Paul

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Ciconia

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Mann tot Kommen sofort erwünscht

Das Telegramm der Deutschen Reichspost ist adressiert an „Frau Paul Dreyer“.
Absender des Textes ohne Punkt und Komma: das Bürgermeisteramt eines kleinen Ortes im Sauerland
Es erreicht die Adressatin Emilie Dreyer, genannt Emmy, und ihre Tochter Margot in einem kleinen norddeutschen Dorf am Tag nach Pfingsten 1946.
Paul Dreyer wurde am Pfingstsonntag im Alter von 48 Jahren kaltblütig ermordet, nachdem er zwei Weltkriege unbeschadet überstanden hatte.

Als Paul 1916 mit 19 Jahren in den ersten Krieg zieht, ist er voller jugendlicher Überzeugung. Seine Elektrikerlehre hat er erfolgreich abgeschlossen und gerade eine neue Stellung als Betriebselektriker am Stadttheater seiner Heimatstadt im Osten Deutschlands angetreten. Er liebt das Theater, und er liebt seine Arbeit. Der Traum dauert nur fünf Wochen. Dann folgen zwei Jahre Krieg, die er unversehrt übersteht.

Die hübsche Emmy lernt er schon während des Krieges kennen, es muss für beide die große Liebe gewesen sein. Sie heiraten Anfang der Zwanzigerjahre, die Tochter Margot wird geboren. Sie bleibt ein verwöhntes Einzelkind, das den Vater vergöttert. Die folgenden Jahre sind beschwerlich, aber Paul ist fleißig und kann seine Familie gut durchbringen. Den Traum vom Theater lebt er mit einer Zusatzbeschäftigung als Beleuchter am Stadttheater weiter. So erhält er freien Zutritt zu den Vorstellungen.

Der kleinen Familie geht es in den Anfangsjahren des Dritten Reiches gut, man nutzt die neu gebotenen Möglichkeiten, ohne sich politisch zu engagieren. Paul ist sportlich, unternehmungslustig und immer die treibende Kraft in der Ehe. "Kraft durch Freude" ermöglicht dem Paar eine Reise nach Südtirol, wo Paul das Bergsteigen für sich entdeckt, während Emmy es vorzieht, die örtlichen Konditoreien aufzusuchen. Sie mag es lieber gemütlich. Es bleibt ihr einziger gemeinsamer Urlaub.

Die nächste große Reise tritt Paul wieder allein an. 1939 wird er mit knapp 42 Jahren in den zweiten Krieg einberufen. Diesmal scheint er nicht überzeugt. Auf Fotos aus dieser Zeit lächelt er trotzdem meist fröhlich in die Kamera. Aus Frankreich schreibt er zunächst begeisterte Briefe über Land und Leute. Später in Russland ist von Begeisterung nichts mehr zu spüren.

Währenddessen erleben Emmy und Margot die Kriegsjahre in der Hölle nächtlicher Bombenangriffe auf ihre Heimatstadt. Sie verbringen unzählige Nächte in Luftschutzkellern und müssen mit alledem allein zurechtkommen. Diese Erlebnisse werden die beiden ihr Leben lang sehr eng zusammenschweißen. Paul sieht seine Familie jahrelang nur noch während seiner Fronturlaube.

Im März 1945 kommt der Evakuierungsbescheid, Emmy und Margot müssen die Stadt mit einem Zug Richtung Westen verlassen. Sie sind mehrere Tage auf abenteuerlicher Route unterwegs, denn immer wieder kommt es zu Bombenangriffen. In dem unendlichen Chaos dieser letzten Kriegswochen weiß niemand mehr so recht, wo es hingehen soll. Die beiden Frauen aus der Großstadt landen schließlich irgendwo in Norddeutschland auf dem platten Land. Sie werden erst einmal im umgebauten Hühnerstall eines Landwirtes untergebracht. Immerhin kümmert sich die Familie rührend um die Frauen. Nicht allen Flüchtlingen in dem kleinen Ort geht es so. Die meisten hoffen, irgendwann in ihre Heimat zurückkehren zu können. Margots Poesiealbum aus den Jahren 1945/46 enthält neben den üblichen Sinnsprüchen, Datum und Unterschrift fast immer den Zusatz „Flüchtling, zur Zeit Neuendorf“.

Paul hat unterdessen keine Ahnung, wo Frau und Tochter abgeblieben sind, Briefe gibt es schon seit Monaten nicht mehr. Auch seinen zweiten Krieg hat er ohne größere Verletzungen überstanden – zumindest äußerlich. Nach Kriegsende macht er sich auf den beschwerlichen Weg in seine Heimatstadt und findet dort nur seine betagten Eltern, denen der Krieg gesundheitlich schwer zugesetzt hat. Er kommt erst einmal bei ihnen unter und beginnt unverzüglich mit der Suche nach seinen Frauen.

Auch Emmy und Margot haben den Suchdienst des Roten Kreuzes kontaktiert, der in jenen Jahren Unglaubliches leistet. Es dauert nur wenige Monate, bis Paul eine Postkarte erhält: „Ihre von Ihnen gesuchte Ehefrau Emilie Dreyer befindet sich in Neuendorf …“ Paul zögert nicht lange und zieht wieder nach Westen. Vorher sorgt er noch dafür, dass seine schwerkranken Eltern bei seinem Bruder außerhalb der Stadt unterkommen können. Sie sterben Ende 1945 beide kurz hintereinander.

