Philosophie

Der Verlag, in dem Jürgen Habermas publiziert, meldet vorab, dass der Sozialwissenschaftler und Philosoph ein neues Werk (1700 seitig) vorlegt, dessen Erscheinungsdatum für den 30. September 2019 geplant ist. Habermas wird zuvor 90. Die beiden Bände sollen untertitelt sein: „Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen“ (Bd.1); „Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen“ (Bd.2). Das Werk orientiert sich am offenbar virulenten Bedarf an philosophischer Reflexion und ist über- bzw.untertitelt:„Auch eine Geschichte der Philosophie“.


Da der Autor einen anderen Weg nahm als beispielsweise Ralph Dahrendorf, erscheint uns heute gerechtfertigt, ihn neben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zu den ‚prägenden Gelehrten‘ der ‚Frankfurter Schule‘ (Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe Universität, ffm.) zu zählen, und beiläufig zu registrieren, dass er bis heute als einer der „meistzitierten Philosophen der Welt“ gilt.

Die Verlagsvorschau hält fest: „Habermas zeichnet nach, wie sich die Philosophie sukzessive aus der Symbiose mit der Religion gelöst und säkularisiert hat. … In systematischer Perspektive arbeitet er die entscheidenden Konflikte, Lernprozesse und Zäsuren heraus sowie die sie begleitenden Transformationen in Wissenschaft, Recht, Politik und Gesellschaft“.

Wer am Zustand von Politik und Gesellschaft als interessiert Suchender partizipiert, dürfte bei Habermas fündig werden. Sicher gilt das für sein ‚Hauptwerk‘ THEORIE KOMMUNIKATIVEN HANDELNS*. Nicht zu schweigen ist, wenn es um Nähe und Distanz zu seinem Mentor Theodor W. Adorno** geht, dessen ‚negative Philosophie‘ sich das Denken nicht verbieten lassen wollte angesichts einer Kulturentwicklung, wo Hoffnungsschimmer der Menschheit „tendenziell diskreditiert“ erscheinen.

Um den Weg des phantasievollen und eigenwilligen deutschen Intellektuellen, der sich an bedeutsamen Kreuzungen politischer Entwicklung immer wieder artikuliert, zu verstehen, darf man seine Beziehung zu Wolfgang Abendroth und dessen Lehrstuhl in Marburg nicht vergessen. Hier wurde mit STRUKTURWANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT ein tragfähiges Fundament der erstaunlichen Produktivität von Jürgen Habermas gelegt.***

Einerseits hat der Autor mit seiner Kritik des ‚universalistischen Ansatzes‘ von Arbeit und gesellschaftlicher Produktion in Marxens Waren- und Kapitalbestimmung schon früh die von Hegel empfundene „Anstrengung des Begriffs“ auf sich genommen. Den Hegel-Marx Übergang auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften zu rekonstruieren und zu aktualisieren war ein Projekt, das er mit weiteren Wissenschaftlern intensiv verfolgte. Es landete am Starnberger Max Planck Institut in Kooperation mit Carl Friedrich v. Weizsäcker, wo freilich auch nicht in einem politischen Vakuum agiert werden konnte

Legitimationsprobleme im 'Spätkapitalismus' und normative Konflikte der wissenschaftlich-technischen Zivilisation bis zur "Zukunft menschlicher Natur" inklusive der "Grammatik" adäquater Sprache waren u.a. anspruchsvolle Arbeitsfelder.

Inwieweit die theoretischen Konzepte versandeten (Starnberg schloss 1981/84), vielleicht auch von Hirn-, Genforschung ...des arbeitsteiligen Wissenschafts- und Forschungsbetriebs überlagert werden konnten, die wiederum von Kant, Hegel und Marx antizipiert worden waren, wage ich nicht zu beurteilen. Das Problem könnte im neuen Werk einen dezent authentischen Ausdruck finden.

Andererseits ist Jürgen Habermas,vielleicht gegen seinen Zweifel am emanzipativen Wert gesellschaftlichen Produzierens, zweifellos einer der produktivsten professionellen Philosophen der heutigen Zeit. Und darin, dass die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen ist und Probleme meistens nicht unvermittelt sondern auf ‚Umwegen‘ ohne starre Endgültigkeit zu lösen sind, ist eine beträchtliche Anzahl von Intellektuellen über Partei- und nationale Grenzen hinweg mit ihm einig.

* Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung (Bd.I); Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft (Bd.II) Ffm 1981

** Wozu noch Philosophie in: Eingriffe Neun kritische Modelle Ffm. 1964

*** Strukturwandel der Öffentlichkeit Neuwied 1965
 

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