Prinzessin, Hexe oder gute Fee?

Prinzessin, Hexe oder gute Fee?


Alina war ein ganz gewöhnliches Mädchen, eher klein und unscheinbar, mit zotteligem schulterlangem Haar in, ja, die Farbe … Landläufig wurde sie als straßenköterblond bezeichnet. Nicht sehr schmeichelhaft.
Die Siebzehnjährige war recht schüchtern, hatte lediglich eine gute Freundin namens Jolanda.
Diese war das komplette Gegenteil von Alina. Jolanda war einen halben Kopf größer, hatte langes rotblondes Haar, elegant gewellt, war sehr attraktiv – obwohl das gewiss im Auge des Betrachters lag.
Nun, Alina war, so gesehen, keine Schönheit, hatte ein kleines Bäuchlein, wirklich nur ein kleines, recht üppige Augenbrauen und einen Damenbart, der jedoch nicht so sehr auffiel, denn diese Haare waren erstaunlicherweise hellblond. Auffälliger waren da schon die beiden kleinen Warzen am Kinn.
Wie bei jedem Mädchen in ihrem Alter wuchs auch bei Alina das Interesse an den Jungs. Doch während sich diese um Jolanda scharten, wurde Alina, die kleine graue Maus, wie sie schon vom manchem zu hören bekam, gar nicht beachtet. Ob ihrer kleinen Warzen wurde sie gar schon einmal als kleine Hexe tituliert.
So kann das nicht weitergehen, dachte sie, war traurig und wütend zugleich. „Was hat Jolanda, was ich nicht habe?“
Da erschien Alina eine kleine Hexe. Sie schwebte auf ihrem Besen plötzlich neben dem Mädchen. „Na, sie ist … Sie hält sich für wunderschön.“ Die Hexe kicherte.
Alina erschrak. „Hey, wer bist du denn?“
„Sieh mich an!“
Alina sah sich das Gesicht der Fabelgestalt an und erschrak erneut. Die sieht ja aus, wie ich, dachte sie.
In der Tat, diese Hexe hatte das gleiche Zottelhaar, auch die vollen Augenbrauen, der Damenbart und die zwei kleinen Warzen zierten ihr Gesicht.
„Sag mir, wie kann das sein?“
„So sehen dich die Jungs, verstehst du?“
„Und was willst du jetzt vom mir?“
„Ich wollte vorher fragen. Bevor ich mich wieder auf die Suche nach den seltenen Zutaten mache, die sehr schnell verderben, wollte ich sicherstellen, dass du einverstanden bist.“
„Womit denn einverstanden?“
„Ich könnte dir einen Zaubertrank zusammenstellen, der dich zu einer hübschen Prinzessin macht.“
„Oh, das wäre ...“ Alina verfiel in Träumerei, stellte sich vor, wie die Jungs wohl schauen würden, wenn sie eine schöne Prinzessin wäre. Doch dann holte ihr Verstand sie zurück in die Realität. „Wie soll das denn gehen? Wo ist der Haken, kleine Hexe?“
„Kluges Kind. Es ist natürlich nur für eine gewisse Zeit. Dann lässt die Wirkung nach.“
„Dann habe ich doch nichts gewonnen“, klagte Alina, begann zu weinen.
„Armes Kind. Überlege es dir. Denk einfach an mich, dann werde ich da sein“, sagte die Hexe und verschwand.
Alina erschrak auch diesmal, schaute sich um. Doch die kleine Hexe auf ihrem Besen war nicht mehr da. Traurig ging sie nach Hause.

Am nächsten Tag in der Schule wurde sie von ein paar Jungs gehänselt. Sie sähe aus, wie eine kleine Hexe, der nur der Besen fehle, sagten sie.
Nur ein Junge hatte ein wenig Mitleid mit Alina. „Ach lasst sie doch“, sagte er zu den anderen, zog sich jedoch sogleich zurück.
Doch die anderen schoben ihn an, drängten ihn zu Alina, stichelten böswillig, er möge sich ihrer annehmen, weil sie sonst ohnehin keinen abbekommen würde.
Der Junge, Florian sein Name, schaute unsicher in die Runde. Er war ebenso schüchtern, wie Alina. „Ihr seid doch verrückt“, stammelte er. Dann lief er davon.
Die bösen Jungs erblickten Jolanda, stießen Alina zu Boden. Lachend und grölend liefen sie der Blondine hinterher.
Alina erkannte, dass die Freundin sich nicht um sie scherte, sondern mit den Jungs flirtete, mit ihnen fortging.
Wieder ein trauriger Tag, dachte Alina. Und sie hatte zur Zeit niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Ihre Eltern waren vor ein paar Tagen in den Urlaub gefahren, weil Alina ihnen versichert hatte, alleine klarzukommen. Ihre Freundin Jolanda schien viel zu sehr auf die Jungs fixiert zu sein, als dass sie zugunsten einer anderen auf deren Gunst verzichten wollte.

