Rohstoffkrieg

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Blumenberg

Mitglied
Da ist es schon wieder passiert. Die AFD ist einmal mehr mit dabei wo es gilt rechtsaußen Narrative zu bedienen. Sie provoziert indem sie marschiert und vor dem bösen, fremden Flüchtling warnt, man liest von Messermigration und anderem. Wutbürger ziehen Fahnen schwenkend durch Chemnitz. Auch die Gegenseite formiert sich: die Zivilgesellschaft will Berlin zum sicheren Hafen machen, Gegendemonstranten stoppen die in Chemnitz marschierende AFD-Kundgebung. Die anderen Parteien verurteilen die wüstesten Äußerungen, fordern mal wieder die Überwachung der Partei durch den Verfassungsschutz und ringen, so ist zu lesen, immer noch um den richtigen Umgang mit dem Phänomen AFD.

Orchestriert und in Szene gesetzt wird das Ganze von einer gespaltenen Presselandschaft. Auf der einen Seite die „Mainstreammedien“ auf der anderen der, „Underground“ oder die „Medienguerilla“. So unterschiedlich beide positioniert sind haben sie doch eines gemeinsam. Beide reiben sich angesichts der erhöhten Aufmerksamkeit die Hände. Man hat ein emotional aufgeladenes Dauerthema gefunden, dass seit 2015 wie ein stabiles Wettergebiet über Deutschland zu hängen scheint. Um zu verstehen, was für eine potenzielle Goldgrube das Thema ist, muss man sich ein wenig damit befassen wie das Medium Internet in diesem Fall funktioniert.

Aufmerksamkeit war seit jeher der wichtigste Rohstoff einer Zeitung. Sie garantiert wahrgenommen zu werden und damit eine hohe Auflage. Die Art und Weise wie sie erzeugt wird, hat sich mit der Erfindung des Internets, dem Aufkommen der großen digitalen Player und dem, was man direktes Feedback nennt, in jüngster Zeit deutlich gewandelt. War man früher mit einem Aufsehen erregenden Artikel Stadtgespräch, lebt dieser heute zu nicht unwesentlichen Teilen über die Kommentare unter dem eigentlichen Text. Deshalb wird es wichtig, Artikel dahingehend anzupassen, dass sie auf das emotionale Empfinden des Lesers wirken, denn dieses hat Einfluss darauf, ob der Leser eines Artikels diesen tatsächlich kommentiert, oder ob man sich einfach eine Meinung dazu bildet ohne das Bedürfnis sie anderen mitzuteilen. Hier liegt auch der Wert der Kommentare zu einem Text. Sie operieren im Wesentlichen auf einer viel sichtbareren emotionalen Ebene als der eigentliche Beitrag d.h. durch die emotionsgeladene Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Anschaulich wird das in Antworten von Lesern, die sich darüber beschweren, dass ein anderer Kommentar so und so oft geliked oder was für Mist bzw. Wunderbares in diesem geschrieben wurde. Hier ist etwas entstanden was man als sekundäre Referenz bezeichnen kann. Viel kommentierte Artikel erzeugen ab einem gewissen Punkt immer mehr Aufmerksamkeit, sie werden häufiger geteilt, geliked und weiter direkt und indirekt kommentiert. Dieser Vorgang an sich ist nichts Schlechtes, denn er sorgt, so könnte man argumentieren, dafür, dass von den Lesern als relevant empfundene Themen entsprechende Aufmerksamkeit bekommen und prominenter platziert sind.

