Payoff

Manhattan. Der wohl bekannteste Stadtteil der Welt. Seit Ewigkeiten pilgerten Menschen aller Art hierher, um ein neues Leben anzufangen, um ihren Traum zu verwirklichen und erfolgreich zu werden. Mark hatte es geschafft, doch für ihn war es wahrlich kein Traum in diesem Viertel zu leben, wenn man überhaupt noch von „leben“ sprechen konnte. Etwas anderes als Arbeit gab es nicht wirklich in seiner Welt. Genauso wenig wie für irgendjemand anderen in New York City. Acht Millionen Menschen, die täglich die Straßen querten und Cafés besuchten, doch niemand der offen für eine Konversation war. Alle waren sie in ihre Handys, Laptops, Zeitungen, Dokumente oder schlicht ihre Gedanken vertieft. Keine Zeit für Gespräche. Alle mussten sie weiter. Wohin? Immer vorwärts. Und wenn dann doch in seltensten Fällen ein kurzer Austausch stattfinden sollte, dann ging es entweder darum sich zu vernetzen oder dem Gegenüber von seinen beruflichen Erfolgen zu erzählen. Sowohl jene, die in der Vergangenheit lagen, als auch jene die in wenigen Jahren bestimmt folgen würden. Jeder in New York war so gestrickt. Ausnahmslos jeder.

Der Druck, der über ganz Manhattan lastete war enorm. Der Wettbewerb war riesig. Jeder gab ununterbrochen 110 Prozent, doch im Grunde wollten sie sich alle einfach nur in eine Couch fallen lassen und sich von einem bedeutungslosen, doch amüsanten Film berieseln lassen mit dem befriedigenden Gedanken im Hinterkopf, ausgesorgt zu haben. Die Spitze der Karriereleiter erreicht zu haben und endlich die Füße hochlegen zu können. Entspannung nach Erfolg. Das war es auf was alle hinarbeiteten und der Grund, weshalb sie wie verrückt mit ihren Aktenkoffern in der Hand, gekleidet in ihrem feinsten Zwirn durch die Straßen irrten, wie Fische in einem Aquarium, die noch immer nach einem Ausweg suchten, nachdem sie schon zum hundertsten Male gegen die Scheibe stießen.

Für Mark war dieser Moment nicht mehr fern. Er war erfolgreicher und wohlhabender als 99 Prozent in ganz New York, ziemlich sicher sogar in ganz Amerika und somit auch dem Rest der Welt. Das einzige an was es ihm fehlte war Zeit. Der ganze Reichtum erfüllte nicht wirklich seinen Zweck, wenn man ihn sich nicht zunutze machen konnte. Und auch wenn er Mark schon viele Male seinen Dienst erwiesen hatte, dann war es doch immer aus dem Grund heraus sich noch mehr Ruhm oder Reichtum zu erkaufen.