Am Abend lag sie in ihrem Bett und träumte von der kleinen Hexe auf dem Besen. „Oh, einmal Prinzessin sein“, flüsterte sie.
Da erschien die Hexe. „Du hast nach mir gerufen, liebes Kind. Soll ich dir ...“
Alina unterbrach sie mit einem lauten „Ja!“
Die Hexe schaute irritiert. „Gut, in drei Tagen bin ich wieder da. Dann bekommst du, was du wünschst.“
„Wie lange wird dieser Zauber anhalten?“
„Drei Tage, liebes Kind.“ Und schon entschwand sie.

Nun wartete Alina diese drei Tage, sah ihre Freundin Jolanda am ersten Tag mit einem Jungen, am nächsten mit einem anderen. Am dritten Tag war es erneut ein anderer.
Alina mochte ein wenig schüchtern und naiv sein, doch das schützte sie nicht davor, ein wenig Neid zu empfinden, dass Jolanda offenbar jeden haben konnte.
Allerdings sah sie auch Florian, der von den anderen Jungs stets gefoppt wurde, dass er kein Mädchen abkriegen würde, weil er zu feige sei.
Florian war wie Alina. Eher klein und unscheinbar, dazu kurzes und ebenso zotteliges Haar von einer undefinierbaren Farbe, ganz genau so, wie Alina. Sein Bartwuchs war sehr spärlich.

Ungeduldig dachte Alina am Sonntagabend auf dem Heimweg an die kleine Hexe. Schon erschien sie, schwebte auf ihrem Besen neben dem Mädchen.
„Ah, da bist du ja.“
„Na, na, na. Nicht so ungeduldig, mein Kind. Das ist kein Spaß, hörst du?“
„Entschuldige, liebe Hexe“, antwortete Alina ehrfürchtig.
Die Dame auf dem Besen reichte dem Mädchen eine Fiole mit einer grünlichen Flüssigkeit darin. „Hier, trink!“
Alina schaute sich das Gefäß an, verzog das Gesicht und meinte: „Du bist sicher, dass ich damit zur schönen Prinzessin werde, ja?“
„Was denn sonst? Was kann ich dafür, dass das Gebräu eine so unappetitliche Farbe hat?“
Ohne weitere Widerworte trank Alina alles aus. „Und jetzt?“
„Jetzt gehst du schön ins Bett und schläfst acht Stunden. Und wenn du morgen aufwachst, bist du die schönste Prinzessin, die die Welt je gesehen hat. Versprochen.“
„Das klingt gut. Was, wenn ich weniger schlafe?“
„Dann wirst du immer noch schön sein, aber vielleicht nicht die schönste aller Zeiten. Jetzt frage bitte nicht, was sein könnte, wenn du länger schläfst. Bitte nicht!“
Alina kicherte. „Ich werde mich bemühen, den perfekten Augenblick der Verzauberung nicht zu verschlafen, liebe Hexe.“
„Nimm die Sache ernst, liebes Kind. Das ist kein Spiel.“
Alina schloss ihre Augen, stellte sich vor, wie sie wohl aussehen möge. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war die Hexe fort. Sie eilte nach Hause, um deren Anweisung zu befolgen.

Als sie aufwachte, war es noch dunkel. Schlaftrunken taperte sie ins Bad. Die acht Stunden waren vorbei, doch Alina dachte gar nicht daran. Erst als sie ihr Spiegelbild erblickte, entrann ihrer Kehle ein fröhliches Juchzen. Schlagartig war sie hellwach.
„Prinzessin Alina, du bist unfassbar schön. Die liebe Hexe hat nicht zu viel versprochen“, sprach sie zu sich selbst.
In der Tat hatte sich die ganze Erscheinung des Mädchens verändert. Größer war sie zwar nicht geworden, aber sie stellte begeistert fest, dass sie nun eine makellose Figur hatte. Auch ihr Gesicht war absolut ebenmäßig, keine buschigen Brauen, kein Damenbart … Und keine Warzen!
Alina jubelte. Sie bewunderte sich bis zum Sonnenaufgang im Spiegel, ließ ihr dichtes hellblondes Haar, das ihr bis zum Po reichte, vergnügt durch die Finger fließen.