Bedauerlicher Weise tritt aber noch eine zweite für typische Funktionsweise hinzu, die Jaron Lanier vielfach beschrieben hat. Die Form von emotionaler Gestimmtheit, die besonders effektiv Aufmerksamkeit generiert ist negativ. Katastrophen rütteln mehr auf als die heile Welt. Alles was die emotionale Normalstimmigkeit des Denkens durch einander bringt ist der Rohstoff, aus dem sich die Ressource Aufmerksamkeit gewinnen lässt. Hierfür sind Leserkommentare zur Flüchtlingsdebatte ein wunderbares Beispiel. Es stehen sich zwei Lager getrennt durch einen ideologischen Graben gegenüber, der mittlerweile so tief ist, dass sogar eine bloße Debatte auf sachlicher Ebene über das Thema ausgeschlossen ist. Keine Seite ist mehr bereit die vorgebrachten Argumente, die eigenen wie die der anderen, einer sachlichen Prüfung zu unterziehen. Es wird übertrieben, mit Halbwahrheiten operiert, oder es werden Dogmen in den Raum gestellt, die ihre Prämissen im jeweiligen weltanschaulichen Horizont haben. Die kann man akzeptieren oder nicht, begründen kann man sie in den seltensten Fällen. Das gilt ebenso für die Interpretation von Fakten, Statistiken, Umfragen, etc. Gleichzeitig hört man nicht mehr zu. Genauer: Man hört anders zu, wartet lediglich auf emotionale Triggerwörter beim Gegenüber, die eine eigene emotionale Reaktion hervorrufen. Dies ist kein deutsches Phänomen, die inneramerikanische Debatte für und wider Trump funktioniert, nach dem gleichen Muster, ebenso wie die englische über den Brexit.
Dieses Spiel, die emotionale Aufladung und die Verstärkung der Aufmerksamkeit, lässt sich bei jedem Artikel mit Kommentarfunktion zu dem Thema beobachten. Kaum erschienen explodieren die Kommentarspalten, es wird gestritten, es wird geschrien, es wird beschimpft. Man wirft alles an Emotion rein was man hat, während Fakten immer weniger eine Rolle spielen. Gleichzeitig wird der Artikel geteilt, geliked und das Feedback, hier als positiver Verstärker fungierend, geht ein, dass dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt und sich Artikel oder Kommentare dazu lohnen.

Diesen Teufelskreis zu durchbrechen wird nicht einfach, schließlich, scheinen alle dabei zu gewinnen in dem sie die Ressource Aufmerksamkeit abbauen. Angefangen beim einzelnen Kommentator unter einem Artikel, über die Medienlandschaft, bis zu der Partei, der es bislang als einziger gelungen ist sich erfolgreich einen wahlwirksamen Claim bei diesem Thema zu sichern. Die Reaktion der Verlierer dieses Themas lässt wenig hoffen, man verliert sich in der irrlichternde Suche nach einem ertragreichen Zugang zu dem Thema, anstatt sich den Problemen zuzuwenden, die als real existierende, die Wut und die Zukunftsängste in Teilen der Bevölkerung überhaupt erst erzeugt haben. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Da sind jede Menge Komma- und einige andere Fehler im Text. Bitte mal beheben!

***​

Zum letzten Satz: Ich glaube nicht, dass das ein ganz anderes Thema ist. Es ist eine Spielart des selben Themas: Indem (anscheinend*) um Aufmerksamkeit für eine Sache gekämpft wird, gerät die Sache selbst in den Hintergrund.

(* In vielen Fällen geht es längst nicht mehr um Aufmerksamkeit für bestimmte Sachen, sondern um Sachen, die Aufmerksamkeit bringen. Das ist wohl das, was du mit "Rohstoff Aufmerksamkeit" meinst.)
 

Blumenberg

Mitglied
Da ist es schon wieder passiert. Die AFD ist einmal mehr mit dabei wo es gilt rechtsaußen Narrative zu bedienen. Sie provoziert indem sie marschiert und vor dem bösen, fremden Flüchtling warnt. Man liest von Messermigration und anderem. Wutbürger ziehen Fahnen schwenkend durch Chemnitz. Auch die Gegenseite formiert sich: die "Zivilgesellschaft" will Berlin zum sicheren Hafen machen, Gegendemonstranten stoppen die in Chemnitz marschierende AFD-Kundgebung. Die Etablierten in den Parlamenten verurteilen die wüstesten Äußerungen, fordern mal wieder die Überwachung der Partei durch den Verfassungsschutz und ringen, so ist zu lesen, immer noch um den richtigen Umgang mit dem Phänomen AFD.