Auch er hatte bei null angefangen. Als er damals in die Stadt kam wusste er noch nicht viel über Investments, Wirtschaft oder Banking. Einige Jahre später stand er nun kurz vor der Beförderung zu einer der höchsten Positionen in der zurzeit einflussreichsten Firma Amerikas. Eine Position, die keinen Titel trug. Solche Positionen waren der Öffentlichkeit nicht einmal mehr bekannt. Wer dachte, dass ein Unternehmen dieser Größe von einem CEO geleitet wurde, lag schlicht und einfach falsch. Die wahren Giganten blieben den Menschen, auch den meisten Angestellten der Firma selbst, verwehrt. Würde Mark zu einer solchen Position kommen, hätte er es geschafft. Mit Sicherheit. Er hätte die letzte Sprosse der Leiter erklommen und könnte zufrieden und stressfrei den Ausblick genießen und auf die letzten 25 Jahre zurückblicken, die von Schlaflosigkeit, Stress und Verantwortung geprägt waren. Spätestens dann könnte er darüber lachen, wissend, dass es sich gelohnt hatte.
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Es war spätabends und nieselte leicht gegen die Fensterscheibe des Rolls Royce Phantom VIII, aus dem Mark starrte. Robert, Marks Chauffeur, der ihn mittlerweile wie kein anderer kannte, da er tatsächlich den Großteil seiner Zeit im Auto oder im Flugzeug verbrachte, um von Meeting zu Meeting zu reisen, warf ihm einen Blick im Rückspiegel zu, bevor er zur Frage ansetzte: „Alles okay? Sie wirken unruhig.“
„Alles gut, danke Robert“, erwiderte Mark. Kurz darauf revidierte er jedoch seine Aussage: „Ehrlich gesagt bin ich etwas nervös. Ich denke es ist so weit.“
„Mr. Sagit?“
„Mr. Sagit“, bestätigte Mark. Robert grinste Mark flüchtig im Rückspiegel zu, um seiner Empathie Ausdruck zu verleihen. „Bringt er Sie zum Pool?“
„Das will ich doch hoffen“, murmelte Mark etwas abwesend zurück. Er war gerade damit beschäftigt seinen Drei-Tage-Bart abzurasieren. Eine äußert heikle Angelegenheit im Auto. Keinesfalls könnte er es sich leisten Mr. Sagit mit einem Schnitt im Gesicht gegenüberzutreten, doch mittlerweile war er so geübt, dass ein solches Malheur nie geschehen würde. Robert äußerte sich erneut: „Haben Sie ihn schon mal gesehen?“
„Hmm?“, fragte Mark noch immer mehr mit seiner Rasur beschäftigt, weshalb er Robert nicht seine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. „Mr. Sagit. Haben Sie ihn bereits getroffen?“
„Möglicherweise ein- oder zweimal. Er lässt sich nicht gerne blicken“.
„Und den Pool?“ Das Phantom raste über eine Bodenwelle. Ein paar zusätzliche Wassertropfen klatschten gegen die Scheibe, kurz nachdem es den heftigen Ruck zu spüren gab.
„Gottverdammt, Robert!“, schrie Mark empört. Hektisch zog er einen Handspiegel aus dem Seitenfach des Autos hervor und betrachtete energisch sein Gesicht aus allen Perspektiven. Seine blau-grauen Augen starrten zurück. Einige Falten waren sichtbar und die grauen Haare wurden immer mehr, gleichzeitig jedoch auch weniger, da ihm inzwischen auch immer mehr ausfielen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich eine Glatze rasieren müsste, um nicht lächerlich zu wirken. Ein Schnitt war aber definitiv nicht zu entdecken. „Verzeihung, den konnte ich nicht kommen sehen“, entschuldigte sich Robert.
„Ist schon gut.“
„Also? Haben Sie ihn schon mal gesehen?“
„Den Pool? Seien Sie nicht albern Robert, niemand verliert je ein Wort über ihn. Die Leute, die behaupten sie hätten ihn gesehen sind Heuchler. Nichts als Möchtegerns.“
„Nichts für ungut, aber Sie können doch gewiss nicht der Erste sein. Außerdem gibt es Geschichten. Ein Pool, das sich über die ganze Etage des obersten Stockwerks von Mr. Sagits privatem Penthouse in Manhattan erstreckt. Auf allen Seiten umgeben von nichts als Glasfenstern. Der schönste Blick auf New York, den man sich nur wünschen kann. Eine architektonische Meisterleistung.“
„Ich bin gewiss nicht der Erste, doch du weißt nicht von wem diese Geschichten stammen, Robert. Aber eins steht fest, sobald ich dieses verdammte Pool gesehen habe, wars das für mich. Es ist das höchste aller Ziele. Der letzte Schritt. Alle, die bisher in meiner Position waren sind früher oder später ausgewandert, hatten nie mehr etwas mit der Firma zu tun. Mit Ausnahme von Mr. Sagit selbst, versteht sich.“
„Wohin ausgewandert?“
„Bahamas, Kuba, Monaco, Dubai, was auch immer dein Herz begehrt.“
„Was begehrt das Ihre?“
„Ich denke das entscheide ich spontan. Ich habe schon genug geplant.“ Eine Weile schwiegen beide still, bevor Robert den Schluss ziehen konnte: „Dann ist es heute unsere letzte Fahrt?“
„Wenn es gut läuft, so befürchte ich, ja.“ Marks Trauer kam nicht wirklich an, bei dem Grinsen, das er im Gesicht hatte. Aber Robert tat es ihm gleich und grinste zurück.
Der Bart war weg. Das Rasierzubehör wurde wieder im Seitenfach verstaut, zusammen mit dem Handspiegel, aber nicht bevor Mark nicht nochmals mit der Handfläche über sein Gesicht strich, um vergessene raue Stellen auszuschließen. Mittlerweile regnete es draußen in Strömen. „Das ist die Adresse, die Sie mir gegeben hatten“, sagte Robert und hielt an.
„Falls mir kein Chauffeur für die Heimfahrt zur Verfügung gestellt wird, rufe ich Sie an.“
„Jederzeit, Mark“, erwiderte Robert und versuchte sich aus seinem Sitz zu zwängen, um Mark die Türe zu öffnen, was ihm aufgrund seiner Statur nicht allzu leichtfiel.“
„Bitte bleiben Sie sitzen, es schüttet ja wie verrückt.“
Robert drehte sich um und grinste Mark abermals an, diesmal allerdings direkt, anstatt im Rückspiegel. Er streckte ihm die Hand entgegen: „War mir ein Vergnügen“. Mark erwiderte den Händedruck und lächelte Robert ein letztes Mal zu: „Gleichfalls“. Er richtete seine Krawatte, was weniger mit seinem Aussehen, sondern mehr mit einem einfachen Tick zu tun hatte, dann öffnete er die Türe und drückte auf den Knopf, der den Regenschirm mit einem hörbaren Klick aus dem Phantom erscheinen ließ. Einer der Gründe, weshalb er unbedingt einen Rolls Royce haben wollte. Andere würden ihn dafür vermutlich auslachen. Doch inzwischen war ihm sein blau-silbern glänzender Wagen ohnehin schon ans Herz gewachsen, egal ob mit oder ohne Schirm. „Bring ihn sicher heim!“, sprach Mark laut durch den Regen zu Robert. Dann schlug er die Türe zu und spannte den Schirm auf. Er sah noch aus dem Augenwinkel, wie Robert ihm den Daumen nach oben zeigte und konzentrierte sich dann auf das Gebäude, vor dem er stand.

