Problemfüße

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Ciconia

Mitglied
Bernhard brauchte unbedingt neue Schuhe. Das erste Paar, das er sich nach wochenlangem Genörgel endlich im Schnellverfahren besorgt hatte, passte am nächsten Tag angeblich nicht mehr. Es landete umgehend im Sozialkaufhaus. Das zweite drückte an der Ferse und überlebte eine eingehende Bearbeitung auf der Werkbank nicht. In den Wanderurlaub ging es dann mit den ausgelatschten Tretern. Ich ahnte, was kommen würde.

Nach drei Tagen am Urlaubsort rissen die alten Schuhe an der Seitennaht auf. Es war gegen Mittag, wie immer hatte Bernhard es nicht geschafft, seine Morgenzeitung früher aus der Hand zu legen. Ich vertrat die Ansicht, zum Wandern sollte man vormittags aufbrechen, und reagierte entsprechend missgelaunt.

„Ich brauche neue Schuhe!“
„Jetzt?“
„Wann denn sonst, mit den alten kann ich doch nicht mehr gehen!“
Ich stellte mich auf einen verlorenen Urlaubstag ein. Schade um das herrliche Wetter!

Der kleine Schuhladen an der Hauptstraße hatte geschlossen. „Komme in 20 Minuten zurück“ stand auf dem handschriftlichen Zettel an der Tür.
„So lange will ich nicht warten. Gibt’s hier noch ein anderes Geschäft?“
Es gab. Aber mehr in Richtung Sportmoden. Dort genügte Bernhard ein kurzer Blick ins Schaufenster.
„Die spinnen wohl, ich geb doch nicht so viel Geld für ein Paar Schuhe aus!“
Ich manövrierte Bernhard zurück zum ersten Laden, der war inzwischen wieder geöffnet.

Ein überaus freundlicher Verkäufer begrüßte uns und fragte nach unseren Wünschen. Sein Äußeres und seine verbindliche Art ließen mich umgehend hoffen, dass er es mit Bernhard würde aufnehmen können. Bernhard verwies ihn sofort in seine Schranken. „Ich muss mich erst einmal umsehen!“

Ich sondierte schon mal vor und zog im eigenen Interesse passende Wanderschuhe aus den Regalen, die Bernhard allesamt ablehnte.
„Nee, die gefallen mir nicht!“
„Die sehen zu klobig aus!“
„Doch nicht diese Farbe!“
„Die sind viel zu groß!“
Widerwillig probierte er das eine oder andere Paar an.
„Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass es nichts Gescheites mehr gibt?“

Der Verkäufer kam nun doch hinzu und erlaubte sich, auf ein besonders schönes Modell hinzuweisen. Bernhard thronte inzwischen mitten in dem engen Raum auf einem Stuhl, weiträumig von offenen Kartons, abgelehnten Modellen, seinem Rucksack und seinen alten Schuhen umgeben. Ich versuchte verzweifelt, ein wenig Ordnung zu schaffen.

„Wissen Sie“, dozierte er mit wichtiger Miene, „ich hab nämlich Problemfüße! Außerdem stimmen die Größen heute alle nicht. Ich hatte mal Größe 43, heute kann man kann sich auf die Größenangaben überhaupt nicht mehr verlassen. Früher …“

„Sie sind aber auch nicht ganz einfach, was?“ unterbrach ihn der immer noch freundliche Verkäufer und verschwand in dem angrenzenden Lagerraum. Der Mann hatte Menschenkenntnis! Ich warf ihm einen dankbaren Blick hinterher, dann wandte ich mich zur Ablenkung für eine Weile den Regalen mit den Damenschuhen zu. Leider brauchte ich im Moment nichts Neues.

Höflich lächelnd kehrte der Verkäufer mit vollgepackten Armen zurück. Bernhard bereitete sich sorgfältig auf das Anprobieren des nächsten Paares vor. Er entfernte zunächst die Schnürbänder aus beiden Schuhen und fädelte sie neu ein, „sonst kann man die nicht richtig schnüren, wie soll man dann wissen, ob sie richtig sitzen!“

Der Laden füllte sich, neue Kunden mussten einen großen Bogen um Bernhard und die aufgestapelten Utensilien machen. Ihn schien das nicht im geringsten zu stören, er ordnete seelenruhig die Schnürbänder, schnürte sie umständlich zu, lief auf und ab, um dann festzustellen, dass auch diese Schuhe an den Fersen scheuerten.

