Obdachlos

3,00 Stern(e) 3 Bewertungen

blackout

Mitglied
Dem Andy hat das Leben mitgespielt.
Nun ist er krank, die Seele will nicht mehr.
Und jeder neue Tag bringt ihm Beschwer.
Das Leben kommt ihm vor wie tiefgekühlt.

Er wollte Heimat. Und jetzt hat er sie.
Ein paarmal Klinik. Das war nicht sein Ding.
Dem Amte war er bloß ein Sonderling.
Es mussteweitergehen - irgendwie.

Betreuer gibt es heut wie Sand am Meer.
Mit hundert Fällen. Haben wenig Zeit.
Für ihn gab’s nur noch Ausweglosigkeit.
Und Andys Leben rutschte ins Parterre.

Er möchte schreien. Einmal tat er‘s auch.
Da warfen sie ihn raus aus dem Asyl.
Wohin? Wohin zur Nacht? Das war zuviel!
Nun stand der Andy elend auf dem Schlauch.

Allein. Jetzt war die Straße ihm das Heim.
Am Tage ging es ja – doch in der Nacht?
Ihm wurde keine Türe aufgemacht.
Und Andy machte sich drauf seinen Reim.

Nachts ging er rum, er suchte einen Platz
zum Schlafen, wo man ihn nicht stören kann.
Die andern nannten ihn den Wandersmann.
Er wusste jetzt: Er ist der Bodensatz.

Und außerdem: Wie kalt die Nächte sind,
wenn irgendwo er schläft in einem Hauseingang.
Doch manchmal auch im Vorraum einer Bank.
Dann fühlt der Andy sich als Sonntagskind.

Wenn er nichts findet oder nichts mehr geht,
kommt irgendwann, weiß er, der Kältetod.
Und Andy lacht: Fast wie ein Gnadenbrot!
Doch hierzulande schlicht Normalität.
 
Zuletzt bearbeitet:
Dann schwebt dem Andy ein Gedicht vor Augen
Auf weißem Blatt gereimt mit Schnörkeln drauf,
Er will vom Blatt ein Stückchen Hoffnung saugen,
Da gehts in einem lila Rührstück auf.
 

blackout

Mitglied
Du auch, Joe? Das ist die Geschichte eines Jungen, den ich kenne, und ich frage niemanden, ob ich sie aufschreiben darf. Verstanden?
 
Zuletzt bearbeitet:
Dann schreib sie auf, blackout – für dich privat! Wenn du sie veröffentlichst, wird sie im besten Fall zum Kunstwerk, im aktuellen Fall eher nicht. JF
 

blackout

Mitglied
Es tut mir unheimlich leid, ich treibe mich nicht in düsteren Spelunken herum, mache Flittchen an und gebe den Bericht davon, wie es war, als künstlerisches Erzeugnis in die Leselupe. Ob allerdings die Lyrik dadurch gewonnen hat, das steht noch auf einem anderen Blatt. Eher nicht, das ist billigste Massenware. Dieses Revier überlasse ich gern dir.

Ich dagegen schreibe davon, was ich sehe in diesem Land - in dem es uns "noch nie so gut ging". Und das Andy-Gedicht gehört dazu. Auch wenn es dir partout nicht zusagen will. Alles klar?

Gruß, blackout
 
Gar nichts klar, Verehrteste,
du kannst so viel schreiben über das Land und über das, was du darin siehst, wie es dir beliebt. Wenn du es aber tust wie in dem Werk, das du dem Andy angetan hast, dann produzierst du Kitsch, und der Andy wird zum Opfer deiner Schreibschwäche.

In die düsteren Spelunken (wenn du schon darauf anspielen musst) würde man dich vermutlich auch gar nicht reinbitten, man müsste ja damit rechnen, dass du auch noch darüber zu schreiben dich nicht zurückhalten könntest. JF
 
Zuletzt bearbeitet:

Mondnein

Mitglied
wenn irgendwo er schläft in einem Hauseingang.

Ich vermute, das ist aus dem Konzept in die Reinschrift geraten: ein Versfuß zu viel.

Ich finde das Gedicht sehr gut.
 

Oben Unten