Orchestriert und in Szene gesetzt wird das Ganze von einer gespaltenen Presselandschaft. Auf der einen Seite die „Mainstreammedien“, auf der anderen der „Underground“ oder die „Medienguerilla“. So unterschiedlich beide positioniert sind haben sie doch eines gemeinsam. Beide reiben sich angesichts der erhöhten Aufmerksamkeit die Hände. Man hat ein emotional aufgeladenes Dauerthema gefunden, das seit 2015 wie ein stabiles Wettergebiet über Deutschland zu hängen scheint. Um zu verstehen, was für eine potenzielle Goldgrube das Thema ist, muss man sich ein wenig damit befassen wie das Medium Internet in diesem Fall funktioniert.

Aufmerksamkeit war seit jeher der wichtigste Rohstoff einer Zeitung. Sie garantiert wahrgenommen zu werden und damit eine hohe Auflage. Die Art und Weise wie sie erzeugt wird, hat sich mit der Erfindung des Internets, dem Aufkommen der großen digitalen Player und dem, was man direktes Feedback nennt, in jüngster Zeit deutlich gewandelt. War man früher mit einem Aufsehen erregenden Artikel Stadtgespräch, lebt dieser heute zu nicht unwesentlichen Teilen über die Kommentare unter dem eigentlichen Text. Deshalb wird es wichtig, Artikel dahingehend anzupassen, dass sie auf das emotionale Empfinden des Lesers wirken, denn dieses hat Einfluss darauf, ob der Leser eines Artikels diesen tatsächlich kommentiert, oder ob man sich einfach eine Meinung dazu bildet ohne das Bedürfnis sie anderen mitzuteilen. Hier liegt auch der Wert der Kommentare zu einem Text. Sie operieren im Wesentlichen auf einer viel sichtbareren emotionalen Ebene als der eigentliche Beitrag d.h. durch die emotionsgeladene Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Anschaulich wird das in Antworten von Lesern, die sich darüber beschweren, dass ein anderer Kommentar so und so oft geliked oder was für Mist bzw. Wunderbares in diesem geschrieben wurde. Hier ist etwas entstanden was man als sekundäre Referenz bezeichnen kann. Viel kommentierte Artikel erzeugen ab einem gewissen Punkt immer mehr Aufmerksamkeit, sie werden häufiger geteilt, geliked und weiter direkt und indirekt kommentiert. Dieser Vorgang an sich ist nichts Schlechtes, denn er sorgt, so könnte man argumentieren, dafür, dass von den Lesern als relevant empfundene Themen entsprechende Aufmerksamkeit bekommen und prominenter platziert sind.