Mittlerweile schickten sich zwei ältere Herrschaften nach längerem Suchen an, den Laden wieder zu verlassen. „Haben Sie nichts Passendes gefunden?“ erkundigte sich der Verkäufer besorgt, da Bernhard seit einiger Zeit seine gesamte Aufmerksamkeit gefordert hatte.
„Nein, das ist nicht so einfach, ich habe nämlich Problemfüße“, äußerte der Herr todernst. Seine Frau trottete missmutig hinter ihm her. Der Verkäufer grinste gequält. Ich beobachtete durch das Fenster neidisch Passanten, die unbeschwert in der Sonne flanierten.

Der Verkäufer versuchte jetzt die Abwicklung ein wenig zu beschleunigen, indem er Bernhard klarmachte, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche Füße habe und sich die Füße durchaus mit zunehmendem Alter verändern könnten. Alter? Bernhards Augen blitzten gefährlich. Ich kannte das und fürchtete, die Veranstaltung könnte ein vorschnelles Ende nehmen.

Geduldig zauberte der Verkäufer ein weiteres Paar aus dem Lagerraum hervor, das mir sofort gefiel, bat Bernhard, sich einmal hinzustellen, und presste zwei Finger auf den Zehenbereich.
„Die dürfen keinesfalls kleiner sein, sonst drücken die im vorderen Bereich.“
Ich gab ihm umgehend Recht und versuchte Bernhard mit Hinweisen auf unterschiedliche Strumpfdicken, eventuelle Einlegesohlen („Hab ich bei den anderen Schuhen alles schon probiert!“) zu besänftigen.

Allmählich schien sich die Lage zu entspannen. Bernhard zeigte erste Ermüdungserscheinungen und entschied sich schließlich erschöpft für das zuletzt gebrachte Paar. Bevor er umständlich seine Geldbörse herauskramte, wies er langatmig darauf hin, dass er umgehend zurückkommen werde, wenn die Schuhe irgendwo scheuern sollten. Ich bedankte mich, auch im Namen von Bernhard, der das alles selbstverständlich fand, für die Geduld des netten Beraters. Nach einer Dreiviertelstunde verließen wir das Schuhgeschäft. Der Verkäufer hielt uns höflich die Tür auf.

Der Nachmittag wurde dann doch noch sehr schön. Die Schuhe bereiteten erstaunlicherweise auch nach drei Stunden Wandern überhaupt keine Probleme, was Bernhard selbst am meisten überraschte. Deshalb marschierte er gegen Abend unbeirrt noch einmal in das Geschäft, um dem freundlichen Herrn mitzuteilen, dass er durchaus zufrieden sei mit seinem Kauf. Diesmal verzichtete ich darauf, ihn zu begleiten. Der Verkäufer habe sich echt gefreut, meinte Bernhard bei seiner Rückkehr gut gelaunt.

Ich hätte es ihm gern geglaubt.
 

Ciconia

Mitglied
Bernhard brauchte unbedingt neue Schuhe. Das erste Paar, das er sich nach wochenlangem Genörgel endlich im Schnellverfahren besorgt hatte, passte am nächsten Tag angeblich nicht mehr. Es landete umgehend im Sozialkaufhaus. Das zweite drückte an der Ferse und überlebte eine eingehende Bearbeitung auf der Werkbank nicht. In den Wanderurlaub ging es dann mit den ausgelatschten Tretern. Ich ahnte, was kommen würde.

Nach drei Tagen am Urlaubsort rissen die alten Schuhe an der Seitennaht auf. Es war gegen Mittag, wie immer hatte Bernhard es nicht geschafft, seine Morgenzeitung früher aus der Hand zu legen. Ich vertrat die Ansicht, zum Wandern sollte man vormittags aufbrechen, und reagierte entsprechend missgelaunt.

„Ich brauche neue Schuhe!“
„Jetzt?“
„Wann denn sonst, mit den alten kann ich doch nicht mehr gehen!“
Ich stellte mich auf einen verlorenen Urlaubstag ein. Schade um das herrliche Wetter!

Der kleine Schuhladen an der Hauptstraße hatte geschlossen. „Komme in 20 Minuten zurück“ stand auf dem handschriftlichen Zettel an der Tür.
„So lange will ich nicht warten. Gibt’s hier noch ein anderes Geschäft?“
Es gab. Aber mehr in Richtung Sportmoden. Dort genügte Bernhard ein kurzer Blick ins Schaufenster.
„Die spinnen wohl, ich geb doch nicht so viel Geld für ein Paar Schuhe aus!“
Ich manövrierte Bernhard zurück zum ersten Laden, der war inzwischen wieder geöffnet.

