Ostende. 1936. Sommer der Freundschaft

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Rezension zu:

Volker Weidermann, Ostende. 1936. Sommer der Freundschaft, Kiepenheuer & Witsch 2014, ISBN 978-3-462-04600-7

In Deutschland haben die Nationalsozialisten ihre Macht gefestigt und es gelingt ihnen, in der Vorbereitung der Olympischen Sommerspiele die Weltöffentlichkeit an der Nase herumzuführen. Weltoffen zeigt sich die Diktatur und auch die judenfeindliche Propaganda ist aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Doch die, die sich da im Sommer 1936 im belgischen Nordseeort Ostende treffen, die haben alle Deutschland schon seit langem verlassen müssen, sei es, weil sie als Kommunisten verfolgt wurden, wie Egon Erwin Kisch und Willi Münzenberg, sei es, weil sie als Juden um ihr Leben fürchten müssen und ihre Bücher verbrannt und verboten sehen, wie Stefan Zweig und sein Freund Joseph Roth, sei es, weil sie mit ihren kritischen Büchern angeeckt waren wie Irmgard Keun.

Einen letzten Sommer lang verbringen sie dort, schreibend, wie vor allem Stefan Zweig, trinkend, wie Joseph Roth und die sich mit ihm anfreundende Irmgard Keun. Klug und politisch bewusst, sehen sie alle das Unheil kommen, das da Europa droht, lenken sich mit der Hoffnung auf den Widerstand im beginnenden spanischen Bürgerkrieg ab, der doch nur ein Vorspiel werden sollte, für das was Europa danach bevorstand.

In einer wunderbaren und einfühlsamen Erzählung betreibt Volker Weidermann, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und einer der angesehensten Literaturkritiker des Landes, seine ganz besondere Form der Literaturgeschichte. Er will nicht nur durch intensive Recherche gewonnene Fakten vermitteln, sondern indem er erzählt, versucht er immer auch zu interpretieren, zu deuten und dem nachzuspüren, wie sich das angefühlt haben muss, in Ostende 1936, vor allem für die beiden Freunde Stefan Zweig und Joseph Roth.

Ihre so verschiedene Geschichte und ihre Freundschaft stehen im Mittelpunkt dieser Erzählung, die im Jahr 1914 beginnt und gegen Ende das Schicksal vieler der dort in Ostende urlaubenden Schriftsteller und Intellektuellen während des Krieges und danach beschreibt. Der wohlhabende und erfolgreiche Westjude Zweig und der aus Galizien stammende Ostjude Roth, der verzweifelt nicht nur am Alkohol hängt, sondern auch an seiner Verehrung der österreichischen Monarchie, sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Dennoch verbindet sie eine auch literarische Freundschaft, mit der sie sich und ihre Werke gegenseitig befruchten.

Volker Weidermann beschreibt den kurzen Sommer der Hoffnung und der Freundschaft als eine Momentaufnahme, und schafft es doch, mit einer frischen Sprache, die einen sofort gefangen nimmt und das Büchlein nicht mehr aus der Hand legen lässt, bis man das traurige Ende, das man ja vorher schon kennt, erfährt, einen Eindruck zu vermitteln vom Exil der von der Nazis verfolgten Literaten und ihren Aporien.

Es lädt ein, sich danach vielleicht wieder einmal den Romanen Joseph Roths, den Novellen Stefan Zweigs und den lange vergessenen Büchern Irmgard Keuns zu widmen, und sie nun, mit mehr Hintergrundwissen, besser zu verstehen.
 

 
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