Bedauerlicher Weise tritt aber noch eine zweite für typische Funktionsweise hinzu, die Jaron Lanier vielfach beschrieben hat. Die Form von emotionaler Gestimmtheit, die besonders effektiv Aufmerksamkeit generiert ist negativ. Katastrophen rütteln mehr auf als die heile Welt. Alles was die emotionale Normalstimmigkeit des Denkens durch einander bringt ist der Rohstoff, aus dem sich die Ressource Aufmerksamkeit gewinnen lässt. Hierfür sind Leserkommentare zur Flüchtlingsdebatte ein wunderbares Beispiel. Es stehen sich zwei Lager getrennt durch einen ideologischen Graben gegenüber, der mittlerweile so tief ist, dass sogar eine bloße Debatte auf sachlicher Ebene über das Thema ausgeschlossen ist. Keine Seite ist mehr bereit die vorgebrachten Argumente, die eigenen wie die der anderen, einer sachlichen Prüfung zu unterziehen. Es wird übertrieben, mit Halbwahrheiten operiert, oder es werden Dogmen in den Raum gestellt, die ihre Prämissen im jeweiligen weltanschaulichen Horizont haben. Die kann man akzeptieren oder nicht, begründen kann man sie in den seltensten Fällen. Das gilt ebenso für die Interpretation von Fakten, Statistiken, Umfragen, etc. Gleichzeitig hört man nicht mehr zu. Genauer: Man hört anders zu, wartet lediglich auf emotionale Triggerwörter beim Gegenüber, die eine eigene emotionale Reaktion hervorrufen. Dies ist kein deutsches Phänomen, die inneramerikanische Debatte für und wider Trump funktioniert, nach dem gleichen Muster, ebenso wie die englische über den Brexit.
Dieses Spiel, die emotionale Aufladung und die Verstärkung der Aufmerksamkeit, lässt sich bei jedem Artikel mit Kommentarfunktion zu dem Thema beobachten. Kaum erschienen explodieren die Kommentarspalten, es wird gestritten, es wird geschrien, es wird beschimpft. Man wirft alles an Emotion rein was man hat, während Fakten immer weniger eine Rolle spielen. Gleichzeitig wird der Artikel geteilt, geliked und das Feedback, hier als positiver Verstärker fungierend, geht ein, dass dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt und sich Artikel oder Kommentare dazu lohnen. Dabei verschwindet unweigerlich die Frage nach der tatsächlichen Relevanz des Themas und wird durch die nach Aufmerksamkeit ersetzt.

Diesen Teufelskreis zu durchbrechen wird nicht einfach, schließlich, scheinen doch fast alle dabei zu gewinnen in dem sie die Ressource Aufmerksamkeit abbauen. Angefangen beim einzelnen Kommentator unter einem Artikel, über organisierte Bündnisse, wie Pegida oder Proasyl, die Medienlandschaft, bis zu der Partei, der es bislang als einziger gelungen ist sich erfolgreich einen wahlwirksamen Claim bei diesem Thema zu sichern. Es wäre aber bitter notwendig. angesichts der Masse von Herausforderungen vor denen die Gesellschaft nach dem Umbau der letzten Jahre und den für die nähere und fernere Zukunft absehbaren Entwicklungen steht. Die Reaktion der Verlierer des Themas lässt wenig hoffen, man verliert sich in der irrlichternde Suche nach einem ertragreichen Zugang, anstatt sich den real existierenden Problemen zuzuwenden, die die Wut und die Zukunftsängste in Teilen der Bevölkerung überhaupt erst erzeugen. Glaub den hier wirklich jemand die hohen Mieten, die strukturellen Probleme - gerade Ostdeutschland -, der Abbau sozialer Sicherungen, oder der zunehmende Ausschluss der gesellschaftlichen Interessen aus der Politik, um nur einige Beispiele zu nennen, verschwinden, nur weil man alle Asylbewerber und Flüchtlinge rauswirft? Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo jon,

besten Dank für den Hinweis, da habe ich am Wochenende noch was zu tun!

"Ich glaube nicht, dass das ein ganz anderes Thema ist. Es ist eine Spielart des selben Themas: Indem (anscheinend*) um Aufmerksamkeit für eine Sache gekämpft wird, gerät die Sache selbst in den Hintergrund."


Ich habe mir deine Anmerkung zu Herzen genommen und versucht mit der ein oder anderen Ergänzung besser darauf hinzuführen. Ich versuche im Mittelteil zwei Mechanismen, nach denen sich das vollzieht zu erläutern. Insgesamt verschiebt sich der Fokus eines Themas von der Relevanz hin zur Aufmerksamkeit. Dabei gerät aus dem Blick, wie relevant das eigentliche Thema ist und das ist in meinen Augen fatal. Die Flüchtlingsdebatte ist für mich dabei ein recht krasses Beispiel. In meinen Augen verdeckt sie völlig, dass an den Sorgen der Leute, besonders im Osten, natürlich etwas dran ist. Das sieht jeder, der sich die Mühe macht sich mal, sich etwas über die Zustände dort einzulesen. Viele junge Leute, gerade auf dem Land, ziehen weg, in den Landesministerien sind Ostdeutsche, gerade in Führungspositionen, unterrepräsentiert, die Langzeitarbeitslosigkeit ist immer noch höher als im Westen und viele Jobs sind prekär, daneben ist die Infrastruktur immer noch ziemlich marode und die Mieten in den Städten steigen. Das ließe sich wohl noch ein Weilchen fortsetzen. Von vielen dieser Entwicklungen ist im übrigen auch Westdeutschland betroffen.

