Rose

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Frodomir

Mitglied
Rose

Ich frage mich, was du mitgenommen hättest. Und was du dagelassen hast. Meine Wut auf dich. Das Bild deiner Kinder, welches Vater einst in deinen Nachtschrank legte, als du schon alle Erinnerungen an die Unerträglichkeiten deines Lebens aufgegeben hattest. Die Porzellanpuppe, die im Krieg mit dir zerbrach. Die Last, zu der du nie jemandem fallen wolltest. Das ist alles. Unentschuldbar wenig, unentschuldbar viel.

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Vor zwei Wochen stand ich schon einmal hier. Ich hatte einen Anruf erhalten. Man ließ mich wissen, dass du schwer erkrankt seist. Corona? Ja, man könne sich nicht erklären, wie es im Heim ausgebrochen ist. Wir schwiegen. Mein letzter Besuch ist fast zehn Jahre her, erklärte ich dann. Ja, sie war immer allein, sagte die Stimme am Telefon.

Ich legte auf. Es sollte niemand wissen, dass ich um dich weine.

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Ich fuhr die Nacht über durch. Dein Zuhause lag am anderen Ende meiner Welt. Ich wusste nicht, warum ich das tat. Ich stellte mir vor, dass du ein Mal meine Hand hältst und nicht ich deine. Ein Kindertraum, eine letzte Chance, das Aufbrechen meiner tiefsten Wunde.

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Sie hatten dich ins Krankenhaus verlegt. Man hätte wirklich alles getan, um Leben zu schützen, versicherte man mir. Man zählte mir die Maßnahmen auf. Strikte Isolation. Besuchsverbot. Tests. Sogar die Bundeswehr hatte geholfen. Wie du dich gefühlt hast, wollte ich wissen. Zunächst hatten wir noch nichts bemerkt, aber irgendwann war sie immer schwächer geworden und als sie dann Fieber bekommen hatte... Ich meinte seelisch, sagte ich, lief zu meinem Wagen und fuhr zum Hospital.

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Ich stritt mich mit der Frau an der Rezeption. Ich schrie sie an. Ich drohte ihr. Ich schlug vor ihr auf den Tisch. Ich will zu meiner Mutter.

Ein Mann vom Sicherheitspersonal brachte mich vor die Tür. Später kam ein Arzt und berichtete mir von deinem Zustand. Schwere Pneumonie. Künstliche Beatmung. Nicht ansprechbar. Wenn du überlebst, könntest du bleibende Schäden haben. Wieder die Versicherung, man würde alles für dich tun, man überlässt dich nicht dem Tod. Niemand wird dem Tod überlassen.

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Eine Woche später ist dein Herz stehen geblieben. Sie haben dir sieben Tage geschenkt. Mehr konnten sie leider nicht mehr für dich tun, sagte mir eine mitfühlende Pflegerin am Telefon. Ob jemand deine Hand gehalten hat, als es zu Ende ging, wollte ich noch wissen. Sie konnte mir keine Antwort geben. Wortlos begriff ich. Dass du nicht sterben durftest, brachte uns um den Moment der Liebe.

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Die Drehtür öffnet sich, eine Person im blauen Schutzanzug läuft eine Treppe hinunter und legt mir einen Plastiksack mit deinen Sachen vor die Füße. Sie spricht mir im Namen des gesamten Hauses ihr Beileid aus. Ich nicke. Ich schaue in den Plastiksack, was sie gerettet haben. Ich finde ein paar durchgetragene Nachthemden, ein leeres Notizheft und ein Bild von meinem Bruder und mir, auf dem wir zu zweit lachend in deinen großen Mantel geschlüpft sind. Ansonsten finde ich nur noch ein paar Ausweise und einige wertlose Münzen. Ich blicke auf und frage die Person im Schutzanzug nach einer alten Puppe aus Porzellan. Ach die, sagt die Person, die haben wir schon lange entsorgt, weil sie zerbrochen war.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Frodomir,

das ist die beste Kurzprosa, die ich hier seit Langem gelesen habe.
Da zieht sich so viel Schmerz, Trauer und Liebe durch den ganzen Text, besonders beeindruckend ist das Bild der Prozellanpuppe, das du am Ende wieder aufnimmst.
Ich habe lange überlegt, warum du die einzelnen Absätze so auffällig und streng getrennt hast und bin für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass jeder Absatz für sich auch als Kürzestprosa funktionieren würde.

