Pandora 2.0

vknecht

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Dr. Kleber trat in ein fensterloses Büro, in dem hinter einem Schreibtisch aus Glas Dr. Hall saß, der ihn freundlich anblickte und ihn ansprach.
- Bitte setzen Sie sich.
- Danke sehr. Wie sind Sie auf mich gekommen?
-
Sie haben die besten Voraussetzungen. Bachelor in Chemie, Master in Biochemie, Promotion in Biophysik. Kaffee? Cappuccino? Latte Macchiato?
- Nein, Tee bitte.
-
Gerne. Mit Milch?
- Ja, bitte.
-
Ein Relikt aus Ihrer Zeit in Cambridge?
- Ja, ich denke schon.
- Promotion am Max-Planck-Institut für Biophysik und Postdoc in Stanford, Entwicklung einer neuen Methode für die Gentherapie. Zurück in Deutschland Gründung einer Firma und Anwendung des Verfahrens zur Entwicklung synthetischer Nanomotoren. Weiterer Auslandsaufenthalt an der Tsinghua-Universität in Peking. Hier ist Ihr Tee. Mit Milch.
- Danke sehr. In China ist das Potenzial gentechnischer Experimente weniger durch lästige Gesetzesparagraphen eingeschränkt. Man hat die volle Freiheit.
-
Die haben Sie auch offensichtlich genutzt. Bei der Züchtung von Menschen mit Zusatzaugen an Armen und Beinen zur Erstellung einer militärischen Eliteeinheit. Sie fragen noch?
- Das war gar nicht so neu, wie es zuerst scheint. Entsprechende Experimente waren vorher an Taufliegen gemacht worden.
-
Seien Sie nicht so bescheiden. Sie haben das Ganze auf Wirbeltiere, ja, Menschen übertragen. Das war ein Meilenstein der Gentechnologie!
- Mag sein.
-
Und nun Experte für biologische Waffen. Also Massenvernichtungswaffen, bei denen Krankheitserreger oder natürliche Giftstoffe – Toxine – gezielt zum Töten eingesetzt werden. Wie praktisch, dass biotische Toxine, obwohl keine biologischen Agenzien im eigentlichen Sinne, trotzdem, wegen ihrer Herkunft aus lebendigen Organismen, den biologischen und nicht den chemischen Waffen zugeordnet und folglich auch nicht durch die Chemiewaffenkonvention reglementiert sind!
- Ich sage jetzt nichts.
-
Müssen Sie auch nicht. Als Angehöriger der Bundeswehr unterliegen Sie natürlich der Geheimhaltung. Aber wir sind unterrichtet. Als internationale Organisation stehen wir über jeglichen staatlichen Organen. Und wir haben eine sehr effiziente Abteilung zur Informationsbeschaffung.
- Ich bin beeindruckt. Nicht, dass ich damit irgendein Statement zu meiner Position abgeben möchte.
- Sicherer Job. Aber machen wir uns nichts vor: Sie sind ein Ausnahmewissenschaftler und sollten ihr Talent, ja, Genie, nicht in einer Beamtenstelle vergeuden!
- So, finden Sie?
- Verstehen Sie mich nicht falsch. Ihre Arbeit beim Militär ist wichtig. Auch wenn wir hier in Mitteleuropa eine lange Friedenszeit hatten, ist es abzusehen, dass wir nur allzu bald umfangreicher in militärische Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Ressourcen, immer geht es um Ressourcen. Schauen Sie sich die Golfkriege an! Öl, Öl, Öl. Und in Zukunft wird es um noch elementarere Bedürfnisse gehen: H2O! Bald werden sich nur noch die Reichen sauberes Wasser leisten können.
- Das ist schlimm.
- Im Jahr 1804 lebten auf der Erde eine Milliarde Menschen. 125 Jahre später, im Jahr 1927, waren es doppelt so viele, zwei Milliarden. Anschließend brauchte die Weltbevölkerung, um sich abermals zu verdoppeln, nur noch weniger als halb so lang, fünfzig Jahre, auf vier Milliarden im Jahr 1974.