Beschwingt startete sie in den Tag, duschte ausgiebig, frühstückte anschließend im Bademantel, bevor sie die zwei Flügeltüren ihres Kleiderschrankes zugleich öffnete.
Sie erschrak, weinte Freudentränen. In ihrem Schrank hingen lauter edle Kleider, wie sie einer Prinzessin würdig waren. Eines schöner als das andere. Die Wahl der richtigen Garderobe für den ersten Tag war gar nicht so leicht, stellte sie fest.
Alina wählte schließlich ein blaues Kleid, das gut zu ihren blauen Augen passte, dachte sie. Außerdem war es mit kurzen Ärmeln, einem für Alinas Gewohnheiten gewagten Ausschnitt, sowohl im Rücken als auch das Dekollete, und wadenlang angemessen für die sommerlichen Temperaturen. Die floralen Stickereien mit Goldfaden verliehen dem Kleid einem einer Prinzessin würdigen Glanz.
Die werden Augen machen, dachte Alina, als sie sich auf den Weg zur Schule machte.

Sie konnte nicht fassen, welch große Aufmerksamkeit ihr plötzlich zuteil wurde. Zunächst vernahm sie nur ein verwundertes Raunen und Tuscheln. Doch bald kamen alle Jungs zu ihr, wie die Motten zum Licht. Sie umringten das wunderschöne Mädchen mit dem ebenso hübschen Kleid.
Oh, mein Gott, dachte sie, wie soll ich mich jetzt verhalten?
Anfangs genoss sie die Neugierde der Menschen um sie herum, blieb ihrem Naturell der Schüchternen treu. Sie wollte nichts überstürzen.
Doch sie erkannte schon sehr bald, dass sie ein wenig mehr Mut und Selbstvertrauen an den Tag legen musste. Die schiere Bewunderung ihrer Schönheit war den Jungs bald nicht mehr genug, sie äußerten Begehrlichkeiten.
Alina wusste nicht recht, wie sie damit umgehen sollte. Sicher, sie wünschte sich die Freundschaft zu einem netten Jungen. Jolanda hatte es ihr tagtäglich vorgemacht, wie es funktioniert. Aber wollte sie es der Freundin gleichtun? Musste sie auf alle Wünsche eingehen, die die Jungs an sie herantrugen? Nein, dachte sie, ganz sicher nicht. Sie wollte einen, und nicht jeden Tag einen anderen.
Der erste Tag war vorüber. Alina hatte die Aufmerksamkeit genossen, die sie erfahren hatte. Sie hatte aber auch die Fallstricke erkannt, die sie vom rechten Weg abbringen würden, wenn sie diese missachten würde. Das wollte sie keinesfalls. Deshalb hatte sie keiner Verabredung bei ihr zu Hause oder gar im Hause einer dieser Jungs zugestimmt.

Am zweiten Tag trug sie ein bernsteinfarbenes Kleid. Auch da liefen ihr die Jungs hinterher und formulierten ihre Wünsche unverhohlen. Doch Alina erkannte, dass sie alle das gleiche Motiv trieb. Sie wollten sich mit einer wunderschönen Prinzessin an ihrer Seite schmücken, den Neid der Mitbewerber anheizen. Einen solch selbstsüchtigen Partner wollte sie nicht haben.
Sie bemerkte auch Florian, der sich, schüchtern wie er war, stets im Hintergrund aufgehalten hatte.
Und sie sah Jolanda. Sie war allein, schien traurig zu sein, denn die Jungs waren nun nur noch an Alina, der Prinzessin interessiert.
Als sie nach der Schule ins Bistro ging, liefen sie alle hinterher. Alina war froh, an einem öffentlichen Ort zu sein, wo ihr im Ernstfall jemand anderes zu Hilfe kommen könne, hoffte sie. Nur für den Fall, dass einer dieser Jungs auf dumme Gedanken kommen sollte …
Auf dem Heimweg bemerkte sie ihre Unsicherheit, denn auch da folgten ihr ein paar Jungs. Sie hatte Angst, gestand sie sich ein.

Da der dritte Tag kein anderes Bild ergab, zweifelte Alina an der Sinnhaftigkeit ihres ursprünglichen Wunsches, von dem sie so sehr geträumt hatte. Jetzt war sie drei Tage lang eine Prinzessin. Und was hat es ihr eingebracht? Einen Haufen offensichtlich unreifer Jungs, die sich mit ihr zeigen wollten, um die anderen zu beeindrucken.