Beste Grüße

Blumenberg


Hallo Arno,

dein Beitrag scheint mir tatsächlich der Beleg zu sein, dass an meiner These etwas dran ist.
 

Blumenberg

Mitglied
Da ist es schon wieder passiert. Die AFD ist einmal mehr mit dabei wo es gilt rechtsaußen Narrative zu bedienen. Sie provoziert indem sie marschiert und vor dem bösen, fremden Flüchtling warnt. Man liest von Messermigration und anderem. Wutbürger ziehen Fahnen schwenkend durch Chemnitz. Auch die Gegenseite formiert sich: die "Zivilgesellschaft" will Berlin zum sicheren Hafen machen, Gegendemonstranten stoppen die in Chemnitz marschierende AFD-Kundgebung. Die Etablierten in den Parlamenten verurteilen die wüstesten Äußerungen, fordern mal wieder die Überwachung der Partei durch den Verfassungsschutz und ringen, so ist zu lesen, immer noch um den richtigen Umgang mit dem Phänomen AFD.

Orchestriert und in Szene gesetzt wird das Ganze von einer gespaltenen Presselandschaft. Auf der einen Seite die „Mainstreammedien“, auf der anderen der „Underground“ oder die „Medienguerilla“. So unterschiedlich beide positioniert sind haben sie doch eines gemeinsam. Beide reiben sich angesichts der erhöhten Aufmerksamkeit die Hände. Man hat ein emotional aufgeladenes Dauerthema gefunden, das seit 2015 wie ein stabiles Wettergebiet über Deutschland zu hängen scheint. Um zu verstehen, was für eine potenzielle Goldgrube das Thema ist, muss man sich ein wenig damit befassen wie das Medium Internet in diesem Fall funktioniert.

Aufmerksamkeit war seit jeher der wichtigste Rohstoff einer Zeitung. Sie garantiert wahrgenommen zu werden und damit eine hohe Auflage. Die Art und Weise wie sie erzeugt wird, hat sich mit der Erfindung des Internets, dem Aufkommen der großen digitalen Player und dem, was man direktes Feedback nennt, in jüngster Zeit deutlich gewandelt. War man früher mit einem Aufsehen erregenden Artikel Stadtgespräch, lebt dieser heute zu nicht unwesentlichen Teilen über die Kommentare unter dem eigentlichen Text. Deshalb wird es wichtig, Artikel dahingehend anzupassen, dass sie auf das emotionale Empfinden des Lesers wirken, denn dieses hat Einfluss darauf, ob der Leser eines Artikels diesen tatsächlich kommentiert, oder ob man sich einfach eine Meinung dazu bildet ohne das Bedürfnis sie anderen mitzuteilen. Hier liegt auch der Wert der Kommentare zu einem Text. Sie operieren im Wesentlichen auf einer viel sichtbareren emotionalen Ebene als der eigentliche Beitrag d.h. durch die emotionsgeladene Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Anschaulich wird das in Antworten von Lesern, die sich darüber beschweren, dass ein anderer Kommentar so und so oft geliked oder was für Mist bzw. Wunderbares in diesem geschrieben wurde. Hier ist etwas entstanden was man als sekundäre Referenz bezeichnen kann. Viel kommentierte Artikel erzeugen ab einem gewissen Punkt immer mehr Aufmerksamkeit, sie werden häufiger geteilt, geliked und weiter direkt und indirekt kommentiert. Dieser Vorgang an sich ist nichts Schlechtes, denn er sorgt, so könnte man argumentieren, dafür, dass von den Lesern als relevant empfundene Themen entsprechende Aufmerksamkeit bekommen und prominenter platziert sind.