Mark betrachtete die Fassade. Auf den ersten Blick ein ganz normales Wohnhaus, wie es sie in Manhattan zu häufe gab. Sein Blick wanderte weiter nach oben. Er fragte sich, wie ihm der etwa fünfstöckige Würfel, der wie auf das Gebäude aufgesetzt wirkte, bisher entgehen konnte. Er war ihm noch nie zuvor aufgefallen, doch die Gegend war ihm sehr wohl bekannt. Ein komplett verglaster Würfel, dessen Fenster den Blick nur von innen durchließen und das Mondlicht reflektierten. Mr. Sagits Penthouse.

Als Mark die wenigen Stufen zur Türschwelle hinaufschritt, wurde ihm die Tür bereits durch irgendeine Form von Automatik geöffnet. Der Eingangsbereich war größtenteils leer. Lediglich ein Aufzug befand sich am hinteren Ende des Erdgeschosses. Der erste von drei Aufzügen, wie er kürzlich herausfinden sollte. Mark betrat ihn und betätigte den Knopf für die oberste Etage, welche der ersten Ebene von Mr. Sagits Penthouse entsprach. Während der Fahrt fragte er sich, wer wohl sonst noch in dem Haus leben würde, oder ob die unteren Wohnungen ebenfalls zu Mr. Sagit gehörten. Möglicherweise wurden hier auch Akten, Dokumente oder sonstiges Zeug verstaut und mit Sicherheit war es nicht die einzige Bleibe des Multimilliardärs. Langsam steigerte sich die Spannung bezüglich dem, was ihn oben erwartete. Als sich die Aufzugtüren öffneten, gaben sie den Blick auf einen roten Teppich frei, der einen kurzen Gang entlangführte und vor einer massiven Stahltüre endete. Vermutlich würde das Wort „Tor“ sie noch treffender beschreiben. Zwei breit gebaute Männer im Anzug bewachten die Pforte. Einer von beiden hatte den Zeigefinger am Ohr und nickte Mark zu, als er sich dem Tor näherte. Mark nickte zurück und ihm wurde geöffnet.