Alina ging nach Hause. Jolanda folgte ihr unbemerkt.
Ich war drei Tage eine Prinzessin, dachte Alina, aber jetzt muss es gut sein. Gedankenverloren holte sie den Hausschlüssel hervor.
Jolanda sprach sie an: „Wie hast du das gemacht?“ Sie klang wütend. „Ich bin nur noch Luft für die Kerle!“
„Oh, Jolanda.“ Alina lachte. „Weißt du, es war ganz nett, aber morgen ist der Spuk vorbei.“
„Was?“, fragte die Freundin nach. „Wovon sprichst du? Was für ein Spuk?“
„Morgen bin ich wieder die alte Alina, die du kennst. Dann kriegst du deine Jungs zurück. Versprochen. Nicht einen von diesen Idioten will ich haben. Nicht mal geschenkt!“
„Ich verstehe dich nicht. Aber jetzt erklär mir mal, warum du dich so rausgeputzt hast.“
„Ich habe mich nicht rausgeputzt.“
„Ach, erzähl doch nix! Die Kleider sind dir zugeflogen, oder was?“
„Gewissermaßen. Ich hatte den Traum, mal eine Prinzessin zu sein. Und diese kleine Hexe auf ihrem Besen hat ihn mir erfüllt.“
Jolanda lachte lauthals. Sie nahm Alinas Worte nicht ernst, verspottete die Freundin.
Alina war wütend, doch sie zeigte es nicht. „Morgen gehören sie wieder dir.“
„Warum willst du keinen von ihnen? Hast du keine Geschenke von ihnen bekommen?“
„Ich bin nicht käuflich! Sie sind dumm. Einfach dumm und selbstsüchtig. Genau wie du, Jolanda!“, rief sie, stieß die Tür auf und verschwand eilig im Haus.
Die Freundin war völlig perplex, brachte keinen Ton heraus. Na, warte, dachte sie, dir zeige ich es.

Alina grübelte, erkannte, dass sie die Freundin möglicherweise beleidigt hatte. Sie schaute aus dem Fenster.
Da stand Jolanda noch immer vor dem Haus. Plötzlich schrie sie: „Der Teufel soll dich holen!“ Dann rannte sie davon.
Dummes Huhn, dachte Alina, du hast nichts verstanden.

Als Alina am nächsten Morgen erwachte, stellte sie entsetzt fest, dass sie noch immer die schöne Prinzessin war. „Nein!“, schrie sie. „Ich will das nicht mehr!“
Sie war noch immer allein im Haus, denn der Urlaub ihrer Eltern endete erst in einer Woche.
Das Mädchen suchte im ganzen Haus nach ihren alten Kleidern. Sie wollte keines dieser pompösen Dinger mehr tragen. Sie wollte wieder sie selbst sein. Doch nirgends fand sie ein anderes Kleidungsstück. Nicht mal im Schrank der Eltern.
„Das ist doch irre!“, fluchte sie. „Hexe! Wo bist du?“
Doch die kleine Hexe auf dem Besen erschien nicht.
Alina war versucht, sich bei der Schule krank zu melden, um das Haus nicht verlassen zu müssen. Doch das bereitete ihr ein schlechtes Gewissen. Sie war eine ehrliche Schülerin, konnte diese Lüge nicht ertragen.
War dieses Prinzessinsein nicht auch eine Lüge, fragte sie sich dann.
Sie ersann einen kühnen Plan für diesen letzten Schultag vor dem Wochenende.

Auf dem Weg zur Schule trödelte Alina ganz bewusst, damit schon alle in den Klassenräumen sein würden, wenn sie das Schulgelände betrat.
Das Kleid, das sie gewählt hatte, hatte ihre ganze Überwindung gefordert, denn es war sehr gewagt. Der Rücken war sehr tief ausgeschnitten, die schmalen Schulterschlaufen mündeten in ein aufregendes Dekollete, und der Rocksaum des pastellrosafarbenen Kleides mit feinen Goldverzierungen reichte gerade einmal bis zu den Knien.
Alina war sich der Wirkung dieses Kleides bewusst. Daher musste sie allen Mut zusammennehmen, um fröhlich beschwingt in den Klassenraum zu tänzeln.
Sie richtete sich sogleich an die Lehrerin: „Verzeihen meine Verspätung, Frau Meier.“
Dieser ging der Mund auf, doch sie blieb sprachlos.
Alina bemerkte zudem den bösen Blick von Jolanda.
Die Jungs hingegen jubelten lauthals. Alle, außer Florian. Er lächelte nur schüchtern.
Die Prinzessin, die Alina nun wider Willen noch immer war, setzte sich nicht auf ihren angestammten Platz neben Jolanda, sondern direkt in die erste Reihe neben Florian.
Der Junge wusste gar nicht, wie ihm geschah. Vor Schreck wäre er beinahe vom Stuhl gefallen, weil er instinktiv ein wenig vor Alina zurückzuckte.
Sie kicherte. „Ich beiße nicht.“
Florian beruhigte sich, rutschte sich auf seinem Stuhl zurecht und lächelte verlegen.
Die Lehrerin begann mit dem Unterricht.

