Rita und Gunnar

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An einem Sonntagabend mitten im Sommer trieb er sich mit einer Gruppe junger Leute in Wilmersdorf herum. Sie waren auffallend angezogen und neigten zu kleinen Eskapaden. Er zog mit ihnen von einem Café ins andere. Alle gaben sich schriller, als es ihrem Wesen tatsächlich entsprach – stellte er später fest. Der exzentrischste von allen war ein großer, schlanker junger Mann, der mit seinen langen, dunklen Locken aussah wie das bekannte Selbstbildnis des jungen Dürer. Zwei pinkelten in der Ludwigkirchstraße in einen Hausflur.

Es waren auch zwei junge Frauen darunter, die, wie man es im Tierreich oft findet, im Vergleich zu den männlichen Exemplaren etwas unscheinbar wirkten. Rita, die eine von ihnen, war klein, ein biederes, vernünftiges Büromäuschen. Sie schien die Königin der Truppe zu sein. Ben war zum ersten Mal mit ihnen unterwegs und verstand nicht, welche Kräfte da wirksam waren.

Dann saß er mit den anderen in Ritas kleiner Wohnung herum. Alle stichelten gegeneinander, man kannte sich schon allzu gut.

Sie redeten auch über ein Haschlokal in der Nähe, das in der letzten Nacht ausgebrannt war. Auf dem Weg hierher hatten sie die Stammgäste vor der Ruine hocken sehen, leise vor sich hin grummelnd, ihres Marktes beraubt. Obwohl fast alle noch in jungen Jahren, wirkten sie schon ältlich.

Ben sah am liebsten zu dem hübschen Blonden hinüber. Er hieß Gunnar, war Beamtenanwärter und auf den ersten Blick recht attraktiv. Er bewegte sich knabenhaft kess mit Anwandlungen von junger Fraulichkeit dazwischen. Dabei schien er gut erzogen, nicht dumm, nicht ungebildet. Er sagte, er liebe es, wenn zu Hause im Hintergrund das Radio leise laufe. Das beruhige ihn, da könne er besser lernen. Manchmal lachte er aufreizend. Das kam Ben wie ein Versprechen vor, wie eine Andeutung irgendeiner Rebellion oder von gemeinsam zu erlebender Unzucht.

Rita verschwand mit Gunnar in der Küche. Sie schienen sich zu streiten. Die anderen wiesen bedenklich mit dem Kopf zur Wand hin. Was ging da vor? Da kam Gunnar heraus, mit rotem Kopf, sah süß und ungezogen aus.

Gunnar sagte: „Bei allen toleriert sie es, nur bei mir nicht.“ Er sagte zu einem blonden Schönling – er war auch noch Friseur -: „Komm, gehen wir.“ Ben begriff erst jetzt, die beiden waren ein Paar.

Als sie fort waren, sagte Rita: „Ich hab ihn rausgeschmissen.“ Es blieb für Ben unklar warum. Da er erst mit ihr ins Bett gegangen war und neuerdings auch mit Jungen schlief? Rita sagte: „Wenn man einen acht Jahre gekannt hat, vertraut man ihm natürlich. Ich hab dreimal mit ihm geschlafen, aber es war nichts Richtiges. Er hat mir fast den Globus abgerissen und da hab ich ihm gesagt …“

Sie hechelten allesamt den Fall noch anderthalb Stunden lang durch, fachmännisch, fachfraulich.

Dann drehte sich das Karussell bis in den Herbst hinein. Ben sah fast jeden Tag Leute aus der Clique. Da gab es ein Café dicht am Kudamm, das er täglich am Nachmittag oder am Abend besuchte, allein oder mit Freunden. Es lag da, wo die Uhlandstraße den Kudamm schneidet. Einmal rief ein Busunternehmen an, das Stadtrundfahrten anbot. Ob sie eine Führung mit Touristen machen dürften? Der Barkeeper holte den Geschäftsführer. „Nein, bedaure, das ist gegen die Prinzipien unseres Hauses.“

Später traf man sich im MC oder einem anderen Nachtlokal am Nollendorfplatz. Manchmal saßen sie alle oder nur einige von ihnen in Ritas Wohnung zusammen. Oder es gab eine Fete bei Gunnar, der bald wieder zum Kreis gehörte. Ständig wurde telefoniert. Es bildeten sich Grüppchen, Abspaltungen. Der Klatsch blühte, die Intrige regierte. Man amüsierte sich oder tat so.