- Erschreckend. Warum ging das so rasant?
- Die Gründe liegen auf der Hand. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserte sich die medizinische Versorgung, und die Nahrungsproduktion nahm zu. Dadurch stieg die Lebenserwartung, und die Säuglingssterblichkeit ging zurück. Zugleich blieb vielerorts der Wunsch nach großen Familien bestehen. Und: Millionen Frauen fehlte – und fehlt auch immer noch! – der Zugang zu Aufklärung und Verhütung, was zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften führte. Allein in Entwicklungsländern gibt es rund 74 Millionen ungewollte Schwangerschaften – jedes Jahr!
- Die Leute haben keine Visionen und nichts Besseres zu tun. Sie sollten es so machen wie ich: Um mich uneingeschränkt meiner Arbeit, der Wissenschaft, zu widmen und mich dabei nicht von sexuellen Bedürfnissen sowie beziehungstechnischen und familiären Verpflichtungen abhalten zu lassen, unterziehe ich einer Langzeit-Hormonbehandlung.
- Ein selbst auferlegtes und medizinisch-biochemisch fundiertes Zölibat. Das nenne ich konsequent!
- Wir bringen alle unsere Opfer.
- Empfinden Sie es so?
- Ich sehe mich gezwungen, partiell zu sterben, um wirklich zu leben.
- Wir werden dieses Prinzip leider nicht als Maxime für die Menschheit verallgemeinern können.
- Ich fürchte, Sie haben Recht.
- Und so wächst die Weltbevölkerung weiter, exponentiell. Verdopplung in Intervallen von fünfzig Jahren. Im Jahr 1974 waren es vier Milliarden. Im Jahr 2024 werden es acht Milliarden, im Jahr 2074 sechzehn Milliarden und im Jahr 2125 zweiunddreißig Milliarden sein. Wenn die Menschheit so weiterwächst.
- Man muss etwas dagegen tun.
- Es gibt eine Lösung.
- Und die wäre?

- Die Natur hat normalerweise einen Weg, das in den Griff zu bekommen. Der Explosion einer Spezies wie dem Menschen setzt sie Krankheiten entgegen. Epidemien. Je höher die Bevölkerungsdichte, desto schneller breiten sich Krankheiten. Und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Kriege, insbesondere für Bürgerkriege.
- Also wird sich alles von selbst regeln?
- Ein grausames Prinzip. Wir wollen diesem Barmherzigkeit entgegensetzen.
- In welcher Form?
- Wir setzen auf Epidemien. Helfen aber nach.
- Wollen Sie die Pest wieder auf die Menschheit loslassen?
- Nein. Die Pest wird durch Bakterien ausgelöst. Wir bevorzugen Viren.
- Sie wollen, dass die Menschheit durch eine Virenkrankheit dezimiert wird?
- Exakt.
- Dass Millionen, ja, Milliarden von Menschen sterben müssen?
- Gar nicht erst geboren werden. Denn sie sterben ohnehin. Von alleine.
- Wie meinen Sie das?
- Unser Virus ist per se nicht tödlich.
- Sondern?
- Das Virus…
- Heißt es nicht ‚der Virus‘?

- Nur außerhalb der Fachsprache.
- Stimmt. Ich als Biochemiker sollte das eigentlich wissen. Nun, was tut ihr Virus?
- Kennen Sie die Aga-Kröten-Problematik?
- Aga Kröte?
- Ein bis zu 22 Zentimeter langer und mehr als ein Kilo schwerer Froschlurch, der ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammt. Die Aga Kröte hockt nicht nur vor Bienenstöcken und fängt die mit Honig und Pollen beladenen Arbeiterinnen ab, sondern verschlingt auch kleine Säuge- und Beuteltiere bei lebendigem Leib und lockt Artgenossen an, indem sie mit ihrem langen mittleren Zeh winkt, um sie dann aufzufressen.