In der Pause zickte Jolanda: „Hast du nicht gesagt, du bist heute wieder normal? Was soll der Quatsch?“
„Deine dummen Jungs will ich gar nicht. Das habe ich dir gestern schon gesagt. Wo ist also dein Problem?“
„Weil sie trotzdem dir hinterher laufen!“
„Weil sie dumm sind. Sie sehen nur die schöne Prinzessin in mir, die ich aber gar nicht bin, auch nicht mehr sein will. Die kleine Hexe auf ihrem Besen ist leider verschwunden. Aber sobald sie wieder auftaucht, werde ich sie auffordern, mich wieder zu einem normalen Mädchen werden zu lassen.“
„Was ist das für ein beklopptes Spiel? Kleine Hexe auf dem Besen! Das ist doch lächerlich!“, polterte Jolanda.
Inzwischen standen alle Jungs um die beiden Mädchen herum und lauschten den verwirrenden Worten. Auch Florian war dabei. Er lächelte, während die anderen wieder lauthals lachten.
Haben sie es jetzt kapiert, fragte sich Alina.
Die Glocke läutete. Die Schüler begaben sich wieder in ihre Klassenräume.

Alina passte genau den richtigen Augenblick ab, nachdem die Lehrerin für Ruhe gesorgt hatte, eine kurze Pause einlegte, bevor sie den Unterricht fortzusetzen gedachte.
Genau in diese Stille hinein sprach Alina Florian an und fragte ihn laut und deutlich: „Sag, Florian, was machst du eigentlich am Wochenende?“
Die Stille hielt dann länger an, als vermutet, denn jeder im Raum schien sich zu fragen, ob Alina diese Worte jetzt tatsächlich gesagt hatte.
Urplötzlich brach schallendes Gelächter aus. Nur Florian blieb natürlich still. Er starrte Alina an.
Die Prinzessin wider Willen packte nun der Übermut. Sie sprang auf und rief der grölenden Menge entgegen: „Was ist daran so lustig?“
Das Gelächter brauste noch einmal auf, bevor es verebbte.
„Ich glaube, der liebe Florian ist der einzige vernünftige Junge in dieser Klasse.“
Erneut brauste das Gelächter auf.
Der Junge sah zu Alina auf, erhob sich dann sogar. Der Mut des Mädchens schien ihn zu beflügeln, selbst ein bisschen mehr zu wagen. „Alina, du bist wundervoll.“
„Nein, Florian. Das musst du nicht sagen. Ich bin ganz normal. Ich habe einen Fehler gemacht, der sich offenbar nicht korrigieren lässt. Darüber bin ich sehr unglücklich, muss ich gestehen. Aber er war lehrreich.“
„Du brauchst eine gute Fee, die dir hilft.“
„Wie bitte?“ Alina schaute den Jungen irritiert an.
„Das kann ich dir jetzt vermutlich nicht ...“ Er brach ab.
Da erschien wie ein Blitz eine schwebende Fabelgestalt mit einem Zauberstab in ihrer Hand. „Vorführen?“, fragte sie Florian.
Er lachte. „Gute Fee!“
„Das ist deine gute Fee?“, fragte Alina den Jungen.
„Sicher. Sie kommt ab und zu und spricht mir Mut zu.“
„Du hast schon ein kleines bisschen gelernt, lieber Florian“, sprach die Fee.
Alina schaute das schwebende Zauberwesen an. Sie trug exakt das Kleid, das das Mädchen heute trug. Das ist erstaunlich, dachte sie.
„Hat dich die kleine Hexe versetzt, liebes Kind?“, fragte die Fee Alina.
„Sie hatte mir versichert, dass ich heute wieder die Alte bin. Das hat nicht geklappt, wie du siehst. Sag mal, warum trägst du das gleiche Kleid, wie ich?“
„Das war an jedem Tag so“, warf Florian ein. „Sie trug immer dasselbe Kleid, wie du, Alina. Aber wer ist die kleine Hexe?“
„Das ist so ähnlich, wie deine Fee. Diese Hexe hat mich zu dem gemacht, was ich seit vier Tagen bin. Ich will es aber gar nicht mehr. Ich hätte heute schon wieder ganz normal sein sollen. So, wie vorher.“
„Da lässt sich bestimmt was machen“, sprach die Fee, schwang ihren Zauberstab.
Und ehe sich Alina versah, erstrahlte ein virtueller Sternenregen, der ihr zu dem Erscheinungsbild verhalf, das sie sich so sehnlich zurückwünschte.
Ein Raunen ging durch die Klasse.
Alina und Florian schauten einander lachend an.