„Du, ich mag dich, das ist jetzt keine Phrase. Ich wollte dir auch sagen, dass du sehr hübsche Hände hast …“ Ben fand Herbert überspannt. Er zog über Gunnar her. Der Anwärter hatte ihn einmal aus seiner Wohnung hinausgeworfen und ihm das Haustor nicht geöffnet. Herbert war im Hinterhof über eine Mauer geklettert und hatte im Nachbarhaus an einer Wohnungstür klingeln müssen, um auf die Straße gelassen zu werden. Ben verbiss sich das Lachen.

Oder er ging mit Herbert, Gunnar und dem Friseur über den Kudamm. Auch der junge Dürer war dabei. Diesem fiel plötzlich ein, er müsse noch etwas bei Rita abholen. Der Friseur bot sich als Begleitung an. Nach ihrem Weggang sagte Herbert: „Natürlich muss man flirten dürfen, aber man sollte doch wissen, wo sein Bett steht.“

Verdüstert pflichtete Gunnar bei: „Ja, und jetzt reden sie dort nur über mich.“

Dürer und der Friseur kamen zurück. Bei Rita sei dieser Max gewesen, nur im Hemd. Die beiden seien gerade auf einem Trip gewesen, nichts mit ihnen anzufangen. Sie saßen dann zu fünft in Gunnars Wohnung zusammen. Über Gunnars Bett war eine nackte und überlebensgroße Papierblondine befestigt, mit roter Rose vor der Vagina. Rita erzählte Ben später, Gunnar habe Herbert nicht zum Geburtstag eingeladen. „Er will nicht, dass seine normalen Freunde etwas merken.“ Max sagte, er habe Lust, diese Freunde mal über Gunnar aufzuklären.

Gunnars Ruf als feuriger Liebhaber litt immer mehr. Herbert tratschte herum, Gunnar sei im Bett ziemlich passiv und das sei für ihn, Herbert, recht unbefriedigend gewesen.

Ben saß einmal nur mit dem Friseur in ihrem Stammcafé zusammen. Der Friseur sagte. „Herbert hat gestern im MC Fassbinder gesehen … Übrigens, ich ziehe nächste Woche zu Gunnar.“ Er nimmt ihn also auf, trotz der Rose vor der Vagina, ging es Ben durch den Kopf. Das muss Liebe sein … Und er selbst würde vorerst nicht an Gunnar herankommen. Max und Herbert gaben der jungen Ehe keine große Zukunft. Dürer war anderer Meinung.

Herbert sagte wieder einmal von Rita, die Frau sei für ihn gestorben. Und von Gunnar erfuhr Ben, er sei mit Rita in eine Schulklasse gegangen. Erst durch sie war er neuerdings mit Homosexuellen in Berührung gekommen. „Sie hat mich bis zuletzt für normal gehalten, bis zu diesem Sonntag, du weißt schon …“

Gunnar verreiste einige Tage. Ben traf den Friseur im Café und musste sich das anhören: „Auf die eine Art verstehe ich mich recht gut mit ihm, auf die andere weniger. Wahrscheinlich zieh ich bald wieder aus.“

Max setzte sich ein anderes Mal zu Ben und sagte mit wegwerfender Handbewegung: „Gunnar? Was willst du denn mit dem? Das ist doch `ne glatte Fehlinvestition, mein Lieber.“

Ben musste sich eine neue Bleibe suchen. Die alte Jüdin, seine Vermieterin, löste ihre Wohnung in der Uhlandstraße auf und zog ins Süddeutsche. Er nahm sich ein winziges möbliertes Appartement in einem Boardinghaus. Die Kleiststraße war gleich um die Ecke, dafür der Weg ins Stammcafé einige hundert Meter länger geworden.

