Nostalgie - ganz oder gar nicht

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Hassels

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Vier Jahre hatte sie in seinen Vorlesungen gesessen, von ihm unbeachtet. Und dann kam der Abend in der Studentendisco, auf den Tag genau vor dreiunddreißig Jahren. Die vierundzwanzigjährige Studentin und der doppelt so alte Professor tanzten zu Chris de Burgh:
„I have been blind
The lady in red is dancing with me, cheek to cheek
There's nobody here, it's just you and me
It's where I want to be
But I hardly know this beauty by my side
I'll never forget the way you look tonight“

Es war der Startschuss in eine grenzenlose, beiderseitige Liebe gewesen.
Und heute hatte sie es wieder an, dieses rote Kleid ihrer Liebe. Es passte noch genau wie damals, sie hatte an Verlockung und Unwiderstehlichkeit für ihn nichts eingebüßt, lediglich die schwarzen Haare waren einem sanften Grau gewichen.
Eng aneinander geschmiegt tanzten sie auch heute zu ihrer Musik, obwohl es ihm sichtlich schwer fiel. Aber heute, in den eigenen vier Wänden zählte der Augenblick, diese innige Vertrautheit.

Die unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen, Gleichgültigkeit oder Langeweile, hatten sie nie erreicht. Mit fantasievoller Abwechslung hatten sie ihr Liebesleben gegen den Alltag verteidigt, immer wieder Neues entdeckt. Nur der heutige Jahrestag glich dem Ursprung. Damals hatte sie ihn mit auf ihre Studentenbude genommen, heute tanzten sie in das gemeinsame Schlafzimmer.

Seine Hand hatte schon den Reißverschluss bis zu ihrem Po herunter gleiten lassen, dann fiel das Kleid zu Boden und sie stand vor ihm wie damals. Seine nackte Göttin.
Mit flinken Fingern entkleidete sie ihn und in Gedanken an damals, lächelten sie sich an.

Küssend waren sie auf das Bett gefallen und jetzt genoss sie seine zarten Hände. War sie nur besonders sensibilisiert oder war es wirklich so sanft wie noch nie? Während sie darüber nachdenkend alles andere ausblendete, einfach nur die Liebkosungen genoss, ließ er sie keine Sekunde aus den Augen. Er streichelte und küsste sie – und ihm entging keine ihrer Reaktionen.

Ihre erwartungsvollen Warzen hatte er geküsst, geleckt und gebissen. Ihren glattrasierten Schoß hatte er sogar mit den Händen geöffnet um sie dort zu verwöhnen. Und immer und immer wieder hatte sie gestöhnt und ihn zu mehr angestachelt. Dass nicht nur seine Zunge nass war, stellte er mit zunehmender Freude fest.

Gerne hätte er sein Verwöhnprogramm endlos fortgesetzt, aber auf ihren Wangen hatte er die Veränderung bemerkt, nun war es an der Zeit, das Finale einzuläuten.
Und er war mehr als bereit dazu.
„Ja. Ja. Jaaaaaaaaaaaaah!“, hatte sie sein Eindringen bis zum Höhepunkt begleitet.

Tränen rannen über ihr Gesicht, tanzten zwischen ihren Lippen, die nicht recht auf und ab wussten.
Auch ihm stiegen die Tränen in die Augen – und doch war es ja genau das, was sie beide wollten. Noch einmal das Glück in allen Poren spüren. Und was lag da näher als der Jahrestag?

Liebevoll schaute er sie an, sie, die ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht anlächelte und nickte.

Ganz oder gar nicht, so hatten sie es vor vier Wochen abgesprochen. In rasender Geschwindigkeit zerfraß der Krebs Aurora von innen. Als er sie beide am Tropf angeschlossen hatte, durfte sie ein letztes Mal Hand anlegen. Das Morphium in ihr wirkte nur noch schwach und so öffnete sie den Zulauf sofort.
Hand in Hand, sich anlächelnd, wissend, dass sie niemanden leidend zurückließen, durchströmte sie die Wärme in den Adern und damit auch der friedbringende Schlaf.
 

Susi M. Paul

Mitglied
Lieber Hassels, auch wenn es uns schwer fällt, uns vorzustellen, wie dieser letzte Liebesakt zwischen einem Achtzigjährigen und seiner viel jüngeren, sterbenden Frau in Realität ablaufen könnte, fanden wir die Geschichte gut geschrieben. Etwas zu weit ausgewalzt vielleicht der Liedtext. Auch fraglich, ob es notwendig ist, die exakten Daten aufzuführen, damit auch wirklich jeder Leser zum Mitrechnen eingeladen wird. Aber ansonsten...
Ob sie letztlich dann auch erotisch ist, bliebe zu hinterfragen, aber so heisst das Forum ja nicht mehr, sondern Lust und Liebe, und da passt sie auf jeden Fall.
 

Hassels

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Lieber Hassels, auch wenn es uns schwer fällt, uns vorzustellen, wie dieser letzte Liebesakt zwischen einem Achtzigjährigen und seiner viel jüngeren, sterbenden Frau in Realität ablaufen könnte, fanden wir die Geschichte gut geschrieben. Etwas zu weit ausgewalzt vielleicht der Liedtext. Auch fraglich, ob es notwendig ist, die exakten Daten aufzuführen, damit auch wirklich jeder Leser zum Mitrechnen eingeladen wird. Aber ansonsten...
Ob sie letztlich dann auch erotisch ist, bliebe zu hinterfragen, aber so heisst das Forum ja nicht mehr, sondern Lust und Liebe, und da passt sie auf jeden Fall.
Danke für den Kommentar. Leider war ich immer nur auf dem Sprung hier, da meine ersten Veröffentlichungen hier, nicht gerade von Kommentaren gesegnet wurden.

Diese Geschichte hatte ich für einen 600er Wettbewerb geschrieben – und in Blind-Audition sogar gewonnen. Es wirkt sicher etwas gepröfft, aber mit wenigen Worten eine Geschichte erzählen und genügend Informationen einbinden, ist gar nicht so einfach. Es ist jedenfalls eine gute Übung um bei längeren Geschichten nicht zu viel unnötiges Beiwerk zu haben.

…und warum sollte ein Mann über Achtzig nicht noch seinen Mann stehen?
 

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