Ein überaus freundlicher Verkäufer begrüßte uns und fragte nach unseren Wünschen. Sein Äußeres und seine verbindliche Art ließen mich umgehend hoffen, dass er es mit Bernhard würde aufnehmen können. Bernhard verwies ihn sofort in seine Schranken. „Ich muss mich erst einmal umsehen!“

Ich sondierte schon mal vor und zog im eigenen Interesse passende Wanderschuhe aus den Regalen, die Bernhard allesamt ablehnte.
„Nee, die gefallen mir nicht!“
„Die sehen zu klobig aus!“
„Doch nicht diese Farbe!“
„Die sind viel zu groß!“
Widerwillig probierte er das eine oder andere Paar an.
„Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass es nichts Gescheites mehr gibt?“

Der Verkäufer kam nun doch hinzu und erlaubte sich, auf ein besonders schönes Modell hinzuweisen. Bernhard thronte inzwischen mitten in dem engen Raum auf einem Stuhl, weiträumig von offenen Kartons, abgelehnten Modellen, seinem Rucksack und seinen alten Schuhen umgeben. Ich versuchte verzweifelt, ein wenig Ordnung zu schaffen.

„Wissen Sie“, dozierte er mit wichtiger Miene, „ich hab nämlich Problemfüße! Außerdem stimmen die Größen alle nicht. Ich hatte mal Größe 43, heute kann man sich auf die Größenangaben überhaupt nicht mehr verlassen. Früher …“

„Sie sind aber auch nicht ganz einfach, was?“ unterbrach ihn der immer noch freundliche Verkäufer und verschwand in dem angrenzenden Lagerraum. Der Mann hatte Menschenkenntnis! Ich warf ihm einen dankbaren Blick hinterher, dann wandte ich mich zur Ablenkung für eine Weile den Regalen mit den Damenschuhen zu. Leider brauchte ich im Moment nichts Neues.

Höflich lächelnd kehrte der Verkäufer mit vollgepackten Armen zurück. Bernhard bereitete sich sorgfältig auf das Anprobieren des nächsten Paares vor. Er entfernte zunächst die Schnürbänder aus beiden Schuhen und fädelte sie neu ein, „sonst kann man die nicht richtig schnüren, wie soll man dann wissen, ob sie richtig sitzen!“

Der Laden füllte sich, neue Kunden mussten einen großen Bogen um Bernhard und die aufgestapelten Utensilien machen. Ihn schien das nicht im geringsten zu stören, er ordnete seelenruhig die Schnürbänder, schnürte sie umständlich zu, lief auf und ab, um dann festzustellen, dass auch diese Schuhe an den Fersen scheuerten.

Mittlerweile schickten sich zwei ältere Herrschaften nach längerem Suchen an, den Laden wieder zu verlassen. „Haben Sie nichts Passendes gefunden?“ erkundigte sich der Verkäufer besorgt, da Bernhard seit einiger Zeit seine gesamte Aufmerksamkeit gefordert hatte.
„Nein, das ist nicht so einfach, ich habe nämlich Problemfüße“, äußerte der Herr todernst. Seine Frau trottete missmutig hinter ihm her. Der Verkäufer grinste gequält. Ich beobachtete durch das Fenster neidisch Passanten, die unbeschwert in der Sonne flanierten.

Der Verkäufer versuchte jetzt die Abwicklung ein wenig zu beschleunigen, indem er Bernhard klarmachte, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche Füße habe und sich die Füße durchaus mit zunehmendem Alter verändern könnten. Alter? Bernhards Augen blitzten gefährlich. Ich kannte das und fürchtete, die Veranstaltung könnte ein vorschnelles Ende nehmen.

Geduldig zauberte der Verkäufer ein weiteres Paar aus dem Lagerraum hervor, das mir sofort gefiel, bat Bernhard, sich einmal hinzustellen, und presste zwei Finger auf den Zehenbereich.
„Die dürfen keinesfalls kleiner sein, sonst drücken die im vorderen Bereich.“
Ich gab ihm umgehend Recht und versuchte Bernhard mit Hinweisen auf unterschiedliche Strumpfdicken, eventuelle Einlegesohlen („Hab ich bei den anderen Schuhen alles schon probiert!“) zu besänftigen.

Allmählich schien sich die Lage zu entspannen. Bernhard zeigte erste Ermüdungserscheinungen und entschied sich schließlich erschöpft für das zuletzt gebrachte Paar. Bevor er umständlich seine Geldbörse herauskramte, wies er darauf hin, dass er umgehend zurückkommen werde, wenn die Schuhe irgendwo scheuern sollten. Ich bedankte mich, auch im Namen von Bernhard, der das alles selbstverständlich fand, für die Geduld des netten Beraters. Nach einer Dreiviertelstunde verließen wir das Schuhgeschäft. Der Verkäufer hielt uns höflich die Tür auf.

