Pfefferminz

4,00 Stern(e) 5 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
„Möchten Sie ein Pfefferminz?“, fragt mich die gebrechlich wirkende alte Frau vor dem Schwesternzimmer, „ich kenn dieses Kribbeln im Hals und hab deshalb immer welche dabei.“

Bevor ich überrascht antworten kann, rückt sie mühsam mitsamt ihrem Rollator zwei Stühle näher zu mir heran. Seitdem ich in dieser Reha-Klinik bin, überfallen mich ständig unerklärliche Reizhustenanfälle. Wahrscheinlich lassen die unerträglichen Juni-Temperaturen und der modrige Geruch in den alten Gemäuern meinen Körper rebellieren. Sie kramt umständlich das Pfefferminzdöschen aus ihrer Rollatortasche und schüttet mir zwei der weißen Kügelchen in die Hand. Ich bedanke mich herzlich. Dann wird sie aufgerufen.

Neben der Hinweistafel „Bitte Diskretionsabstand wahren“ sitzen wartende Patienten auf dem Gang vor der offenen Tür. Eine resolute Schwester erklärt gerade lautstark und überdeutlich, wie das Prozedere am Abreisetag ablaufen wird. Die fragile kleine Frau ist offensichtlich schwerhörig, aber ich sehe sie mehrmals nicken.
„Sie leben noch allein?“ Ich höre keine Antwort.
„Kommt denn ihr Sohn öfter zu Ihnen?“, fragt die Schwester nun schon zum zweiten Mal. Die gemurmelte Antwort scheint nicht ganz zur gestellten Frage zu passen, zumindest hakt die Schwester noch einmal nach: „Wohnt ihr Sohn denn in der Nähe?“ Längeres Schweigen.
„Vielleicht kommt ja jemand vom Roten Kreuz vorbei“, erklärt sie schließlich mit dünnem Stimmchen.

Am nächsten Tag sehe ich sie zusammengesunken neben gepackten Koffern auf den Abtransport in eine ungewisse Zukunft warten.
Pfefferminzdragees habe ich danach immer selbst dabei. Welch eine Lappalie, dieser Husten! Zuhause wird er schlagartig verschwunden sein.
 

Ciconia

Mitglied
Danke für die beiden guten Wertungen. Freut mich, dass Euch diese kleine Episode gefallen hat.

Gruß Ciconia
 

Oben Unten