Er betrachtete nun eine prunkvolle Halle. Allein die Einrichtung musste mehrere Millionen gekostet haben. Alles war von einem leicht dämmrigen Licht erfüllt, welches in Kombination mit der Aussicht auf Manhattans Gebäude, die Halle in eine angenehme Abendstimmung hüllte. Der Smooth Jazz, der leise aus den in die Decke eingearbeiteten Lautsprechern ertönte, komplimentierte das Ambiente nur umso mehr. Zur Linken befand sich eine Bar, die sich fast über die halbe Länge der untersten Ebene zog, gefüllt mit allen erdenklichen Sorten von Whiskey, Vodka, Gin und Rum. Hier konnte man wahrlich die Zeit vergessen. „Mark!“, die Stimme übertönte Boney James‘ „Hold on Tight“, der Song der gerade im Hintergrund spielte. Mark, der seine Augen auf die Bar gerichtet hatte, drehte sich um und sah einen Mann, etwa zehn Jahre älter als er, die ästhetische Glastreppe hinuntersteigen, die in die nächste Etage führte. Die Hand fest am Geländer. Mark adjustierte erneut seine ohnehin schon perfekt sitzende Krawatte: „Mr. Sagit, es ist mir eine Ehre.“
„Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Mark.“ Für Mark war es vollkommen in Ordnung, dass er hier mit seinem Vornamen angesprochen wurde. Mr. Sagit durfte ihn nennen wie er nur wollte. Mr. Sagit war nun bei den letzten Stufen angelangt und Mark konnte ihn näher begutachten. Seine 56 Jahre sah man ihm an, aber er wirkte auch kein Jahr älter. Dafür hatte er irgendetwas mystisches an sich. Er sah aus wie jemand, bei dem man sich nicht sicher war, ob man ihm trauen konnte, jedoch wollte man sich keinesfalls mit ihm anlegen. Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen und die daraus resultierenden Falten erstreckten sich augenscheinlich vorbei an seiner Nase, zu den Augen, die hinter dicken Brillengläsern und umso dickeren Tränensäcken versteckt lagen, bis hin zu seiner glänzenden Glatze. Sie schüttelten Hände und Mr. Sagit umfasste mit seiner linken Hand zusätzlich die Begrüßungshand von Mark. Ein klares Zeichen von Dominanz. „Freut mich Sie endlich persönlich kennenzulernen“, fügte Mark hinzu und setzte ein lächeln auf. „Ich bitte Sie, führen wir unser Gespräch doch bei einem Essen fort, seien Sie mein Gast“, erwiderte Mr. Sagit und brachte Mark zu dem zweiten Aufzug, der sie zu einem gedeckten Tisch brachte. „Das beste Sushi, das man in New York bekommen kann, zusammen mit dem besten Sake aus Japan“, sprach Mr. Sagit stolz, nahm Platz und deutete auf einen Sessel gegenüber von ihm, auf den sich anschließend Mark niederließ.

Das ganze Essen über war Mark angespannt. Es wurde viel über die Firma gesprochen und was Mark schon für sie getan hatte, aber er hatte nicht das Gefühl, dass er zu dem Pool gebracht werden würde. Mr. Sagit machte keine Anstalten über eine Beförderung zu sprechen, oder deutete er das nur falsch? Das Sushi war tatsächlich exzellent, aber Mark konnte es nicht wirklich genießen.
„Ich schätze, Ihre Arbeit, Mark. Und natürlich weiß ich was Sie sich von heute erwartet haben.“ Mark verschluckte sich fast an seinem Maki. Mr. Sagit grunzte, um nicht zu lachen und fuhr fort: „Seien Sie unbesorgt. Sie werden ihn sehen. Sobald Sie hier fertig sind fahren Sie in den letzten Stock, das heißt der letzte Stock, den dieser Aufzug erreicht. Dort erwartet Sie eine Masseuse, sowie Badehose und Bademantel und schließlich der Aufzug, der Sie in den letzten Stock bringt. Ich erwarte Sie dort.“ Mit diesen Worten erhob sich Mr. Sagit vom Tisch und entfernte sich von dem Essbereich, bevor Mark seinen Dank in Worte fassen konnte. Am liebsten wäre er sofort losgerannt und hätte die Massage übersprungen, aber so viel Anstand hatte er dann doch noch. Er war schon so lange geduldig gewesen, da konnte er die letzten Minuten auch noch aushalten.