- Widerlich!
- Kein angenehmer Zeitgenosse. Aber potenziell nützlich.
- Inwiefern?
- Im Jahr 1935 wurden 110 Exemplare aus Venezuela nach Australien eingeführt. Die Kröten sollten in Queensland die Larven von Käfern fressen, die die Ernte auf den Zuckerrohrplantagen vernichteten.
- Biologischer Pflanzenschutz. Besser als Gift zu versprühen. Genial.
- Hätte man denken können. Doch de facto handelte es sich um den Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.
- In wie fern?
- Erstmal waren die schädlichen Larven leider so ziemlich das einzige, das den Kröten nicht schmeckte.
- Das Projekt scheiterte also.
- Das wäre noch halb so schlimm gewesen. Nun wurde aber die Kröte selbst zum Problem.
- Auf welche Weise?
- Als Beutetier größerer Räuber. Denn sie sind giftig und ihr Verzehr tödlich.
- Tatsächlich?
-
Ungelogen. Die Kröten sind so giftig, dass Hunde, die sie nur ins Maul nehmen, binnen fünfzehn Minuten sterben. In Australien bedroht die Aga-Kröte sogar Süßwasserkrokodile. Biologen der Darwin-Universität warnen, dass der Krokodilbestand in den Flüssen des Northern Territory bereits halbiert sei. Allein im Victoria River seien innerhalb eines Jahres knapp achtzig Prozent der Krokodile gestorben, weil sie eine der giftigen Riesenkröten gefressen hätten. Die Wissenschaftler befürchten, dass die Krokodile aussterben.
- Und nun?
-
Man hat begonnen, Maßnahmen gegen diese Kröte zu ergreifen. Eine Zeitlang haben Molekularbiologen versucht, ein Virus in das Erbgut der Tiere einzuschleusen, welches die Kröten unfruchtbar machen sollte.
- Ah, ich verstehe. Und dieses Prinzip wollen Sie nun auf Menschen anwenden?
-
Erraten!
- Aber Sie sagen ‚versucht‘. Hat es nicht funktioniert?
-
Nein, leider nicht. Nun probiert man andere Mittel. Eine Gruppe forscht an einem Gen, das angeblich eine Geschlechtsumwandlung der Weibchen zur Folge hat.
- Bei Menschen sicher ein beschwerlicheres Unterfangen.
-
Vermutlich. Die Australier greifen derweil zu kruderen Methoden: Sie erschlagen die Kröten mit Golfschlägern.
- Aha.
-
Oder sammeln sie in Plastiktüten und frieren sie ein.
- Das kann man mit Kröten noch machen. Aber nicht wirklich mit Menschen. Jedenfalls nicht offiziell und nicht nach derzeitigen ethischen Standards, oder?
- Zugegeben. An diesen Standards müssten wir ohnehin noch arbeiten. Derzeit konzentrieren wir uns auf den biotechnologischen Aspekt und experimentieren weiter an der Virusidee. Die Anwendung auf die humane Weltbevölkerung ist so wichtig, dass wir keinen Aufwand scheuen, das Konzept so weit zu entwickeln, bis es in der Anwendung doch funktioniert. Wir nennen das Projekt ‚Pandora 2.0‘.
- Pandora?
