Restliches Schweigen

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Ciconia

Mitglied
Den Meisten scheint sie rosarot,
die Welt - egal, was auch passiert.
Der Rest nagt still am Gnadenbrot,
er hat sein Dasein längst quittiert.

Die Mehrheit liebt den Sonnenschein,
will keine dunklen Wolken sehn.
Der Rest erkennt von vornherein:
Die Sonne wird bald untergehn.

Die Masse gibt die Stimmung vor:
Denkt positiv, dann wird es gut!
Der Rest verharrt im Schweigechor,
entwickelt mählich große Wut.

So gräbt sich tief ein Graben ein,
die Heitren hier, die Grübler dort,
und mancher tanzt im Sonnenschein
sich sorglos von den Übeln fort.
 

anbas

Mitglied
Gefällt mir - einerseits.
Ist mir zu sehr schwarz-weiß-gemalt - andererseits.

Manchmal ist Schwarz-Weiß-Malerei hilfreich, um etwas deutlich zu machen - einerseits.
Aber hier spricht es mich nicht so sehr an - andererseits.

Ach, ich weiß nicht - einerseits.
Vielleicht ändere ich meine Meinung noch, wenn ich es noch ein paar Mal lese - andererseits.

;):cool:o_O

Liebe Grüße

Andreas


...ich weiß, das war jetzt nicht sehr konstruktiv - einerseits ... :D
 

blackout

Mitglied
Nein, hier geht es nicht um Schwarzweißmalerei, sondern es werden zwei konträre Sichten auf die Welt gegenübergestellt. Das alles mehr oder weniger "unpolitisch" verklausuliert, aber wer lesen kann, versteht. Wie bei Ciconia gewohnt, sehr sauber geschrieben, nicht unbedingt der große Wurf, aber der Text reiht sich ein in die Reihe der Texte, die das große Unbehagen artikulieren. Ich lese den Schmerz über den gegenwärtigen Zustand der Welt mit, die Angst auch, der noch verbliebene Intellekt könnte endgültig unter die Räder kommen und die Welt könnte in die Barbarei versinken. Ein Text, der zumindest ernst gemeint ist, der sich bemüht, uns etwas zu sagen, und darin liegt auch seine Stärke.

Gruß, blackout
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Andreas,

danke für Deine Überlegungen. Das Gedicht steht ja noch eine Weile länger hier – vielleicht kommst Du ja noch zu einem Ergebnis. ;)

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo blackout,

danke für diese Zeilen und die Bewertung. Du hast den Inhalt sehr gut interpretiert. Ich habe zu diesem Thema schon einige Gedichte geschrieben, das erste war, glaube ich, „Vom Unbehagen in diesen Tagen“ 2016. Die Welt habe ich dadurch nicht verändern können … :rolleyes:

Gruß, Ciconia
 

blackout

Mitglied
Ciconia, auch ich frage mich allmählich: Weshalb eigentlich noch schreiben? Aber dann weiß ich: Natürlich verändere ich mit dem Schreiben nichts sofort.
Aber Literatur hat eine Langzeitwirkung, und wenn sie auf den Richtigen trifft, zeigt sie Wirkung. Wie Brecht schrieb: Und wenn die Worte im Mund wie Asche werden ...

Gruß, blackout
 

Ciconia

Mitglied
Hallo blackout,

Langzeitwirkung? Ich glaube nicht. Aber ich bin sicher, dass es selten (na ja, vielleicht einmal) eine Zeit gegeben hat, in der so viele Leute die Augen vor der Wirklichkeit verschließen und vehement auf dem Vulkan weitertanzen. Hinterher kann man dann wieder trefflich sagen: Davon haben wir nichts gewusst!
Ich werde mich künftig wohl nur noch auf Limericks beschränken ... :mad:

Gruß, Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
Liebe Ciconia!

"Die Masse gibt die Stimmung vor:
Denkt positiv, dann wird es gut!
Der Rest verharrt im Schweigechor,
entwickelt mählich große Wut."

Ach so, das ist die schweigende Minderheit, die allmählich "große Wut" entwickelt. Und Du gehörst dazu, zur Elite der Besserwisser? Zur Kaderschmiede der revolutionären Intelligenzia?

Nein, das glaube ich Dir nicht. Und ich klopfe Dir auch nicht auf die Schulter für Deine positiv gestimmte Heiterkeit, solange das Zentralkommitee Deine Selbstironie in Empörungsphrasen umdeutet (und Du dem dann auch noch zustimmst).

Doch, Deine Selbstironie, die lächelnde Selbsteinbeziehung in die Kritik, gefällt mir gut. Eugen Roth hätte diese Art des kritisch-positiven Denkens gewiß in einen kurzen Vierzeiler gepackt. Er wird heute 125 Jahre alt, wie meine Großmutter übrigens auch. (Unsereiner hat nur noch drei Haare zum Auszupfen.)

grusz, hansz
 

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