Bedauerlicher Weise tritt aber noch eine zweite für typische Funktionsweise hinzu, die Jaron Lanier vielfach beschrieben hat. Die Form von emotionaler Gestimmtheit, die besonders effektiv Aufmerksamkeit generiert ist negativ. Katastrophen rütteln mehr auf als die heile Welt. Alles was die emotionale Normalstimmigkeit des Denkens durch einander bringt ist der Rohstoff, aus dem sich die Ressource Aufmerksamkeit gewinnen lässt. Hierfür sind Leserkommentare zur Flüchtlingsdebatte ein wunderbares Beispiel. Es stehen sich zwei Lager getrennt durch einen ideologischen Graben gegenüber, der mittlerweile so tief ist, dass sogar eine bloße Debatte auf sachlicher Ebene über das Thema ausgeschlossen ist. Keine Seite ist mehr bereit die vorgebrachten Argumente, die eigenen wie die der anderen, einer sachlichen Prüfung zu unterziehen. Es wird übertrieben, mit Halbwahrheiten operiert, oder es werden Dogmen in den Raum gestellt, die ihre Prämissen im jeweiligen weltanschaulichen Horizont haben. Die kann man akzeptieren oder nicht, begründen kann man sie in den seltensten Fällen. Das gilt ebenso für die Interpretation von Fakten, Statistiken, Umfragen, etc. Gleichzeitig hört man nicht mehr zu. Genauer: Man hört anders zu, wartet lediglich auf emotionale Triggerwörter beim Gegenüber, die eine eigene emotionale Reaktion hervorrufen. Dies ist kein deutsches Phänomen, die inneramerikanische Debatte für und wider Trump funktioniert, nach dem gleichen Muster, ebenso wie die englische über den Brexit.
Dieses Spiel, die emotionale Aufladung und die Verstärkung der Aufmerksamkeit, lässt sich bei jedem Artikel mit Kommentarfunktion zu dem Thema beobachten. Kaum erschienen explodieren die Kommentarspalten, es wird gestritten, es wird geschrien, es wird beschimpft. Man wirft alles an Emotion rein was man hat, während Fakten immer weniger eine Rolle spielen. Gleichzeitig wird der Artikel geteilt, geliked und das Feedback, hier als positiver Verstärker fungierend, geht ein, dass dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt und sich Artikel oder Kommentare dazu lohnen. Dabei verschwindet unweigerlich die Frage nach der tatsächlichen Relevanz des Themas und wird durch die nach Aufmerksamkeit ersetzt.

Diesen Teufelskreis zu durchbrechen wird nicht einfach, schließlich scheinen doch fast alle dabei zu gewinnen in dem sie die Ressource Aufmerksamkeit abbauen. Angefangen beim einzelnen Kommentator unter einem Artikel, über organisierte Bündnisse, wie Pegida oder Proasyl, die Medienlandschaft, bis zu der Partei, der es bislang als einziger gelungen ist sich erfolgreich einen wahlwirksamen Claim bei diesem Thema zu sichern. Es wäre aber bitter notwendig angesichts der Masse von Herausforderungen vor denen die Gesellschaft nach dem Umbau der letzten Jahre und den für die nähere und fernere Zukunft absehbaren Entwicklungen steht. Die Reaktion der Verlierer des Themas lässt wenig hoffen, man verliert sich in der irrlichternde Suche nach einem ertragreichen Zugang, anstatt sich den real existierenden Problemen zuzuwenden, die die Wut und die Zukunftsängste in Teilen der Bevölkerung überhaupt erst erzeugen. Glaub den hier wirklich jemand die hohen Mieten, die strukturellen Probleme - gerade in Ostdeutschland -, der Abbau sozialer Sicherungen, oder der zunehmende Ausschluss der gesellschaftlichen Interessen aus der Politik, um nur einige Beispiele zu nennen, verschwinden, nur weil man alle Asylbewerber und Flüchtlinge rauswirft? Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.
 