-
Das Pendant der biblischen Eva, deren Ungehorsam zur Vertreibung des Menschen aus dem Paradies geführt hat, in der griechischen Mythologie. Das frühste Zeugnis zur Pandora-Figur lieferte der griechische Dichter Hesiod, der als Ackerbauer und Viehhalter lebte, in seinem epischen Lehrgedicht ‚Werke und Tage‘ etwa um 700 vor Christus. Darin heißt es, dass der Göttervater Zeus seinen Sohn, Hephaistos, den Gott des Feuers und der Kunstschmiede, den seine Mutter Hera wegen seines hässlichen Aussehens direkt nach der Geburt vom Olymp geschleudert hatte, zu sich rief. Der oberste olympische Gott beauftragte seinen missratenen Sohn, aus Lehm eine Frau zu erschaffen, um Rache für den Diebstahl des Feuers durch den Titanen Prometheus zu nehmen. Das Geschöpf wird von den Göttern mit vielen Gaben wie Schönheit, musikalischem Talent, Geschicklichkeit, Neugier und Übermut ausgestattet, um es verführerisch zu gestalten. Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde schenkt ihr zudem holdseligen Liebreiz. Athene, die Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, der Kunst, des Handwerks und der Handarbeit schmückt sie mit Blumen. Hermes schließlich, der Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, Kaufleute, Hirten, Kunsthändler, Redekunst, Gymnastik, Magie und der Diebe verleiht ihr eine bezaubernde Sprache und gibt ihr den Namen ‚Pandora‘.
- Hat der Name eine Bedeutung?
-
Dem ist so. Laut Hesiod ‚die Allbeschenkte‘.
- Ohne Zweifel eine sehr privilegierte Figur. Was aber hat sie mit der Kontrolle der Weltbevölkerung zu tun?
-
Die zentrale Bedeutung hat nicht sie selbst, sondern ein Gefäß, das sie von Zeus erhält, um ihre Mission zu erfüllen. Eine Büchse.
- Verstehe. Die Büchse der Pandora.
-
Um genau zu sein, geht es um deren Inhalt.
- Der da wäre?
-
Eigenschaften, Ideen und Prinzipien, die es vor Pandora in der Welt noch nicht gegeben hatte.
- Und zwar?
-
Alle Laster und Untugenden, alle Übel, Mühen, Krankheiten und auch der Tod.
- Eine Zusammenstellung des Unerfreulichen.
-
Nicht nur.
- Finde ich aber schon.
-
Der Inhalt umfasst noch ein weiteres Prinzip. Die Hoffnung.
- Also ein Gesamtprogramm. Alles Schlechte für die Gegenwart, plus die Perspektive auf Besserung in der Zukunft. Etwa die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Das Christentum.
-
Richtig.
- Ich bin Atheist. Für mich ist die Idee des Jenseits eine Droge. Oder eine Karotte, um Menschen zu manipulieren.
-
Ich denke da ähnlich. Mir geht es auch nicht um ein etwaiges Jenseits, obwohl ich Agnostiker bin und dessen Existenz nicht ausschließe. Dennoch glaube ich an die Hoffnung. Allerdings im Diesseits.
- Spannend. Was passiert mit der Büchse?
-
Hermes bringt Pandora mit ihrem Gefäß zu Epimetheus, dem Bruder des Prometheus. Prometheus als der vorher Bedenkende warnt ihn, Geschenke des Zeus anzunehmen. Doch - Epimetheus als der nachher Bedenkende ignoriert die Warnung und heiratet Pandora.
- Man ahnt schon Böses.
- Nach der Heirat öffnet Pandora ihre Büchse, und die darin aufbewahrten Plagen kommen in die Welt.
- Und so haben wir den Salat. Die Suppe, die die Menschheit nun auslöffeln muss. Was aber ist mit der Hoffnung?
-
Bevor jene aus der Büchse entweichen kann, wird diese wieder geschlossen.
- Schade.
-
So wird die Welt ein trostloser Ort und Hesiod schließt damit, dass man dem Willen des Zeus nicht entgehen könne. Das Goldene Zeitalter, in dem die Menschheit von Arbeit, Krankheit und Tod verschont blieb, ist endgültig vorbei. Nach einer anderen Lesart der ‚Werke und Tage‘ beendet Pandoras Sündenfall nicht die Goldene, sondern die Heroische Zeit, also die geschichtliche Periode, aus der sich die Sagen und Mythen der Griechen speisen.
- Doch was ist mit der Hoffnung? Das Prinzip existiert doch durchaus in der Welt!