Im Februar 1946 ist die kleine Familie endlich vereint. Alles könnte gut werden, zumindest den Umständen entsprechend. Paul ist entsetzt über das Umfeld, in denen er Emmy und Margot vorfindet. Sie haben zwar inzwischen ein größeres Zimmer gefunden – aber von der früheren hübschen Stadtwohnung mit Bad und Telefon sind sie Welten entfernt. Paul erkennt schnell, dass es hier in ländlicher Umgebung für ihn keine Arbeit geben wird. Ein Kriegskamerad aus dem Sauerland beschreibt ihm in einem Brief überschwänglich, wie gut die Arbeitsbedingungen dort seien, er könne dort in seinem Beruf jederzeit eine Anstellung finden. „Komm uns doch mal besuchen und schau Dir die Gegend an“, schreibt der Kamerad. Paul zögert auch dieses Mal nicht. Kurz vor Pfingsten 1946 fährt er mit dem Zug ins Sauerland. Er hätte seine Frauen gern dabeigehabt, aber das Geld reicht nur für eine Fahrkarte.

Am Pfingstsonntag, einem sonnigen Juni-Tag, unternimmt Paul zusammen mit der Familie des Kriegskameraden und deren Nachbarn einen längeren Spaziergang in den umliegenden Wäldern. Man kann vermuten, dass er am letzten Tag seines Lebens zuversichtlich und gut gelaunt war.

Der Angriff von zwei bewaffneten Männern erfolgt aus dem Hinterhalt. Sie bedrohen die Spaziergänger mit Waffen und fordern die Herausgabe aller Wertgegenstände. Was hat ein Spaziergänger im Jahr 1946 Wertvolles dabei? Paul trägt eine goldene Uhr aus Vorkriegszeiten, das einzige Stück von Wert, das er überhaupt noch besitzt. Deshalb kann ihm niemand verdenken, dass er seinen Besitz zu verteidigen versucht und die Uhr blitzschnell im Schuh verschwinden lassen will. Eine fatale Entscheidung, denn die Räuber werden durch seine unvermittelte Bewegung nervös, sie schießen sofort. Zwei Schüsse, einer in den Bauch und einer durchs Knie, führen zu einem sofortigen schweren Blutverlust. Obwohl einer der Freunde schnellstens in den Ort läuft, um Hilfe zu holen, vergeht fast eine Stunde, bis ein Rettungswagen in dieses abgelegene Waldgebiet kommt. Paul wird in das Kreiskrankenhaus eingeliefert, wo er am selben Abend seinen schweren Verletzungen erliegt.

Frau und Tochter erhalten das Telegramm mit dem brutalen Text am Dienstag nach Pfingsten. Ohne weitere Informationen setzen sie sich in einen der überfüllten Züge und reisen zum Ort des Geschehens. Die befreundete Familie ist ihnen eine große Hilfe. Sie nimmt die beiden Frauen herzlich auf und organisiert alles, was es zu organisieren gibt. Die Beisetzung erfolgt auf dem örtlichen Friedhof. Emmy steht noch viele Jahre mit den Freunden in Verbindung. Sie selbst bleibt bis an ihr Lebensende in Norddeutschland.

Die Täter werden nie gefasst. Da man aber Parallelen zu ähnlichen Überfällen im Umland erkennt, geht man davon aus, dass es sich um vagabundierende ehemalige Zwangsarbeiter – „vermutlich polnische Staatsangehörige“ – handelt. Auch sie haben durch den Krieg ihre Heimat verloren und schlagen sich auf ihre Weise durch. Einer von ihnen wird Monate später eines anderen Mordes überführt und zum Tode verurteilt.

Emmy Dreyer überlebt ihren geliebten Mann um 45 Jahre. Sie will nie wieder einen anderen Partner. „Ich hatte einen herzensguten Mann“, hört man sie oft sagen.

Das letzte Foto von Paul zeigt ihn wenige Wochen vor seinem Tod: ausgemergelt, mit eingefallenen Wangen, wesentlich älter aussehend, als es seinem tatsächlichen Alter entspricht, aber mit einem gütigen Lächeln und munteren Augen. Pläne für die Zukunft hätte er sicher noch genug gehabt.
 

Ciconia

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Hallo Franke,

lächerlicher als Deine Rachebewertung ist nur noch Dein Kommentar. Ich dachte, aus dem Kindergartenalter seiest Du hinaus.

Ich empfehle Dir, mal den Begriff Repetitio nachzuschlagen – vielleicht erkennst Du dann den Unterschied zu den Wiederholungen in Deinen Texten und kannst daraus lernen.

Aber Deine Reaktion zeigt mir, dass Du bei dieser Geschichte gar nicht über die ersten Sätze hinausgekommen bist und nur dort verletzen wolltest, wo es Deines Erachtens am meisten wehtut - nämlich bei einer persönlichen Geschichte im Tagebuch.

Ciconia
 

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