Reifenwechsel

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Ciconia

Mitglied
Mitte November wurde es höchste Zeit für die Winterreifen. Ich war spät dran in diesem Jahr.

Nieselregen verschlierte die Scheiben während der Fahrt in die nächste Kleinstadt. Schon nach wenigen Minuten sorgte eine Modderspur auf der Landstraße für ein gleichmäßiges Verdrecken der sauberen Reifen und Radkästen. Die Autowäsche am Vortag hätte ich mir sparen können.
Um kurz vor elf stellte ich den Wagen vor dem Autohaus im Industriegebiet ab.

„Etwa ein Stündchen“, antwortete die zierliche junge Frau am Servicetresen auf meine Frage, wie lange es dauern würde. Seit Jahren wunderte ich mich, wie ähnlich sich die jungen, ständig wechselnden weiblichen Angestellten dieser Werkstatt sahen. Kaum eine sah ich im folgenden Jahr wieder, fast immer saß quasi ein Abziehbild der vorigen da: Kindfrauen, meistens blond, und alle von ausgesuchter Freundlichkeit. Ich bat um Überprüfung, ob die Sommerreifen noch eine weitere Einlagerung wert seien.

Durch den stärker werdenden Regen eilte ich mit hochgezogener Kapuze hinüber in die kleine Einkaufspassage, die den Namen Center nicht verdiente. Eine Stunde würde es sich hier aushalten lassen: ein kleinerer Einkauf im Drogeriemarkt, ein größerer im Lebensmittelmarkt, ein wenig Stöbern im Billigschuhgeschäft und zum Schluss ein Kaffee. Aber auch das Café am Eingang des Centers verdiente seinen Namen nicht: Es handelte sich um die Filiale einer Großbäckerei mit einigen unbequemen Sitzgelegenheiten. Der Pott Kaffee und ein Gebäckstückchen waren heute für € 2,99 im Angebot. Ich fand einen kleinen Tisch für mich allein mit Aussicht auf den riesigen Parkplatz. Eine andere Aussicht gab es nicht. Auf den Außenplätzen vor dem Fenster saßen mehrere rauchende alte Männer unter der Überdachung; sie unterhielten sich offensichtlich prächtig.

Der Kuchen krümelte, Puderzucker rieselte auf meine dunkle Hose. Um mich herum herrschte ein ständiges Kommen und Gehen und Gerangel um die wenigen Plätze. Eine übergewichtige ältere Frau in schlecht sitzenden Jeans zwängte sich an den Nachbartisch, drapierte umständlich ihre dicke Jacke über die Stuhllehne und ließ sich nach einer gefühlten Ewigkeit auf den Stuhl plumpsen. Sie hatte sich gerade gemütlich eingerichtet, als ihr Begleiter mit einem vollen Tablett zielstrebig an ihr vorbeizog und sie im Vorbeigehen anraunzte: „Ich setz mich da hinten hin, hier vorne zieht’s doch viel zu sehr!“ Sie seufzte, schälte sich mühsam aus ihrer Ecke und folgte ihm und der großen Kuchenportion.

Einige ältere Leute sprachen auch noch Plattdeutsch, was mir großes Vergnügen bereitete.
„Wöllt wi noch wat to eten inköpen?“, vernahm ich eine weibliche Stimme hinter mir.
„Nee, wi brukt doch nix!“, grummelte ihr Begleiter.
Ich hörte keinen Widerspruch. Kurz darauf schlurften beide etwas hüftsteif hintereinander zum Ausgang.

Der Heizkörper neben mir blubberte, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Raum trotz seiner Öffnung zur Ladenpassage hin ziemlich überheizt war. Ich trank den restlichen Kaffee aus und stellte das Tablett in den überquellenden Ständer mit Schmutzgeschirr. Noch bevor ich meine Jacke richtig angezogen hatte, machten sich zwei mittelalte Frauen an meinem Tisch breit. Ich wünschte ihnen einen schönen Tag.