Bald danach schlug der Friseur Ben vor, an seiner Stelle zu Gunnar zu ziehen. „Er kann nicht allein wohnen, weißt du. Und ich kann nicht mehr lange bei ihm bleiben.“

Gunnar vertraute sich einige Tage später ebenfalls Ben an. Die Anfangsschwierigkeiten seien überwunden, er richte sich auf eine lang dauernde Beziehung zu seinem Freund ein. Ben verstand ihn so: Er will wissen, was mir der andere schon gesagt hat. Dann kamen Dürer und Herbert und bemerkten, der Friseur sehe jetzt alles andere als glücklich aus. Ob es denn im Bett immer noch immer nicht richtig funktioniere? Gunnar sagte auch ihnen, diese Probleme seien gelöst. Und sie verstünden sich sogar so gut, dass er seinem Freund bisher die Miete für das Zimmer gestundet habe. Herbert und Dürer blickten sich vielsagend an.

Dürer sagte über Gunnar in dessen Abwesenheit, der Junge sei ja fade und völlig nichtssagend.

Als Ben den Friseur das nächste Mal allein traf, bekam er zu hören: „Gott sei Dank, ich hab demnächst eine neue Wohnung. Wir streiten uns fast jeden Tag. Gunnar ist engstirnig und intolerant, im Grunde ein kleiner Spießer. Aber jetzt ist er wieder zu haben. Na, los doch!“ Er grinste Ben aufmunternd an.

Ben unterhielt sich oft mit Gunnar und kam ihm im Gespräch allmählich näher. Sie sprachen sich nicht offen aus, doch Ben glaubte sich verstanden. Es hieß, geduldig zu sein und abzuwarten.

Bei Gunnar tauchten jetzt ab und zu weitere Frauen auf. Paula, eine Kollegin des Friseurs, zog vorübergehend sogar zu den beiden Freunden. Einmal öffnete sie die Wohnungstür und stellte ihm ihre Freundin Silke vor. Silke hatte einen sehr schwul angezogenen Jungen mitgebracht. Aber Paula sagte in der Küche leise zu Ben: „Er ist normal und Silke hat keine Ahnung, was hier los ist.“ Bald kam der Friseur von der Arbeit und behandelte Ben recht kühl. Als sie aber alle gemeinsam in die Stadt aufbrachen, zwinkerte er ihm zu. Ben fand ihn jetzt sympathischer als Gunnar. In der U-Bahn unterhielt er sich nur mit Paula. Er gestand sich ein, dass Gunnar ihn zu langweilen begann. Sie besuchten eine Bar. Silke betrachtete alles mit großem Interesse und wunderte sich, dass keine Frauen da waren. Sie machte rasch hintereinander verschiedene Männerbekanntschaften und war beim Abschied von Ben ihrerseits recht kühl. Ben verabschiedete sich gleichgültig von Gunnar. Am Tag darauf fuhr er in den Urlaub, den er noch einmal zu Hause bei den Eltern verbrachte.

Als er nach Berlin zurückkam, war der Friseur von Gunnar weggezogen. Jeder der beiden erzählte allen anderen zu den Gründen seine eigene Version der Geschichte. Abgesehen von dieser Trennung ging alles weiter wie vor Bens Reise. Man traf sich in kurzen Abständen und in wechselnder Zusammensetzung in einem Café, einer Bar oder einer Privatwohnung. Man erörterte den Stand der Beziehungen eines jeden zu jedem anderen. Bens Zuneigung zu Gunnar kehrte teilweise zurück. Er probierte Gunnar gegenüber Zärtlichkeiten aus und gestand sich nachher ein, es seien weniger Tests gewesen, wie weit er gehen könne, als vielmehr Proben, wie stark Gunnar ihn selbst noch reize. So ähnlich prüft der Zahnarzt die Vitalität eines verdächtigen Zahns.

Rita würzte den Ablauf dieser Herbstwochen damit, dass sie ab und zu weitere alte oder neue Freunde von sich präsentierte. Es waren immer Homosexuelle. Unter ihnen war Waldemar, ein Handelsvertreter auf der Höhe seiner Zeit. Er liebte politische und andere Diskussionen, wenn sie mit ihm auch regelmäßig nicht zum Kern der Sache führten, sondern zerfransten. War dies allen deutlich geworden, zog Waldemar sich mit dem enttäuschten Ausdruck eines Spürhundes zurück, der in den Trümmern eines eingestürzten Hauses keine Leichen gefunden hat.

