NSU-Prozess: Tendenzmedien tragen Trauer

1,00 Stern(e) 2 Bewertungen
Die FAZ muss draußen bleiben und die TAZ auch. Dafür berichten Radio LOTTE Weimar und HalloMünchen.de und Brigitte vom NSU-Prozess. BRIGITTE. Die ersten lustigen Cover und Schlagzeilen sind produziert. Das war´s, wir können einpacken, der Untergang des Abendlandes naht.

Mal langsam: Alle etwas größeren Medien – alle – abonnieren die Dienste einer so genannten Nachrichtenagentur (z.b. dpa). Macht ja auch Sinn, so viele Journalisten hat niemand, dass die überall sein könnten. Brand in Bangladesch, Attentat in Boston, Formel1-Rennen in Bahrein oder Championsleague. Dafür greift man auf die Dienste einer Nachrichtenagentur zurück.

Hinzu kommt, dass öffentlich-rechtliche, bzw. private Hörfunk- und TV-Sender oder Zeitungsketten (z.B. WAZ, Holzbrinck, Ippen) auf ihren eigenen KorrespondentenPool zurückgreifen können. Also, wenn der NDR von der Hamburger Philharmonie berichtet, können die anderen ARD-Anstalten diese Beiträge senden. Die jetzt vielgescholtene Brigitte gehört zur Verlagsgruppe Gruner & Jahr. Dort ist auch der STERN verortet. Hinzu kommt, dass die Plätze in München sogar getauscht werden dürfen.

Vor diesem Hintergrund reicht ein Blick auf die Besetzung im Münchener Gerichtssaal, um festzustellen, dass eine breite, unabhängige Berichterstattung gewährleistet ist. Die leer Ausgegangenen betreiben Augenwischerei.

FAZ, Welt, TAZ, Springer, Stern, Süddeutsche, Spiegel sind so genannte Tendenzmedien, das heißt, neben der Berichterstattung (wer, was, wo), betrachten sie die Welt aus einer gefärbten Brille: links, konservativ, liberal, etc. Dies schlägt sich dann in der Kommentierung des Geschehens nieder. Das wiederum verschafft dem geneigten Bildungsbürger die Möglichkeit, sich verschiedene Meinungen anzuschauen, um sich eine eigene zu bilden.

Wie sagt der Kommunikationswissenschaftler W.Schulz so treffend: „Die Nachrichtenfaktoren sind nicht Merkmale von Ereignissen, sondern journalistische Hypothesen von Realität.“ Die leer ausgegangenen Medien haben jetzt den stieren Tunnelblick aufgesetzt. Das Interesse der Opfer, der Prozess möge endlich beginnen…scheißegal. Wir klagen! Wo kommen wir denn hin, wenn Radio LOTTE Weimar oder HalloMünchen.de da sind, wo WIR, WIR, WIR hingehören. Das ist ihre Hypothese von Realität.

Die Realität der Normalbürger wird sein: Wir werden umfassend und ausreichend vom Prozess informiert werden und sind auch so in der Lage, uns eine eigene Meinung zu bilden.
 
Die Überschrift des Artikels verrät schon seine Tendenz ... In anderen Blogs und Foren kommt sie jetzt noch deutlicher zum Vorschein, aber bei der überwiegend liberalen Leselupe muss man wohl etwas vorsichtiger sein, nicht? Allerdings passt das Wort "scheißegal" für die LL nicht ganz, da kommt das in diesen Kreisen sonst übliche verbale Rabaukentum doch mal zum Vorschein.

Die Vergleiche dieses herausragenden Prozesses mit der "Hamburger Philharmonie" oder gar Motorsportrennen sind hanebüchen. Und zu dem Begriff WIR im vorletzten Absatz: Zu dieser angeblichen Pluralität gehöre ich nicht, die von mir gelesenen Printmedien sind nicht vertreten. Diesem WIR scheint mir eben jener Maßstab zugrunde zu liegen, der schon seinerzeit bei den Ermittlungen nach den Taten Regie geführt hat: Entpolitisierung um jeden Preis.

Man kann die vom Gericht betriebene Auswahl gewiss unterschiedlich beurteilen - dieser Artikel dagegen stößt mir nur sauer auf.