Ich bin begeistert!

Liebe Grüße
Manfred
 

Scal

Mitglied
Die Trennung der Absätze empfinde ich hier wie atmende Schweigsamkeitszeilen - wie einen Fühlraum, der ins Erzählen wortlos "hineinspricht".

LG
Scal
 

Mimi

Mitglied
Lieber Frodomir,
mich stören die Absätze absolut nicht... ich sehe es ähnlich wie Manfred... sie sind bewegende Prosa-Miniaturen, die zusammen ein sehr intensives und aussagekräftiges Gesamtbild kreieren.

Insgesamt ist Dir diese Prosa sehr gut gelungen, sie ist auf jeden Fall lesenswert...(und empfehlenswert sowieso :))


Viele sonnige Grüße und bleib gesund

Mimi
 
G

Gelöschtes Mitglied 19299

Gast
Lieber Frodomir,

Die Trennung der Absätze empfinde ich hier wie atmende Schweigsamkeitszeilen - wie einen Fühlraum, der ins Erzählen wortlos "hineinspricht".
Bin da ganz bei Scal.
Ja, Deine wunderbare Prosa übersetzt im Grunde "nur" das größere, intensivere MEHR dahinter.

LG
Keram
 

Isbahan

Mitglied
Hallo @Frodomir, eine Kurzprosa, die bei mir schmerzliche Erinnerungen weckt: An Bedauern, Sprachlosigkeit und tiefe Erschütterung - über die Einsamkeit des Lebens und des Sterbens. Danke, dass Du diesen Text und diese Erfahrungen mit uns teilst.
 

Zoepfer

Mitglied
Dein Text hat mich beeindruckt und bewegt. Die Entfremdung, die Du beschreibst - ich kann sie nachfühlen. In diesem Zusammenhang fällt mir "Allein" von Reinhard Mey ein, in dem er 1990 formulierte:

"Wir kommen und wir gehen ganz allein
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein
Die Kreuzwege des Lebens geh'n wir immer ganz allein
Allein
Wir sind allein"
 
Das ist toll!
Zwar empfinde ich den Stil ein klein wenig "uneben" (wirklich nur ein klein wenig; dies ist außerdem ein rein gefühlsmäßiger und kein sachlicher Einwand!), aber Stimmung, Gefühle und Bilder sind authentisch, reif, mächtig und inspirierend. Kurz: Eine beispielhafte, bewegende Geschichte. Ich freu mich schon auf die nächste!
Alles Gute, Gerold
 

Cellist

Mitglied
Ein packender Text, der den Leser sofort mitnimmt. Man spürt die Trauer, den Schmerz, aber auch die Liebe. Aber, und das ist ganz wichtig, der Text driftet nie ab in Gefühlsduseligkeit, drückt nicht bewusst auf die Tränendrüse und ist fern von jedem Kitsch.
5 Sterne sind hier ebenso berechtigt wie die "Empfehlung".
 

Frodomir

Mitglied
Hallo,

wow, ich danke euch allen für die überwältigende Resonanz auf meinen Text! Herzlichen Dank für die vielen Sterne und die freundlichen Worte darunter, ihr habt mich damit sehr berührt.

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Hallo Manfred,

ich habe mich riesig über deinen Kommentar und auch deine Empfehlung gefreut, denn als ich den Text beendet hatte, war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich alles so wiedergeben konnte, wie ich es mir vorgestellt habe.

Was die Absätze betrifft: Ich finde, du bist zu einem guten Ergebnis gekommen :)

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Scal,

vielen Dank für deinen Kommentar und danke, dass du mir eine Resonanz gibst, wie die Trennlinien zwischen den Absätzen auf dich wirken. Gut, dass es funktioniert hat.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Mimi,

auch dir vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich, dass auch du die Absätze als Bereicherung für den Text empfindest.

Ich sende dir ebenfalls sonnige Grüße aus dem wolkenverhangenem Dresden!
Frodomir

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Hallo Keram,

ich kann nur Danke sagen. Ich freue mich, dass dir meine Prosa gefallen hat.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Isbahan,

vielen Dank fürs Hineinfühlen in meinen Text!

PS: Ist dein Name von der (fast) gleichnamigen Rose abgeleitet?

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Zoepfer,

ich habe mich sehr über deinen Kommentar gefreut, vielen Dank dafür!