An der Bushaltestelle vor dem Center standen drei nachlässig gekleidete Frauen, vermutlich Großmutter, Mutter und Teenie-Tochter, und rauchten. Ihre riesigen Plastiktüten mit dem Aufdruck eines Sonderpostenmarktes hatten sie im Warteunterstand abgestellt.

Es hatte aufgehört zu nieseln, als ich um fünf Minuten vor zwölf wieder bei der Werkstatt eintraf. Mein Auto stand bereits draußen. Die hübsche kleine Frau von vorhin machte wohl Mittagspause, ihr ebenso netter junger Kollege kassierte. Beflissen teilte er mir mit, dass die Sommerreifen eingelagert werden könnten, sie würden mindestens eine weitere Saison überstehen. Damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet.

Die Ampel an der Ausfahrt aus dem Industriegebiet zeigte Grün. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich vorhin in Bezug auf die Reifen nicht richtig reagiert hatte. Ich würde nie mehr hierher kommen, sondern noch vor dem Frühjahr endlich wahr machen, was seit Langem in mir schwelte: zurückkehren in die Großstadt, in meine Stadt. Wahrscheinlich brauchte ich dort sowieso kein Auto mehr.
Sollten sie die Reifen doch entsorgen.
 

Ciconia

Mitglied
Ich würde mich freuen, wenn zumindest Redakteure, die hier anonym schlecht werten, diese Bewertung begründen würden. Danke!

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Ich würde mich freuen, wenn zumindest Redakteure, die hier anonym schlecht werten, diese Bewertung begründen würden. Danke!
@Ali verteilt keine Zensuren, schon gar keine anonymen. Aber er schreibt offene und - so wie hier - wohlbegründete Kritiken.

Dafür erwartet er keinen Dank (und wird ihn von hier wohl auch nicht bekommen). Allerdings wundert er sich, dass die Undankbare jenen im Voraus dankt, die für sie nichts als eine schlechte Note übrig hatten. Sonderbar! Dabei liegt doch auf der Hand, was man an diesem selbstgerechten Stimmungsbild ganz konkret nicht besonders gelungen finden könnte - vorausgesetzt, man verfügte über den notwendigen Feinsinn.

Qietschvergnügt

aligaga
 

Zeder

Administrator
Teammitglied
Hallo Ciconia,

ja, dieses Ende gefällt mir deutlich besser; es ist viel weicher und "gleitender"!

Viele Grüße von Zeder (die diesen Text nicht bewertet hat)
 

FrankK

Mitglied
Die Geschichte hat mir gefallen.
Ein Art wie ein "Stilleben des Zwangskonsums", eingerahmt durch die gesetzlich geregelte Reifenwechsel-Pflicht.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich vorhin in Bezug auf die Reifen [blue]nicht richtig reagiert[/blue] hatte.
Entschuldige, aber dieser Satz wirkt in dieser Form auf mich irgendwie gekünstelt, steif. In den beobachteten Szenen schwang immer so ein leichter sarkastischer Unterton mit, der geht jetzt völlig verloren.
Vorschlag:
In diesem Moment wurde mir klar, dass ich von der Vorstellung, die Sommerreifen könnten noch eine Saison durchhalten, völlig überrumpelt worden war. Ich würde keine Saison mehr durchhalten, sondern noch vor dem Frühjahr endlich wahr machen ...

Der Nachsatz wäre auch lakonischer:
Ich werde ihnen eine Mail schicken, sollen sie die Reifen doch entsorgen.


Abendliche Grüße
Frank
 

Ciconia

Mitglied
Mitte November wurde es höchste Zeit für die Winterreifen. Ich war spät dran in diesem Jahr.

Nieselregen verschlierte die Scheiben während der Fahrt in die nächste Kleinstadt. Schon nach wenigen Minuten sorgte eine Modderspur auf der Landstraße für ein gleichmäßiges Verdrecken der sauberen Reifen und Radkästen. Die Autowäsche am Vortag hätte ich mir sparen können.
Um kurz vor elf stellte ich den Wagen vor dem Autohaus im Industriegebiet ab.