- Sicher, und dies tat es auch schon zu Zeiten Hesiods. Darüber, wie oder ob die Hoffnung dennoch in die Welt gekommen sein könnte, schweigt der Dichter sich aus. Ich bin kein Philologe, aber hier scheint die griechische Mythologie generell nicht vollständig und inkonsistent zu sein. Letztlich vermag man sich wohl vorzustellen, dass die Hoffnung dennoch entweichen konnte. Vielleicht nicht so schnell, sondern eher allmählich. Wie flüchtiger Äther aus einem nicht luftdichten Gefäß.
- Glücklicherweise.
-
Oder das Gegenteil. Der deutsche klassische Philologe Friedrich Wilhelm Nietzsche beschreibt in seiner philosophischen Schrift ‚Menschliches, Allzumenschliches‘ die Hoffnung tatsächlich als das übelste aller Übel, weil ‚der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen‘ und so letztlich die Qual verlängere.
- Die Erhaltung des Elends.
-
Ein ähnlicher Gedanke wie der eines Vorbilds des jungen Nietzsche. Der deutsche Philosoph Artur Schopenhauer, der die Welt auf die Prinzipien der Vorstellung und des Willens zum Leben zurückführt, kommt über eine analoge Argumentation zu dem Schluss, dass diese Welt die schlechteste aller möglichen Welten sei. In Abgrenzung zu dem deutschen Philosophen, Mathematiker, Jurist, Historiker, politischem Berater der frühen Aufklärung und Namensgeber Ihrer Alma Mater Gottfried Wilhelm Leibniz, der als der universale Geist seiner Zeit galt und einer der bedeutendsten Philosophen des ausgehenden siebzehnten und beginnenden achtzehnten Jahrhunderts sowie einer der wichtigsten Vordenker der Aufklärung war. Leibniz vertrat im Gegensatz zu Schopenhauer die Ansicht, dass diese Welt die Beste aller möglichen Welten sein müsse. Denn wenn Gott etwas anderes erschaffen hätte, wäre er nicht das vollkommene Wesen, für das er gemäß des christlichen Glaubens gehalten wird.
- Die spinnen, die Philosophen!
-
Bei Pandora 2.0 wird umgekehrt die Hoffnung, und keine Übel, Laster, Untugenden, Mühen oder Krankheiten und schon gar nicht der Tod in die Welt entlassen.
- Das ist erfreulich. Und die Erscheinungsform der Hoffnung ist die sterilisierender Viren.
-
Sie haben das Prinzip verstanden.
- Welche Form hat hier die Büchse? Die einer Injektionsspritze?
-
So der Plan. Einige wenige Probanden sollen tatsächlich auf diese Weise infiziert werden, und die Verbreitung des Virus über übliche Ansteckungswege wie Tröpfchen-, Kontakt- bzw. Schmierinfektion oder die Infektion über den Austausch von Körperflüssigkeiten oder blutsaugende Insekten erfolgen. Oder über die Atmosphäre, wie bei Windpocken das Varizella-Zoster-Virus über einige Meter in der Luft.
- Gibt es erste Entwicklungen?
-
Positiv. Ein Virus, das gegen Drosophila, eine Gattung aus der Familie der Taufliegen, wirkt. Das Team für die Tests wartet auf den Startschuss.
- In wie weit Erkenntnisse aus Tests mit Drosophila auf Homo sapiens übertragbar sind, ist natürlich unklar.
- Sicher. Deshalb sollen Testviren für eine ganze Reihe weiterer Wirtstiere entwickelt oder weiterentwickelt werden, darunter die Aga-Kröte, aufgrund der schon vorhandenen Expertise, Konzepte und Daten, sowie ausgewählte Schlangen-, Sperling-, Mäuse- und Primatenarten.
- Wenn die Viren funktionieren, wird das betreffende Wirtstier aussterben.
-
Im Extremfall, ja. Ein Kollateralschaden.
- Im Fall des Menschen vielleicht weniger wünschenswert.