Blumenberg

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Da ist es schon wieder passiert. Die AFD ist einmal mehr mit dabei, wo es gilt rechtsaußen Narrative zu bedienen. Sie provoziert indem, sie marschiert und vor dem bösen, fremden Flüchtling warnt. Man liest von Messermigration und anderem. Wutbürger ziehen Fahnen schwenkend durch Chemnitz. Auch die Gegenseite formiert sich: die "Zivilgesellschaft" will Berlin zum sicheren Hafen machen, Gegendemonstranten stoppen die in Chemnitz marschierende AFD-Kundgebung. Die Etablierten in den Parlamenten verurteilen die wüstesten Äußerungen, fordern mal wieder die Überwachung der Partei durch den Verfassungsschutz und ringen, so ist zu lesen, immer noch um den richtigen Umgang mit dem Phänomen AFD.

Orchestriert und in Szene gesetzt wird das Ganze von einer gespaltenen Presselandschaft. Auf der einen Seite die „Mainstreammedien“, auf der anderen der „Underground“ oder die „Medienguerilla“. So unterschiedlich beide positioniert sind haben sie doch eines gemeinsam. Beide reiben sich angesichts der erhöhten Aufmerksamkeit die Hände. Man hat ein emotional aufgeladenes Dauerthema gefunden, das seit 2015 wie ein stabiles Wettergebiet über Deutschland zu hängen scheint. Um zu verstehen, was für eine potenzielle Goldgrube das Thema ist, muss man sich ein wenig damit befassen, wie das Medium Internet in diesem Fall funktioniert.

Aufmerksamkeit war seit jeher der wichtigste Rohstoff einer Zeitung. Sie garantiert wahrgenommen zu werden und damit eine hohe Auflage. Die Art und Weise, wie sie erzeugt wird, hat sich mit der Erfindung des Internets, dem Aufkommen der großen digitalen Player und dem, was man direktes Feedback nennt, in jüngster Zeit deutlich gewandelt. War man früher mit einem Aufsehen erregenden Artikel Stadtgespräch, generiert dieser heute Aufmerksamkeit zu nicht unwesentlichen Teilen über die Kommentare unter dem eigentlichen Text. Deshalb wird es wichtig, Artikel dahingehend anzupassen, dass sie auf das emotionale Empfinden des Lesers wirken, denn dieses hat Einfluss darauf, ob der Leser eines Artikels diesen tatsächlich kommentiert, oder ob man sich einfach eine Meinung dazu bildet ohne das Bedürfnis, sie anderen mitzuteilen. Hier liegt auch der Wert der Kommentare zu einem Text. Sie operieren im Wesentlichen auf einer viel sichtbareren emotionalen Ebene als der eigentliche Beitrag, d.h. durch die emotionsgeladene Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Anschaulich wird das in Antworten von Lesern, die sich darüber beschweren, dass ein anderer Kommentar so und so oft geliked oder was für Mist bzw. Wunderbares in diesem geschrieben wurde. Hier ist etwas entstanden, was man als sekundäre Referenz bezeichnen kann. Viel kommentierte Artikel erzeugen ab einem gewissen Punkt immer mehr Aufmerksamkeit, sie werden häufiger geteilt, geliked und weiter direkt und indirekt kommentiert. Dieser Vorgang an sich ist nichts Schlechtes, denn er sorgt, so könnte man argumentieren, dafür, dass von den Lesern als relevant empfundene Themen entsprechende Aufmerksamkeit bekommen und prominenter platziert sind.

