunkler Stein
auf flacher Böschung

Am Ortseingang stoppte ich
der Wald murmelte ich ins
Lenkrad geträumt unser Wald
ich muss mich verfahren haben



Gruß
Kristian
 

fee_reloaded

Mitglied
Die Gegenüberstellung einer zweiten Fassung - ich vermute, der ursprünglicheren, wenn ich mal so von mir auf dich schließe im Schreibprozess - finde ich äußerst spannend! Danke fürs Einstellen, lieber Kristian!

Die Verdichtung zur endgültigen Version hier aber war m.E. schon noch einmal ein entscheidender Faktor, um ein Stückchen wirklich feiner Lyrik zu erschaffen, das eben auch diesen Spielraum für den Leser lässt und nicht "einfach nur erzählt" (auch, wenn das vielleicht manche besser finden, weil dann alles eindeutiger ist und kaum Dechiffrier-Arbeit nötig ist).
Insgesamt ist mir die jetzt im Faden eingestellte Version zu stark an Kurzprosa. Als solche allerdings fände ich den Text ebenfalls sehr gelungen. Nur eben nicht mehr ungedingt Lyrik. Beides hat was, aber dem Gedicht gebe ich persönlich den Vorzug.

Sehr gerne verglichen und gelesen. Beides!

LG,
fee
 
Es ist der Wald, der für die Autobahn, Stromleitungen und Geflügelfarmen abgeholzt wurde ...
Natürlich, jetzt (und nach der zweiten Fassung) wird es klar ...
Ich kam nicht drauf, weil ich den Satz

niemand murmelte ich ins Lenkrad
er also auch nicht
in Assoziation zu „Niemand wollte mich sehen" gesetzt hatte, da denkt man, damit sei ein Mensch gemeint.

Schöne Idee. Mir gefällt die zweite Fassung noch besser.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 
Hoppla, wieder eine Empfehlung ... Herzlichen Dank, lieber Patrick!

Ich weiß nicht, ob Mitglieder Vorschläge machen können, ich hätte gleich drei (bitte nicht als belehrend missverstehen!):

Gefallene von @cecil
wien_sechster_stock_altbauküche von @fee_reloaded
die Türen der Altstadt von @Tula


Bis dann
Kristian
 

Samoth

Mitglied
Der Titel ist irritierend, Kristian. Besser wäre einem Beobachter z.B. Niemand wollte es sehen. Es steht hier für das Ende der menschlichen Expansion auf dem Planet Erde.
 



 
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