-
Das ist tatsächlich der wunde Punkt dieses Projekts und die eigentliche Herausforderung. Ein Virus zu entwickeln, dass nicht alle, sondern nur einen Teil der Menschen steril macht.
- Wie soll das bewerkstelligt werden?
-
Hierzu gibt es verschiedene Meinungen und Konzepte. Eine Partei ist der Ansicht, dass für jedes Virus immer automatisch auch resistente Individuen im Genpool der Wirtsorganismen existieren, so dass ein virusbedingtes Aussterben einer Spezies unwahrscheinlich und diese Frage deshalb irrelevant sei.
- Ein valider Ansatz.
-
Eine andere Partei wiederum ist der Auffassung, es sei es zu riskant, sich auf das automatische Vorhandensein resistenter Individuen zu verlassen, und dass Resistenzen von vorneherein ins Design des Virus einzubauen seien.
- Man könnte das Virus so konstruieren, dass es nur gegen einen Genotypen A wirkt, während Genotyp B resistent ist.
-
Aber wie würde man A und B am besten wählen?
- Auf keinen Fall sollte es sich dabei im verschiedene Rassen handeln. Sonst liefe das Projekt auf einen Genozid hinaus.
-
Natürlich.
- Will man die Weltbevölkerung perspektivisch auf einen Bruchteil reduzieren, sollte es sich bei B um eine Minderheit handeln. Ein Marker für Resistenz könnte beispielsweise Laktoseintoleranz sein.
-
Ich bin nicht sicher, ob das zielführend sein könnte. Vermögen Sie das näher zu erklären?
- Die Produktion des Enzyms Laktase ist genetisch gesteuert. Der Mensch hat im Laufe seiner Evolution die Fähigkeit erlangt das Enzym Laktase auch im Erwachsenenalter zu produzieren. Diese Entwicklung ging mit der Domestikation des Rindes einher. Die Mehrheit der Bevölkerung kann Laktose verdauen. Man könnte nun einen Virus konstruieren, der nur laktosetolerante Menschen steril macht.
-
Wäre das nicht ein evolutionärer Rückschritt? Außerdem würde das die komplette Milchindustrie überflüssig machen und vernichten.
- Stimmt. Aber, letzteres betreffend, müssen wir sowieso damit rechnen, dass unser Projekt gewaltige wirtschaftliche Umwälzungen mit sich bringen wird.
-
Zugegeben. Aber Sie ignorieren einen anderen wichtigen Punkt. Die Laktoseintoleranz ist geografisch nicht gleichverteilt. Fragen wir mal Google. Moment. Ja, hier haben wir’s. Es gibt in Bezug auf die Laktoseintoleranz ein Nord-Süd- und ein West-Ost-Gefälle. In nordischen Ländern können fast neunzig Prozent der Bevölkerung Laktose verdauen, während in südlichen Regionen Europas nur circa zehn bis dreißig Prozent und in Äquator-Nähe und in Asien nur etwa zwei Prozent Laktose verdauen können. Insgesamt betrifft diese Entwicklung nur ein Viertel bis ein Drittel der Weltbevölkerung. Der globale Effekt wäre somit kleiner als der, den die Initiatoren unseres Projekts im Sinn haben.
- Das leuchtet mir ein.
-
Ferner entspräche Ihr Ansatz einem Genozid am europäischen Typ, während in China kaum ein Effekt erzielt werden würde. Die Bevölkerungsverteilung zwischen den Ländern und Kontinenten und somit das komplette internationale Machtgefüge würde völlig aus den Fugen geraten.
- Sie haben recht. Das war ein Schnellschuss. Aber sowieso sind wir gerade in einer Phase des Ideensammelns. Ich fange ja gerade erst an, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
-
Natürlich. Das verstehe ich. Sie haben völlig recht. Machen wir erstmal Brainstorming.
- Lassen Sie mich kurz nachdenken. Ja, das ist es. Ich habe schon eine andere Idee. Damit könnten wir sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
-
Sie machen mich neugierig.