Bedauerlicher Weise tritt aber noch eine zweite typische Funktionsweise hinzu, die Jaron Lanier vielfach beschrieben hat. Die Form von emotionaler Gestimmtheit, die besonders effektiv Aufmerksamkeit generiert ist negativ. Katastrophen rütteln mehr auf als die heile Welt. Alles, was die emotionale Normalstimmigkeit des Denkens durch einander bringt, ist der Rohstoff, aus dem sich die Ressource Aufmerksamkeit gewinnen lässt. Hierfür sind Leserkommentare zur Flüchtlingsdebatte ein wunderbares Beispiel. Es stehen sich zwei Lager getrennt durch einen ideologischen Graben gegenüber, der mittlerweile so tief ist, dass sogar eine bloße Debatte auf sachlicher Ebene über das Thema ausgeschlossen ist. Keine Seite ist mehr bereit, die vorgebrachten Argumente, die eigenen wie die der anderen, einer sachlichen Prüfung zu unterziehen. Es wird übertrieben, mit Halbwahrheiten operiert, oder es werden Dogmen in den Raum gestellt, die ihre Prämissen im jeweiligen weltanschaulichen Horizont haben. Die kann man akzeptieren oder nicht, begründen kann man sie in den seltensten Fällen. Das gilt ebenso für die Interpretation von Fakten, Statistiken, Umfragen, etc. Gleichzeitig hört man nicht mehr zu. Genauer: Man hört anders zu, wartet lediglich auf emotionale Triggerwörter beim Gegenüber, die eine eigene emotionale Reaktion hervorrufen. Dies ist kein deutsches Phänomen, die inneramerikanische Debatte für und wider Trump funktioniert, nach dem gleichen Muster, ebenso wie die englische über den Brexit.
Dieses Spiel, die emotionale Aufladung und die Verstärkung der Aufmerksamkeit, lässt sich bei jedem Artikel mit Kommentarfunktion zu dem Thema beobachten. Kaum erschienen explodieren die Kommentarspalten, es wird gestritten, es wird geschrien, es wird beschimpft. Man wirft alles an Emotion rein was man hat, während Fakten immer weniger eine Rolle spielen. Gleichzeitig wird der Artikel geteilt, geliked und Feedback, hier als positiver Verstärker fungierend, geht ein, dass dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt und sich weitere Kommentare oder neue Artikel dazu lohnen. Dabei verschwindet unweigerlich die Frage nach der tatsächlichen Relevanz des Themas und wird durch die nach Aufmerksamkeit ersetzt.

Diesen Teufelskreis zu durchbrechen wird nicht einfach, schließlich scheinen doch fast alle dabei zu gewinnen, indem sie die Ressource Aufmerksamkeit abbauen. Angefangen beim einzelnen Kommentator unter einem Artikel, über organisierte Bündnisse, wie Pegida oder Proasyl, die Medienlandschaft, bis zu der Partei, der es bislang als einziger gelungen ist, sich erfolgreich einen wahlwirksamen Claim bei diesem Thema zu sichern. Einen Ausweg zu finden wäre aber, angesichts der Masse von Herausforderungen vor denen die Gesellschaft nach dem Umbau der letzten Jahre und den für die nähere und fernere Zukunft absehbaren Entwicklungen steht, bitter notwendig. Die Reaktion der Verlierer des Themas lässt wenig hoffen. Man verliert sich in der irrlichternde Suche nach einem ertragreichen Zugang, anstatt sich den real existierenden Problemen zuzuwenden, die die Wut und die Zukunftsängste in Teilen der Bevölkerung überhaupt erst erzeugen. Glaub den hier wirklich jemand, die hohen Mieten, die strukturellen Probleme - gerade in Ostdeutschland -, der Abbau sozialer Sicherungen, das undurchlässige Bildungssste, oder der zunehmende Ausschluss der gesellschaftlichen Interessen aus der Politik, um nur einige Beispiele zu nennen, verschwinden, nur weil man alle Asylbewerber und Flüchtlinge rauswirft? Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.
 

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