Die Massage war fantastisch. Fast ließ sie ihn vergessen, weshalb er gekommen war, doch als ihm die Masseuse Bademantel und -hose in die Hand drückte, ihm den Weg zu dem letzten Aufzug deutete und den Raum verließ, stieg die Nervosität und die Vorfreude wieder an. Er ließ den Spa-Bereich hinter sich und stand nun vor dem letzten Lift. Die letzte Tür, die ihn von der letzten Ebene trennte und somit dem Pool trennte. Und somit auch allem was es mit sich brachte, wenn man den ihn gesehen hatte. Mark war bereit. Und wie er bereit war. Sein ganzes Leben arbeitete er auf diesen Moment hin. Er drückte den Knopf und die Türen des Lifts öffneten sich.
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Es war der schönste Aufzug, den er je gesehen hatte. Nicht allzu groß, aber er war ja auch nicht dafür entworfen viele Personen zu transportieren und für eine reichte der Platz völlig. Er war komplett vergoldet und mit Saphiren besetzt. Der Boden war aus Marmor. An der Decke war eine Malerei zu sehen, die eine Quelle zeigte, die aus einem Berg entsprang und hinüber zur rechten Wand des Aufzugs verlief, an der dann, und das war das Highlight, tatsächlich Wasser hinunterlief, quasi ins Nichts. Es war der perfekte Übergang zwischen der Malerei und der Realität. Vermutlich floss das Wasser durch eine kleine Öffnung im Aufzugboden und wurde dann irgendwo unten im Schacht aufgefangen und wieder nach oben gepumpt, aber Mark wollte sich damit gar nicht beschäftigen und es stattdessen einfach genießen. Ähnlich, wie wenn man von einem Magier gar nicht den Trick erklärt bekommen möchte, um die Illusion aufrecht zu erhalten. Mark betrat den Aufzug. Es gab einen einzigen, unbeschrifteten Knopf an der Seite. Nicht einmal die sonst immer vorhandene Notruftaste war hier zu finden. Vermutlich hatte sie dieser Lift gar nicht notwendig.

Mark atmete nochmals tief durch, drückte den Knopf und schloss vorfreudig die Augen. Der Druck, der auf ihm lastete fiel mit einem Mal ab. Stattdessen malte er sich aus, welcher Anblick ihn nun erwartete und wie dieser den prunkvollen Aufzug noch übertreffen konnte.

Als Mark seine Augen wieder öffnete, waren die Aufzugtüren bereits wieder zur Seite gewichen und gaben den Blick in die oberste Etage preis. Beton. Nichts als ein riesiger Raum aus Beton, gestützt von einigen Pfeilern aus Beton. Einige halbzerrissene Plastikplanen waren an manchen Fenstern und auf Teilen des Bodens mit Klebeband befestigt. Der Raum war noch komplett unter Konstruktion. Kein Pool war zu sehen, nicht mal im Ansatz. Er musste im falschen Stockwerk sein, oder zumindest hätte er das gedacht, wäre da nicht noch ein wichtiges Detail gewesen: Mr. Sagit saß ihm gegenüber, auf einem Klappstuhl von der Art, auf der man sonst einen Regisseur erwarten würde. Ironischerweise wirkte das Ganze tatsächlich wie ein schlechter Film. Links und rechts von ihm standen zwei typische Baulichter. LED-Strahler auf gelbem Teleskop-Stativ, die Mark genau ins Gesicht leuchteten, weshalb er von Mr. Sagit nur die Silhouette ausmachen konnte. Zwei weitere Dinge fielen ihm allerdings trotzdem sofort auf: Mr. Sagit war immer noch in seinem Anzug, anstelle von Bademantel und er hatte eine Pistole direkt auf Mark gerichtet. Er hatte keine Möglichkeit zu entkommen.