Reinhard Mey gefällt mir übrigens auch sehr, auch wenn sein Lied Allein ein bisschen unterschiedlich ist in der Intention, denn dort wird der Mensch mit seiner einsamen Individualität konfrontiert, in meinem Text ist es eher ein erzwungenes Alleinsein.

Ich werde aber wohl mal wieder in mein CD-Regal greifen und das Album Farben herausholen.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Gerold Senftle,

vielen herzlichen Dank! Ui Ui Ui - ich schreibe sehr selten Kurzprosa, meistens versuche ich mich eher an der Lyrik. Vielleicht muss ich das öfter mal machen, damit du nicht so lange auf das nächste Mal warten musst ;)

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Cellist,

herzlichen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich, dass ich dich berühren konnte, ohne kitschig zu sein.

Liebe Grüße
Frodomir
 

ENachtigall

Mitglied
Ich fuhr die Nacht über durch. Dein Zuhause lag am anderen Ende meiner Welt. Ich wusste nicht, warum ich das tat. Ich stellte mir vor, dass du ein Mal meine Hand hältst und nicht ich deine. Ein Kindertraum, eine letzte Chance, das Aufbrechen meiner tiefsten Wunde.
Lieber Frodomir,

ein herausragender Text, der Einiges thematisiert, was auch mich im persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Bezug immer wieder betrifft.

Besonders ins Auge fällt mir an dem zitierten Part das „ein Mal“ und ich frage mich, ob es ein Freudscher Versprecher beim Schreiben ist oder gewollt.
Wie dem auch sei, es sagt so viel über die emotionale Dringlichkeit der letzten Begegnung aus, wie es deutlicher kaum geht.
Ein Text, den ich noch einige Male mehr lesen werde; in der Gewissheit, noch Einiges zu entdecken.

Mit herzlichem Gruß,
Elke
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Elke,

herzlichen Dank für deinen Kommentar und deine Bewertung, es freut mich sehr, dass dir mein Text gefällt!

Ja, mit der Rose ist das so eine Sache... "Der Name der Rose" :) Ich möchte zum Titel aber nichts sagen, da ich niemandem, der den Text liest, meine Intention aufdrängen will.

Die Schreibweise von ein Mal ist gewollt - ich habe an dieser Stelle tatsächlich lange überlegt, ob ich diese Variante wähle und habe mich dann dafür entschieden, weil die Getrenntschreibung für mich das Augenmerk noch deutlicher auf die letzte mögliche Chance legt.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Patrick,

vielen Dank für die Sterne!

Liebe Grüße
Frodomir
 
der text bewegt sich nahe am rand der perfektion. ich lese ihn jetzt zu vierten mal und er wird nichh schlechter. einzig dieser satz;

Die Last, zu der du nie jemandem fallen wolltest.
lässt mich jedesmal stolpern. es ist zwar klar, was du sagen willst, aber irgendwie verdreht ausgedrückt. ich habe aber gerade auch keinen besseren vorschlag. es ist nur irgendwie schade, der text glänzt in jedem satz, nur in diesem einen nicht. aber vielleicht empfinde das nur ich so, schließlich hat es bisher niemand anderen zu stören gescheint.

lg
patrick
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Patrick,

danke für dein Lob und deine Kritik. Ist es bei dem Satz, bei dem du stolperst, eher die Syntax oder die Wortwahl, die dir Probleme bereitet? Manchmal sind viele kurze Wörter wie Pronomen oder Partikel, die in direkter Folge stehen, schwierig zu lesen. Hier sind es gleich vier: zu der du nie ... Ist dies evtl. das Problem?

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Major Goose,

vielen Dank für deine Bewertung!

Liebe Grüße
Frodomir
 
Manchmal sind viele kurze Wörter wie Pronomen oder Partikel, die in direkter Folge stehen, schwierig zu lesen. Hier sind es gleich vier: zu der du nie ... Ist dies evtl. das Problem?
exakt das ist das problem, das ich hatte. wobei das vielleicht bloß an mir liegt. nach mehrmaligem lesen stolpere ich nicht mehr.

lg
patrick
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Patrick,

hm, dann lasse ich es mal so, denn ich wüsste nicht, wie ich die Syntax hier sinnvoll ändern sollte.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Ralf Langer,

mein Beileid! Bei mir ist es nur ein literarischer Text, wenn jemand wirklich davon betroffen ist, macht das sprachlos. Ich wünsche dir viel Kraft!

Liebe Grüße
Frodomir
 

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