Populist + soziale Medien = Untergang

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oder „wie WIR postfaktisch“ wurden

Erst durch Mobilisierungsmedien wie Facebook, konnten Bewegungen wie AFD oder Pegida breite Aufmerksamkeit erzielen und eine große Mitläuferschar generieren, die wie ein explodierendes Schrapnell große Stücke aus der Gewissheit reißen, die wir mal hatten: In einem liberalen, offenen Staat zu leben.

Ergo: Keine sozialen Medien, kein Aufstand der Irren.

So stellen wir uns das vor. Das WIR werde ich kurz beschreiben und dies beschreibt auch schon das Dilemma. 2017 ist es nicht mehr möglich, für Alle zu schreiben, ganz sicher war es das nie, doch diese Illusion hatten WIR. WIR, das ist eine große, wahrscheinlich die größte Menschenschnittmenge in Deutschland, jedenfalls die, die bislang die Deutungshoheit hatte. Also liberal gesinnte Menschen, die ihr Auskommen haben und mehr oder weniger davon überzeugt sind, dass es wichtig ist, dass eine gewisse Chancengerechtigkeit aller herrscht. Wie weit sich die Realität bereits oder schon immer von unserem Wunschgefühl entfernt hat, gilt es noch zu untersuchen. Doch dies war unser Narrativ. Im schlimmsten Fall ein „postfaktischer“ wie es jetzt immer so schön heißt.

Zurück zur Formel. Von Jesus oder Mohammed, über Luther oder Lenin, bis hin zu Hitler oder Gandhi. Immer schon haben es Populisten geschafft, über drängende Themen Massen zu mobilisieren und Systeme zum Einsturz zu bringen. Das sogar ganz ohne Facebook, zu Beginn sogar ohne Massenmedien. Die Populisten waren immer nur Leuchtfackeln einer Stimmung, die vom vorherrschenden Narrativ übersehen oder ignoriert wurde.

Es muss demnach noch etwas anderes sein, was die Ränder von einer als weitgehend homogen empfundenen Gesellschaft zunächst abtrennt, dann aber doch so gestärkt zurückkehren lässt, dass der Kern der Gesellschaft entweder infiltriert oder so stark verunsichert wird, dass der Narrativ schleichend ein anderer wird.

Egal ob Ägypter, Alexandriner, Römer, Mongolen oder Habsburger oder gar 1000jährige. Unbezwingbar scheinende Reiche kamen und gingen. Nach 1945 schienen wir einiges verstanden zu haben. Im Großen wie im Kleinen. Dies war jedenfalls der vorherrschende Narrativ im Westen. Zivilisierte Großbündnisse ermöglichten ein Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Die Zauberformel lautete Demokratie, wörtlich Herrschaft des Volkes, ergänzt durch die „soziale Marktwirtschaft“.

Dass die Akzeptanz dieser Herrschaftsform seit Jahren rückläufig ist und zwar in dem Maße wie die Verteilungsgerechtigkeit und die Teilhabechancen abnehmen, ist in jeder Umfrage nachzulesen und wird doch im letzten ignoriert, weil es nicht zum vorherrschenden Narrativ passt. Auch das ist postfaktisch. Es ist nicht so, dass nicht zahlreiche Programme aufgelegt würden. Doch diese gehen nur insoweit an die Symptome, ähnlich den windigen Autoverkäufern der 1950iger Jahre, die mit Holzmehl versuchten die mahlenden Geräusche in defekten Getrieben zu dämmen.