Waldemar veranstaltete eine Fete. Alle aus Ritas Clique kamen, dazu Freunde von Waldemar. Aus ihrem Kreis erhielt Rita eine Reihe von Einladungen. Sie war wochenlang Abend für Abend ausgebucht. Dann konnte sie doch einmal mit Gunnar zu Ben kommen. Sie waren noch nie bei ihm gewesen, in seinem kleinen Vogelbauer.

Ben notierte nachher: Gunnar hat sich einen großen Vorteil dadurch verschafft, dass sein Verhalten mir gegenüber widersprüchlich ist, dass ich ihn nicht fassen kann und über seine Vorstellungen von der Zukunft im Unklaren bleibe. Er ist mal spröde, mal betont herzlich, er vernachlässigt mich gelegentlich und lügt sogar und zeigt dann wieder ein Interesse an meinem Leben und meinen Sorgen, das durch Höflichkeit und Lust an Geselligkeit allein nicht zu erklären ist. Er ließ es sich gefallen, dass ich ihn zum Abschied auf die Wange küsste. Doch jede Reaktion blieb aus, die zustimmende wie die ablehnende. Er hütet sich, irgendeine Stellungnahme abzugeben und behandelt mich nur wie einen guten Kameraden.

Seine beiden Gäste tratschten auch über den Friseur. Es hieß, er sei vor seinen Schulden nach Westdeutschland geflohen. Gunnar sagte: „Wegen der Mietschulden werde ich nächste Woche einen Zahlungsbefehl erwirken.“

Als sie wieder einmal zu mehreren im MC gewesen waren, gab Ben Gunnar nachher auf der noch immer belebten Kleiststraße den Freundschaftskuss. Gunnar war Rührung anzumerken. Aber die Sache selbst kam nicht voran. Sie sahen sich jetzt seltener.

Gunnar rief wieder einmal an. Der Zahlungsbefehl war hinausgegangen. Sonst hatten sie sich wenig zu sagen. Es war Ben beinahe peinlich zu fragen, wann man ihn denn wieder mal sehen werde. Es hieß, möglicherweise am Sonntagabend im MC.

Im Büro fragte ihn um diese Zeit die junge, hübsche Frau O. einmal ziemlich schüchtern, ob er vielleicht alleinstehende junge Männer kenne. Sie plante eine Fete und hatte bisher nur junge Frauen einladen können. Er grinste innerlich und hielt die zutreffende Antwort mit Mühe zurück: Na, und ob! Ich kenne fast nur solche – und dann noch Rita. Stattdessen wich er aus: Sein Bekanntenkreis sei noch nicht sehr groß. Er war dabei so abweisend, dass sie es nicht einmal wagte, ihn selbst einzuladen. Gewiss, es hätte seinen Reiz gehabt, mit zwei, drei Schwulen auf einer normalen Party mit Frauenüberschuss aufzutreten: Ritas Masche mal andersherum gestrickt. Aber ich will nicht mehr so viel spielen.

Der subkulturelle Reigen ging pausenlos weiter. Rita konnte Fred, einen von Waldemars Freunden, nicht für länger an sich binden. Schließlich waren Gunnar und Fred das neue Paar. Es ließ Ben schon kalt. Womit hatte er diese letzten Monate nur vertan?

Ben sah Gunnar wochenlang nicht. Dann entdeckte er ihn eines Abends im MC, wie er mit Max tanzte. Die beiden winkten ihm von der Tanzfläche aus zu.

Später im Herbst rief Gunnar ab und zu wieder an. Manchmal trafen sie sich dann in einem Lokal in Neukölln, das ebenso gut das einzige Schwulenlokal einer westdeutschen Mittelstadt hätte sein können. Sie spielten dort nur ältere deutsche Schlager. Die Gäste waren in sich ruhende Kleinbürger aus der Nachbarschaft. Der Kontrast zwischen ihrer allzu offensichtlichen Normalität und Durchschnittlichkeit und ihrem besonderen sexuellen Geschmack hatte für Ben etwas Exotisches.

