Rinderparadies

blackout

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Wir legen uns nieder,
Rindvieh, zum Fleischwerden
bestimmt, muhen die Wiesen an,
die uns fettmachen, loben die
Landschaft, wenn herbstens
auch Gräser verdorren.

Wiederkäuend suhlen wir
im Rinderparadies, im schlichten
Landleben, in dem es nur Sonne
gibt, Freiheit und Vogelsang bis zum
Abwinken, hier denkt keiner
ans Schlachtefest.

Wir verlachen den mit
den mörderischen Apparaten,
wir wissen ja nicht, wofür sie
taugen, unser Vertrauen ist
grenzenlos, wir lecken die Hände
dem freundlichen Schlächter.










Rinderparadies

Wir legen uns nieder,

Rindvieh, zum Fleischwerden

bestimmt, muhen die Wiesen an,

die uns fettmachen, loben die

Landschaft, wenn herbstens

auch Gräser verdorren.



Wiederkäuend suhlen wir

im Rinderparadies, im schlichten

Landleben, in dem es nur Sonne

gibt, Freiheit und Vogelsang bis zum

Abwinken, hier denkt keiner

ans Schlachtefest.



Wir verlachen den mit

den mörderischen Apparaten,

wir wissen ja nicht, wofür sie

taugen, unser Vertrauen ist

grenzenlos, wir lecken die Hände

dem freundlichen Schlächter.



10.6.15
 
Hallo blackout,

ich sehe in diesen Zeilen Anklänge von Brechts Kälbermarsch - hier wie dort das Bild des Schlachtviehs als Verkörperung menschlichen Kadaver-Gehorsams und der fatalen Unfähigkeit, politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge zu durchschauen - ein häufiges, weil anschauliches Motiv, nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der Prosa (Orwells Animal Farm) oder in der Popmusik, z. B. im düsteren und eindringlichen Song von Depeche Mode “Fly on the windscreen“.

Die Botschaft in deinen Versen ist klar - ich persönlich fände es allerdings noch effektiver, wenn der naive Duktus der Rinder konsequenter durchgehalten und nicht durch eine erklärende, bewertende Metaebene (“Schlachtefest“, “den mörderischen Apparaten“) kommentiert werden würde. Damit meine ich eine stringentere Annäherung an eine mutmaßliche tierhaft-naive und verfremdete Wahrnehmungsperspektive.

Sehr effektiv ist dies beispielsweise von Hannah Bründl umgesetzt worden, in ihrem Text “das tier im herbst“, erschienen in “Der Maulkorb - Blätter für Literatur und Kunst #26, 2019.

Gruß,
Artbeck
 
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blackout

Mitglied
Danke, Artbeck, fürs Reinsehen und sachliche Kommentieren. Gegen den ersten Absatz deines Kommentars habe ich kaum Einwände, obwohl ich Animal Farm und Depeche mode nicht kenne, ich mache mir weder was aus Orwell noch aus Depeche mode. Wobei ich auch an Brecht in diesem Fall nicht dachte, mir ist die Idee bei einem Besuch auf dem Lande gekommen beim Anblick einer Rinderherde. Sicher, als Metapher oder Parabel ist das Gedicht gedacht. Die Rindviecher haben mich so treu mit ihren warmen Augen angesehen, und ich Mensch wusste, was sie nicht wissen.

Leider ist das ein Gedicht, das ich 2015 geschrieben habe, so ich konnte Aktuelles, worauf sich das Gedicht ja zweifelsfrei beziehen kann, nicht einarbeiten, ich hätte es völlig umschreiben müssen. Deinen Einwand aber, nicht vom Schlachtefest und den mörderischen Apparaten zu sprechen, muss ich akzeptieren. Da wäre tatsächlich die dritte Person richtiger gewesen, also "Sie legen sich nieder". Dann aber wären wohl einige Leute beleidigt, die sich angesprochen fühlen (ist mir schon passiert). Solche Einwände muss man ernst nehmen, auch wenn sie nicht besonders überlegt sind. Aber ich werde es in 3. Person umschreiben. Danke vielmals für den Hinweis.

Gruß, blackout
 

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