Der Nachmittag wurde dann doch noch sehr schön. Die Schuhe bereiteten erstaunlicherweise auch nach drei Stunden Wandern überhaupt keine Probleme, was Bernhard selbst am meisten überraschte. Deshalb marschierte er gegen Abend unbeirrt noch einmal in das Geschäft, um dem freundlichen Herrn mitzuteilen, dass er durchaus zufrieden sei mit seinem Kauf. Diesmal verzichtete ich darauf, ihn zu begleiten. Der Verkäufer habe sich echt gefreut, meinte Bernhard bei seiner Rückkehr gut gelaunt.

Ich hätte es ihm gern geglaubt.
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Problemfüße bei Männern?

Bislang war ich der festen Überzeugung, dass Problemfüße, die den Schuhkauf zum Tagesereignis machen, nur bei Frauen auftreten, denn Männer brauchen in aller Regel 15 Minuten und 3 Paar Anprobierschuhe für den finalen Schuhkauf.

Problemfüße bei Männern? Na ja – kann schon vorkommen. Aber das hält "Mann" nicht vom Kauf praktischer Latschen ab, deren Druckstellen spätestens nach einem Monat sowieso verschwunden sind, da die Treter ja dann täglich getragen werden und sich somit den Füßen anpassen.

Nette kleine Story – mal aus anderer Sicht.

Gruß Ironbiber
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Ironbiber,

dann war es ja höchste Zeit, mal mit einem Vorurteil aufzuräumen! Meine Zielgruppe für diese Geschichte: leidgeplagte Frauen mittleren und höheren Alters, die nach jahrzehntelangen Einkaufserfahrungen mit einem Partner „Typ Bernhard“ nichts mehr erschüttern kann. Aus meinem näheren Umfeld weiß ich definitiv: Es gibt sie! :rolleyes:

Danke fürs Bewerten
und fröhliche Ostern
Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Bernhard brauchte unbedingt neue Schuhe. Das erste Paar, das er sich nach wochenlangem Genörgel endlich im Schnellverfahren besorgt hatte, passte am nächsten Tag angeblich nicht mehr. Es landete umgehend im Sozialkaufhaus. Das zweite drückte an der Ferse und überlebte eine eingehende Bearbeitung auf der Werkbank nicht. In den Wanderurlaub ging es dann mit den ausgelatschten Tretern. Ich ahnte, was kommen würde.

Nach drei Tagen am Urlaubsort rissen die alten Schuhe an der Seitennaht auf. Es war gegen Mittag, wie immer hatte Bernhard es nicht geschafft, seine Morgenzeitung früher aus der Hand zu legen. Ich vertrat die Ansicht, zum Wandern sollte man vormittags aufbrechen, und reagierte entsprechend missgelaunt.
„Ich brauche neue Schuhe!“
„Jetzt?“
„Wann denn sonst, mit den alten kann ich doch nicht mehr gehen!“
Ich stellte mich auf einen verlorenen Urlaubstag ein. Schade um das herrliche Wetter!

Der kleine Schuhladen an der Hauptstraße hatte geschlossen. „Komme in 20 Minuten zurück“ stand auf dem handschriftlichen Zettel an der Tür.
„So lange will ich nicht warten. Gibt’s hier noch ein anderes Geschäft?“
Es gab. Aber mehr in Richtung Sportmoden. Dort genügte Bernhard ein kurzer Blick ins Schaufenster.
„Die spinnen wohl, ich geb doch nicht so viel Geld für ein Paar Schuhe aus!“
Ich manövrierte Bernhard zurück zum ersten Laden, der war inzwischen wieder geöffnet.
Ein überaus freundlicher Verkäufer begrüßte uns und fragte nach unseren Wünschen. Sein Äußeres und seine verbindliche Art ließen mich hoffen, dass er es mit Bernhard würde aufnehmen können. Bernhard verwies ihn sofort in seine Schranken.
„Ich muss mich erst einmal umsehen!“
Ich sondierte schon mal vor und zog im eigenen Interesse passende Wanderschuhe aus den Regalen, die Bernhard allesamt ablehnte.
„Nee, die gefallen mir nicht!“
„Die sehen zu klobig aus!“
„Doch nicht diese Farbe!“
„Die sind viel zu groß!“
Widerwillig probierte er das eine oder andere Paar an.
„Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass es nichts Gescheites mehr gibt?“
Der Verkäufer kam nun doch hinzu und erlaubte sich, auf ein besonders schönes Modell hinzuweisen. Bernhard thronte inzwischen mitten in dem engen Raum auf einem Stuhl, weiträumig von offenen Kartons, abgelehnten Modellen, seinem Rucksack und seinen alten Schuhen umgeben. Ich begann verzweifelt, ein wenig Ordnung zu schaffen.
„Wissen Sie“, dozierte er mit wichtiger Miene, „ich hab nämlich Problemfüße! Außerdem stimmen die Größen alle nicht. Ich hatte mal Größe 43, heute kann man sich auf die Größenangaben überhaupt nicht mehr verlassen. Früher …“
„Sie sind aber auch nicht ganz einfach, was?“ unterbrach ihn der immer noch freundliche Verkäufer und verschwand in dem angrenzenden Lagerraum. Der Mann hatte Menschenkenntnis! Ich warf ihm einen dankbaren Blick hinterher, dann wandte ich mich zur Ablenkung für eine Weile den Regalen mit den Damenschuhen zu. Leider brauchte ich im Moment nichts Neues.
Höflich lächelnd kehrte der Verkäufer mit vollgepackten Armen zurück. Bernhard bereitete sich sorgfältig auf das Anprobieren des nächsten Paares vor. Er entfernte zunächst die Schnürbänder aus beiden Schuhen und fädelte sie neu ein, „sonst kann man die nicht richtig schnüren, wie soll man dann wissen, ob sie richtig sitzen!“