Arno Abendschön
 
Reaktion Arno Abendschön

Lieber Herr Abendschön,

das WIR WIR WIR sind die Kommentare der zu kurz gekommenen. Aus deren Sicht ist das sicherlich enttäuschend. Aber noch mal, Plätze können getauscht werden und die Welt (oder FAZ oder Süddeutsche) gehen nicht unter und deren Leser auch nicht. Schauen Sie mal, die behaupten jetzt, "unsere Leser können sich nicht informieren". Was soll das? Da werden Leser für - sorry Rabaukensprache - doof verkauft. Das ist für mich Kindergarten.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Genau das Theater habe ich erwartet, als es hieß, die "Teilnehmer" werden bei gleicher Platzanzahl ausgelost. Ich habe zu dieser Zeit nicht einen Kommentar gehört oder gelesen, der dieses Verfahren lauthals beanstandete – da hätte es ja auch noch sein können, dass man selbst (*) dabei ist. Das Dilemma war abzusehen – warum erst jetzt das Klagen?

Die Leser als Argument heranzuziehen, ist absurd: Niemand von denen, die das Thema interessiert, liest nur dieses eine Blatt und nutzt darüber hinaus auch TV und Radio nicht. Oder spielt den Verantwortlichen da „nur“ ihr Größenwahn einen Streich? Es geht nicht um das "Wohl" der Leser, es geht um ihr Geld – wer in den Ruf kommt, nur aus zweiter Hand zu berichten, hat ein Imageproblem, das ihn Kunden kosten kann. Blödsinnigerweise, denn erstens stammen die meisten Infos, die zu Nachrichten werden, aus zweiter Hand, und (mal ganz extrem zugespitzt: ) bei dem heutigen Schwerpunkt auf "Hauptsache, es wird erwähnt; für Aufklärung haben wir keine Zeit" ist es ohnehin egal, ob da irgendwer mehr Einblick hat – es spielt bei dem, was weitergegeben wird, sowieso keine Rolle.

(also das entsprechende „Blatt“)
 
Jon, so sehe ich das auch. Hier verwischen gerade Prioritäten und viele - nicht alle - Medien verstoßen im Moment gegen alle journalistischen Regeln. Hier reden viele Frösche, denen gerade der Teich trocken gelegt wird. Darf man hier eigentlich einen Link zu einem Interview setzen? Ich habe nämlich auf der Facebookseite von eben diesem Radio LOTTE Weimar ein Interview mit deren Berichterstatter gehört, der sich seit 25 Jahren gegen Rechts engagiert, ohne dabei ein "verruchter Anarchist" zu sein.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Innerhalb der Themendiskussion akzeptiere ich Links, solange sie nicht zu weit vom Thema des Textes wegführen. Also reich rüber!
 

Val Sidal

Mitglied
Medien-Zulassung

Die Realität der Normalbürger wird sein: Wir werden umfassend und ausreichend vom Prozess informiert werden und sind auch so in der Lage, uns eine eigene Meinung zu bilden.
Geht es wirklich nur um Information, darum, sich eine "eigene Meinung zu bilden"?

Der Prozess wird Fragen aufwerfen, die auch das Publikum stellt, und Antworten suchen/finden, auf die das Publikum wartet. Soweit sehe ich kein Problem.

Das Gericht wird aber jene Antworten nicht nur protokollieren, sondern interpretieren, werten, sich eine juristische Meinung bilden. Am Ende wird es im Namen des Publikums Recht sprechen.

Die Medien werden aktiv an diesem Wertungs- und Meinungsbildungsprozess beteiligt sein: sie werden (mit unterschiedlichen Positionen und Perspektiven) das Geschehen kommentieren, interpretieren und präsentieren. Sie werden also Geschichte(n) machen, die das Publikum zu Stellungnahmen (privat und/oder öffentlich) bewegen wird.

Vor diesem Hintergrund sollte die Zulassung von Medien keine Sache von Fortuna sein.

Das Gericht weiß, mit der Wahl des Verfahrens, Justitias Anforderungen gerecht geworden zu sein.
Im Falle dieses Prozesses mit politischer Relevanz reicht das aber nicht.

Die Ansprüche der Polis werden (meiner Meinung nach) nicht angemessen gewürdigt.

Das zuständige Gericht scheint die Welt der Informationsgesellschaft noch nicht verstanden zu haben.

Es wäre höchste Zeit, dass Justitia ONLINE geht.
Das Publikum würde es „liken“.
 

Oben Unten