- Nehmen wir an, wir koppeln die Wirksamkeit unseres Virus an den Testosteronspiegel des Wirts. Je höher der Spiegel, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Sterilisierung durch das Virus. Dann würden gerade aggressive Menschen aussterben und die Welt würde nicht nur weniger beengt, sondern auch friedlicher.
-
Geniale Idee.
- Dann sollte wir sie verfolgen.
-
Allerdings… Mit diesem Ansatz würden praktisch nur Männer sterilisiert. Ich bin mir nicht sicher, ob hierdurch das Problem gelöst werden würde. Dann würden die Frauen mit einem sterilen Mann in ihren fruchtbaren Tagen nur hinreichend oft fremdgehen müssen, bis sie auf einen fruchtbaren Mann stoßen.
- Die ganze Moral würde sich ändern. Die Promiskuität von Frauen würde gefördert, gesellschaftliche Strukturen, Ehen und Paargemeinschaften aufgeweicht und zerstört. Frauen könnten sich Harems von Männern halten, und jeder Mann könnte mehreren Harems angehören.
- Ein komplementärer Virus könnte umgekehrt Frauen mit zu hohem Östrogenspiegel sterilisieren.
- Was würde das bedeuten?
-
Wir sollten mal googeln. Welche Auswirkungen hat ein zu hoher Östrogenspiegel? Aha, da haben wir’s. In einer Population von Frauen mit niedrigeren Östrogenwerten in der Nachfolgegeneration wäre die Häufigkeit von Gebärmutter- oder Brustkrebs, Depressionen und Knochenmasseverlust niedriger.
- Im Übergangsstadium wird es irgendwann zu viele Menschen im Rentenalter und zu wenige im Arbeitsalter geben, so dass die Renten nicht mehr finanzierbar sind.
- Jedenfalls ein komplexes Problem, das wir nicht sofort lösen werden. Doch für die volkswirtschaftliche Thematik sind ist eine andere Abteilung zuständig. Wir sollten uns auf die biotechnologischen Aspekte konzentrieren.
- Werden wir über den Fortgang der ökonomischen Konzeptionierung unterrichtet?
-
Es gibt regelmäßige abteilungsübergreifende Treffen, in denen die entsprechenden Führungspersonen sich austauschen und eine gesamtheitliche Sicht diskutiert wird.
- Das ist gut und wichtig.
-
Ihr Tagesgeschäft wäre die Leitung der biotechnologischen Abteilung, die wiederum in diverse Labore und Teams unterteilt ist.
- Wer hat ihre Organisation ins Leben gerufen?
-
Gründungsmitglieder rekrutierten sich aus dem harten Kern der Exctinction Rebellion Bewegung.
- Wie wird das Unternehmen finanziert?
-
Es gibt diverse Geldgeber, deren Interessen befriedigt werden müssen.
- Welche Interessen? Hier geht es doch um die Lösung eines globalen Problems, welches die gesamte Menschheit betrifft, und das nicht zum Spielball partikulärer Interessen werden sollte!
-
Soweit die Theorie. Leider lässt sich das praktisch nicht umsetzen. Wir sind gezwungen, Kompromisse einzugehen.
- Sehr ernüchternd.
-
Das ist Realpolitik.
- Sicher gibt es bei dieser Position einen Vorgänger. Was ist mit ihm passiert? Ist er befördert worden?
-
Sie sind sehr klug und stellen die richtigen Fragen. Ich will ehrlich sein. Es gibt Kräfte, die mit unserem Ansatz nicht einverstanden sind und dagegen intervenieren.
- Auf welche Weise?
-
Manche haben versucht, das ganze Vorhaben öffentlich zu machen.
- WikiLeaks?
-
Auch.
- Whistleblower!
-
Wären sie, wenn es ihnen gelungen wäre. Wir haben es jedoch zu verhindern gewusst.
- Wie?
-
Unser Vorhaben ist zu wichtig, um auch nur das kleinste Risiko einzugehen, indem man auf geltende rechtliche oder ethische Konventionen Rücksicht nähme.