Unsere Art zu leben und zu agieren wird in Frage gestellt. Nicht nur, wie so viel geschrieben, vom IS und anderen von uns einst gepäppelten oder unterdrückten Bartträgern. Nicht nur von Donald Trump oder Wladimir Putin oder Xi Jinping. Sie wird von all denen in Frage gestellt, bei denen zu wenig von dem ankommt, was wir behaupten. Bei denen, die aufgrund eines fremd klingenden Namens keine Lehrstelle bekommen. Bei denen die aufgrund des „falschen“ Aussehens ständig von der Polizei kontrolliert werden. Bei denen, die aufgrund ihres Elternhauses weniger Chancen auf Bildung haben. Bei denen, die trotz eines arbeitsreichen Lebens, als Rentner kein Geld für den Theaterbesuch haben. Bei all denen, die oft von uns zu hören bekommen, sie seien Einzelfälle oder denen, über die wir gar nicht mehr berichten, wenn es zu viele werden, die wir dann aus den von uns gemachten Statistiken rausrechnen.

Dies erzeugt eine Stimmung und diese Stimmung bricht sich Bahn. Ob auf der Straße oder in den sozialen Medien. Und diese Stimmung bekommt Gesichter durch Menschen, die wir dann wiederum als Populisten diffamieren, obwohl sie nichts anderes wollen, als die aktuell Herrschenden, nämlich gestalten. Während die aktuellen Politiker den status quo gestalten oder verwalten wollen, wollen die anderen die Veränderung gestalten. Und diesem Veränderungswillen haben unsere Politiker wenig mehr als Beschwichtigungen entgegen zu setzen und die Massenmedien folgen, da der Fisch im Aquarium per Seinszustand nicht in der Lage ist, von außen auf das Aquarium zu schauen. Manche bezeichnen das Aquarium auch als Filterblase.

Kein Politiker agiert neutral. Er hat immer eine Hypothese von Realität und nennt diese „Das Wohl des Volkes“. Dazu kommen Berater und Lobbyisten. Es ist an der Zeit zu überlegen, ob wir gut beraten waren mit diesen Beratern und den Lobbyisten, bzw. ob wir nicht ganz schnell weitere Berater und Lobbyisten ins Boot holen oder ihnen stärker zuhören sollten. Denn alles was uns heute Kopfzerbrechen bereitet, ist von irgendwem und irgendwo bereits vor Jahrzehnten prophezeit worden. Doch waren deren Stimmen offenbar nicht laut genug, deren Argumente nicht überzeugend oder deren Einfluss zu gering, bzw. der anderer größer.

Jetzt zittern WIR uns in 2017 hinein. Völlig verunsichert und aus dem Häuschen. WIR, das sind die westdeutschen weißen Männer und Frauen, die noch nie echte Not leiden mussten und nie auf die Idee kamen, das System grundsätzlich zu hinterfragen oder beim „Marsch durch die Institutionen“ abgeschliffen wurden. Zu sehr hingen wir am kölschen Grundgesetz § 1 Et is wie et is und § 3 Et hätt noch immer jot jejange. Zu wenig haben wir uns vielleicht mit dem echten Grundgesetz auseinandergesetzt, wo es um die Würde des Einzelnen oder das Eigentum, was verpflichtet, geht. WIR haben bestimmt, was Würde ist und auf die runtergeschaut, die ihre Würde mühsam aufrecht zu erhalten suchten.

Political correctness gegenüber wenigen war uns oft wichtiger, als die erlebte Ausgrenzung so Vieler wahrzunehmen und zu bekämpfen.

Was es jetzt braucht sind Menschen und Medien, die nicht beschwichtigen, sondern die Angebote machen, eine Gesellschaft wiederzubeleben oder zu entwickeln, die echte Chancengerechtigkeit bietet, die den an sich nicht schlechten Narrativ einer weltoffenen, liberalen Gesellschaft ernst nehmen. Eine erste Aufgabe ist die Bereitschaft zu erkennen, dass ein kapitalistisches System mit einem schwachen Staat eben nicht die Probleme automatisch löst. Es braucht selbstbewusste soziale Politikerinnen und Politiker, die sich mit den Menschen im In - und Ausland zusammentun, die an ein gerechtes Zusammenleben der Völker glauben. Die bereit sind, neue Fakten zu schaffen.

Wir erleben gerade, wie sich eine Tür nach der anderen schließt. Noch sind aber genügend Türen geöffnet. Wir müssen nur hindurch gehen.
 

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