Oskar Negts Gesellschaftsentwurf Europa- ein Anti -Sarrazin

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Rezension zu:

Oskar Negt, Gesellschaftsentwurf Europa, Steidl 2012, ISBN 978-3-86930-494-6

Eine Lücke will er füllen mit seinem neuen Text zu Europa, sagt der Philosoph Oskar Negt, eine Lücke, die ihm schon lange ein Ärgernis gewesen sei: „Wie schon die Wiedervereinigung der staatlichern Nachkriegsfragmente aus der ‚Portokasse’ bezahlt werden sollte, was sich schnell als fataler Irrtum herausstellte, so gerät jetzt ein viel größeres Vereinigungsprojekt in Verruf, weil im verengten Horizont der mit diesem epochalen Projekt Beschäftigten die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen in den einzelnen Ländern nicht vorkommen… die nationalen Eigentümlichkeiten und der kulturelle Eigensinn der einzelnen Länder haben harte Prägungen hinterlassen,
die durch Geld und institutionelle Vereinbarungen nur schwer aufzubrechen sind.“

Ohne eine soziale Bewusstseinsbildung, so Negt, entstehe eben keine solidarische Ökonomie, eine Ökonomie, bei der es nicht nur um die Rettung von Banken geht, sondern die eine echte Ausgleichsbewegung zwischen Schwachen und Starken möglich macht. Dies müsse erreicht werden, ohne „in die Mottenkiste vorurteilsbeladener Abgrenzungen zurückzugreifen.“

Er beschreibt kollektive Lernprozesse, die nötig seien und die die Alltagserfahrungen der Menschen einbeziehen. All das, das kann man an den Protesten in Griechenland und Spanien aktuell beobachten, ist bisher überhaupt nicht geschehen.

Sein kleines Buch ist eine Streitschrift, die weit ausholt in die Geschichte zurück bis zum Westfälischen Frieden, um deutlich zu machen, welchen hohen, auch friedenspolitischen, Stellenwert der „Gesellschaftsentwurf Europa“ hat. Er will nichts anderes, als anzuregen, sich mit der in den vorherrschenden Europadiskursen häufig unterschlagenen Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Insofern ist dieses Buch ein wichtiges und nötiges politisch-philosophisches Korrektiv auch zu Thilo Sarrazins neuem Buch, der ja hautsächlich ökonomisch argumentiert. Kann man diese beiden Ansätze zusammenbringen, oder schließen sie sich aus?
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
„Ich halte das Werk für unterdurchschnittlich", weil ich außer Schlagworten, die offenbar im Buch benutzt werden, nicht viel erfahre. Und mit diesen Schlagworten kann ich noch nichtmal was anfangen. Naja, nicht viel zumindest – klingt für mich (so brockenweise vorgeworfen) nach Gutmenschen-Blabla. Hier wäre mehr (Autoren-Eindruck, Inhaltsverdeutlichung) mehr gewesen.
 
Oskar Negts Gesellschaftsentwurf Europa- ein Antisarrazin

Winfried Stanzik,
eine Anmerkung zur abschließenden Frage der Rezension. Nein, meine ich - jedenfalls nicht im Sinne einer Versöhnung der Standpunkte.
Negt will in seiner soziologischen Sichtweise die wirklichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen in den europäischen Ländern analysieren, um ihre Erfahrungen, Leiden etc. unter den verhärteten Verhältnissen für eine >soziale Bewusstseinsbildung< nutzen zu können. Aus seiner Sicht sind die Faktoren Geld und Staat in der Gefahr, nur autoritär, äußerlich jene Verhärtungen >aufzubrechen<, aber keinen wirklichen Bewusstseinswandel im gesellschaftlichen Maßstab zu bewirken. Das unterscheidet seinen Standpunkt übrigens auch von den ach so antiautoritären Anarchisten, die durch einen Federstrich die Schuldenproblematik aus der Welt glauben schaffen zu können.
Sarrazin hat wiederholt bekannt, dass er ein überzeugter Anhänger der kapitalistischen Marktordnung ist, die man nur dann sozial zügeln kann, wenn ein starker Staat das mit rationalem Sachverstand bewirkt. Aus diesem Grund sei er ja auch, aus Verehrung Lasalles, in den 70er Jahren in die sozialdemokratische Partei eingetreten - und dabei bleibe es auch.
Insoweit ergibt sich einigermaßen konsequent, wenn S. einer gewissen Variante des Sozialdarwinismus das Wort redet. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass er nicht rein ökonomisch argumentiert, sondern Mentalitäts- und Kulturfaktoren in der Politik berücksichtigt sehen möchte. Andernfalls entstehen schwerwiegende Fehler und Nachteile für die an sich starken Staaten und Ökonomien.
Es ist in meiner Wortwahl Sarrazins Interpretation der Realität, wenn man an den unzuverlässigen HARTZER, den kulturfremden Sozialschmarotzer und den korrupten griechischen Staat denkt, die alle in der kapitalistischen Marktordnung keine vernünftige Existenzgrundlage finden können. Sie müssen einem harten, autoritären Erziehungsregime unterworfen werden - je früher, konsequenter, umso erfolgreicher.
Im heutigen Phönix-Interview zur Vorstellung seines neuen Buches über den EURO hatte ich den Eindruck, dass unsre Öffentlichkeitsarbeiter der starken Haltung Sarrazins hilflos gegenüber stehen. Ich denke, dass er mit scheinwissenschaftlicher Vernebelung, den Standpunkt kultureller Apartheid vertritt. Er offenbarte heute denen, denen es nicht bekannt war, dass er zusammen mit einem weiteren Vorstandsmitglied im Direktorium derBundesbank vor zwei Jahren unterlegen war, als man dort zusechst abstimmte, ob man Griechenland sofort Pleite gehen läßt. Das Ende ist bekannt. Merkel sägte Sarrazin ab.
 
Vielen Dank, lidber Herr Schmelz, für Ihre aufschlußreiche und plausible Weiterführung des Endes meiner Rezension.


Herzliche Grüße


Winfried Stanzick
 

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