„Etwa ein Stündchen“, antwortete die zierliche junge Frau am Servicetresen auf meine Frage, wie lange es dauern würde. Seit Jahren wunderte ich mich, wie ähnlich sich die jungen, ständig wechselnden weiblichen Angestellten dieser Werkstatt sahen. Kaum eine sah ich im folgenden Jahr wieder, fast immer saß quasi ein Abziehbild der vorigen da: Kindfrauen, meistens blond, und alle von ausgesuchter Freundlichkeit. Ich bat um Überprüfung, ob die Sommerreifen noch eine weitere Einlagerung wert seien.

Durch den stärker werdenden Regen eilte ich mit hochgezogener Kapuze hinüber in die kleine Einkaufspassage, die den Namen Center nicht verdiente. Eine Stunde würde es sich hier aushalten lassen: ein kleinerer Einkauf im Drogeriemarkt, ein größerer im Lebensmittelmarkt, ein wenig Stöbern im Billigschuhgeschäft und zum Schluss ein Kaffee. Aber auch das Café am Eingang des Centers verdiente seinen Namen nicht: Es handelte sich um die Filiale einer Großbäckerei mit einigen unbequemen Sitzgelegenheiten. Der Pott Kaffee und ein Gebäckstückchen waren heute für € 2,99 im Angebot. Ich fand einen kleinen Tisch für mich allein mit Aussicht auf den riesigen Parkplatz. Eine andere Aussicht gab es nicht. Auf den Außenplätzen vor dem Fenster saßen mehrere rauchende alte Männer unter der Überdachung; sie unterhielten sich offensichtlich prächtig.

Der Kuchen krümelte, Puderzucker rieselte auf meine dunkle Hose. Um mich herum herrschte ein ständiges Kommen und Gehen und Gerangel um die wenigen Plätze. Eine übergewichtige ältere Frau in schlecht sitzenden Jeans zwängte sich an den Nachbartisch, drapierte umständlich ihre dicke Jacke über die Stuhllehne und ließ sich nach einer gefühlten Ewigkeit auf den Stuhl plumpsen. Sie hatte sich gerade gemütlich eingerichtet, als ihr Begleiter mit einem vollen Tablett zielstrebig an ihr vorbeizog und sie im Vorbeigehen anraunzte: „Ich setz mich da hinten hin, hier vorne zieht’s doch viel zu sehr!“ Sie seufzte, schälte sich mühsam aus ihrer Ecke und folgte ihm und der großen Kuchenportion.

Einige ältere Leute sprachen auch noch Plattdeutsch, was mir großes Vergnügen bereitete.
„Wöllt wi noch wat to eten inköpen?“, vernahm ich eine weibliche Stimme hinter mir.
„Nee, wi brukt doch nix!“, grummelte ihr Begleiter.
Ich hörte keinen Widerspruch. Kurz darauf schlurften beide etwas hüftsteif hintereinander zum Ausgang.

Der Heizkörper neben mir blubberte, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Raum trotz seiner Öffnung zur Ladenpassage hin ziemlich überheizt war. Ich trank den restlichen Kaffee aus und stellte das Tablett in den überquellenden Ständer mit Schmutzgeschirr. Noch bevor ich meine Jacke richtig angezogen hatte, machten sich zwei mittelalte Frauen an meinem Tisch breit. Ich wünschte ihnen einen schönen Tag.

An der Bushaltestelle vor dem Center standen drei nachlässig gekleidete Frauen, vermutlich Großmutter, Mutter und Teenie-Tochter, und rauchten. Ihre riesigen Plastiktüten mit dem Aufdruck eines Sonderpostenmarktes hatten sie im Warteunterstand abgestellt.