Gunnar erwartete dort regelmäßig Paula. Die Friseuse war inzwischen Barfrau geworden und lebte mit einem Transvestiten zusammen, ausgerechnet in Rudow. Dass manche immer bis an die Grenze gehen müssen … Ben begriff, dass Gunnar im Lokal nicht allein auf sie warten wollte und ihn nur aus diesem Grund dahin bestellt hatte. Doch was ihn früher gewurmt hätte, ließ ihn nun kalt. Er konnte sich jetzt viel besser mit Gunnar unterhalten als zu der Zeit, da er vielleicht in ihn verliebt gewesen war.

Gunnar berichtete, er habe inzwischen die Zwangsvollstreckung gegen den Friseur auf den Weg gebracht. Natürlich werde der nicht zahlen können, wenigstens vorerst nicht. Doch er, Gunnar, könne sich ja Zeit lassen. Wie es schien, begegnete er ihm als Schuldner mit der gleichen Gefühlsstärke wie früher als seinem Geliebten. Er legte Ben die Rechtslage dar, sprach mit Verve von Fristen und von Hemmung. Ben dachte: Er hat alle Hemmungen verloren, wahrscheinlich liebt er ihn noch immer. Das also ist die Liebe eines Beamtenanwärters …

Die ganze Clique traf sich kurz vor Weihnachten noch einmal bei Gunnar, der eine große Fete gab. Und man sah auch neue Gesichter, denn die jungen Frauen hatten ihre neuesten Eroberungen mitgebracht, alles junge Männer, die sie in den Schwulenbars aufgegabelt hatten. Einer von ihnen war ein guter Knef-Imitator, ein anderer, ein Südamerikaner, rief in kurzen Abständen „Santa Maria! Santa Maria!“. Und als Letzter traf ein Italiener ein, den Paula sich in der Rio-Bar angelacht hatte, die jetzt viel beliebter als das MC war.

Es war der letzte oder, um genau zu sein, der vorletzte Kongress, den sie hatten. Denn einige Zeit später rief Waldemar Ben an und platzte gleich mit der großen Neuigkeit heraus: „Rita hat sich verheiratet!“ – „Wie, verheiratet?“ – „Na, richtig auf dem Standesamt.“

Es war Klaus, ihn hatte es getroffen. Er war ein Kollege von Rita, sie arbeiteten im gleichen Großraumbüro. Man hatte ihn ihn nie viel sagen hören. Er war meistens da, wo Rita sich zeigte, war hübsch, sanft, still, schien unaufhörlich die anderen zu beobachten und sich seinen Eindrücken von ihnen zu überlassen.

„Aber – ist er nicht stockschwul?“

„Ja, natürlich.“ Die beiden hatten schon alle näheren Kontakte zu den anderen abgebrochen. Man sah sie in keinem Café, in keiner Bar mehr. Als die Übrigen zusammensaßen, gab keiner von ihnen der jungen Ehe irgendeine Chance, nicht einmal Dürer.
 

TaugeniX

Mitglied
Ich kann die einzelnen Stimmen nicht verfolgen, ich höre die Melodie nicht heraus, aber das Klangbild erreicht mich sehr wohl. Das enge Gewimmel der menschlichen Neigungen und Eitelkeiten. Es entsteht das Gefühl von ständigen Berührungen in einem engen Raum, eine Subkultur wie ein Zimmer, in dem es von Menschen wimmelt.

War es Deine Absicht, dass es keine "Leitstimme" gibt, nicht wahr?

Die vielen Strassen- und Lokalnamen passen zum "Wimmelbild". Nur das "MC" hat mich gestört, weil ich die Abbreviatur nicht kenne und der Klang allein ist ganz farblos. (Wenn jeder normale deutsche Leser diesen Club kennt, nehme ich den Einwand natürlich zurück)

Die Passage "er war auch noch Frisör" verstehe ich nicht. Wieso "auch noch"? Aber vielleicht liegt es am Sprachverständnis oder irgendwelchen "Interna" der Subkultur.
 