Da erschien plötzlich die kleine Hexe auf ihrem Besen. „Was pfuschst du wieder in meinen Zaubereien rum?“
„Hallo, Schwesterherz“, entgegnete die Fee.
„Schwester?“, fragte Alina überrascht.
„Ja“, bestätigte die Fee. „Meine liebe Schwester experimentiert gerne.“
„Du gönnst mir doch bloß nicht, dass ich wirkungsvolle Zaubertränke braue.“
„Die nicht das geben, was sie versprechen, meine Liebe.“
„Dieses Mädchen wollte eine schöne Prinzessin sein!“
„Für drei Tage sollte das sein“, meinte Alina. „Ich muss gestehen, das hat mir vollkommen gereicht. Es hat mir die Augen geöffnet. Ich will lieber so sein, wie ich bin.“
Beleidigt schaute die Hexe das Mädchen an. „Hat dir dein Prinzessinnendasein nicht gefallen?“
„Nur ein bisschen. Aber es fühlte sich falsch an. Das war nicht mein wahres Ich.“
„Schwesterchen hat dir dein altes Leben ja zurückgegeben“, antwortete sie missmutig.
„Liebe Hexe, es war eine nette Erfahrung. Aber es war dennoch eine Lüge, wie ich erkannt habe. All diese dummen Jungs haben in mir etwas gesehen, mit dem sie sich schmücken wollten, um den Konkurrenten zu imponieren. Das ist albern und selbstsüchtig. Dieses Spiel will ich nicht mitspielen.“
„Dann darfst du dir so etwas nicht wünschen.“
„Werde ich auch nie wieder tun. Ich sehe mein Dasein in einem völlig neuen Licht. Ich bin ich. Und das sollen alle akzeptieren, die sich meine Freunde nennen wollen.“
Florian wurde hellhörig, schaute Alina in die Augen. „Ich möchte dein Freund sein, Alina.“
Sie lächelte, legte ihre Hände an seine Schultern und sagte: „Lieber Florian, du bist mein Freund. Du bist nämlich der Einzige, der mir nicht irgendetwas vorzumachen versucht. Du bist freundlich und aufrichtig.“
Florian schmunzelte, doch er war zu schüchtern, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Doch diesen mutigen Schritt nahm Alina ihm ab. Sie streckte sich, denn er war fast einen Kopf größer als sie, schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn sanft an sich.
Ihre Tage als Prinzessin hatten Alina offenbar ein größeres Selbstvertrauen verliehen, obwohl sie die Erfahrungen, die sie als begehrte Schönheit gemacht hatte, sehr schnell als nicht erstrebenswert verdrängte.
Florian blieb schüchtern, legte seine Arme behutsam um das Mädchen, schaute ihr in die Augen und lächelte.
„Siehst du, Schwesterherz? Es findet jeder Topf sein Deckelchen“, sagte die gute Fee.
„Ja, ja“, murrte die kleine Hexe. An Alina und Florian gerichtet, rief sie trotzig: „Nun küsst euch endlich!“

Die gute Fee schwebte über die beiden, schwang ihren Zauberstab, ließ damit einen Sternenregen über sie rieseln.
Alina schlang ihre Arme fester um Florians Körper, kam mit ihrem Gesicht dem seinen noch ein Stückchen näher, spitzte die Lippen und schloss die Augen, ersehnte die entsprechende Reaktion von ihrem Freund, als den sie ihn von nun an sah.
Ihre Hoffnung wurde nicht enttäuscht …

Es war der Beginn einer perfekten Freundschaft, einer glücklichen Beziehung, die ein Leben lang hielt.


ENDE
 


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