- Verstehe.
-
Die Gegner des Projekts denken allerdings ähnlich.
- Und so sind die Leben von Mitarbeitern Ihrer Organisation in deren Visier, richtig?
-
Wir tun alles, um unsere Beschäftigten zu schützen. Indem wir sie komplett von der Außenwelt abschotten und ihnen vor Ort ein Paradies bieten. Mit Einkaufszentren, ärztlicher Versorgung, Freizeitparks, Kulturzentren und Sportmöglichkeiten.
- Das mindert natürlich auch das Risiko, dass Informationen von innen nach draußen durchsickern.
-
Sie haben es erfasst.
- Das heißt aber auch, dass die Abschottung nicht nur zum Wohl der Mitarbeiter ist.
-
Dieses Wohl liegt uns sehr am Herzen, da jeder Einzelne zum Gelingen unseres Vorhabens beiträgt.
- Ich will es anders ausdrücken: Dürfen ihre Beschäftigten, so sie wollten, die Geborgenheit ihres Paradieses verlassen?
-
Leider nein.
- Dachte ich es mir doch.
-
Dieses Verbot dient aber zu ihrem eigenen Wohl. Viele unterschätzen die Gefahr, die ihnen draußen droht.
- Was geschieht, wenn das Verbot überschritten wird?
-
Das passiert nicht.
- Wirklich nicht? Was, wenn es passieren würde?
-
Derjenige müsste beseitigt werden. Zum Schutz des Projekts.
- Wie hoch ist die Gefahr von Eindringlingen? Gibt oder gab es welche?
-
Nur sehr wenige.
- Sie haben mir immer noch nicht verraten, was mit dem Vorgänger geschehen ist.
-
Es gab Eindringlinge, die vor keinem Mittel zurückschreckten, unser Vorhaben zu stoppen.
- Man packt die Schlange am Kopf. Wurden Führungspersonen gewaltsam eliminiert?
-
Das ist vorgekommen.
- Danke, jetzt kann ich mir ein grobes Bild machen.
-
Überlegen Sie es sich. Genießen Sie solange unser Paradies. Lassen Sie sich Zeit. Denn es ist ja eine weitreichende Entscheidung.
- Bis wann erwarten Sie meine Antwort?
-
Da Sie sehr entschlusskräftig sind, werden Sie mir in zwei Wochen Bescheid geben.
- Was ist, wenn ich absage?
-
Sie sind zu intelligent, um nicht zu wissen, welche sicherheitstechnischen Konsequenzen das hätte.
- Natürlich.
-
Ich rufe jetzt einen Mitarbeiter, der Sie zu Ihrer Unterkunft bringen wird.
- Ich danke Ihnen.
Dr. Hall tippte eine Nummer in sein Handy und sprach dann hinein.
- Dr. Kleber ist jetzt so weit. Bitte holen Sie ihn ab.
 
Hallo vknecht,

der Dialog zieht sich zwar ein bisschen, aber ein solches Projekt sollte natürlich von allen Seiten sehr genau betrachtet werden, wenn man die Folgen nicht außer acht lassen will. Aber glaubst Du wirklich, dass das noch so sehr Science-Fiction ist?;)
Das mit dem Virus haben wir doch jetzt gerade. Der stammt bestimmt aus irgendeinem Genlabor. Genau so, wie es damals vom Aids-Virus vermutet wurde.
Also ich glaube schon, dass da im Verborgenen bereits an einer praktikablen Lösung geforscht wird, den Anstieg der Erdbevölkerung auszubremsen. Denn eins ist klar: wenn es so weitergeht, kommt irgendwann der ganz große Knall. Den möchte keiner von uns erleben müssen.
Und ich denke auch, Du siehst es sehr realistisch, dass Trinkwasser irgendwann zu einem Gut wird, um das es Kämpfe geben wird. Erderwärmung sei Dank.

Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 


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