R

Rehcambrok

Gast
Hallo Arno,
es hat mich schon amüsiert wie man in die Gender Problematik eintaucht und es in einen sarkastischen Verschiebebahnhof bringen kann. Es zeugt von vielen Feingeistigen Einfällen. Nur einmal bist du übers Ziel hinausgeschossen. >Die alte Jüdin, seine Vermieterin< . Das ist mehr als nur triefendes Klischee, kommt bei mir auch nicht gut an.
MC – ich denke es wird in Berlin auch die Abkürzung für die Bikertreffs sein, oder?

LG Rehcambrok
 
Bei TaugeniX und Rehcambrok bedanke ich mich herzlich für die gründliche Befassung mit meinem Text. Zu folgenden Details Ergänzungen von mir:

1. Ja, der Eindruck von "Gewimmel" und "Wimmelbild" besteht zu Recht, ist auch so beabsichtigt. Indem Erotisches im Zeitraffer vorgeführt wird, soll dessen relative Bedeutungslosigkeit - das ist immer eine Frage der Perspektive, natürlich - demonstriert werden. Der Held der Geschichte verfolgt halbherzig ein eigenes erotisches Interesse und fragt sich danach: Womit habe ich bloß meine Zeit vertan? Damit, dass ihm Einblicke in die Mechanik der Beziehungen anderer Personen ermöglicht wurden.

2. Der schwule Friseur ist natürlich ein altbackenes Klischee, das ich mit der Formulierung war auch noch zu ironisieren versucht habe.

3. Das MC gab es in der Tat, nur lautete eine der Initialen anders. Und es war kein Bikertreff ...

4. Zur alten Jüdin: Der Kontext ist ja wohl nicht negativ? Und es ist nichts anderes als die Übernahme eines Details aus meinem eigenen Leben. Frl. S., die ich schätzte und gern mochte, war meine Zimmervermieterin. Nähere Bekanntschaft kann man mit ihr in meiner Erzählung "Berlin damals" machen (2.Absatz). (Achtung, keine Eigenwerbung, nur Versuch der Selbstrechtfertigung.)

Danke auch für die für mich erfreuliche Bewertung.

Schönen Morgengruß
Arno Abendschön
 
R

Rehcambrok

Gast
Hallo Arno,
>4. Zur alten Jüdin: Der Kontext ist ja wohl nicht negativ? Und es ist nichts anderes als die Übernahme eines Details aus meinem eigenen Leben. Frl. S., die ich schätzte und gern mochte, war meine Zimmervermieterin<
So geschildert bekommt es einen anderen Zusammenhang. Da der Leser aber nur einen Auszug des Werkes erhält, muss er mit dem sich bietenden arbeiten. Und da man in dem Auszug eben keinerlei Bezug zu der Person bekommt, wirkt es wie das Nazi-Bild. Der Jude = Ausbeuter, schuld an allem usw.!
Würde vielleicht Sinn machen das Frl. S im Vorfeld zu erläutern.

LG Rehcambrok
 
Aber, Rehcambrok, wie unschwer aus dem Text zu erkennen, handelt es sich um eine Zimmervermieterin, die einen Teil ihrer eigenen Wohnung untervermietet. Selbst der ärgste Antisemit kann aus diesem Faktum keinen Honig saugen. Ich habe also mit dem Detail nichts Angreifbares bedient, schon gar nicht das Ausbeuterklischee.

Noch zum Hintergrund, falls von Interesse: Wie aus dem Fassbinder-Zitat zu entnehmen, spielt die Geschichte um 1970. Die Erwähnung einer jüdischen Zimmerwirtin im damaligen West-Berlin kann als, wenn auch schwacher, Farbtupfer für das Lokalkolorit gelten. Diese Viertel, speziell in Charlottenburg, hatten bis 1933 einen zahlenmäßig hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Er wurde infolge Auswanderung und Holocaust so gut wie ausgelöscht. Doch kamen nach dem Krieg einzelne Juden zurück in ihre Stadt, darunter diese Zimmerwirtin. Sie war Sekretärin bei einem vormals jüdischen Warenhauskonzern gewesen, dem auch das Haus in der Uhlandstraße gehörte. Da die Wohnung z.T. Möbel von der Jahrhundertwende aufwies, kann ich mir vorstellen, dass Frl. S. nach 1945 in die angestammte Familienwohnung zurückgekehrt war. Um sie behalten zu können, war sie auf Zimmervermietung angewiesen. Als das nicht mehr ausreichte, gab sie die Wohnung auf.