Der Laden füllte sich, neue Kunden mussten einen großen Bogen um Bernhard und die aufgestapelten Utensilien machen. Ihn schien das nicht im geringsten zu stören, er ordnete seelenruhig die Schnürbänder, schnürte sie umständlich zu, lief auf und ab, um dann festzustellen, dass auch diese Schuhe an den Fersen scheuerten.
Mittlerweile schickten sich zwei ältere Herrschaften nach längerem Suchen an, den Laden wieder zu verlassen.
„Haben Sie nichts Passendes gefunden?“ erkundigte sich der Verkäufer besorgt, da Bernhard seit einiger Zeit seine gesamte Aufmerksamkeit gefordert hatte.
„Nein, das ist nicht so einfach, ich habe nämlich Problemfüße“, äußerte der Herr todernst. Seine Frau trottete missmutig hinter ihm her. Der Verkäufer grinste gequält. Ich beobachtete durch das Fenster neidisch Passanten, die unbeschwert in der Sonne flanierten.

Der Verkäufer versuchte jetzt die Abwicklung ein wenig zu beschleunigen, indem er Bernhard klarmachte, dass jeder Mensch zwei unterschiedliche Füße habe und sich die Füße durchaus mit zunehmendem Alter verändern könnten. Alter? Bernhards Augen blitzten gefährlich. Ich kannte das und fürchtete, die Veranstaltung könnte ein vorschnelles Ende nehmen.
Geduldig zauberte der Verkäufer ein weiteres Paar aus dem Lagerraum hervor, das mir sofort gefiel, bat Bernhard, sich einmal hinzustellen, und presste zwei Finger auf den Zehenbereich.
„Die dürfen keinesfalls kleiner sein, sonst drücken die im vorderen Bereich.“
Ich gab ihm unumwunden Recht und glaubte Bernhard mit Hinweisen auf unterschiedliche Strumpfdicken, eventuelle Einlegesohlen („Hab ich bei den anderen Schuhen alles schon probiert!“) besänftigen zu können.
Allmählich schien sich die Lage zu entspannen. Bernhard zeigte erste Ermüdungserscheinungen und entschied sich schließlich erschöpft für das zuletzt gebrachte Paar. Bevor er umständlich seine Geldbörse herauskramte, wies er darauf hin, dass er umgehend zurückkommen werde, wenn die Schuhe irgendwo scheuern sollten. Ich bedankte mich, auch im Namen von Bernhard, der das alles selbstverständlich fand, für die Geduld des netten Beraters. Nach einer Dreiviertelstunde verließen wir das Schuhgeschäft. Der Verkäufer hielt uns höflich die Tür auf.

Der Nachmittag wurde dann doch noch sehr schön. Die Schuhe bereiteten erstaunlicherweise auch nach drei Stunden Wandern überhaupt keine Probleme, was Bernhard selbst am meisten überraschte. Deshalb marschierte er gegen Abend unbeirrt noch einmal in das Geschäft, um dem freundlichen Herrn mitzuteilen, dass er durchaus zufrieden sei mit seinem Kauf. Diesmal verzichtete ich darauf, ihn zu begleiten. Der Verkäufer habe sich echt gefreut, meinte Bernhard bei seiner Rückkehr gut gelaunt.

Ich hätte es ihm gern geglaubt.
 

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