Es hatte aufgehört zu nieseln, als ich um fünf Minuten vor zwölf wieder bei der Werkstatt eintraf. Mein Auto stand bereits draußen. Die hübsche kleine Frau von vorhin machte wohl Mittagspause, ihr ebenso netter junger Kollege kassierte. Beflissen teilte er mir mit, dass die Sommerreifen eingelagert werden könnten, sie würden mindestens eine weitere Saison überstehen. Damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet.

Die Ampel an der Ausfahrt aus dem Industriegebiet zeigte Grün. In diesem Moment wurde mir klar, dass mich der junge Mann gerade völlig überrumpelt hatte. Ich selbst würde hier keine Saison mehr durchhalten, sondern noch vor dem Frühjahr endlich wahr machen, was seit Langem in mir schwelte: zurückkehren in die Großstadt, in meine Stadt. Wahrscheinlich brauchte ich dort sowieso kein Auto mehr.
Sollten sie die Reifen doch entsorgen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Frank,

schön, dass Dir die Geschichte gefällt. ;)
Ich habe den letzten Absatz jetzt noch einmal geändert.
Danke für Deine Überlegungen.

Gruß Ciconia
 

Maribu

Mitglied
Hallo Ciconia,

eindrucksvolle realistische Gefühls- und Situationsbeschreibung
im Einkaufszentrum dieser Kleinstadt, dass ebenso hätte in einem anspruchslosen Stadtteil einer Großstadt liegen könnte.
Allerdings kommt der Wille zur Rückkehr in die Groß- und Heimatstadt für mich ein wenig überraschend.
Trotz aller "Provinz" und Überalterung habe ich das Gefühl, dass die Protagonistin damit leben konnte und könnte. Hier wurde sogar noch "Platt" gesprochen.
Aber sicherlich spielen auch noch andere Gründe mit für einen
"persönlichen Reifenwechsel". - Gerne gelesen!

Gruß Maribu
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Maribu,

ganz sicher gibt es solcherart „Einkaufscenter“ auch in nicht so bevorzugten Teilen von Großstädten, und dort können sie manchmal eine noch größere Tristesse aufweisen als am Rande einer Kleinstadt.

Es freut mich, dass Du auf den „persönlichen Reifenwechsel“ hinweist – den hatte ich in den bisherigen Interpretationen noch vermisst. Und wie schon weiter oben gesagt: Die Idee zur Veränderung kann ja auch nur so einem tristen Novembertag geschuldet und am nächsten (sonnigen) Tag schon wieder verflogen sein.

Bei der Entscheidungsfindung hilft auf jeden Fall, wenn man die Vor- und Nachteile beider Lebensformen kennt ... ;)

Danke, dass Du Dir die Zeit für einen Kommentar genommen hast.

Gruß Ciconia
 

Aligator

Mitglied
Hi,
ich für meinen Geschmack kann mit den durchgehend negativ angehauchten Bildern nichts anfangen. Irgendwie sind die alle so abwertend und selbstüberhöhend.
Ich suche hier vergebens nach der Message, außer 'Scheiß Kaff- nix wie weg'.
Gut, kann man schon machen, ist halt nicht meins.
Trotzdem gut geschrieben!

LG,
Aligator
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Aligator,
mit den durchgehend negativ angehauchten Bildern
... und dabei hatte ich die Szenen im Autohaus doch durchgehend positiv angehaucht … ;)

Schade, dass Du mit dieser Geschichte nichts anfangen kannst. Ist aber vielleicht auch eine Generationenfrage.
Zu der von Dir erwarteten „message“ ist oben wohl schon alles gesagt worden.
Danke fürs Reinlesen.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
@Ali freut sich, dass er nicht der Einzige ist, der Stückerln erst sorgfältig liest, reflektiert und dann nicht von sich selbst schwafelt, sondern das mitteilt, was einem neutralen Kritiker ins Auge springt und wirklich bemerkenswert ist.

Trotzdem "gern gelesen", wie es immer wieder so schön und so oberflächlich heißt - @ali mag entlarvende Texte wie diesen lieber als billig gelackte Schaustückerln.

Heiter, sehr heiter

aligaga
 

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