Ich bin ein bisschen perplex: Reicht schon das Stichwort "jüdisch", um den Antirassismusreflex auszulösen? Gerade bei diesem Stoff hier hätte doch eine andere Assoziation näher gelegen, bedenkt man, dass die erwähnten Caféhausgäste von schräg gegenüber unter Hitler auch damit hätten rechnen müssen, im KZ zu landen.

Ansonsten nichts für ungut.

Arno Abendschön
 

TaugeniX

Mitglied
Darf ich noch etwas einwerfen, Arno?

Der Erzähler, dem das Selbstbildnis des jungen Dürer vertraut ist, müßte in dieser Geschichte noch einen Vergleich oder Assoziation auf dieser "Ebene" liefern, glaube ich. Damit Dürer nicht so alleine ist und nicht wie ein Fremdkörper aussieht. Nur noch eine leise zarte Andeutung irgendwo im Text.

Dass im nächsten Satz, gleich nach Dürer "gepinkelt" wird, gehört zum Geist der Rebellion. - Mich stört es, aber ich verstehe, dass es beabsichtigt ist und so einen Menschen wie ich auch stören soll. :)

Beim zweiten Durchlesen fällt mir umso krasser auf, wie das Menschengewimmel vom Wortwahlgewimmel unterstrichen wird! Herrlich! Die "gemeinsam zu erlebende Unzucht" mit der "Veranstaltung einer Fete". - Ich werde Deinen Text sicher noch einige Male lesen um alle diese Schichten und Schachteln durchzukosten. - Nicht ganz uneigennützig allerdings: ich lerne von Dir.
 
Danke, TaugeniX, für deine nochmalige Wortmeldung. Und ich ziehe auch den Hut vor deiner Einfühlungsgabe. Das ist ganz richtig, dass ein Dürer allein in so viel Text ein bisschen deplaciert wirkt. Mal sehen, ob mir für eine Verstärkung dieses Elements etwas Passendes einfällt. Man kann da leicht des Guten zu viel tun. - Ja, dass hinter Dürer gleich vom In-den-Hausflur-Pinkeln die Rede ist, war natürlich Absicht.

Arno Abendschön
 

Walther

Mitglied
Hi Arno,

die geschichte hat das gewisse etwas, ist aber eher nicht "erotisch", was nicht negativ gemeint ist. allerdings willst du m.e. zu viel.

du hast, meiner unmaßgeblichen ansicht nach, zwei möglichkeiten, die vorhandene verzettelung in den beziehungssträngen zu lösen:

(a) du baust sie aus. dann aber ist das keine KG mehr, sondern geht in richtung erzählung.
(b) du kürzt und fokussierst auf ein paar der stränge, damit die aussage erkennbarer wird.

gerne gelesen.

lg W.
 
Danke, Walther, für deine Meinung, die ich nachdenklich zur Kenntnis nehme. Deine Ratschläge hören sich brauchbar an, doch worauf würde es hinauslaufen, ihnen zu folgen? Eben der "Wimmelbild"-Charakter würde weitgehend verschwinden. An ihm liegt mir aber.

Erotisch? Nun, es geht ums erotische Leben und Empfinden einer Gruppe junger Menschen, zugegeben nach dem Muster "Sauer macht lustig" - hoffentlich.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Danke, Metino. Und es ist natürlich auch eine alte Geschichte ... Ich weiß nicht, ob heutzutage Ähnliches vorkommt. Damals gab es noch mehr junge Frauen, die ihre freie Zeit vorzugsweise mit männlichen Homosexuellen verbrachten, die meisten von ihnen allerdings ohne Heiratsabsichten.

Arno Abendschön
 
M

Metino

Gast
Das kann man natürlich nicht wissen, aber ich denke, dass die Welt freier geworden ist und die Menschen unbefangener damit umgehen als früher. Wenn es so ist, ist es so und? Es ist heute viel einfacher sich selbst zu orientieren. Die gängigen Klischees von damals sind wertlos geworden. Wer heute wie tickt ist doch gar nicht zu erkennen, zumal die meisten eh nicht wissen was in ihnen steckt.
Gruß
Me
 

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