Eine Weile sagten beide nichts und starrten sich einfach nur an. Mark war entweder unter Schock, hatte die Situation noch nicht ganz verarbeitet oder war schlichtweg zu verwirrt, um einen Satz zu formulieren. Er stand nur da und blickte Mr. Sagit starr in die Augen, welcher sich nach einer gefühlten Ewigkeit nun endlich zu Wort meldete: „Hast du eine Ahnung wie viele Leute schon mit den höchsten aller Erwartungen in diesem Aufzug standen? Die sich versuchten etwas auszumalen, das sie noch nie zuvor gesehen hatten? Den schönsten Pool der gesamten Welt?“ Mr. Sagit klang entspannt und wenn Mark es richtig erkennen konnte, war ihm ein kleines Lächeln ins Gesicht geschrieben. Er wirkte ruhig und dezent amüsiert, doch ernst zugleich. „Es ist doch witzig, wie viele Menschen hier hochgekommen, sind um den Pool zu sehen, wenn der Pool doch nicht einmal existiert. Jeder einzelne, der sich seinen Arsch abgearbeitet hat, getrieben von etwas nicht Existentem. Der Pool existiert nicht, Mark!“. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht und er machte eine kurze Pause, möglicherweise um gesagtem mehr Gewicht zu verleihen. Er schüttelte langsam den Kopf und zog ein trauriges Gesicht während er fortsetzte: „Kein Pool in der letzten Etage dieses Gebäudes. Es hat es nie gegeben. Es ist nur ein Traum. Scheiße, dieses Stockwerk ist noch nicht mal vollständig fertiggebaut.“ Das Lächeln war zurück. Diesmal deutlich. „Es ist nicht fertiggestellt, Mark. Es wird niemals fertig sein.“
„…Ich hab’s verstanden“. Mark unterbrach seinen Monolog. Und er tat es tatsächlich. Seiner Stimme war ein Gemisch von Enttäuschung, Wut und Akzeptanz zu entnehmen. „Klar hast du das, Jeder versteht es. Denn wenn du ehrlich bist hast du es schon immer gewusst, nicht wahr?“, fragte Mr. Sagit. Mark starrte als Antwort den Marmorboden des Aufzugs an. „Nun“, fuhr Mr. Sagit fort: „Wie auch jeden anderen, stelle ich dich nun vor die Wahl. So oder so, jetzt ist Payoff.“
„Payoff“, murmelte Mark zurück. Seine Stimme war nun verärgerter, jedoch gleichzeitig besorgt. Mr. Sagit setzte fort: „Du kannst erneut den Knopf drücken und wieder zurück nach unten fahren, oder du wählst die Kugel“. Mr. Sagit wedelte mit der Waffe. Dann stand er auf, platzierte sie behutsam auf dem Stuhl, drehte sich weg von Mark und ging gemütlich, aber bestimmt auf die hintere Fensterreihe zu, die Hände in den Hosentaschen. Als er sie erreichte, nahm er sich einen Moment, um die Aussicht zu bewundern, bevor er wieder zu sprechen begann, noch immer in die Ferne blickend, herab auf die Skyline von Manhattan. Seine Blicke waren Mark komplett abgewandt, schenkten ihm nicht mal mehr einen Funken von Beachtung. Mark starrte auf die Pistole. Sie rief nach ihm. Sie lag einfach da auf dem Klappstuhl, als wäre kein Gegenstand der Welt bedeutungsloser. Nichts hätte ihn davon abhalten können die Waffe auf Mr. Sagit zu richten. Nichts. Doch Mr. Sagit schien dies keine Bedenken zu machen. „Ich verrate dir etwas, Mark“, fügte dieser hinzu: „Es hat noch nie jemanden gegeben, der nicht den Abzug gedrückt…“
PENG! Der Schuss fiel, noch bevor Mr. Sagit aussprechen konnte. Für einen kurzen Moment war das Gesicht von Mr. Sagit erneut von einem Grinsen gekennzeichnet. „Und es gab nur einen, der sich keine Kugel in den Kopf jagte“, beendete er fast schon flüsternd seinen Satz, aber nun mehr zu sich selbst sprechend, als zu Mark.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Keno Kallinger, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq

Interessante Geschichte mit überraschenden Wendungen! Den Anfang würde ich etwas straffen.


Viele Grüße von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum
 

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